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Wolf Down haben genug Gründe, verdammt wütend zu sein

„Was ist schon ein brennender Porsche gegen die Zwangsräumung von Wohnungen und die Bedrohung von Existenzen?“

von Marcel Azeroth
16 Februar 2016, 9:33am

Dass man als linksradikaler Außenflügel der Hardcore-Community nicht unbedingt die beliebteste Band ist, war Wolf Down sicherlich von Anfang an klar. Dass sie aber mittlerweile das Gerüchte-Level der Chemtrail-Verschwörung erreicht haben, war so sicherlich nicht geplant. Jeder kennt jemanden, der mal gehört haben will, dass die Band dies oder jenes auf dieser oder jener Show gesagt oder getan hätte und eigentlich sowieso alles Echsenmenschen seien.

Bei dieser Diskussion bleibt aber oftmals diese brachiale musikalische Wucht außen vor, mit der Wolf Down direkt in das politische Gewissen der deutschen Hardcore-Szene treten. Kaum eine zweite Band hat derzeit so viel Wut im Bauch und Hass auf der Zunge, wie die Combo aus dem Pott. Wolf Down sind definitiv nicht hier, um sich Freunde zu machen. Aber wozu dann?

Wir haben mit der ganzen Band zu ihrer Geschichte, der Kritik an ihr und ihre politisches Manifest gesprochen. Bemerkenswert: Sie wollen alle ihre Antworten als Kollektiv-Aussage verstanden wissen, die Namen der einzelnen bandmitgleider tauchen daher hier nicht auf.

Seit eurer Gründung hat sich bei euch Einiges getan. Leicht abgewandelter Bandname, neue Mitglieder. Seid ihr noch die Wolf Down von Stray From The Path oder habt ihr für euch einen neuen Weg eingeschlagen?
Im Grundkonzept der Band hat sich wenig geändert. Wir sind immer noch die unbequemen „Dreckslinkenveganerschwuchteln“ (O-Ton Facebookkommentar), die wir immer schon waren. Mit Wolf Down wollten wir von Anfang an harte Musik mit einer linksradikalen Message verbinden und das tun wir auch jetzt noch. Nachdem wir mit Dave am Gesang und Pascal am Bass zwei Leute ins Boot geholt haben, die niemals Straight Edge waren, hat sich auch unser ästhetischer Output in Richtung der Inhalte bewegt, die uns von Anfang an wichtiger waren: der Tierbefreiungsgedanke und eine generell antifaschistische und anarchistische Message. Von außen betrachtet mag Wolf Down 2016 auf den ersten Blick nicht mehr viel mit dem Wolf Down zu Zeiten von Stray From The Path gemeinsam haben, aber in den letzten Monaten hat sich viel getan und Vieles von dem, was wir gerade machen—wie drei Wochen Nightlinertour durch Europa mit Stick To Your Guns—ist für uns selbst „next level“. Aber ich denke, es wäre auch etwas langweilig, ewig auf demselben Level zu bleiben. Anstatt fortwährend „preaching for the converted“ in Deutschlands linksautonomen Zentren zu betreiben, spielen wir mittlerweile verstärkt größere Bühnen, auf denen wir eine breitere Masse erreichen können. Dadurch sehen wir uns zwar politisch gesehen mit mehr Ignoranz und Unverständnis konfrontiert—die Momente, in denen wir den Kids etwas mit auf den Weg geben können, sind dafür umso lohnender. All das ist auch ein sehr befriedigendes „Fuck You!“ an die Hater und diejenigen, die uns totgesagt hatten. Phönix aus der Asche.

Das Thema „Hater“ ist eine gute Überleitung. Mit dem „Bündnis gegen Antisemitismus Duisburg“ habt ihr ziemlich arge Hater gefunden, die euch in eurem Musikvideo „True Deceivers“ antisemitische Bildsprache vorwerfen. Habt ihr mit solchen Reaktionen gerechnet?
Uns war auf jeden Fall bewusst, dass das Video Diskussionen auslösen wird, allerdings hätten wir eher mit christlich-konservativem Gegenwind gerechnet, als mit ziemlich haltlosen Vorwürfen aus linker/antideutscher Ecke. „True Deceivers“ beschäftigt sich mit den reaktionären, anti-progressiven und anti-emanzipatorischen Auswüchsen, die Religionen schon immer mit sich gebracht haben und auch immer noch mit sich bringen. Dass Religionen nach jahrtausendelangem Blutvergießen auch heute noch eine konkrete Bedrohung für die Weltbevölkerung darstellen, dürfte spätestens klargeworden sein, seit der Daesh auf der weltpolitischen Bildfläche erschienen ist. Im 21. Jahrhundert menschliche Köpfe mit Messern abzutrennen, grinsend zu posieren und Fußball damit zu spielen—Religion machts möglich.

In unserem Musikvideo werden Szenen verschiedener Religionen dargestellt und davon jeweils auf mehreren Radikalitätsstufen: Sowohl moderatere als auch fundamentalistische Strömungen kommen zur Geltung. Es dürfte normalerweise auf der Hand liegen, dass die Halsabschneider des Daesh nicht mit christlichen Sekten oder betenden Juden an der Klagemauer gleichzusetzen sind—natürlich sehen wir graduelle Unterschiede in der Ekelhaftigkeit religiösen Irrsinns. Uns wird aber nicht antimuslimischer Rassismus vorgeworfen, weil wir moderatere Muslime mit Fundamentalisten in einen Topf werfen—da werden die Doppelstandards dann offenkundig. Leute, die uns mit dieser vermeintlichen Gleichsetzung Antisemitismus vorwerfen—wie eben das BGA Duisburg—sehen meiner Meinung nach das, was sie sehen wollen. Ich persönlich fände es unzureichend, mit dem Judentum eine der großen Weltreligionen auszusparen. Die religiöse Verblendung von Gruppierungen wie der Hügeljugend oder anderen ultraorthodoxen Juden und Jüdinnen gipfelt ebenfalls in der Gewalt gegen (unschuldige) Andersdenkende—wie man am Beispiel der Angriffe mit Todesfolge auf die Gay Pride Parade in Jerusalem oder auf ein palästinensisches Wohnhaus im letzten Jahr erkennen kann.

Die (aus Duisburg und dem Ruhrgebiet stammende) Merchandise-Firma WOLF DOWN verwendet in ihrem neuen Musikvideo eine...

Posted by Bündnis Gegen Antisemitismus Duisburg on Donnerstag, 21. Januar 2016


Da wir die Personen hinter dem BGA-Post kennen, können wir versichern, dass es sich dabei eher um einen Seitenhieb aufgrund persönlicher Rivalitäten handelt als um fundierte Kritik. Der Name „Bündnis gegen Antisemitismus Duisburg“ klingt erstmal offiziell und professionell, angesichts der Tatsache, dass sich dahinter 3-5 Personen verbergen, die polemisch gegen alles außerhalb ihres elitären Zirkels wettern, jedoch etwas sehr pompös. Schon mit den ersten Worten des Posts offenbart das BGA seine tendenziöse Haltung uns gegenüber. Zudem beinhaltet der Post nicht nur Übersetzungsfehler, sondern ist auch generell schlecht recherchiert und strotzt vor hanebüchenen Vorwürfen. Wir sind innerlinke Selbstzerfleischung leid, vor allem in dieser Form.

Mal ehrlich: (Linke) Selbstkritik ist mehr als wichtig—preguntando caminamos—uns jedoch vorzuwerfen, wir würden Jüdinnen mit Nazis gleichsetzen, ist nicht nur anmaßend, sondern auch sehr relativierend gegenüber tatsächlichem Antisemitismus. Um über alle Zweifel erhaben zu sein, müssen wir dann wohl beim nächsten Video graduelle Unterschiede in unserer Kritik durch eingeblendete Ausrufezeichen (Sowas wie einseinself!) im rechten oberen Bildrand unterstreichen. Ich finde die jüngsten Tendenzen, Hardcore-Punk-Musik durch die Lupe der Kritischen Theorie zu betrachten (was in der darauffolgenden Diskussion mehrmals passiert ist), mehr als witzig. Uns ist durchaus bewusst, dass Hardcore eine sehr vereinfachte Form der Darstellung ist. Dem aggressiveren Bruder des 3-Akkorde-Punks, der oftmals unverständliche Worte in ein Mikro grunzt, vorzuwerfen, er vernachlässige dabei Adornos negative Dialektik, affirmiere Musik als Protestform oder die Kulturindustrie im Generellen, ist keine großartige Leistung. No shit, Captain Obvious! Lasst uns alle ab jetzt nur noch Adornos selbstkomponierte Orchesterstücke hören, um frei von jeglicher (vermeintlicher) politischer Sünde zu sein. Oder aber wir erkennen den Unterschied zwischen emotionsgeladener Hardcore-Musik und einer sozialwissenschaftlichen Dissertation.

Die brennenden Kirchen in „True Deceivers“ sprechen eine eindeutige Sprache. Kann Gewalt gegen Objekte ein legitimes Mittel sein?
Obwohl wir im Video eine harte lyrische und visuelle Sprache verwenden, ist dies weder Aufruf zum Anzünden von Gotteshäusern, noch Indiz dafür, dass wir dies als emanzipatorisch ansehen. „Burn the churches in whose shadows we are locked in“ ist metaphorisch zu verstehen—niemand ist wortwörtlich im Schatten von irgendwas gefangen. Nun zu deiner Frage: Da würde ich zunächst einmal die Gegenfrage stellen, was Gewalt denn überhaupt ist und wer sie definiert? Die Definitionsmacht liegt natürlich hauptsächlich in den Händen des Staates und der Mainstreammedien. Um ganz intellellomäßig mit Antonio Gramsci zu sprechen: Der Staat ist im Besitz kultureller Hegemonie, er produziert konsensfähige Meinungen—das Niederknüppeln eines linken Protestes und die subtilere, systemisch inhärente Gewalt werden gemeinhin nicht als Gewalt bezeichnet. Gewalt ist meist das, was rechtlich gesehen auf den ersten Blick illegal erscheint. Überhaupt ist die Differenzierung zwischen Legalität und Legitimität sehr wichtig. Die Faust im Auge des „linken Chaoten“ ist aufgrund des staatlichen Gewaltmonopols meist noch im legalen Rahmen—die Gegengewalt der Demonstrierenden in Form eines kleinen Schubsers erfüllt hingegen sehr schnell den Tatbestand der versuchten Körperverletzung. Ist Gegengewalt, also die Gewalt, mit der sich der/die Unterdrückte gegen die unterdrückende Gewalt wehrt, nicht legitim? Und ist legale staatliche Gewalt, beispielsweise das staatlich organisierte Massaker an der kurdischen Bewegung in der Türkei (Stichwort: Cizre) nicht illegitim? Als eine anarchistische Band sind wir der Meinung, dass die gesetzliche Lage nichts über den moralischen Wert einer Handlung aussagt—wir vertrauen bei unseren ethischen Entscheidungen lieber uns selbst und nicht den Autoritäten, die versuchen uns zu gängeln.

Vor 150 Jahren war Sklaverei in den Vereinigten Staaten legal—und der industrielle Massenmord an nichtmenschlichen Lebewesen ist es immer noch. Angesichts dieser und ähnlicher Grausamkeiten kann Gewalt gegen Objekte definitiv legitim sein. In Zeiten, in denen wegen einer überdimensional aufgeblasenen Auseinandersetzung mit einem Knöllchenschreiber 500 Kettenhunde des Staates in Berlin ein linkes Wohnprojekt stürmen, Bewohner_innen misshandeln und wochenlang den Kiez belagern, während bundesweit fast täglich Refugees physisch attackiert werden und Geflüchtetenheime brennen, ist die Frage, was denn nun eigentlich Gewalt ist, eine sehr interessante. „Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stecken, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten“, sagte schon Brecht. Mit dem Wissen, dass dies eine sehr unpopuläre Meinung ist: Was ist schon ein brennender Porsche gegen die Zwangsräumung von Wohnungen und die Bedrohung von Existenzen? Was ist schon ein bisschen Farbe auf der Fassade des AFD-Büros gegen den beschwerlichen Alltag der Geflüchteten? Scheiben klirren und ihr schreit, Menschen sterben und ihr schweigt…

Ist diese beschriebene Radikalität für Veränderung notwendig, oder kann es nicht auch Veränderung durch gemäßigte Strömungen geben?
Natürlich gibt es Veränderung durch gemäßigte Strömungen—vorausgesetzt man betrachtet es als „Veränderung“, wenn Hühner in Legebatterien ein paar Quadratzentimeter mehr Freiraum bekommen. Und das ist als gesamtgesellschaftliche Metapher gemeint. Wolf Down ist eine anarchistische Band—wir sind Anarchisten, die den Wunsch nach einer gerechteren, freien Gesellschaft teilen, in der sich das Individuum frei entfalten kann und die Verteilung nach dem „Jede/r nach seinen/ihren Bedürfnissen“ organisiert ist. Daher streben wir die weitestgehende Auflösung aller Hierarchien an. Niemand anders als du selbst sollte über dein Leben entscheiden können. Wir lehnen die Idee von Grenzen, Nationen und Regierungen, sowie das Elendssystem Kapitalismus ab, damit stehen wir in totaler Konfrontation zum Status Quo und für eine radikale Veränderung von ebendiesem. Achtung: Mit „radikal“ ist die Grundhaltung gemeint, nicht die Wahl der Mittel zur Veränderung.

Oft taucht „radikal“ als Synonym von „extrem“ auf, das ist schlichtweg falsch. Viele Begrifflichkeiten, die mit der Frage der sozialen Utopie verbunden sind, werden im allgemeinen Sprachgebrauch falsch verwandt oder sind negativ konnotiert. Geht man nach der BILD-Zeitung, sind Anarchist_innen Menschen, die grundlos randalieren, Unordnung stiften und sich nach dem „Gesetz des Dschungels“ verhalten—die ganze politische Komponente dahinter wird ausgeblendet. Anarchie als politische Utopie ist eigentlich das Gegenteil: Ordnung ohne Herrschaft. Ein anderer heikler Begriff ist der der „Revolution“. „Revolution“ ist heutzutage alles und nichts. Der DDR-Greis will „Revolution“, Neonazis schreien „Revolution!“, das neue Smartphone und der neueste Sportwagen sind „Revolution“, alles ist oder spricht von „Revolution“ aber eigentlich sind immer ganz unterschiedliche Dinge gemeint. Wir hingegen wollen die „soziale Revolution“! Keinen Putsch oder bewaffneten Aufstand, bei dem ein paar Bullen und Politiker_innen abgemurkst werden, sondern gesamtgesellschaftlichen Wandel und einen radikalen Umsturz der bestehenden Verhältnisse. Hin zu einer emanzipatorischen Gesellschaft, die mit der hegemonial patriarchalen Gesellschaftsordnung, sowie der krieg- und krisenprovozierenden kapitalistischen Verwertungsökonomie bricht und frei von Unterdrückung, Ausbeutung, Ausgrenzung sowie Naturbeherrschung ist. Somit ist „Revolution“ dann kein singuläres (Facebook-)Event, sondern ein gegenwärtiger Prozess. Die Revolution ist hier und jetzt, mal ist sie stärker, mal schwächer. Fernab aller historischen Niederlagen oder Fehlversuche. Wir resignieren nicht und kämpfen weiter für eine herrschaftsfreie Welt, in der es sich zu leben lohnt.

Solche Ansichten passen nun nicht jedem und rufen natürlich Kritik auf den Plan. Woher kommt eure polarisierende Wirkung?
Wir haben uns schon immer klar politisch positioniert und wir haben keine Angst, Dinge beim Namen zu nennen. Wir scheuen nicht davor, Licht auf jene Teile der Hardcore- und Punkszenen zu werfen, die gerne weggeschwiegen werden und das macht uns zu einer unbequemen Band. Andere wiederum feiern das und freuen sich, wenn eine Band so outspoken über Thematiken wie Tierausbeutung, den Refugee-Struggle oder das Problem der neuen völkischen Rechten (AFD, Pegida, Identitäre & Co.) ist. Was mich wütend macht, ist der Vorwurf, wir würden Alles und Jeden um uns herum als „Nazi“ betiteln. Ob ihr es glaubt oder nicht, wir kennen unsere Begrifflichkeiten und wissen sehr wohl um die kleinen aber feinen Unterschiede zwischen nationalistischer, rechter, sozialdarwinistischer, faschistischer, xenophober/rassistischer und neo-nazistischer Scheiße. Es ist nicht alles dasselbe. Wenn wir fingerpointen, dann mit Grundlage.

Wir haben mittlerweile einfach einen Ruf weg—einige sehen uns als Szenepolizei, für andere sind wir „PC-faggots“, für die Trve-Oldschool-Kids zu sellout, für die Mainstream-Kids zu punkig und für nochmal andere sind wir zu unakademisch. Zu politisch für die Hardcore-Kids und zu Hardcore für die Politkids. Diese Beschuldigungen werden dann mit vagen Gerüchten darüber ergänzt, was wir angeblich getan oder nicht getan hätten. Es gibt da so einige Wolf-Down-Mythen, die die Runde machen, die aber nie so passiert sind—von Prügeleien über Grauzonenlabels, bis hin zu angeblich gestarteten Hetzkampagnen ist da alles dabei. Der Ruf eilt uns voraus und führt dazu, dass Leute schon voreingenommen sind, bevor sie uns zum ersten Mal über den Weg laufen. Der Großteil dieses Bullshits passiert aber im Internet. Wir sind offen für face-to-face-Diskussionen, aber der Prozentsatz der Hater, die tatsächlich das persönliche Gespräch suchen, ist verschwindend gering. Und hey, ich denke manchmal ist das auch einfach eine gehörige Portion Neid.

Ganz persönlich: Wieso habt ihr gerade Musik als Protestform gewählt, um für eure gerechte Welt zu kämpfen?
Ich würde nicht sagen, dass wir „Musik als Protestform“ gewählt haben. Musik zu machen war einfach unser aller Hobby—dass wir zusammengefunden haben, ist mehr oder weniger Zufall. Der Großteil unserer praktizierten Protestformen findet natürlich abseits der Musik statt. Dennoch ist es eine großartige Sache, das zu machen, was einem Spaß macht und sich gleichzeitig politisch ausdrücken zu können. Hardcore war schon immer ein emotionales Medium, das perfekt dafür geeignet ist, Energie zu transportieren und der eigenen Wut über die Gesellschaft Luft zu verschaffen. Es gibt genug Gründe, wütend zu sein und aus diesen negativen Emotionen können positive Dinge entstehen, wenn man sie nur in die richtige Richtung lenkt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie sehr mich mit 15 Jahren die ersten Hardcoresongs, die ich zu hören bekam, gekickt haben. Hardcore stellt für uns den Entwurf einer Gegenkultur dar, einen Schutzraum für die Ausgegrenzten dieser Gesellschaft. Natürlich entspricht dies nicht immer der Realität.

So traurig es ist, man braucht erst eine Plattform damit Leute die Ohren aufsperren. Das ist gerade für uns Anarchisten etwas paradox, da die Leute zu Künstlerinnen in gewisser Weise aufschauen. Uns als Individuen gibt Hardcoremusik als Protestform dadurch aber etwas zurück, was man bei vielen anderen Protestformen nicht behaupten kann. Dass wir die Möglichkeit haben, Inhalte zu transportieren, die das Publikum mit Nachhause nehmen und sich kritisch damit auseinandersetzen kann, empfinde ich als Privileg. Gehört zu werden und gemeinsam etwas in die Welt hinauszutragen, etwas zu machen, das mehr als „nur“ Musik ist und beim Publikum ein Feuer im Herzen entfachen kann, ist etwas Großartiges. Jede Einzelne soll dabei das Gefühl bekommen: Ich kann Veränderung bewirken. Und wenn Kids uns dann Mails schreiben, dass sie durch uns zum Veganismus gefunden haben, dass unsere Musik sie musikalisch inspiriert hat, ihnen den Zugang zu politischem Aktivismus erleichtert hat, ihnen Kraft gibt, oder sie auch nur in irgendeiner erdenklichen Weise berührt hat—das ist unbezahlbar und fühlt sich immer noch sehr surreal an.

Empfindet ihr Hardcore als zu unpolitisch?
Hardcore ist in unseren Augen zu unpolitisch, aber vielleicht auch politischer als viele andere Subkulturen und Musikszenen. Ich denke hier muss man klar differenzieren und in DIY-Hardcore(-Punk) und Mainstream-Hardcore/Metalcore unterscheiden. Je größer und kommerzieller es wird, desto unpersönlicher, gesichtsloser und businesslastiger wird es auch. Oftmals geht das einher mit wachsender Inhaltsleere oder komischem Phrasengedräsche von wegen „believe in yourself“, „change“,„rising up“ und so weiter, was dann aber nicht genauer ausgeführt wird. Damit kann sich dann der Zentropa-Spartaner genauso wie der Südtiroler-Befreiungsmichel identifizieren. Statt einem sympathischen Antifainfostand oder der lokalen Tierrechtsgruppe verteilen dann halt Tabakkonzerne oder Energydrinkhersteller ihr Gift.

Und wie sieh es mit Seximus aus? Harte Musik und Hardcore sind ja nun nicht unbedingt frei von Sexismus-Vorwürfen:
Klar, Hardcore als eine weitere männerdominierte Subkultur ist durchweg von Chauvinismen und Sexismen geprägt und zu Teilen sehr von Machos und heteronormativen Stumpfköpfen unterlaufen. Dazu gehört das gesamte Spektrum von homophoben bis misogynen und allgemein unemanzipatorischen Tendenzen. Seien es Lyrics, die Homosexuellen Gewalt androhen, Shirtmotive die Rapefantasien zeigen, Musikvideos die Frauen objektivieren oder „Crews“ die nichts anderes als gewaltaffine, heterosexistische Männerbünde sind. Das bringt einen Habitus in die Szene, der leider schnell repräsentativ wird. Feministische und queere Stimmen sind leider marginal. Noch geringer ist der Einfluss und die Repräsentation von homo- oder transsexuellen Hardcorefans,-bands,-projekten. In Abgrenzung entstehen so eher eigene Subgenres und kleinere Parallelszenen. Das erzeugt eine Wechselwirkung, die zur Folge hat, dass unheimlich viele unterirdische Chauvi-Muskelboys die harte Musik für sich beanspruchen können und mit ihrer Ästhetik und Attitüde besetzen können. Was dann leider Verhältnisse schafft und Stereotype erzeugt die sich immer weiter reproduzieren oder noch schäbigere Ausmaße annehmen.

Eure beiden großen Themen sind auf der einen Seite Veganismus, Antirassismus/Antifaschismus auf der Anderen. Ist das „Zufall“, oder ist das Eine die logische Schlussfolgerung des Anderen?
Als Anarchisten träumen wir von einer herrschaftsfreien Gesellschaft, unsere Utopie ist ein solidarisches Zusammenleben aller Lebewesen—frei von Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung. Daher bekämpfen wir Ungleichwertigkeitsvorstellungen und Herrschaftsverhältnisse von Menschen über Menschen genauso wie von Menschen über Tiere. Für uns gehören alle sozialen Kämpfe und Kämpfe um Befreiung zusammen. Das heißt eben, Befreiung hört nicht beim Menschen auf, denn wir sehen Parallelen zwischen Rassismus, Sexismus und Speziesismus. Tiere sind soziale Lebewesen, wie wir Menschen auch. Sie sind alle individuell und einzigartig. Sie haben Familien, Emotionen, Charakter und das Wichtigste: Sie empfinden Schmerz. Ihnen Gewalt anzutun und sie für menschliche Interessen aufgrund von Tradition, Kultur, Religion, Forschung, Unterhaltung, Geschmack oder Komfort zu missbrauchen oder gar zu töten ist ein Verbrechen und aus unserer Sicht nicht verhandelbar.