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Features

Die Evolution des Flying Lotus

Wir haben die Entwicklung von L.A.s modernem Beatkönig Schritt für Schritt unter die Lupe genommen.

von Joe Zadeh
01 Oktober 2014, 9:00am


Illustration von Dan Evans

Aufgewachsen in einer mittelständischen Retortenstadt irgendwo im San Fernando Valley wurde aus Flying Lotus, einem jungen Mann, der aus einer Familie von Jazzmusikern stammt und der auf eine chaotische Schullaufbahn zurückblicken kann, einer der größten Beatbastler der amerikanischen Westküste. Er ist unablässig darum bemüht, seine digitale Version von Soulmusik zu schaffen, konzeptionelle Traumlandschaften zusammenzuspinnen und dämonische Rap-Alter-Egos zu erfinden. Die Liste seiner Kollaborationspartner umfasst Namen wie Thom Yorke, Erykah Badu, Burial, Herbie Hancock, Kendrick Lamar, Mac Miller, Snoop Dogg und Thundercat.

Das ist alles umso unglaublicher, wenn man bedenkt, dass gerade einmal acht Jahre vergangen sind, seit er mit seinem Debütalbum 1983 auf der Bildfläche erschien. Von da an repräsentierte jeweils ein neues und für sich jeweils bahnbrechendes Album jeden seiner Lebensabschnitte. Wie ist also aus dem Nintendo-zockenden und Cartoon-süchtigen Steven Ellison Flying Lotus geworden? Wir haben die Entwicklung von L.A.s modernem Beatkönig Schritt für Schritt unter die Lupe genommen.

Familienangelegenheiten

Wenn jemand für den großen Erfolg bestimmt war, dann wohl Flying Lotus. 1983 erblickte Steven Ellison als Großneffe der Jazzpianistin Alice Coltrane und ihrem schon lange vor Ellisons Geburt verstorbenen Ehemann, dem Saxophonisten John Coltrane, und als Enkel von Motown-Sängerin/Songwriterin Marilyn Mcleod das Licht der Welt. In jungen Jahren schlug Ellison den gleichen Weg ein und spielte in seiner frühen Schulzeit zuerst Altsaxophon und dann Saxophon.

Zu seinem 15. Geburtstag bekam Ellison von seinem Cousin eine Roland MC-505 Groovebox geschenkt und ein Schulfreund lieh ihm eins der legendären R.A.W. Mixtapes der L.A. Drum’n’Bass-Szene. Damit änderte sich sein musikalischer Horizont grundlegend und in seinem Inneren begann langsam der Beatbastler heranzuwachsen.

Seine Jugend verbrachte der junge Lotus—er wuchs in einer gutbürgerlichen Nachbarschaft irgendwo im San Fernando Valley (Amerikas Pornohauptstadt) auf—jedoch in ziemlicher Abgeschiedenheit. Die Menschen um ihn herum schienen Kunst und Kreativität nicht wirklich zu schätzen. Auf der Highschool dann begann er mit den örtlichen Acid-Dealern abzuhängen und hatte schnell den Ruf eines Kiffers. Die ganze Sache wurde derartig auf die Spitze getrieben, dass Ellison auf eine spezielle Schule für Exjunkies geschickt wurde, an der er Englischunterricht bei einem ehemaligen Crackkonsumenten hatte. In einem Interview mit Village Voice von 2010 erinnerte er sich geradezu euphorisch an seinen ersten Tag an der neuen „Problemschule“:

„Es war wirklich interessant. Ich war von diesen ganzen komischen Jugendlichen umgeben. Nimm die ganzen sonderbaren Leute aus der Schule von damals, die abhängigen Gothkids und die Leute, die einfach nur fies waren und andere zusammenschlugen. Hier waren sie aber alle cool und jeder kam mit jedem aus. Ich fühlte mich zuhause. Zum ersten Mal in meinem Leben dachte ich, dass diese Leute meine Freunde werden könnten. Danach hatte ich auch eine wirklich tolle Zeit in der Schule.“

Später dann sollte er sich noch intensiv mit der Musik seiner Tante auseinandersetzten, um den Tod seiner eigenen Mutter zu verarbeiten. Alice Coltrane hatte ihre andachtsvoll komponierte Musik dabei geholfen, mit dem Tod ihres Mannes umzugehen.

1983 und sein Wechsel zu Warp

Nach der Highschool ging Ellison auf die Filmhochschule—rückblickend hatte er durch das Filmemachen gelernt, Alben mit einer Story zu schreiben—und seine Freizeitaktivitäten begannen langsam aber sicher, mehr und mehr von HipHop (The Chronic, Doggystyle), Nintendo, Marvel Comics und Cartoon Network eingenommen zu werden. Seine Experimente als Beatschöpfer fingen an, einzigartige Songs hervorzubringen, und als er „Toilet Paper Nostrils“ schrieb—einen Track über eine fiese Erkältung—wurde ihm klar, dass er in dem Bereich vielleicht doch etwas zu bieten hat. Als er eines Tages bei seiner Mutter auf der Couch abhing, sah er bei Adult Swim/Cartoon Network einen Aufruf für Songeinsendungen. Er schickte einige seiner Tracks an den Sender und sie wurden angenommen. Damit war Flying Lotus (ein Name, der ihm bei einem luziden Traum eingefallen war) geboren. Schon bald wimmelte es auf dem Sender von seinen umnebelten Beats, wie auch in diesem Eröffnungsclip von 2006 für die animierte Sitcomserie The Boondocks.

Für Ellison blieb Musik aber weiterhin eine eher persönliche und private Angelegenheit. Das war jedenfalls so, bis er anfing, als Besucher und als Künstler in einige der Clubs zu gehen, die Vorläufer von dem waren, was später als L.A. Beatszene gefeiert werden sollte. 2008 sagte er gegenüber XLR8R:

„Wir hingen einfach nur im Little Temple ab, diesem Club [in Silver Lake]. Es gab dort zwei coole Partys—eine nannte sich Sketchbook, die andere war Together. Bei jeder von diesen Veranstaltungen trafst du dort auf Carlos Niño Ras G, Gaslamp Killer, Diabolic Dibiase, Georgia [Anne Muldrow], Daedelus und Coleman. Das war wie Beat-Freestyle! Wir hingen dort zusammen ab und jede Woche brachten wir neues Material mit. Das war wie Hausaufgaben für uns. So ist dann auch die ganze Community um dieses Beat-Ding entstanden—zu der ich ja auch irgendwie gehöre.“

Zur gleichen Zeit machte er ein Praktikum bei dem progressiven HipHop-Label Stones Throw Records. Die Tage verbrachte er in Büros, die Nächte im Haus seiner Großmutter, wo er an seiner Musik arbeitete, aus der dann schon bald sein Debütalbum, 1983, entstehen sollte. Die LP, die von dem Indielabel Plug Research aus L.A. veröffentlicht wurde, war ein früher Meilenstein in Ellis facettenreicher Mission. Auf dem Album verbindet er komprimierte, ausgedehnte und fernöstlich klingende HipHop-Beats, die gleichermaßen an Madlib und Dntel erinnerten und dabei japanischen Proto-Synthpop aus den 70er Jahren, wie auch Jazzharfen aus den 60ern sampelten. Auf dem Album tauchte außerdem Laura Darlington auf, deren Stimme dann auch bei allen zukünftigen Alben zu hören sein sollte.

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass er damals im Stones Throw Forum seine Zeit verbrachte, nichtsdestotrotz finden sich dort noch immer einige schöne Threads anlässlich seiner ersten Veröffentlichung über ihn. Besonders anzumerken ist dabei ein Kommentar, der das Album zwar lobt, aber dann am Ende zu dem Schluss kommt, dass Flying Lotus lieber die 5+ Minuten Songs zugunsten von ein bisschen Extramaterial hätte kürzen sollen—eine Kritik, die den Aufbau von allem, was Ellison seitdem veröffentlicht hat, sehr gut zusammenfasst.

Der Warp-Effekt

Februar 2007 kündigte Ellison auf CSU-Fullertons Titan Radio an, dass er bei Warp Records unterschreiben wird: der renommierten Heimat von Künstlern wie Aphex Twin, Nightmares on Wax, Boards of Canada und Autechre. Etwa zur gleichen Zeit hatte die Veranstaltungsreihe Sketchbook aufgehört zu existieren und war von der unglaublich einflussreichen Low End Theory (einen Flyer gibt es weiter unten zu sehen) ersetzt worden. Bei diesem von Daddy Kev organisierten Event gaben sich Künstler wie Gaslamp Killer, Kutzmah Busdriver, Nosaj Thing, Daedelus und natürlich Flying Lotus regelmäßig die Klinke in die Hand und Los Angeles wurde langsam zu einer Aufzuchtstation für eine ganze Generation talentierter Producer.

Der Vertrag mit Warp wirkte sich umgehend auf Ellisons Musik aus und das größtenteils britische Roster weckte in ihm die Begeisterung für die Sounds des UK-Underground. Er lernte junge, britische Beatkünstler wie Hudson Mohawke und Rustie kennen, während er selber seinem eher verspielten und verträumten TripHop ein angriffslustigeres Element hinzufügte. Das zeigt sich auch deutlich in einer Performance bei Low End Theorys „Beat Invitational“, als ein junger Ellison auf das Publikum einen amtlichen D’n’B/Jungle-lastigen Kracher im Squarepusher-Stil losließ.

Sein erstes Release auf Warp, die Reset EP, gab seinen neuen Hörern schon einen kleinen Vorgeschmack auf die beständigen Grooves und düsteren Breaks, denen er den Labelwechsel zu verdanken hatte. Mit wachsender Reputation beschloss Ellis, selber das Rampenlicht zu steuern, und rief sein eigenes Label, Brainfeeder, ins Leben, um seinen Freunden (Samiyam, Ras G., etc.) ein Zuhause zu bieten und einen großen Teil der L.A. Beatszene unter einem vernünftigen Begriff zu sammeln. Wenige Monate später veröffentlichte er dann mit seinem zweiten Studioalbum und dem ersten für Warp das erste große Statement einer buntschillernden Karriere: Los Angeles.

Das Album fing seinem Namen entsprechend die vielschichtigen Stile seiner Stadt in 17 knappen, dafür aber umso präziseren Tracks ein. Musikalisch reichte er zurück bis in die goldene Ära des HipHop, kombinierte diese aber mit überarbeiteten Versatzstücken aus Bass, Techno und Soul, wie auch Samples des Harfenspiels seiner eigenen Tante. Es war einerseits eine große Verneigung vor der musikalischen Hinterlassenschaft J Dillas und andererseits ein großes Statement für die neue Generation von Producern in L.A.

2008 sagte er gegenüber The Quietus:

„Ich liebe Dilla und wer weiß, wohin dieses ganze Beat-Ding ohne ihn gegangen wäre. Seine Arbeitsethik hat so viele Producer auf der ganzen Welt beeinflusst, aber als ich dann nach L.A. zog, kam es mir so vor, als ob seine Präsenz hier alle dazu anspornte, noch mal einen Gang zuzulegen. Müsste ich seine Musik beschreiben, würde ich sie als „fantasievollen Soul“ bezeichnen. Ich würde sagen, dass es sein Einfallsreichtum ist, der mich persönlich am meisten anspricht. Dilla könnte eine langweilige Platte noch so drehen, dass sie dir das Gefühl gibt, du würdest fliegen.“

Hyperproduktivität und Trauer

2008 begann für Ellison eine Phase der Hyperproduktivität. Nach Los Angeles lieferte er Tracks in Zusammenarbeit mit Samiyam und Gonjasufi, eine limitierte Whitelablel-Veröffentlichung seiner Remixes namens Shhh! und eine Serie von EPs ab, die von seiner neuen Heimatstadt inspiriert waren. Die dritte davon, L.A. EP 3 X 3, markierte in seinem Sound den Übergang zu einem neuen, atmosphärischen Stil. Der Song „Spin Cycles“ zum Beispiel klingt wie eine Ambient-Traumsequenz, die von obskuren, analogen Klängen getrieben wird. Ein Beat ist hier noch nicht mal in seinen Ansätzen zu erahnen. „Endless White“, ebenfalls auf der EP, bildet das himmelsgleiche Gegenstück dazu.

Währenddessen arbeitete er bereits an seinem dritten Studioalbum, bis zu dessen Fertigstellung dann aber 18 Monate vergehen sollten. Der plötzliche Tod seiner Mutter leitete bei ihm eine Phase ein, die sein Leben grundlegend veränderte. Unter dem Titel Cosmogramma erschien dann ein komplett anderes Album: Die Trauer über den Verlust ist deutlich herauszuhören und mithilfe grandioser Live-Musiker (Thundercat am Bass, Miguel Atwood Ferguson an der Geige und Rebekah Raff an der Harfe), Sänger (Thom Yorke und Laura Darlington) und selbst dem Piepsen der medizinischen Gerätschaften am Sterbebett seiner Mutter erschuf er ein Werk, dass das spirituell-musikalische Erbe der Familie Ellison würdigen sollte—selbst Ravi Coltrane persönlich spielte Tenorsaxophon.

Cosmogramma war ein afrofuturistischer Schrein des Soul, HipHop, Jazz und IDM, der lyrischen Komponente wurde mehr Aufmerksamkeit geschenkt als jemals zuvor und für Ellison war es nicht weniger als eine kathartische Trauererfahrung. Die Veröffentlichung wurde mit Preisen überhäuft und machte Flying Lotus zu einem globalen Star elektronischer Musik—auch wenn er aus unerklärlichen Gründen in dem Jahr nicht für einen Grammy nominiert wurde.


„Die Auseinandersetzung mit [Col]Trane in letzter Zeit, half mir dabei, es besser zu verstehen. Das gleiche gilt auch für die Arbeiten meiner Tante. Ich habe im letzten Jahr verstanden, wie wichtig das eigentlich war. Ich bin die ganze Sache sehr persönlich angegangen. Ich verstehe jetzt, warum sie diese Musik gemacht hat, die sie geschrieben hat, nachdem John Coltrane gestorben war. Ich verstehe, was sie dazu inspiriert hatte, diese Klänge zu kreieren. Diese besonderen Klänge mit diesen besonderen Instrumenten machen für mich jetzt richtig Sinn. Ich habe das Gefühl, dass sie durch ihre Musik trauerte; dass sie versuchte, sein Dahinscheiden zu begreifen. Ich weiß, dass es ihr ganzes Universum ins Wanken gebracht haben muss. Ich weiß, was sie mitgemacht hatte. Ich verstehe es. Ich bin kein Mensch, der sich von seiner Familie abwendet. Wir stehen uns alle sehr nahe. Ich möchte mich als Teil davon fühlen.“

Der Einfluss von Thundercat

Mit Thundercat, aka Stephen Bruner, hatte Ellison einen Bruder im Geiste gefunden, Die beiden arbeiteten zusammen auf der Pattern+Grid World EP und auf Thundercats Debütalbum The Golden Age of Apocalypse. Bruner war, im Gegensatz zu Ellison mit seinen dichten Beatjungeln, erfahrener darin, die Atmosphäre einer Liveband auf Band einzufangen. So entstand aus ihren gegensätzlichen Ansätzen eine symbiotisch-kreative Beziehung, die beide als Musiker veränderte. Auch wenn er sich bis dahin noch damit gerühmt hatte, dass seine Auftritte rein elektronische Darbietungen pulsierender und mutierender Beattracks mit einnehmenden Visuals waren, entschied sich Ellison dafür, die Musikerbesetzung von Cosmogramma zusammenzutrommeln, und erschuf so seine erste Liveband überhaupt, die ihm dabei helfen sollte, dem Sound des Albums auch auf der Bühne nahe zu kommen.

Until the Murphy comes

In der Pause zwischen Cosmogramma und seinem nächsten Album hatte es Ellison die neue Generation von Rapcrews angetan, die an der Ost- und an der Westküste von sich Reden machte. Er war sein Leben lang schon von HipHop fasziniert, hatte in der Szene aber nie einen bestimmten Standpunkt eingenommen. Crews wie Odd Future (ebenfalls Adult Swim-Aficionados), A$AP Mob, Spaceghostpurrp und Shabazz Palaces inspirierten ihn dazu, sich mehr einzubringen und schon bald produzierte er Tracks für Odd Futures Hodgy Beats auf dessen Untitled EP. Während seiner Arbeit mit Hodgy hatte er eine Rap-Epiphanie:

„Ich erinnere mich noch genau an den Moment. Ich habe das noch niemandem gesagt und ich bin so froh, mit dir darüber sprechen zu können. Ich habe das Gefühl, dass es für mich persönlich ein großes Ding war. [Odd Future] spielten mir was von dem The OF Tape Vol. 2 vor und ich fragte, ‚Yo Hodgy, wie lange hat es gedauert, das aufzunehmen? Wie lange hast du gebraucht, den Song zu schrieben?’ ‚Aw, dafür habe ich ca. 15 Minuten gebraucht.’ 15 Minuten? Ist das dein verdammter Ernst? Ich dachte mir nur ‚Das kann nicht wahr sein. Ich werde den Scheiß auch machen.’“

Ellison sah, wie sich vor ihm ein neuer Weg auftat, und es brauchte auch gar nicht lange, bis sich dann sein HipHop Mr. Hyde als vollentwickeltes Projekt manifestieren sollte. Im Sommer 2012 lieferte Captain Murphy im goldenen Cape und verhüllter Identität einige Auftritte ab.

Traumreise

Klamm und heimlich hatte er bereits sein viertes Album, Unitl The Quiet Comes, schon so gut wie fertiggestellt. Ein Jahr zuvor hatte Ellison mit dem Ann Arbor Festival zusammengearbeitet, um die musikalische Live-Untermalung für den 50er Jahre Avantgarde-Animationsfilm Heaven and Earth Magic zu spielen. Gleichzeitig hatte auch eine Faszination mit traumgleichen Zuständen ihren Weg auf das Album gefunden.

Da er jetzt das Gefühl hatte, sich weniger beweisen zu müssen, nahm Ellison die Gelegenheit zum Anlass, seine Musikalität weiter auszuloten und ein komplett neues Album zu erschaffen. Er nahm Klavierunterricht, um mehr über Akkorde und Tonfolgen zu lernen, er studierte melodische Refrains und untersuchte noch einmal akribisch ein paar unfertige Arbeiten aus den Sessions mit Thundercat, Burial und Samiyam, um nach einem Weg zu suchen, seine außerweltlichen Konzepte klanglich umzusetzen ...

Als ich begann, daran zu arbeiten, und erste Skizzen anfertigte, hatte ich diese Idee vor Augen, ein Album für Kinder zu machen. Also, ich wollte ein Album machen, das diese Unschuld hatte. Es ging nicht darum, naiv zu sein, sondern darum, dieses Gefühl zu bedienen, das entsteht, wenn man Dinge zum ersten Mal hört. Ich interessierte mich sehr für Meditation und mystische Geisteszustände und das ganze Zeug, was mich dann auch wirklich, also wirklich, inspiriert hat. Ich stellte mir eine ganze Welt vor, die man sich vorher nicht hätte vorstellen können. Ich war vollkommen unbedarft. Das ist die Art von Bildern, die ich sehe. Es ist die Vorstellung eines jungen Charakters—nicht die eines Kindes. Es ist, als würden der jugendliche Teil deines Selbst zum ersten Mal lebendig werden.“

Auf Until The Quiet Comes führte er seine andauernde künstlerische Zusammenarbeit mit Thom Yorke von Radiohead fort und arbeitete auch mit Johnny Greenwood, Niki Randa, Erykah Badu, Laura Darlingto und natürlich auch Thundercat zusammen. Kahlil Joseph fing das Album außerdem in einem Kurzfilm ein.

Captain Murphy lässt die Maske fallen

Ende 2012, keine zwei Monate nach der Veröffentlichung seines letzten Albums, tauchte eine Webseite mit dem Namen www.captainmurphy.xxx im Internet auf. Die Musikpresse spekulierte daraufhin eifrig, wer der Rapper wohl sein könnte (Ellison? Tyler, The Creator? Earl Sweartshirt?), aber niemand hatte darauf eine vernünftige Antwort. Auf der Seite war Duality zu sehen, eine Art 34 minütiges Kurzfilm-Mixtape, in dem sowohl neues Material und Tracks von Murphy zu hören waren, die den ganzen Sommer über schon geleakt waren.

Einige Hardcorefans verbanden dann aber schon bald die einzelnen Punkte miteinander. Sie erkannten, dass einige Instrumentals ohne Zweifel aus der Feder von Flying Lotus stammten und verbanden den Künstlernamen Captain Murphy mit einem Charakter gleichen Namens aus Sealab 2021, einer Sendung von Ellisons heißgeliebtem Adult Swim. Obwohl er eigentlich geplant hatte, anonym zu bleiben, fühlte sich Ellison jetzt genötigt, seine Identität bekannt zu geben.

Es fühlte sich an, als ob man mich dazu gezwungen hat. Sie haben mich dazu gebracht, meine verdammte Identität preiszugeben. Manche sagen, ‚Oh, du hättest das nicht tun sollen. Du hättest einfach weitermachen sollen.’ Ich meinte nur, ‚Nee, Leute. Ihr ganzen Vögel mit euren Webseite und was weiß ich darüber, wer ich bin und diesen ganzen Scheiß, haben mich dazu getrieben.“

Während die Produktion von Duality zu Lotus Standardübungen gehörte, wiesen Murphys verzerrte Raps auf bis dahin unbekannte Talente von Ellison. Er schaffte es, Cartoonreferenzen mit Inhalten über das Leben im sogenannten Porn-Valley und Referenzen zu seiner Produzentenkarriere zu kombinieren—und das alles mit einer deepen und ungezügelten Rotzigkeit. Das wird bestimmt nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir vom Captain gehört haben ...

Von San Andreas in die Unendlichkeit

Seine lebenslange Obsession mit Grand Theft Auto verschmolz 2013 mit seiner Producertätigkeit, als man Ellison darum bat, einen Radiosender für das Spiel zu kuratieren und sogar in der nächsten Ausgabe des Spiels aufzutreten.

Ich bin dafür einfach in L.A. durch die Gegend gefahren und habe mir OutKast und Aphex Twin angehört und diese Gegenden auf mich wirken lassen, die sie in dem Spiel nachempfinden. Ich weiß, wie es ist, Aphex Twin zu hören und einfach nur am Strand lang zu fahren. Ich verstehe das und es ist wirklich besonders, zu glauben, dass es anderen Menschen vielleicht genau so geht. Ich habe das für diese Leute gemacht.“

Danach kehrte dann die wohl stillste Phase auf Planet Lotus seit der Veröffentlichung seines Debütalbums ein. Im Juli aber wurde dann endlich das nächste Kapitel angekündigt: eine schamanische Pilgerreise in die psychedelischen Untiefen des unendlichen Jenseits—auch bekannt als You’re Dead. Es ist jetzt schon abzusehen, dass auf dieser Veröffentlichung noch mehr Geister seiner musikalischen Vergangenheit anzutreffen sein werden—HipHop, Prog, Rock und Jazz.

Ellison hat Instrumental-HipHop modernisiert, das Beathandwerk zu einer gefühlvollen Kunst erhoben und die Essenz des Soul digitalisiert. You’re Dead und ein Captain Murphy-Album (eine Preview gibt es hier unten) sind beide für diesen Oktober angekündigt. Das kommende Kapitel könnte sein bislang größtes werden.

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