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Noisey Blog

Wenn wir wieder mal auf alles scheißen—So gehen österreichische Festivals mit unserem Müll um

Wenn es mal wieder egal ist, wo man seine leeren Bierdosen hinwirft, dann ist wahrscheinlich Festivalsaison.
30.3.16

Alle Fotos von Christoph Glanzl

Jeden Sommer gibt es die gleichen Bilder von den Folgen mehrerer Tage Anarchie. Zerfetzte Zelte, zerdrückte Bierdosen und aufblasbare Sexpuppen (gib zu, dass du sie liebst) erwecken den Eindruck, dass auf österreichischen Festivals auf die Natur geschissen wird. Ja, Müll ist immer noch ein großes Thema für die Festivalveranstalter, aber mit Ökologiekonzepten kämpfen sie gegen ihr Image als Naturschänder an. Die Grünen in St. Pölten sehen zum Beispiel beim Frequency Verbesserungsbedarf—vor allem bei der Müllthematik. Plakate mit der Aufschrift „Festivals nicht um jeden Preis” wurden in der Stadt aufgehängt. Sie sollen die rote Stadtregierung dazu bringen, die Bedingungen, zu denen das Festival stattfindet, neu zu verhandeln. Gemeint ist der Umgang mit den Anrainern und was mit Müllsündern geschehen sollte. Nicole Buschenreiter, Gemeinderätin der Grünen St. Pölten, würde sogar so weit gehen und Leute, die sich am Festival nicht benehmen können, rauswerfen.

Der Stadtregierung ist es jedoch wichtiger, das lukrative Frequency-Festival in der Stadt zu behalten. In Österreich ist es üblich, die Vergnügungssteuer zurückzuerstatten—beim Nova Rock beläuft diese sich beispielsweise auf 40.000 Euro—solange das Festivalgelände anschließend wieder sauber ist. Auflagen, wie während dem Festival mit Müll umgegangen wird, gibt es kaum. Beides trifft auch auf St. Pölten zu. Denn wenn ein Festival der Stadt mal 14 Millionen Euro Umsatz bringt, ist die Politik eher an einem längerfristigen Bestehen interessiert, als zu riskieren, das Festival mit strengen Umweltauflagen zu vertreiben. Wir haben uns mal angesehen, wie das Frequency, das Nova Rock, das Beatpatrol und das Szene Openair mit Abfall umgehen und welche Rolle die Politik dabei spielt.

Mit freundlicher Genehmigung der Grünen St. Pölten

Der durchschnittliche Österreicher produziert im Jahr 565 Kilo Müll, das bedeutet 1,5 Kilo pro Tag. Damit liegen wir übrigens 90 Kilo über dem EU-Durchschnitt. Laut Bericht des Umweltbundesamtes stieg das Müllaufkommen durch die Häufung von Singlehaushalten und den vermehrten Konsum von Fertiggerichten. Also sucht euch endlich einen Partner und hört auf, euch von Tiefkühlpizza zu ernähren! Aber das ist eine andere Geschichte. Der durchschnittliche Frequencybesucher hinterließ 2015 etwa zwei Kilo Müll, verteilt auf zweieinhalb Tage, also sprechen wir bei 130.000 Besuchern von 260 Tonnen Unrat. Das ist pro Tag eigentlich weniger, als wir zuhause produzieren würden. Dass das trotzdem sehr viel Müll auf einem Haufen ist, müssen wir euch hoffentlich nicht sagen und dass es nicht einfach ist, sich um solche Mengen Abfall zu kümmern, auch nicht. Irgendjemand muss die angeschissenen Campingsessel und gebrauchten Kondome ja auch wegräumen. Aber was genau machen Festivals und die Politik, um diese Zahlen zu verkleinern?

Szene Openair und Beatpatrol

Fangen wir mit einem positiven Beispiel an. Das Szene Openair in Vorarlberg kam 2015 bei insgesamt 25.000 Besuchern auf einen Kilo Müll pro Besucher verteilt auf zwei Tage. Das Festival arbeitet mit einem Ökologiekonzept, das vor allem auf Belohnung setzt. Neben den üblichen fünf Euro Müllpfand, kann man sich ein Abendessen dazuverdienen, wenn zusätzlich Dosen, Plastikflaschen und Getränkekartons eingesammelt werden. Es gibt Preise für den schönsten Zeltplatz und die „Trash Heroes” kümmern sich ehrenamtlich rund um die Uhr um Abfallbeseitigung. „Das geht alles von uns aus, aber wir sind in enger Zusammenarbeit mit der Gemeinde, da diese ja auch der Eigentümer des Geländes ist”, sagt Veranstalter Hannes Hagen. Die Auflagen, die das Festival an sich selbst stellt, sind dabei mehr als ausreichend für die Gemeinde. Dafür wird dem Veranstalter die Miete des Geländes als Kulturförderung rückerstattet. Lustenau verzichtet übrigens bei Konzerten auf die Vergüngungssteuer. Das Beatpatrol Festival findet zwar seit 2013 nur mehr Indoor statt, die Betreiber sind jedoch nach wie vor sehr darauf bedacht, ihr Festival so grün wie möglich zu halten. Sie verwenden beispielsweise kompostierbare Becher und am Gelände gilt ein absolutes Flyerverbot.

Frequency

In eine andere Größenordnung fällt das Frequency. Für St. Pölten bedeutet das Festival vor allem 14 Millionen Euro Umsatz und einen sonst unfinanzierbaren Werbewert. Es liegt also auch im Interesse der Stadt, die Müllproblematik langfristig zu bewältigen, denn das Image einer attraktiven Stadt sieht nicht aus wie die Traisen nach drei Tagen Dosenbier. Für die Aufräumarbeiten gibt die Behörde dem Veranstalter bis zehn Tage nach Festivalende Zeit. Sollte es nach der Begehung keine Einwände mehr geben, wird dem Frequency die Vergnügungssteuer rückerstattet. Wie viel das genau ist, will die Stadt nicht sagen und Harry Jenner, Veranstalter des Frequencys, meinte davon nichts zu wissen, als wir ihn im Interview darauf angesprochen haben. Interessant ist, dass aus einem Auszug aus dem SPÖ-Parteiengespräch hervorgeht, dass diese Rückerstattung vom Veranstalter gefordert wird, da ansonsten ein anderer Veranstaltungsort gewählt wird. Für Harry Jenner bedeutet das Festival: „Einfach drei Tage geile Mucke, meine Freunde und Urlaub an der Traisen. Aber dort, wo Menschen sind, sei das daheim, am Campingplatz, in Rimini oder auf irgendwelchen anderen Festivals, fällt Müll an. Und der muss beseitigt und möglichst getrennt werden und das tun wir alles.”

Auf die Frage, ob das Frequency nicht mehr stattfinden sollte, sagt die grüne Gemeinderätin Nicole Buschenreiter: „Wir sind nicht gegen das Frequency, sondern gegen bestimmte Bedingungen, zu denen es stattfindet. Wir haben immer noch eine relativ große Müllproblematik mit diesem Festival. Das ist zwar in den letzten Jahren zugegeben besser geworden, aber deswegen ist es trotzdem noch nicht da, wo es hin soll.” Gegen diese Müllproblematik versucht das Frequency mit verschiedenen Maßnahmen anzukommen. Letztes Jahr wurden bei der Dosenrückgabeaktion, bei der man zehn leere Bierdosen gegen eine volle tauschen kann, über 200.000 Dosen eingetauscht. Der Green Camping-Platz, auf dem Müll- und Lärmverbot herrscht, wurde von etwa 8.000 Leuten verwendet und der Müllpfand wird dieses Jahr von fünf auf zehn Euro erhöht, um die Rückgaberate zu steigern. „Und irgendwann kickt auch dann die fucking Eigenverantwortung ein und irgendwann muss man auch das Popscherl zum Mistkübel bewegen”, sagt Harry Jenner im Noisey-Interview.

Vor allem das Green Camper-Konzept hat Potential, konsequent gegen die Müllproblematik anzukommen. Aufzwingen will und kann man das am Frequency jedoch niemandem. Green Camping funktioniert nur dann, wenn sich die Leute freiwillig und aus Überzeugung für diese Variante entscheiden, da sich der Platz dann auch selbstverwaltet. Es wird dann auch darauf geachtet, wie der Nachbar mit seinem Müll umgeht. Diese Kontrollfunktion müssten ansonsten Securitys übernehmen und das ist bei 45.000 Leuten schlicht nicht möglich. „Ich bin der Erste, der dem Publikum preislich entgegenkommen würde, wenn man sagt, OK es gibt auf einmal 45.000 Green Camper. Da bin ich der glücklichste Harry Jenner”, antwortet der Veranstalter auf die Frage, ob man das Green Camping durch Vergünstigungen noch attraktiver machen könnte. Wirklich darauf festlegen wollte er sich jedoch nicht.

Nova Rock

Am Nova Rock sieht man seitens der Gemeinde Nickelsdorf mittlerweile keine Probleme mehr mit dem anfallenden Müll. Die Naturschutzbehörde ist während des Festivals mit 10-15 Leuten vor Ort und kontrolliert, ob die Auflagen zur Mülltrennung, Abwasserentsorgung und allen umwelttechnischen Angelegenheiten, erfüllt werden. Diese Bescheide sind jedoch nicht öffentlich zugänglich, also müssen wir uns auf die Strenge der Behörde einfach verlassen. Auch hier gibt es für die Veranstalter eine Rückerstattung der Vergnügungssteuer, wenn nach dem Aufräumen alles wieder glänzt. Diese beläuft sich in Nickelsdorf auf eine Pauschale von 40.000 Euro.

Festivals scheren sich also doch manchmal mehr um den anfallenden Müll, als man denkt. Von der Politik kommt wenig Druck, da diese einen größeren Wert in der Werbung und dem Umsatz der lokalen Geschäfte sieht. Es liegt an den Festivalbesuchern, den Betreibern klar zu machen, dass ihnen wichtig ist, wie mit dem Müll umgegangen wird. Für den durchschnittlichen Festivalbesucher in Österreich bedeuten Festivals leider immer noch einfach auf alles zu scheißen und auch manchmal sein Zelt am Gelände oder in der Traisen zu lassen. Konzepte wie die Zeltabgabe für Flüchtlinge, Love Your Tent oder vielleicht sogar ein Zeltpfand, wie von Harry Jenner angedacht, haben zwar noble Absichten, es liegt aber auch hier an den Besuchern, wie erfolgreich sie sind. Es wird auch jedes Jahr wieder die selben Bilder von der Müllapokalypse geben. Ein Konzept, das auf Belohnung setzt, wie am Szene Openair, hat noch großes Potential. Vor allem, wenn die Belohnung günstigere Tickets für sauberes Camping ist. Nur müssten wir dann halt auch unsere verbrauchten Sexpuppen wieder mit nach Hause nehmen. Dass dies nur ein kleiner Auszug aus dem Festivalprogramm in Österreich ist, ist uns klar. Wenn ihr noch andere gute Initiativen kennt,

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Benji müllt auch Twitter zu: @lazy_reviews