Features

Sia ist eine der wichtigsten Künstlerinnen unserer Zeit

„Als ich Sia das erste Mal traf, lebte ich noch in einem besetzten Haus mit 15 Punks im Dreck.“

von Brooke Candy
09 März 2016, 3:09pm

Das erste Mal, dass ich Sia traf, war ich so gut wie obdachlos. Ich wohnte in einem besetzten Haus mit 15 Punks im Dreck und ohne fließend Wasser. Sia hatte mich über Instagram entdeckt und mich gefragt, ob wir uns in diesem veganen Restaurant treffen wollen. Was wir dann auch taten. Ich hatte damals lange Braids und sie war sehr schlicht gekleidet. Sie war sehr hübsch.

Sie hat so eine unglaubliche Ausstrahlung—das war zu Beginn ein wenig einschüchternd. Ursprünglich hatten wir uns getroffen, weil sie gesagt hatte, dass sie einen Song für mich schreiben will. Daraus wurde dann: „Ich werde dir dein erstes Album produzieren, dir einen Plattenvertrag beschaffen, dir ein vernünftiges, freundliches und ehrliches Management suchen und dir dabei helfen, deine Kunst aus einer Position der geistigen Gesundheit und Liebe heraus zu schaffen.“ Nach diesem ersten Treffen hatte sie quasi schon die Führung über mein Projekt übernommen—und wenn ich sage ‚die Führung übernommen’, dann meine ich damit, dass sie mir dabei geholfen hat, jeden Aspekt meines Lebens geradezubiegen.

Sie hat meine Ideen immer unterstützt—und das hat nicht jeder. Meine Ideen sind ziemlich radikal. Meine Visuals sind intensiv. Die große Mehrheit der Leute will nicht an ihre Grenzen gehen und auch nicht die Grenzen anderer austesten; die große Mehrheit der Leute will einfach nur sicher sein. Ich bringe die Menschen zum Durchdrehen, ich mache ihnen Angst. Wenn du deiner Plattenfirma Angst machst und dir deine Plattenfirma mitteilt, dass sie Angst hat, und sie wollen, dass du wieder etwas leiser trittst, dann könntest du auf den Gedanken kommen, dass deine Ideen nicht Hand und Fuß haben oder nicht stark genug sind und dass deine Vision vielleicht nicht die Richtige ist. Du machst dann vielleicht das, was sie wollen, und im Gegenzug ruinieren sie dann vielleicht dein Projekt. Ich hatte aber immer Sia, die mich wieder aufgebaut und mir gesagt hat: „Deine Visuals passen perfekt, du machst alles richtig!“ Sie hat mir geholfen, ein gewisses Selbstbewusstsein beizubehalten, was überlebenswichtig ist, wenn man in den Mainstream wechselt. Um Popmusik zu machen, musste ich bei allem anderen souverän sein.

Die Arbeit mit Sia ist sehr präzise, sehr schnell und geistig fordernd. Wenn man ihr zuschaut, hat man das Gefühl, eine echte Künstlerin am Werk zu sehen. Sie denkt nie zu viel über irgendetwas nach, es ist ein stetiger Bewusstseinsstrom bei ihr und das ist sehr inspirierend. Sie ist definitiv eine der Frauen in der Popmusik, die an der vordersten Front ein paar Dinge justiert und die Landschaft nachhaltig verändert. FKA Twigs tut in meinen Augen das gleiche ... Auch Björk ist in dieser Richtung tätig. Sie alle respektieren die Kunstform an sich und scheinen einen wohlüberlegten Ansatz zu verfolgen.

Das neue Album, an dem wir zusammen gearbeitet haben, hat eine starke Message, aber der Sound ist etwas glatter. Ich habe die Musik bereits als anspruchsvollen Pop bezeichnet—Luscious Jackson meets Smashing Pumpinks meets Madonna. Die Melodien sind sauber und eingängig, aber die Message ist echt. Ich will Musik machen, die Menschen in irgendeiner Weise glücklich macht. Das bringt Menschen dazu, selbst etwas Licht und Liebe raus in die Welt tragen zu wollen. Ich finde, dass wir in einer ziemlich düsteren Zeit leben und unser Planet kann so etwas wirklich gut gebrauchen. Ich vertraue Sia und bin der Meinung, dass eigentlich nichts falsch daran ist, wenn ich meinen Sound etwas aufpoliere und dadurch mehr Menschen mit meiner Message erreiche. Ich finde, dass das eine schlaue Taktik ist, und ich muss es einfach tun. Ich habe tatsächlich Einiges zu sagen. Sobald ich diese Plattform habe, für deren Erreichen ich so hart gearbeitet habe, werde ich von meiner Stimme Gebrauch machen und meine Stimme wird gehört werden.

Nach dem Ruhm zu streben, hat in meinen Augen auch etwas Düsteres. Es ist schon komisch. Sia will einfach nur Kunst machen und glücklicherweise hat sie ihren Weg gefunden, um bestimmte Aspekte des Ruhms zu umgehen. Sie macht sich das Element des Mysteriösen zu Nutze, um ihre Message zu vermitteln. Wer macht das denn noch im Pop? Niemand versteckt sein Gesicht. In den 90ern haben die Gorillaz eine Zeichentrickversion dieser Idee abgezogen, aber bislang hat noch nie jemand eine geheime Realtime-, Real-Life-Persona geschaffen. Sie hat ihren Weg gefunden, um den „Ruhm“ zu umfahren, weil sie nie berühmt sein wollte. Die Art und Weise, wie Sia ihre Position einsetzt, die Medien bearbeitet, die Popmusik bearbeitet—das ist so noch nie gemacht worden. Es öffnet vielen Frauen die Tür und erlaubt uns, uns aus den restriktiven Barrieren unrealistischer Erwartungen zu befreien. Ich finde das unglaublich inspirierend. Sie hat einen Weg gefunden, die Musik zu machen, die sie machen will—und die Visuals, die sie machen will. Sie hat ihre eigene Nische gefunden.

Sie hat mein Leben gerettet und ich wäre ohne sie bestimmt nicht die Person, die ich heute bin. Sie hat für mich quasi jede Rolle übernommen: Sie ist meine Schwester, meine Mutter, meine Lehrerin. Ich hatte noch nie eine Frau in meinem Leben, die eine dieser Rollen, geschweige denn alle, ausgefüllt hätte. Ich schaue zu ihr auf. Sie hat mir das wichtigste Geschenk überhaupt gemacht: das Geschenk der Dankbarkeit und des inneren Friedens. Sie hat mir beigebracht, wie ich nicht verrückt werde und wie ich glücklich bleibe. Menschen wie sie sind unglaublich selten und ich fühle mich geehrt, die Gelegenheit bekommen zu haben, mit ihr etwas erschaffen zu können.

Ob sie irgendwelche Qualitäten oder Talente hat, die man bislang nicht wahrgenommen oder wertgeschätzt hat, ist eine gute Frage. Ich finde, sie hat ein wirklich großes Herz. Sie setzt sich sehr für den Tierschutz ein und beteiligt sich ständig an wohltätigen Dingen. Meiner Meinung nach ist das eine Seite, die noch nicht genug Menschen von ihr gesehen haben.

Sie ist eine der wenigen Künstlerinnen, die es geschafft hat, eine Brücke zwischen einer zeitgenössischen Kulturszene, einer eher alternativen Szene und einem breiten Popspektrum zu schlagen. Das ist schon für sich ein echtes Kunststück und ich finde, dass das Anerkennung verdient. Sia ist für mich eine Ikone.

Du kannst Brooke Candy auf Twitter folgen—@brookecandy