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Für Kendrick Lamar ist alles größer als HipHop

Kendrick Lamars neues Album zeigt uns, dass er sich gewandelt hat. Es geht ihm nicht mehr darum, in irgendwelche Häuser einzubrechen, sondern um seine Rolle auf der Welt.

von Mahdi Rahimi
17 März 2015, 8:55am

Screenshot via dailymotion

“My word will never be as strong as God’s word. All I am is just a vessel, doing his work.”

Das ist keine Aussage von einem Fernsehprediger oder einem Sufidichter aus dem 13.Jahrhundert, sondern von Kendrick Lamar aus einem New York Times Interview anlässlich des Releases von „To Pimp A Butterfly“. Einerseits kann man meinen, dass Religiosität im Rap nichts neues ist und jeder Rapper seit den 80ern in den Liner Notes zuerst Gott dankt und dann Mama und Papa. Doch bei Kendrick geht es nicht so sehr um Religion und der Heiligen Dreifaltigkeit, der er seine Jesuskette, Champagner und sein Auto verdankt, sondern um Spiritualität, Selbstfindung, Selbsterkenntnis und seiner Berufung auf Erden. Dies sind eventuell unsexy Dinge, an die man denken möchte, wenn man ein Album hört, doch es sind die zentralen Themen auf To Pimp A Butterfly.

Während es bei Good Kid Madd City(GKMC) um das Erwachsen werden und einem Tag in Compton ging, geht es bei To Pimp a Butterfly um das Erwachsen sein und das Leben abseits von Compton. Kendrick geht es nicht mehr darum, mit seinen Freunden abzuhängen und in irgendwelche Häuser einzubrechen oder seinen Stress mit Gangbangern. Es geht ihm um seine Rolle auf der Welt und wie er es schaffen kann, mehr als ein Zahnrad im Musikbusiness zu sein. Nur damit irgendwer anderes durch ihn Geld verdient. Es geht ihm darum, wie er von irgendwelchen materiellen Versuchungen und Sünden loskommt und wie er Verantwortung für seine eigenen Taten, Verantwortung gegenüber seiner Familie, Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und Verantwortung gegenüber dem Talent, das er hat, übernimmt. Während Kendrick musikalisch alles andere als konservativ ist und mehr neue Ideen auf Alben verpackt als so ziemlich jeder andere Rapper, ist er sozial das, was man als „Wertkonservativ“ bezeichnen würde—was sich sowohl in diversen Interviews zeigt, als auch wenn er z.B. über „Yams“ rappt, die der Untergang von Richard Pryor waren und Bill Clinton zu schlimmen Dingen verleitet haben. Oder wenn er bei „The Blacker The Berry” zur Selbstverantwortung aufruft und dass man aufhören muss, immer anderen (im Fall der Afro-Amerikanischen Gesellschaft dem weißen Mann) die Schuld an den eigenen Problemen zu geben. Sondern, dass man letzlich seines Glückes eigener Schmied ist. Vor allem aber, dass niemand einen mehr liebt als man sich selbst. Und so lange Hass sich selbst gegenüber und der eigenen Community existiert, man auch keine Liebe von außerhalb bekommen wird.

Diese Übernahme der Verantwortung und Respekt sich selbst gegenüber wird, laut Kendrick, dann auch irgendwann in die „Erlösung“ bzw. Liebe zu sich selber führen, von der er in „i“ rappt—einer Nummer, die in Isolation wie eine Autowerbung klingt, im Zusammenhang mit dem ganzen Album jedoch endlich Sinn macht. Als Abschluss folgt eine Art Interview mit 2Pac, das sehr bizarr wirken mag, aber irgendwie die Auflösung des Albums ist. Denn durch dieses Interview mit Pac wird seine Rolle im Leben definiert, was zum einleitenden Satz führt. Diese Rolle hatte er jedoch teilweise für sich selbst auf „HiiiPower“ von „section.80“ beansprucht.

Persönlich empfinde ich den Sound als kohäsiv und mit George Clinton, Thundercat, Taz Arnold und Snoop auf einem Album, gewinnt man bei mir immer. Es ist definitiv ein interessantes Album—vor allem als Reaktion auf GKMC und dem stilistischen Bruch, der mit dem neuen Album folgt. Vor allem ist es dennoch, trotz des Bruchs, eine Fortsetzung von seinen bisherigen Alben, wo er diesmal noch mehr introspektiv ist als auf GKMC.

Screenshot via YouTube

Es mag sein, dass das Album einigen nicht gefallen wird und es werden sehr anstrengende Monate kommen, in denen wieder andere um den Stellenwert dieses Albums diskutieren werden. Letzteres wird das wahrscheinlich mühsamste Thema sein. Denn ob das Album ein Klassiker ist oder nicht und in irgendeinen imaginären Kanon kommt, ist wirklich irrelevant. Diese Dinge sind menschliche Erfindungen. Kendrick geht es um was ganz anderes und man sollte einfach mal genießen, dass jemand im Jahr 2015 sich die Mühe macht ein wirklich großartig durchdachtes Album zu machen.

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