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Wie ich einmal einen Brief von der Staatspolizei bekam, weil ich Brian Molko töten wollte

Als ich noch ein Teenager war, hatte ich einen uboot-Chat, der mir mächtig viel Ärger eingehandelt hat.

von Isabella Khom
07 Juli 2015, 8:30am

An der ein oder anderen Stelle habe ich schon erwähnt, morgens kann es vorkommen, dass ich das "war " durch ein "bin " ersetze und heulend meiner Jugend zuhöre. Mit "großer Fan " meine ich übrigens einen kompletten Lebenswandel, von dem ich im Nachhinein nicht sagen würde, dass er der Beste war. Vergleichsweise. Gesellschaftlich gesehen zumindest. Glückliche Eltern haben auch anders ausgesehen. Aber Eltern, die Kinder im Pubertätsalter haben, sehen selten glücklich aus. Nun, ich war 16 Jahre alt, habe Placebo heilig gesprochen und war generell 24 Stunden traurig. Und ich hatte einen U-Boot-Account.

Es kann gut sein, dass dir uboot.com gar nichts mehr sagt. "Lange Zeit " (was ist im Internet schon lange) bevor Twitter und Facebook zwei der meistgenutzen Social Media-Kanäle waren, gab es eine Plattform – uboot.com eben – , auf der du mit Fremden und Freunden kommunizieren konntest. Es war also das Facebook der 00er Jahre bevor es MySpace gab. Jeder, der in der Schule nicht verprügelt oder schief angesehen werden wollte, war auf u-boot. Um ehrlich zu sein, kann ich mich selbst kaum noch an die Community erinnern, weil ich nicht allzulange dabei war. Warum ich das nicht war, werde ich euch gleich erzählen. 2013 wurde sie mitsamt den peinlichen Nicknames gelöscht. Was außerdem gelöscht wurde, war eine Konversation, die mir im Jahr 2003 verbal den Arsch versohlt hat.

Eines Tages kam ich von der Schule nach Hause und mein Vater hat mich mit diesem Blick angesehen, von dem du weißt, dass du gleich wirklich großen Ärger bekommst. Ärger, der nicht an einem Tag erledigt sein wird. Ärger, den du richtig verdient hast. Eine Woche vor dem Placebo-Konzert in der Arena Wien im Jahr 2003 erdonnerte dieser Blick und leitete sich direkt von meinen Brackets über jede Faser meines Körpers. Teenager sind so dumm. Also, mein Vater saß auf einem Holzsessel vor seinem Computer, was auch der Computer war, den ich nutzte. Damals hatte noch nicht jeder 6-jährige einen eigenen Laptop, weißt du. Eine Stunde Computerzeit am Tag hieß es damals.

Eine Stunde am Tag reicht aber aus, um Scheiße zu produzieren. Irgendwann, in einer dieser Stunden, zwischen Mittagessen, Hausaufgaben und Abends traurig auf dem Zimmer Musik hören, wird es wohl irgendwann passiert sein. Dass ich mit einem Mädchen, das ebenso ein Placeob-Fan(atiker) war, über unsere Liebe zu Brian Molko geschrieben haben. Es ist jetzt aber nicht so, als hätte wir die üblichen "I love him so much " und "Ahhhh, ich will, dass er mein Freund ist, LOL " geschrieben haben. Als ich da an diesem Tag heim kam, hatte mein Vater nämlich einen Brief in der Hand. Von der Staatspolizei. Ein Dokument, deren Inhalt eine dieser Konversationen mit dem Mädchen war. Teenager sind so dumm.

In einem Chat habe ich geschrieben, dass ich Brian Molko so sehr liebe, dass ich ihm beim Konzert gerne den Kopf abschneiden möchte, damit ich ihn mir in mein Zimmer stellen kann. Meine Chat-Kollegin hat wahrscheinlich sowas geantwortet wie "*gggg* HAHAHA, das wär ja mal ne Deko, *grins* " Hab ich schon erwähnt, dass Teenager dumm sind?

Reflektion? Minus Vierhunderttausend. Mit den Worten "Isabella, da ist ein Brief von der Staatspolizei " wurde der größte Schiss, den ich vermutlich jemals hatte, eingeleitet. Du kannst dir das Ausmaß an Scham und Angst vorstellen. Du schreibst quasi über einen Mord, den du natürlich niemals tun würdest. Unter anderem, weil du bei Buffy – Im Bann der Dämonen bei den "schlimmen " Szenen wegsehen musstest. Ich war verschissen dumm und jung – und dann steht da dein Vater, mit dem Brief in der Hand. So muss es sich anfühlen, wenn du nackt auf einem Marktplatz stehtst, deine Tage bekommst und gleichzeitig mit Scheiße beworfen wirst. Teenager wissen nicht, was sie tun. Jugendlicher Leichtsinn und diese "Fuck it "-Einstellung sind eine bemerkenswert überflüssige Phase des Lebens.

Abgesehen von lebenslangem Internetverbot, Anschiss, den sogar die taube Nachbarin im anderen Haus gehört hat und Tränen, die größer waren als die Eier von Arnold Schwarzenegger(?), hat mir mein Vater natürlich verboten nach Wien zu bereits erwähntem Konzert zu fahren. Den Wortlaut des Briefes kenne ich übrigens nicht mehr. Das ist jetzt auch schon über zehn Jahre her. Wie es so oft der Vorteil geschiedener Eltern ist, hat meine Mutter eine Chance gesehen, meinem Vater eins auszuwischen und mir das Konzert letztlich doch zu erlauben. "Weißt eh, die Kinder. Die wissen noch nichts, du warst nicht anders. " Bravo. Wie erwähnt, hat eine Woche darauf das Placebo-Konzert stattgefunden. "Die haben dich dort ganz genau im Visier ", waren die letzten Worte, die ich vor dem Weg nach Wien gehört habe. Der letzte Atem Erziehung.

Damals war es das erste "große " Konzert auf dem ich war. Bei "Without You, I´m Nothing " und der Mitte des Sets, haben mich die Kräfte verlassen und ich hab mich auf den Boden zweite Reihe Mitte gesetzt und einen Granny Smith gegessen. Wie dem auch sei. Gestern habe ich meinen Vater angerufen, um herauszufinden, wie es damals wirklich war. Schließlich habe ich mit 18 den Kombinationsversuch gestartet und mir gedacht, dass er den Chat sah und super aufwendig diesen Brief gephotoshoppt hat. Als ich die Bestätigung dafür haben wollte, dass ich richtig lag, sagte er: "Nein, sowas würde ich niemals erfinden. Da mach ich mich ja strafbar. " Natürlich habe ich daraufhin meine Mutter angerufen, um sie zu fragen: "Geh, natürlich hat er das nur erfunden. Der wollt dich erschrecken. " Ach, geschiedene Eltern.

Ich glaube aber nach wie vor, dass es eine extreme Erziehungsmaßnahme war. Geholfen hat sie nur so halb. Natürlich habe ich keine himmelschreind dummen Trophäen-Hunter-Aufsätze mehr ins Internet geschrieben, das heißt aber nicht, dass mir das Internet nie mehr sirenenartig Dämlichkeiten entlockt hat.

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