Anzeige
New music

Alligatoah macht den 31'er

Alligatoah empfiehlt sich mit seinem neuen Video endgültig als rappender Die Ärzte-Wiedergänger.

von Noisey Staff
18 September 2015, 9:00am

Auf den ersten Blick ist er immer noch der unwahrscheinlichste Deutschrap-Superstar, den man sich vorstellen kann: Alligatoah. Weder hat er den Style, noch das Geld, wie Bushido sagen würde. Wobei, Geld dürfte Lukas Strobel mittlerweile tatsächlich 'ne ganze Menge auf der hohen Kante haben; aber er tritt damit (ganz im Gegenteil zu seinem Labelchef, der den Erfolg von Trailerpark arg flamboyant zur Schau stellt) nicht in die Öffentlichkeit. Bars, im Damion Davis-Sinne, hat er auch nicht unbedingt die allerkrassesten. Zur gleichen Zeit ist er aber auch keiner, der Cro-mäßige Raop-Songs über das Dolce Vita schreibt oder sein persönliches Mittelschichts-Drama zum zentralen Inhalt seiner Kunst macht. Zu seinem gerappten Liedermacher-Pop gibt es, trotz des riesigen Erfolges von Triebwerke, im HipHop keine wirklichen Nachmacher, was natürlich für Alligatoah spricht.

Auch „Vor Gericht“ ist wieder eines dieser Lieder: Die einfache, aber effektive Instrumentierung steht eher im Hintergrund; vordergründig funktioniert der Song gerade raus als Ohrwurm, wie sie Alligatoah offenbar am Fließband zu schreiben versteht. Auf der inhaltlichen Eben steht wiederum wieder eine geschauspielerte Erzähler-Figur im Mittelpunkt. Alligatoah erzählt hier aus der Perspektive einer waschechten Snitch, die jeden verpfeift, die ihm irgendwie in die Quere kommt—und sich am Ende noch darauf einen runterholt. Natürlich ist das gleichzeitig ein ironischer Kommentar zum Deutschrap-Geschehen, gleichzeitig aber auch eine Verhonhepiepelung des Klischee-Deutschen, der ganz im Gegensatz zu den stabilen Straßenrappern sein Grund und Gut schon bei der minimalsten Bedrohung mit dem Gesetzbuch verteidigt. Sprich: Mit dem Inhalt von „Vor Gericht“ kann sich irgendwie jeder identifizieren, der in diesem Land lebt. Was natürlich schon bei Triebwerke Alligatoahs bestes Verkaufsargument war.

Im HipHop steht er mit dieser Herangehensweise alleine auf weiter Flur. Unter seinen Musiker-Altersgenossen lassen sich wohl Kraftklub noch am ehesten als Brüder im Geiste benennen, da auch diese allgemeingültige Hits schreiben, in dem sie Klischees allgemeinverständlich veralbern. Die Könige dieser (aus irgendeinem Grund typisch deutschen Disziplin) sind und bleiben allerdings natürlich Die Ärzte. Wenn Alligatoah das, was er auf Triebwerke begonnen hat und mit „Vor Gericht“ konsequent fortführt, auch auf Musik ist keine Lösung konsequent durchzieht, dann dürfte es also nur eine Frage der Zeit sein, bis Lukas Strobel im Alleingang Stadien füllt.

**

Folgt Noisey bei Facebook und Twitter.