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Meine Mutter

Meine Mutter hat sich das neue Video von Frauenarzt zu „KKF“ angesehen und bewertet

„Auf mich wirkt die Kombination aus Video mit dem Lied so wie jemand, der mit einem Fußtritt durch die Tür gepoltert kommt, die Fäuste in die Luft reckt und ruft: ‚Hey Leute, ich bin wieder da!‘“

von Nina Damsch
03 März 2016, 8:43am

Mama ist die Beste. Selbst wenn sie uns mit 13 ein Bauchnabelpiercing verboten hat—am Ende müssen wir zugeben, dass sie halt meistens auch damit Recht hatte. Und weil sie die Beste ist und wir sehr großen Wert auf ihre Meinung legen, reden wir mit ihr über alles. In unserer Serie „Meine Mutter“ eben auch über Deutschrap—auch wenn sie wenig bis gar keine Ahnung davon hat. Denn gerade das ist es ja, was ihre Meinung so interessant macht. Sie eröffnet uns bisher verborgen gebliebene Blickwinkel, Ideen und Schlussfolgerungen, auf die wir ohne sie weiß Gott nicht gekommen wären.

Dieses Mal haben wir uns Frauenarzts taufrisches Video zu „KKF”, dem ersten Banger aus seinem Rap-Comeback-Album Mutterficker angeguckt. Acht Jahre ist es inzwischen her, seit Frauenarzt sich ein paar neonfarbene Flügel wachsen ließ und dem Berliner Untergrund gen Mallorca entflog, um mit „Die Atzen“ reich und berühmt zu werden. Doch so schön Sonne satt, prall gefüllte Sangria-Eimer, Geldbeutel und Bikinioberteile auch sein mögen—nachts in den Träumen verfolgt einen doch immer wieder dieser vertraute, kühle, feucht-modrige Geruch des Berliner Untergrunds. Die Fans, die Dr. Sex noch mit den dröhnenden Bässen aus jener Zeit verbinden, sind logischerweise völlig aus dem Häuschen über seine Rückkehr. Sich mit irgendeinem Hobby-Rap-Historiker über Mutterficker zu unterhalten, wäre also ziemlich berechenbar. Deswegen haben wir uns entschieden, mal jemanden, der ein bisschen weniger Bassboxxx und mehr Tupperbox ist, den neuen-alten Frauenarzt analysieren zu lassen: meine Mama!


Noisey: Mama, es tut mir Leid, dass ich dir mal wieder sowas zumute, aber wir schauen uns jetzt ein Video von einem Rapper an, der Frauenarzt heißt. Ich hoffe, du weißt, worauf du dich einlässt.
Meine Mutter: Ach, den kenn ich doch! Das hast du doch früher gehört?

Ja stimmt. Danke, dass du das damals ignoriert hast. Jedenfalls ist das das erste Video aus seinem kommenden Album, äh (ich zögere) Mutterficker.
Mich schockt so schnell nichts mehr.

[Das Video startet. Plötzlich taucht meine Tante im Skypefenster neben meiner Mutter auf und erkundigt sich, was wir da anschauen. Sie möchte jetzt auch mitmachen. Ich bin etwas nervös, weil meine Tante meine musikalische Evolution weniger hautnah mitbekommen hat als meine Mutter und deswegen vermutlich weniger Verständnis dafür aufbringen kann, aber was soll ich schon tun? Außerdem ist sie ja auch eine Mutter, also passt das ja auch irgendwie. Bei Stelle 1.25 stoppen die beiden das Video und fangen laut an zu gackern.]

Worüber lacht ihr?
Meine Mutter: Über „am Sack kratzen“. So alt sieht der aber gar nicht aus. Du meintest doch, der sei so eine Art Urgestein?

Das ist auch nicht Frauenarzt, sondern MC Bomber. Wir findet ihr ihn?
Also, mir fällt das irgendwie immer schwer, akkustisch den Text zu verstehen. Ich muss das immer erstmal drei, viermal anhören, bis ich verstehe, worum es da überhaupt geht. Deswegen gehe ich erstmal aufs Visuelle ein: Als erstes habe ich mir gedacht, „Oh toll eine Installation“. Aber als er dann an die Scheibe gespuckt hat, habe ich dann bemerkt, dass das ein Zoogehege ist. Also ist die Aussage wohl, dass er sich wie ein Affe im Zoo fühlt, der angestarrt wird. Ein Außenseiter. Man könnte es aber auch so sehen, dass er weggeschlossen werden muss, weil er nicht gesellschaftsfähig oder gefährlich ist.

Gefällt dir dieses Bild?
Ja. Also ich sehe es auch als eine Hommage an die Stadt, an Berlin. Die Stadt, wo die wilden Kerle wohnen. Mir kommt es aber auch ein bisschen wie eine Persiflage vor, weil das mit dem Spucken, am Sack kratzen wieder so viel ist, dass es irgendwie lustig wirkt. Der Käfig ist aber realistisch betrachtet viel zu sauber. Wäre er wirklich ein Wilder, müsste das dreckiger aussehen.

Sollte er lieber etwas mit Kacke werfen oder was wäre dir lieber gewesen?
(Lacht) Ja, zum Beispiel.

[Meine Tante schaltet sich ein]

Also ich finde, der sieht so brav aus. Ich nehm ihm dieses böser, gefährlicher Typ-Gehabe irgendwie nicht so richtig ab.

Ja, aber Rapper tragen heute eben nicht mehr Baggy Pants, Timberlands und knielange White Tees, um als solche wahrgenommen zu werden. Heute sehen Rapper eben auch mal aus wie Erdkundelehrer und können trotzdem sehr real sein. Aber wie fandet ihr die Musik?
Meine Mutter: Also die hat mir gut gefallen. Das mit den Schwaben fand ich lustig, wobei es ja auch irgendwie ein Klischee ist, „alle Berliner hassen die Schwaben“. Aber das hat er ganz gut immitiert. Schwäbisch hört sich einfach immer lustig an. Da macht es dann auch nichts, dass ich die Hälfte mal wieder nicht verstanden habe. Aber können wir jetzt weiter machen? Wir wollen jetzt Frauenarzt sehen!

Natürlich. Fahrt fort!

[Nach wenigen Sekunden pausiert meine Mutter das Video]

Also der Anfang ist Victoria für mich. Mit der Parkgarage und so. Aber es ist sehr schön gemacht. Gefällt mir vom Stil her noch besser, als der erste Teil. Aber gut, ich mache weiter.

[Video wird abermals unterbrochen, als die Wand aus nackten Frauen erscheint]

Also da sind einige Brüste aber nicht echt!

Da hast du aber ganz genau hingeschaut, Mama!
Ja, da hab ich den Heidi-Klum-Blick: „Heute habe ich keine Selbstachtung für dich“. Aber ich mache mal weiter.

[Als das Video vorbei ist, öffnet meine Mutter bereits den Mund, um ihren ersten Kommentar abzugeben, da unterbricht sie die dröhnende Musik der Albumankündigung im Anschluss an das Video. Kopfschüttelnd drückt sie das Fenster weg, während meine Tante vor Schreckt aufschreit.]

Und wie findest du es?
Also ich finde es sehr lustig.

Inwiefern findest du es lustig?
Also aus der Sicht einer Frau macht es so einen Spaß, diese Jungs zu erleben, wo das Ego so gefeiert wird: „Ich bin ... Ich mache ... Ich tue ...“ Ich finde das lustig. Also ein Intellektueller ist er nicht unbedingt. Er beschränkt sich mehr auf die erfolgreichen zwei Ms: Möpse und Motoren. Von seinem Namen her zu schließen, macht das wahrscheinlich auch Sinn. Und seien wir ehrlich: Das macht ja auch Spaß.
Meine Tante: Also ich fand den Zweiten jetzt auch irgendwie authentischer, als den Ersten. Von seiner Gestik her und so habe ich ihm seine Rolle mehr abgenommen.

Und wie hat euch die Musik gefallen?
Meine Mutter: Ich fand die Musik sehr intensiv. Sehr, sehr groovy [Anm.: Kein Scheiß, sie hat wirklich „groovy“ gesagt]. Und man merkt—der Junge hat eine Botschaft: „Ich bin der Tollste." Die ist vielleicht nicht weltbewegend, aber er hat sie eindrucksvoll in die Welt geblasen, das finde ich schön. Um es mit einem Bild zu beschreiben: Auf mich wirkt die Kombination aus Video mit dem Lied so wie jemand, der mit einem Fußtritt durch die Tür gepoltert kommt, die Fäuste in die Luft reckt und ruft: „Hey Leute, ich bin wieder da! Nehmt mich wahr!“

Ich glaube, das ist eine recht treffende Vorstellung. Also fandest du die visuelle Umsetzung passend zum Lied?
Die Ästhetik des Videos hat mich wie gesagt sehr an Victoria erinnert. Aber wirklich ein sehr sehr schönes Video. Exzellent gemacht. Das Wasserglas zum Beispiel ist da ja auch eine schöne Metapher. Das erinnert natürlich an Jurassic Park, wo der T-Rex kommt und man das Beben seiner Schritte in dem Glas sieht. Ein Mittel, das zwar bildlich total harmlos ist, aber trotzdem bei allen Angst und Schrecken ausgelöst hat—„Wie mache ich etwas gruselig, ohne etwas gruseliges zu zeigen?" Da kann man natürlich eine Parallele zu Frauenarzt ziehen. Dass er quasi der T-Rex ist, der im Anmarsch ist, um alle zu vertreiben. Oder zu töten.

So wie der T-Rex auch der König der Saurier ist, ist quasi Frauenarzt der König des Raps? Interessante Interpretation. Und wie haben dir die nackten Damen gefallen?
Die fand ich auch wunderschön. Also Frauen nicht einfach irgendwie hinzustellen, sondern sie wirklich wie so eine Fototapete zu inszenieren. Die Objektifizierung der Frau ist da ja wortwörtlich so plakativ, dass es schon wieder als Metapher gesehen werden kann. Außerdem sieht es eben einfach gut aus. Hat der Junge gut gemacht.

„Der Junge“ ist nebenbei bemerkt schon um die 40 Jahre alt.
Ein Jungspund! Aber das hätte ich nicht gedacht. Ich finde, der wirkt relativ zeitlos. Aber man sieht sein Gesicht ja auch nicht wirklich. Was er sagt, wirkt ja auch recht pubertär, wohingegen das Video sehr erwachsen aussieht. Vielleicht macht ihn das irgendwie zeitlos.

Gab es Lieblingszeile oder ist dir, oder euch eine bestimmte Liedstelle besonders aufgefallen?
Meine Tante: Also einmal ist mir die eine Stelle in Erinnerung geblieben, wo er sagt, dass die Musikindustrie korrupt ist und was war nochmal die andere? „Ich steck ihn rein, bis ... “ was nochmal?
Meine Mutter: Bis die Möse platzt! Nein, warte—die Ritze!

[Alle lachen und ich fühle mich ein bisschen unwohl. Meine Tante ruft aus: „Ha! Das soll er mal probieren!“ Alle lachen noch mehr und ich fühle mich noch ein bisschen unwohler. Aber ich wusste ja, worauf ich mich einlassen würde, als ich einwilligte, mit meiner Mutter Frauenarztvideos anzugucken.]

Oh Gott. Also perfektes Schwiegersohnmaterial oder nicht?
Also du spielst jetzt vermutlich auf diese Porno-Sprache an. Ich finde, damit schockt man heutztage niemanden mehr. Ich finde das einfach nur ein bisschen pubertär, aber nicht empörend. Ich habe Marquis de Sade gelesen, da hat man erst rote Ohren bekommen! Aber sagen wir so: Wenn du mich fragen würdest, von wem von Beiden ich ein Auto kaufen würde, dann würde ich sagen, von Frauenarzt.

Haha! Warum?
Also, wer Autos so gern hat wie der, dem würde ich da mehr vertrauen. Beim Ersten würde ich eher denken, dass er einen übers Ohr haut. Bei Frauenarzt kommt es mir so vor, als würde er dich nicht ganz so schnell bescheißen.
Meine Tante: Also ich würde es genau andersrum sehen: Vom Ersten würde ich ein Auto kaufen, weil vom Zweiten werde ich doch 100 Prozent verarscht.
Meine Mutter: Wobei: Ein echter Rapper verarscht doch eine Mutter nicht!
Meine Tante: Stimmt. Der fickt sie.


Nina teilt weitere Weisheiten von sich und ihrer Mutter auf Twitter@laoidavita

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