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Fler kündigt ‚NDW2‘ an: Ein deutscha Bad Boy macht wieder Welle

Fler hat wohl gespürt, dass er mit seinem zuletzt schwer antrainierten Ami-Image nicht weit kommt. Also macht er jetzt wieder richtig Welle mit Deutschtümelei.
19.3.14

Führt man sich zu Gemüte, was Fler in den letzten Wochen alles über sich ergehen lassen musste, könnte er einem beinah leid tun. Seine vorübergehende Bekanntschaft mit einer mächtigen Motorradbande ging offenbar unglücklich zu Ende, wilde Gerüchte machten die Runde, er habe zu deren Nachteil Informationen mit den Bullen geteilt. Was natürlich für Aufsehen sorgte, denn als Rapper mit Straßen-Background hat man sich nun mal an den entsprechenden und oft genug selbst formulierten Moralkodex zu halten.

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In der Folge nutzte eine Reihe ob dieses angeblichen Regelbruchs schwer empörter Rapper, die zufällig gerade ein Album, eine Trennung von seinem Maskulin-Label oder irgendwelche persönlichen Befindlichkeiten zu promoten hatten, die Gelegenheit, um sich auf Flers Kosten prominent in die Rap- und Trottelmedien zu befördern. Die einen klingelten erfolglos (aber natürlich wahnsinnig stabil und grade) an seiner Tür und wüteten danach ins Smartphone, weil Fler nicht wie ein Mann die Tür öffnete wie ein Mann, um sich wie ein Mann irgendeiner ehrenhaften Konversation/Handgreiflichkeit zu stellen wie ein Mann. Die anderen brachten Gemüse und einen Kameramann mit, wieder andere kotzten sich ausgiebig in Interviews aus.

Und wie reagierte Fler auf das alles? Er erläuterte halbwegs nachvollziehbar seine Version der diversen Angelegenheiten, verteidigte sich halbwegs nachvollziehbar auf Tracks und in Interviews und besann sich—ebenfalls halbwegs nachvollziehbar—auf vermeintliche alte Stärken. Die da vor allem wären: deutsch sein. Und zwar so richtig, richtig deutsch. Mit Adler, narzisstisch sublimiertem Minderwertigkeitskomplex, blauen Augen und Schwarz-Rot-Gold. Die eingenommene Perspektive kennt man von seiner albumgewordenen Debüt-Imagekampagne namens „Neue Deutsche Welle“ anno 2005: der arme deutsche Junge, der seine Rolle als unterdrückte Minderheit nicht mehr hinnehmen will und sich deshalb stolz, rechtschaffen und offensiv zu seiner Deutschness bekennt.

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Seit dieser Woche wissen wir, dass es einen zweiten Teil geben wird. Hinter Flers blauen Augen macht das natürlich Sinn: Vermutlich sieht er wirklich Parallelen zwischen seiner aktuellen Situation und seiner schweren Jugend im urbanen Westberlin, als er dem Vernehmen nach tatsächlich der marginalisierte Kartoffeljunge in einer Problemviertelwelt voller Ausländaz war und sich gegen die türkisch-arabische Hinterhof-Hegemonialmacht durchsetzen musste. Aber heute wie damals funktioniert diese Perspektive nur bezogen auf ein entsprechendes Umfeld. Im Bezugsrahmen Gesamtdeutschland hingegen, das gleichzeitig Flers anvisierter Markt ist, sind Deutsche bekanntermaßen alles andere als eine Minderheit. Dort nimmt der stolze Schwarzrotgoldjunge eine vermutlich nicht intendierte, andere Rolle ein: die des Apologeten eines vermeintlich „gesunden“, aber von bösen Gutmenschen tabuisierten Patriotismus, die der Identifikationsfläche und des Vorbilds für alle, die zu blöd sind, auf irgendwas anderes stolz zu sein als auf das offenkundige Nicht-Achievement namens Herkunft. Und natürlich als mainstreamtaugliche Softcore-Wichsvorlage für Menschen, die glauben, Deutsche seien wirklich etwas Besseres.

Fler ist natürlich nach wie vor kein Nazi. Was ja auch niemand ernsthaft behauptet, weswegen man diese selten dämliche Verteidigungsstrategie mit den berühmten „ausländischen Freunden“ auch gern stecken lassen kann. Aber er bedient mit seiner offensiven NDW2-Schlandhuberei eben auch die dümmliche Paranoia deutscher Hinterwäldler, die meinen, sich und ihre Kultur gegen die von allen Seiten ins Land einfallenden Ausländerheuschrecken verteidigen zu müssen—und dann vor Flüchtlingsunterkünften demonstrieren, die Chinabox am Dorfbahnhof in Brand stecken oder im schlimmsten Fall tatsächlich Menschen angreifen. Angesichts des derzeitigen gesellschaftlichen Klimas ist das nicht hilfreich—und potenziell gefährlich. Aber für Fler vermutlich erfolgversprechender als das Ami-Image vom letzten Album.

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