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Sexueller Belästigung auf österreichischen Festivals sollte mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden

Auch auf österreichischen Festivals sind sexuelle Übergriffe keine Seltenheit — nur redet niemand darüber
18.7.16

Foto: VICE Media

Ich war in meinem Leben schon auf einigen Festivals. Heuer feiere ich mein 10-jähriges Frequency-Jubiläum, ich war auf dem Harvest of Art, auf dem Urban Art Forms, dem Nuke, auf Festivals im Ausland. Und je älter ich geworden bin, desto mehr ist mir aufgefallen, was auf Festivals neben Saufen und Musik außerdem noch auf der Tagesordnung steht. Fleischbeschau, dumme Sprüche, sexuelle Belästigung.

Früher war ich Teil des Ganzen, habe spätpubertäre Typen, die denken, ein Festivalbändchen wäre ein Freischein für ausnahmslos alles, mit einem Lächeln ignoriert, nicht weiter nachgedacht, nicht reagiert, obwohl ich mich unwohl dabei gefühlt habe und das alles nicht OK fand. Ich dachte, sie wissen es halt nicht besser und sind noch dazu besoffen. Ich wollte nicht als Zicke da stehen und mir anhören müssen, dass ich keinen Spaß verstehe. Dabei sollten Alkohol und das Bedürfnis nach Feiern in keinster Weise Entschuldigungen für Typen sein, die Frauen auf einem Festivals als Freiwild ansehen.

Ganz grundsätzlich bietet das generelle Festival-Setting wohl die idealen Voraussetzungen für moralische Entgleisungen, wenn man so will. Die meisten Besucher sind betrunken bis komatös, Spaß steht an oberster Stelle, im Idealfall haben alle wenig an, weil der Wettergott gnädig ist. Viele nutzen das Zusammenspiel dieser Faktoren aus: Typen, die ein ganzes Festival über in ihren Campingsesseln am Wegesrand sitzen und alle vorbeigehenden Mädels mit Wasser abspritzen und mit Schildern, auf denen wahlweise "Geile Glocken!" oder "Fette Weiber budan!" steht, bewerten. Und dann gibt es noch diejenigen, die einem, wenn man sich an ihnen vorbei drängt (und das passiert auf Festivals tendenziell eher oft) auf den Arsch greifen. Und das sind nur zwei Beispiele aus einer wahrscheinlich endlos langen Liste, denn immer wieder werden Fälle von sexuellen Übergriffen auf Festivals publik.

Erst vor kurzem kam es beispielsweise auf dem schwedischen Putte i Parken zu massiven und haufenweise sexuellen Übergriffen. Auch nach dem Electric Love Festival, das vorletztes Wochenende in Salzburg stattfand, wurden drei Fälle von sexueller Belästigung bekannt und auch eine Vergewaltigung wurde angezeigt.

Sucht man online gezielt nach derartigen Vorfällen auf österreichischen Festivals, findet man nur wenig. Nach dem Frequency 2009, das damals noch in Salzburg stattfand, wurden zwei Vergewaltigungen angezeigt, nach dem Frequency im Jahr 2013 war es eine. Die Dunkelziffer sexueller Übergriffe liegt jedoch ziemlich wahrscheinlich höher.

Auf Nachfrage bei der Salzburger Polizei zum aktuellen Stand der Ermittlungen zur Vergewaltigung am Electric Love und auf die Frage, ob bei solchen Großveranstaltungen überhaupt die Chance besteht, einen Täter auszuforschen, sagt Pressesprecher Hannes Holzweger: "Bei einer raschen Anzeigeerstattung durch das Opfer werden umgehend nach der Schilderung des Sachverhaltes die Ermittlungen und Erhebungen aufgenommen: Zeugenbefragungen, Vernehmung des Opfers, Spurensicherung, Befragung von Sicherheitspersonal, Videoauswertungen, et cetera. Im Falle der angezeigten Vergewaltigung am 08.07.2016 während des Festivals kann ich ihnen mitteilen, dass der Täterkreis eingeschränkt werden konnte und bereits die Ermittlungen auf Ausforschung eines bekannten Täters laufen."

Foto via Flickr | Steven Leonti | CC BY 2.0

In meinem Bekanntenkreis muss ich nicht lange suchen, bis ich Frauen finde, die auf Festivals sexuell belästigt wurden. Eine Betroffene erzählt: "Die Typen auf Festivals versuchen immer, das Ganze spaßig rüberzubringen, wenn man so will. Wenn man an der Bar steht und auf sein Getränk wartet, nutzen Typen, die auch anstehen, schon oft die Gelegenheit und zwicken einem so lange in den Arsch, bis man richtig wütend wird—und sie finden das lustig. Auch die Typen, die den ganzen Tag im Campingsessel sitzen und jedes Mädchen, das vorbeigeht, anschreien und demütigen, finde ich schlimm. Das ist einfach eine reine Fleischbeschau. Aber weil auf Festivals jeder betrunken ist, glaube ich, dass solche Entgleisungen einfach gesellschaftlich akzeptiert und als Spaß gesehen werden. Auf Festivals kann sich einfach jeder ungestraft aufführen, wie er will." Eine andere Freundin erzählt, dass ihre große Oberweite auf Festivals oft zum Anlass genommen werde, dumme Sprüche abzulassen oder sie im Vorbeigehen einfach anzugreifen. Oft ist sie in solchen Situationen so perplex, dass sie nicht weiß, wie sie reagieren soll.

Bei der Frage, ob man effektiv gegen sexuelle Übergriffe auf Festivals vorgehen kann, und ob in Österreich tatsächlich Handlungsbedarf vorhanden ist, scheiden sich zumindest unter den großen österreichischen Veranstaltern die Geister. Die einen setzen aktuell, wo gefühlt immer öfter Fälle von Übergriffen auf Festivals publik werden, auf Bewusstseinsbildung, die anderen sehen die derzeitige Thematisierung des Ganzen als eher überflüssig an.

Harry Jenner, Chef der Veranstalterfirma Musicnet und auch Schlüsselfigur bei Skalar, erzählt auf Nachfrage von Noisey, dass er sich wundert, dass dem Thema sexuelle Belästigung auf Festivals aktuell so große Aufmerksamkeit zuteil wird. Musicnet veranstaltet mit dem Frequency und dem Nova Rock zwei der beliebtesten Festivals in Österreich. Auf die Frage, wie sie als Veranstalter mit sexueller Belästigung umgehen, sagt er: "Mir sind echt wenige derartige Fälle bekannt und ich mach meinen Job jetzt seit 15 Jahren."

Update: An dieser Stelle stand ein Statement von Harry Jenner, das in den falschen Kontext gesetzt wurde. Jenner distanziert sich ausdrücklich von dem Standpunkt, dass Mädchen selbst schuld wären, wenn ihnen derartiges passiert. Jenner: "Das Thema ist uns ganz klar sehr wichtig und wir bitten auch das Publikum untereinander auf sich aufzupassen. Auch raten wir, immer in der Gruppe zu bleiben. Unsere Securitys sind genau die selben wie die des Out of The Woods und somit gleich geschult und gleich muteinbezogen." Jenner bittet die Festivalbesucher auch, sich sofort bei Securitys zu melden, sollte jemand etwas beobachten und Schutz zu suchen.

Foto via Flickr | Chris McMillon | CC BY 2.0

Laut Jenner ist es jedoch schwierig, Übergriffe zu verhindern, weil man schließlich nicht jedem Mädchen einen Polizisten daneben stellen könne. Dass es den Mädels gut geht, wäre aber sehr wichtig—auch wenn Musicnet offenbar keinen Grund sieht, aktiv und vor allem präventiv Schritte zu setzen, um auch in einem Umfeld, in dem es um Eskalation und Feiern geht, Sicherheit und ein angenehmes Gefühl für alle zu schaffen. "Wenn man in der Gruppe unterwegs ist, kann man sich auf jeden Fall vor Übergriffen schützen", so Jenner. "Unsere Festivals sind ziemlich sicher", meint er.

Außerdem, so Jenner, sei es selbstverständlich, dass das Sicherheitspersonal und auch andere Festivalbesucher eingreifen, wenn jemandem etwas passiert. Hier spricht er nicht nur von sexuellen Übergriffen, sondern auch von anderen Vorfällen, Streits oder Diebstählen. Vom Zuschauer-Effekt hat er wohl noch nie etwas gehört, denn auch, wenn man sich in einer Menschenmasse befindet, ist das keine Garantie dafür, dass einem auch jemand hilft. Sogar im Gegenteil. Der Zuschauer-Effekt beschreibt das Phänomen, dass man als Zeuge eines Vorfalls mit niedrigerer Wahrscheinlichkeit eingreift, wenn noch weitere Zuschauer anwesend sind.

Auch darüber, ob Frauen, "die das nicht wollen", solchen Situationen immer so einfach aus dem Weg gehen können, kann und sollte man sich streiten. Denn in vielen Situationen ist dies nicht möglich, weil man sich zum Beispiel aus Angst, den Täter aggressiv zu machen, nicht traut, ihn deutlich abzuweisen oder weil man eine Situation anfangs selbst unterschätzt. Natürlich kann man es sich als Veranstalter einfach machen und den Gästen ein nettes "Passt auf euch auf!" mit auf den Weg geben und sich im Anschluss aus der Affäre ziehen. Dass das nicht die Lösung des Problems sein kann, muss hier hoffentlich nicht weiter diskutiert werden.

Die Konzertagentur Arcadia Live, die sich zum Beispiel für das Nuke oder das HipHop Open verantwortlich zeichnet, setzt sich gerade intensiv mit dem Thema Social Awareness im Rahmen ihrer Festivals auseinander. Louise Lässig von Arcadia Live erzählt im Gespräch mit Noisey, wie sie als Veranstalter zu dem Thema stehen: "Wir als Veranstalter sind erschüttert, betroffen und angewidert darüber, dass es Menschen gibt, die die einzigartige Atmosphäre, die ausgelassene Stimmung und das großartige Gemeinschaftsgefühl von Festivals ausnutzen, um unentschuldbare Dinge zu tun und anderen Schaden zuzufügen. Festivals sind ein Teil und auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft—sie reflektieren leider nicht immer nur die schönen Seiten. Das Problem ist uns bewusst und auch in unserem Sicherheitskonzept relevant. Wir haben auf den von uns veranstalteten Festivals direkt noch von keinem Vorfall mitbekommen oder wurde uns ein solcher von Sicherheitsbehörden gemeldet. Das bedeutet allerdings leider nicht, dass so etwas nicht schon vorgekommen ist. Die Dunkelziffer bei sexuellen Übergriffen ist bedauerlicherweise nicht unbedeutend." Die Arcadia hat außerdem eine Botschaft an jeden einzelnen Festivalbesucher: "Sei kein Idiot! Zeig Zivilcourage! Respektiere die Menschen um dich herum."

Herangehensweisen wie die der Arcadia Live sind enorm wichtig. Es ist wichtig, dass das Bewusstsein des österreichischen Festivalpublikums geschärft wird und dass sexuelle Belästigung auf Festivals nicht mehr Usus ist—und hier sind sowohl Veranstalter als auch die Festivalgäste gefragt. Ich finde, es sollte das gute Recht einer jeden Festivalbesucherin sein, betrunken und spärlich bekleidet über ein Festivalgelände zu spazieren und davon auszugehen, dass ihr nichts passiert.

Das ist nicht naiv, sondern sollte in einer offenen und aufgeklärten Gesellschaft ganz normal sein. Obwohl es der große Reiz von Festivals ist, dass dort angeblich keine Regeln gelten, müssen wir uns alle von diesem Gedanken verabschieden. Manche Regeln sind gelockert, aber eben nur, wenn es um die Frage geht, was man (in Punkto Drogenkonsum etc.) mit dem eigenen Körper macht—nicht mit dem von anderen. Wir Frauen müssen Belästigungen nicht hinnehmen, nur weil wir uns auf einem Festivalgelände befinden und Alkohol und Exzess als Ausrede für Aktionen von anderen Festivalbesuchern vorschieben. Und Männer müssen verstehen, dass Festivals kein gesetzloser Ort sind, sondern auch dort das Recht auf körperliche Selbstbestimmung herrscht.

In einer vorherigen Version war davon die Rede, dass zwei Mädchen von zwei Burschen beim Donauinselfest K.O.-Tropfen verabreicht bekommen haben. Das hat sich nach einem Telefonat mit Michaela Rossmann, Pressesprecherin der Polizei Wien, als falsch herausgestellt. Allerdings ist eine Anzeige in die Staatsanwaltschaft Wien eingegangen, da das männliche Duo ebendiese Mädchen unsittlich berührt haben soll.

Verena auf Twitter: @verenabgnr

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