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Musikgenres sind ein Witz, den du nicht verstehst

Von Witch House bis PC Music war fast jedes Post-Internet-Genre eine Verarsche.

von Luke Morgan Britton
02 Oktober 2014, 9:10am

In letzter Zeit wurde viel über den neuesten heißen Scheiß aus London namens PC Music geschrieben und gesagt. Du wirst wahrscheinlich schon „Hey QT“ gehört oder SOPHIEs Boiler Room Set gesehen haben. Du wirst dich gefragt haben, was zur Hölle ein GFOTY sein soll (nein, es ist keine Pornokategorie) und dein Vater wird vielleicht einen Blick auf einen Zeitungsartikel über das Phänomen geworfen haben, bevor er die Seite mit einem tiefen Seufzer umgeblättert hat.

Es ist fast schon so etwas wie ein Insiderwitz geworden, dass jeder Artikel über PC Music, Post-Ringtone Music, oder wie auch immer du es nennen willst, das Wort „polarisierend“ beinhaltet—wie jetzt auch dieser Artikel. Die einen finden es „inspirierend und wirklich erfrischend“, wohingegen weniger begeisterte Kommentatoren beim Guardian der Meinung sind, dass es „klingt wie die Sorte Musik, mit der mich die Arschlöcher von Gegenüber wieder die ganze Nacht lang wach halten werden, wenn sie es in voller Lautstärke hören“. Die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo dazwischen: PC Music ist unglaublich mitreißend, macht einen gleichzeitig aber unglaublich sauer.

Diese Ungewissheit über die Ausrichtung, die Intentionen und die Ernsthaftigkeit des PC Music Outputs haben dem Genre viel Spott und Skepsis eingebracht. Selbst seine größten Verfechter können nicht wirklich beweisen, ob man es tatsächlich ernst meint oder nicht. Das ist nur zu verständlich, wenn man sich die post-ironischen Zeiten anschaut, in denen wir leben. Modetrends werden als Witz gestartet und Ernsthaftigkeit gilt als Antithese von cool. Trollen ist in sich eine komplett neue Erscheinung. Wäre Des Kaisers neue Kleider heute geschrieben worden, würde es wahrscheinlich davon handeln, sich absichtlich bescheuert für die Fashionweek anzuziehen und dafür von einem Haufen Blogger abgelichtet zu werden.

Natürlich handelt es sich dabei um kein komplett neues Phänomen. No Wave begann als Avantgarde-Witz—als eine atonale und raue Antwort auf die Poliertheit und Beliebtheit von New Wave—und vielleicht kann man PC Music analog als saures Lächeln betrachten, das der bierernsten und oft übertrieben machohaften Elektroszene entgegengebracht wird. Vielleicht ist es auch Satire auf den industriellen Charakter und die kapitalistischen Strömungen aktueller Popmusik.

Wie auch immer, wir haben uns entschieden, einen Blick auf die Musikgenres der jüngeren Vergangenheit zu werfen, die die Leute an der Nase rumgeführt haben—von New Rave bis zu Vaporwave und darüber hinaus.

Witch House


Witch House war Goth für beliebte Kids, die sich früher in der Schule über Goths lustig gemacht haben, sich aber verspätet mit der Dunkelheit ihrer eigenen Welt arrangiert haben. Auch unter den Namen Drag, Haunted House oder „Rape Gaze“ (wie es kurzzeitig und peinlicherweise genannt wurde, tolle Idee) bekannt, war das eine Mischung aus Shoegaze, Industrial und trippigem HipHop. Die Ursprünge gehen auf Travis Egedy von Pictureplane zurück. Egedy hat 2009 mit einem Freund angefangen, „occult-based house music“ zu machen, ursprünglich als „halbherziger konzeptioneller Witz“, der schnell „zu etwas Realem wurde“.

„Verschiedene Leute haben angefangen, darüber auf Blogs zu posten und es wurde eine Art Internet Meme“, hat Egedy dem AV Club gesagt. „Die Leute haben angefangen, es wie ein echtes Musikgenre zu behandeln“. Fred Durst—alternd, und schon lange nicht mehr von Bedeutung—hat vor kurzem— und drei Jahre zu spät—ein Video von sich selbst gepostet, wie er SALEM hört. Es fallen also immer noch Leute darauf rein.

NEW RAVE


Genres werden selten von den Leuten, die darin involviert sind, heraufbeschwört (wer will schon freiwillig den Anschein von Originalität aufgeben und zugeben, Teil einer Szene zu sein?), sondern von Journalisten, denen klar wird, dass sie das Wort „vielschichtig“ zu oft benutzt haben und die beschließen, sich einfach irgendwas auszudenken.

Im Prinzip haben Musikmagazine New Rave Mitte der 2000er erfunden. Das war aber keine Szene, die aus dem Nichts kam: Die Dance Punk-Bewegung war in den USA auf dem Vormarsch und die Regel der Revitalisierung im 20-Jahres-Rhythmus, die besagt, dass keine kulturelle Erscheinung länger als 20 Jahre verschwindet, bedeutete, dass Acid House und Rave-Kultur wieder zum Vorschein kommen mussten. In Großbritannien war das jedoch anders als in den USA—niemand in den USA hat angefangen, sich wie ein farbenfroher Punk zu kleiden, nur weil er einen Song von The Rapture gehört hat. New Rave war im Prinzip die britische Version von EDM, nur dass weniger Leute dadurch gestorben sind.

Was aber zunächst als Witz des Musikjournalismus begann, wurde bald ein Witz über Musikjournalismus. Der Hunger auf New Rave als Antithese zum Normcore-Brit-Indie, der vorher angesagt war, war groß. Der NME hat angefangen, von Shockwave gesponserte Rave-Touren zu veranstalten. Ein ganzes Magazin, SuperSuper, und seine Coverstars—Leute wie Niyi und Namalee—schienen nur in diesem ironischen Rahmen zu existieren.

Was als Verarschung begann, wurde viel zu real. „Die ganze Idee von New Rave war, die Miedien zu verarschen, indem man sie dazu bringt, über etwas zu sprechen, das es nicht gibt“, haben die Klaxons in den fortgeschrittenen Tagen des Genres in einem Interview gesagt, zur selben Zeit, zu der sie praktisch Ketzerei begangen und Glowsticks von ihren Konzerten verbannt haben.

Im Prinzip wurde etwas, das Jamie Reynholds und ein paar VICE-Autoren mal auf einer Party gesagt haben, zu einem Album, auf dem man die DJ-Presets eines Yamaha-Kinderkeyboards hört und was den Mercury Prize gewonnen hat. Wenn das nicht Trolling ist, was dann?

CHILLWAVE

Viele Genres haben als Insiderwitz bei Tumblr angefangen, aber Chillwave klingt eher, als wäre es erfunden worden, um den Seufzer eines Grafikdesign-Studenten, der ein Foto bei Instagram hochlädt, musikalisch zu begleiten. Die Phrasen und Klischees, die in fast jedem Review oder Blog-Post über einen der Vertreter auftauchen, vermitteln dir einen Eindruck von dessen Klang. „Soundscapes“, „dreamy“, „lush“, „glowing“, „sun kissed“. Das ist Nostalgie, die von Leuten präsentiert wird, die zu der Zeit, auf die sie sich beziehen, noch gar nicht auf der Welt waren. Musik, die fast ausschließlich von weißen Männern gemacht wird, die in ihren nach Feng Shui eingerichteten Zimmern mit ihren Laptops rumspielen.

Chillwave wurde von Hipster Runoff erfunden und am Leben gehalten, einer Website, deren Absicht es war, jeden Hirnlosen im Musikgeschäft zu trollen. Der größte Coup von Chillwave ist nicht die Tatsache, dass es ein Trick ist, sondern dass die Erfinder ihre Fans haben glauben lassen, dass es eine Lebenseinstellung ist. Alte Typen aus Luxemburg oder so haben die Welt glauben lassen, dass sie die Zukunft der Musik sind und einsame Rumänen haben angefangen, ihre Helden online zu stalken. Wunderbar.

SEAPUNK

Wenn du eine Liste von all dem machen müsstest, das Punks nicht mögen, dann würde das Meer wahrscheinlich ziemlich weit oben stehen. Hast du jemals einen Punk am Strand gesehen? Nein, hast du nicht. Wie sollen sie auch Bad Religion-Aufnäher auf ihre Badehose bekommen? Das ist der Grund, warum Seapunk in den friedvollen Tagen von 2012 so ein verwirrender Trend war; Crusties haben beschlossen, ihre Haare blau, grün oder türkis zu färben—wie das Wasser. Verbreitete Mode-Entscheidungen waren Ying und Yangs, Smilies und verschiedene, zusammengewürfelte religiöse Ikonografie.

Die New York Times hat Seapunk einen „Internetwitz mit Musik“ genannt—was ziemlich genau passt, da Unicorn Kid im Prinzip der einzige musikalische Export der gesamten Szene ist und selbst er hat mittlerweile die Segel gestrichen. Das bedeutet aber nicht, dass Seapunk nicht in das Musik-Bewusstsein vorgedrungen ist: Rihanna hat sich den Look für eine Performance bei Saturday Night Live angeeignet und auch Azealia Banks hat nach 2012 kurz versucht, auf den Zug aufzuspringen.

AQUACRUNK

Blogger lieben Genres; es gibt sogar ein T-Shirt für sie, um zu zeigen, wie viele sie kennen.

Aquacrunk wurde zum Leben erweckt, indem ein Glasgower Produzent den Begriff als einen ironisch gemeinten Weg, eigentlich nichts wirklich zu beschreiben, auf einen Flyer gedruckt hat. Kurz danach sind die Blogger auf den Zug aufgesprungen, Essays und Guardian-Artikel über das „wässrige“, neue elektronische Musikphänomen tauchten auf und haben Rustie, Zomby und Hudson Mohawke in dieses nicht existierende Schaumbad geworfen.

Unglücklicherweise hat niemand das Genre wirklich Aquacrunk genannt, stattdessen haben die Beteiligten den Begriff „Wonky“ gewählt, was ehrlich gesagt ein noch schlimmerer Name ist und beweist, dass die Künstler nicht für ihre eigene Kategorisierung verantwortlich sein sollten.


FLUTEDROP

Flutedrop ist die Erfindung des spanischen Produzenten Edmundo van Osteban III, aka DJ Detweiler. Detweiler, der aussieht wie die Art von Typ, der deine Mutter angraben würde, nachdem du ihn explizit darum gebeten hast, dies nicht zu tun, kombiniert moderne Dance-Klassiker mit der längst vergessenen Kunst des Recorders, um etwas gänzlich Neues und wirklich Dauerhaftes zu erschaffen. Er hat Miley den #flutedrop verpasst, er hat TNGHT den #flutedrop verpasst, ja, er hat sogar „Chariots Of Fire“ den #flutedrop verpasst.

Wir hören jetzt nur noch Flutedrop.

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