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Musik, Frauenfeindlichkeit und der Studentenclub, der Misshandlungen verkauft

Witze über Vergewaltigungen sind nicht witzig. Auch nicht, wenn sie als Werbung für eine Studentenparty benutzt werden.

von Ruth Hardy
04 November 2013, 3:00pm

Vor kurzem fand in Leeds eine Studentenparty unter dem Namen „Freshers Violation“ statt. Die Party wurde von Tequila UK organisiert. Die Promoter des Clubs fragten die männlichen Besucher der Party vor laufender Kamera, wie sie planten, einen „Fresher zu verletzen“. Mit Fresher (kurz für Freshman = Erstsemester) meinten sie natürlich junge Mädchen, die gerade frisch von Zuhause ausgezogen sind und das erste Mal in ihrem Leben einen Club betreten.

Im Video sagt ein Typ über ein Mädchen, das nicht weit weg steht: „Ich werde ihr meine Faust in den Arsch stecken. Sie wird es nicht mal merken.“ Ein anderer lacht über den Ausdruck „Violation“ und meint: „Verletzten ist ein hartes Wort, ich werde sie benutzen.“ Wieder ein anderer zeigt auf das Mädchen vor ihm (sie kauft ihm gerade einen Drink) und meint: „Die wird vergewaltigt.“

Das Video war auf dem YouTube-Channel von Tequila zu sehen, bevor es dann ziemlich plötzlich entfernt wurde. Es wurde erst durch eine zensierte Version ersetzt und dann wieder gelöscht, genau wie eine ganze Reihe anderer Videos auf dem Channel. Es folgte eine ziemlich verwirrende Entschuldigung, in der Tequila aussagten, das Video sei „bedauerlich und verabscheuungswürdig“, aber ebenso Dinge wie: „Es ist der Filmemacher, der über den endgültigen Schnitt entscheidet.“

Die Leute von Tequila sind also entweder ziemlich schlecht organisiert und haben niemanden, der ihr Werbematerial noch einmal durchgeht, bevor es veröffentlicht wird, oder sie lügen. Wie auch immer, ein paar Leute konnten sie mit dieser Entschuldigung sogar überzeugen. Jennie Pritchard, Kulturjournalistin des Magazins der Universität Leeds, schreibt, dass sie „wirklich ziemlich sauer darüber war, dass Tequila eine so brutale und beleidigende Sprache als Marketingstrategie verwendet haben—egal was sie sagen, das Video promotet einfach Vergewaltigung.“

Das Video ist ein ziemlich ödes Beispiel für den Ethos des Unternehmens, aber überhaupt nicht fehl am Platz, um es zu beschreiben. Sie sind kein großartiges oder progressives Spaßunternehmen, das nur in diesem Video plötzlich und unerwartet etwas unpassend wurde, weil es Witze über Vergewaltigungen machte. Tequila UK, eine Agentur, die völlig unabhängig von jeglichen Alkoholmarken oder ähnlichem arbeitet, verdient mit der Erniedrigung von Frauen Geld. Weibliche Studenten werden ermutigt sich auszuziehen, auf die Bar zu legen und sich mit Sahne einzureiben, während davon Fotos gemacht werden und Kerle Shots von ihrem Körper trinken. Auf den Bildschirmen im Club werden Pornos gezeigt und spärlich bekleidete Frauen bieten dir einen Lap Dance an. Die ehemalige Studentin Michelle Mullarkey fragt sich, warum es „so etwas Extremes und Kriminelles geworden ist, Tequila und ihren Ethos in Frage zu stellen? Die komplette Marke ist auf der Idee entstanden, dass es lustig ist, Frauen zu erniedrigen und als Objekte anzusehen.“

Bei einer kleinen Recherche zur Geschichte der Agentur stellte sich heraus, dass es immer wieder Vorfälle von Frauenfeindlichkeit gab. Wie zum Beispiel bei diesem Status, den das Unternehmen im Mai dieses Jahres auf seiner Facebookseite veröffentlichte:

Bleibt sachlich!

Tequila sagten in ihrer Entschuldiung, dass sie „die letzten 20 Jahre lang Studenten dazu ermutigt haben, eine positive Erfahrung beim Feiern in Leeds zu machen“. Im Kontrast dazu steht Jennies Erfahrung mit Tequila. „Du gehst da als Frau hin und wirst dazu animiert, auf die Bar zu steigen und Body Shots zu vergeben, dann füllen sie dich mit Alkohol ab und ermutigen dich dazu, dich auf die lächerlichste Art und Weise zu verhalten.“

Und ihr müsst wissen, dass es dabei nicht um einen Sex-Club geht, in dem sich gelangweilte Erwachsene treffen. Das Ziel von Tequila ist es, durch junge, weibliche Besucher sexuelle Befriedigung für männliche Besucher zu schaffen. Die meisten Teilnehmer der „Student Nights“ sind unter 21. Die Erstsemester, die „violated“ wurden, waren gerade mal 18 oder 19 Jahre alt.

Um Tequila die Chance zu geben, sich zu verteidigen und ihr offizielles Statement zu verstärken, habe ich das Unternehmen kontaktiert und ein Interview angefragt. Nachdem sie anfangs sagten, dass sie versuchen würden, jemanden zu finden, der sich mit mir unterhalten könnte, wurden sie schnell still und ignorierten meine nächsten fünf Emails, drei Anrufe und zwei Mailbox-Nachrichten. Offenbar gab es niemanden, der sich mit mir unterhalten konnte.

Letzte Woche twitterte ich:

Einen Tag später bekam ich folgende Email von Tequila:

Ich antwortete, dass die Möglichkeit eines Interviews immer noch bestehe, wenn sie mir ihre Sicht der Dinge erklären möchten. Daraufhin gaben sie folgenden Kommentar ab:

Wir bieten eine sichere Umgebung, in der sich alle Studenten wohl fühlen und den Abend genießen können. Wir kümmern uns um jeden, der an unserer Tür klopft. Alle sind gleichberechtigt und wir sind stolz, dass es die letzten 21 Jahre in keiner unserer Studentennächte zu sexuellen Vorkommnissen gekommen ist.

Außer den Vorkommnissen, über die sich alle Welt auf eurer Facebook-Seite lustig macht, offensichtlich.

Georgia Greenfield, eine Studentin aus Leeds, sagt, dass sie sich bei Tequila überhaupt nicht sicher fühlt. Eines Abends ging sie feiern und da waren zwei weibliche Stripper auf einem Tisch—der Abend war nicht als Strip Night oder ähnliches angekündigt, sondern als ein ganz normaler Club Abend. Ein anderes Mal fragte Georgina den Barkeeper nach dem Konzept dahinter:

„Ich fragte ‚Muss ich einfach nur auf die Bar springen, um einen Tequila umsonst zu bekommen?’ Er sagte ‚Ja, so ungefähr.’ Dann schmierten sie mich überhall mit Sahne ein und brachten Leute dazu, Shots von meinem Körper zu trinken. Ich versuchte, keine Kerle an mich heranzulassen und schob sie weg, aber das Ganze war trotzdem unangenehm und schockierend. Die Typen, die dort arbeiteten, machten sich nicht wirklich Sorgen um mich oder darüber, was mit mir passiert.“

Der Club in dem die Tequila Night in Leeds stattfand, spricht sich ebenso von der Verantwortung frei. „Wir haben mit der Promotion nichts zu tun. Das Video wurde von einer externen Marketingagentur gedreht.“ Sie geben keine Aussage dazu ab, ob sie weiterhin Partys von Tequila UK veranstalten werden oder nicht.

Das Schlimmste an diesen Tequila Events sind nicht die Schandflecke auf der reinen Weste eines bestimmten Clubs, der sonst für Gleichberechtigung bekannt ist. Nein, es gibt hunderte dieser bescheuerten Nächte über das ganze Land verteilt, bei denen ernsthafte Frauenfeindlichkeit hinter dem Schein „Wir sind alle betrunken und es ist lustig“ versteckt ist.

Sexuelle Belästigung von Studentinnen ist fast schon zu einer Epidemie geworden. In einer aktuellen NUS-Umfrage berichteten 68% der Befragten, schon einmal in der Nähe ihrer Hochschule sexuell belästigt worden zu sein, während 19% angaben, dass es beim Feiern mit ihren Kommilitonen passierte. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Dass Kerle gegen deinen Willen deinen Arsch angrabschen, passiert so häufig, dass es fast nicht mehr erwähnenswert ist. Als Georgina auf einem Tequila-Abend war, passierte Folgendes: „Irgendein wildfremder Typ fasste mir an den Arsch und lachte nur, als ich sauer wurde.“ Manchmal ist die Reaktion, die du von den Typen bekommst, wenn du etwas dagegen tust, noch schlimmer als ihre Berührung—als wärst du lächerlich und würdest keinen Spaß verstehen.“

Die Situation ist allerdings weitaus komplexer, als dass man nur die Clubs dafür verurteilen dürfte, solche Studentenpartys zu feiern. Das Marketing und die komplette Grundeinstellung von Clubs wie Tequila sind gravierend und die Schuld des Managements sollte in keiner Weise gemildert werden. Aber die Situation muss unter Einbezug der aktuellen Studentenkultur betrachtet werden. Witze über Vergewaltigungen in einem Promotionsvideo werden allgemeingültig als inakzeptabel verurteilt, aber der ganze Rest—nuttige Kleidchen und so betrunken, wie nur möglich zu sein—sind wesentliche Bestandteile der studentischen Erfahrungen.

Seit den 80ern, in denen vor allem Aktivismus und Proteste die studentische Kultur geprägt haben, hat sich sich das, was es bedeutet ein Student zu sein, sehr verändert. Die Gegenkultur heutiger Studenten scheint auf Subway und Sub Focus zu beruhen. Natürlich sind nicht alle Studenten so und viele lehnen sich gegen diese Stereotypen auf, aber diese kulturlose und apathische Form von Frauenfeindlichkeit gedeiht weiter. Es wäre auch falsch zu sagen, dass der Sexismus in der Club-Industrie der einzige Grund für die Kulturlosigkeit der Studenten ist. Er ist Teil der grundlegenden Frauenfeindlichkeit und findet in der Nacht nicht nur für Studenten statt. Aber Studenten haben sich eben von politisch progressiven Kämpfern zu einer Ursache des Problems gewandelt.

Studentenpartys müssen von der Gruppe an Leuten, dem Abschaum, der die LAD Bible lustig findet, zurückgewonnen werden. Andernfalls werden Clubs weiterhin Frauen als Marketingstrategie benutzen, statt sie zu schützen. Und Unternehmen wie Tequila UK werden mit ihren ermüdenden Vergewaltigungswitzen und Frauenfeindlichkeit unter dem Schein von #banter (=Scherz) davon kommen. Wie wäre es also, wenn wir den Idioten, die denken einen Blowjob zu bekommen, wäre das größte menschliche Streben und damit der einzige Sinn ein Student zu sein, einfach außer Acht lassen?

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