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Wir haben österreichische Bands nach der Sinnhaftigkeit von Bandcontests befragt

Sind Bandcontests der allerletzte Scheiß?

von Mario Graf
07 September 2015, 8:00am

Foto via Flickr | All the Rock | CC BY-ND 2.0

Irgendwann kommt der Moment, in dem auch deine Band der Versuchung eines Contests nicht widerstehen kann. Aber das ist OK—die Angebote sind schließlich mehr als verlockend: Große Bühnen, sattes Preisgeld, bezahlte Video -und Albumproduktion oder neue Instrumente—da fängt jeder Musiker zu sabbern an, inklusive mir. Vor allem die Vorstellung des Rockstar-Image wird wunschlos befriedigt. Also, was spricht dagegen? Vielleicht ist deine Band ja das unentdeckte Talent, das nur darauf wartet, endlich von den richtigen Ohren gehört zu werden. Gibt dir so ein Contest also die Chance, endlich den fehlenden Schritt in den berechtigten Ruhm zu machen?

Veranstalter rücken Bandcontests in ein heroisches Licht. Sie sind diejenigen, die den kleinen Bands die Tür des Unvorstellbaren öffnen, oder zumindest einen Blick durch ein Guckloch ermöglichen. Da wird doch jeder neugierig. Die Werbeplakate dieser Contests sind von Sponsoren versehen, die mit Geschenken und Spenden für den attraktiven Gewinnpreis sorgen. Das macht den Nichtantritt extrem schwierig. Der Aufbau ist ganz simpel: Für gewöhnlich besteht so ein Contest aus Vor- und Finalrunden. Die Bewertungen—und somit die Entscheidung, ob du weiterkommst—bestimmt heutzutage das Voting der Fans, sprich deine treuesten Freunde und eine Jury. Das gibt Bands den nötigen Ansporn so viele Karten wie nur möglich zu verchecken. In den Vorrunden kommen zwei oder drei Bands von vier weiter. Das starke Engagement zeigt ein beliebtes Bild und vermittelt, dass unter einem großen Publikum mögliches Fan-Potenzial stecken könnte.

Ob du weiterkommst oder nicht—Jubel und Glanzmomente sind in diesem Erlebnis inkludiert. Die Hoffnung, nächstes Jahr vielleicht noch weiter zu kommen oder sogar zu gewinnen, gibt dir vielleicht einen Grund, es wieder zu probieren. Ich muss zugeben, dass das Halbfinale und Finale solcher Bandcontests sehr spannend ist. Da trifft man Bands, die durchaus das Potenzial haben, in der Szene weiterzukommen. Wir haben uns mit Teilnehmern von unterschiedlichen Contests unterhalten.

Seek & Destroy

Foto von Seek & Destroy

Seek & Destroy aus dem schönen Burgenland—genauer gesagt, aus dem berühmt berüchtigten Hood „Kuigrobn“—waren Gewinner des America In Wait-Contests 2005. Ihr nächster Gig findet am 11. September in Deutschkreutz statt.

Was hat euch dazu bewogen bei einem Bandcontest mitzumachen, was waren eure Erwartungen ?
Wir waren jung und brauchten das Geld! Nein, also 2005—mit zarten 16 beziehungsweise 15 Jahren—wollten wir einfach raus aus dem Proberaum und rein ins Vergnügen. Ziel war es, einer größeren Anzahl von Leuten unsere Musik zu präsentieren, und wo funktioniert so etwas besser, als bei einem Contest, wo Fachleute, andere Bands und natürlich die Crowd zusammenkommen. Im Burgenland gibt es den America Is Waiting-Contest, den wir 2005 überraschenderweise gewonnen haben und als Zuckerl in Wiesen am Festivalgelände spielen durften. Die Hosen waren gestrichen voll, da wir noch nie auf so einer fetten Bühne stehen durften.

Bandcontests sollen ja das Talent von Künstlern widerspiegeln. Habt ihr das Gefühl, dass das auch passiert?
Leider gibt es auch Wettbewerbe, die gezielt nur auf Kohle aus sind. Das heißt, Bands müssen Unmengen an Karten verkaufen und verschaffen sich dadurch bessere Startpositionen beziehungsweise, höhere Gewinnchancen! Somit zählt das wahre musikalische Talent nicht mehr, sondern nur noch das Talent Karten anzudrehen. Klar muss sich auch ein Contest finanzieren... hat ja nur geschätze 1.233 Sponsoren so ein Bewerb.

Gibt es Unterschiede in Bandcontests zu früher?
Geändert hat sich meiner Meinung, dass die Bands heutzutage qualitativ besser unterwegs sind als damals. Die heimische Szene wird von Jahr zu Jahr stärker und muss sich nicht verstecken. Von den Veranstaltern her wahrscheinlich nicht viel, es gab damals kommerzielle Bewerbe so wie heute, jedoch war der Themenschwerpunkt früher wirklich bei der Musik. Wir haben früher auch Bewerbe in St.Pölten gespielt und mussten, beziehungsweise, sollten Karten verkaufen, damit wir überhaupt eine Chance auf den Sieg. Karten haben wir dann 0 Stück verkauft und sind dann „überraschenderweise“ von der Publikumswertung letzter geworden. Da uns aber die Jury auf Platz 1 wählte, waren wir glücklicherweise in der nächsten Runde.

Was hat sich durch euren Sieg geändert? Habt ihr das Gefühl, dass ihr stark profitiert habt? Gab es auch negative Auswirkungen?
Damals haben wir stark davon profitiert! Wir waren damals einer der jüngsten und aufstrebendsten Bands in Österreich, waren ständig unterwegs und die Zuseher packten diese Jungs nicht ganz. Kaum selber Schuhe binden können, was der ein oder andere in derr Band noch immer nicht kann, hatten noch wenig Schambeharrung, aber spielten Metal wie die Sau! Bis heute bereuen wir unsere Auftritte auf diversen Wettbewerben nicht. Es war immer spannend und lehrreich und neue Freundschaften kamen immer noch zustande. Unser nächster Contest wird noch nebenbei der Eurovision Song Contest sein.

Boon

Boon | Foto von Martin Sommer

Boon sind mit Abstand eine der Größten der österreichischen Bandcontest-Schiene. 2010 spielten sie sogar als Support für AC/DC in Wels. Im April diesen Jahres haben Boon ihre neue EP Red Alert rausgebracht.

Warum habt ihr mitgemacht?
Bei uns ist das schon etwas länger her. Wir haben uns 1999 für den Austrian Bandcontest angemeldet und haben es bis ins Finale im Mai 2000 geschafft, das wir damals auch gewonnen haben. Da die Band erst kurz davor gegründet wurde, war es eine gute Gelegenheit uns live zu präsentieren. Eine Erwartung gab es eigentlich nicht.

Bandcontests sollen ja das Talent von Künstlern widerspiegeln. Hab ihr das Gefühl, dass ihnen das gelingt?
Dafür sind die Bands selbst verantwortlich. Wir besuchen aus Interesse selbst regelmäßig Bandcontests. Da sieht man teilweise Bands, bei denen man sich denkt, „Wow, was machen die hier, die gehören ins Radio und auf internationale Bühnen“. Bei anderen sieht man, dass die noch viele Stunden im Proberaum verbringen sollten, um an sich zu arbeiten. Also gelingt das im Großen und Ganzen eigentlich schon.

Habt ihr Verbesserungsvorschläge?
Bei Contests arbeiten meistens Leute, die jahrelange Erfahrung in Sachen Bandcontest haben. Leute, die vielleicht auch selbst in Bands spielen oder gespielt haben. Ich glaube, dass man sich da schon Mühe gibt, um den Musiker eine gute Auftrittsmöglichkeit zu bieten.

Was hat sich durch euren Sieg geändert? Habt ihr das Gefühl, dass ihr stark profitiert habt? Gab es auch negative Auswirkungen?
Negatives gab es eigentlich nicht. Wie gesagt, bei uns war der Sieg im Jahr 2000. Damals hat es uns definitiv geholfen den Namen Boon in Österreich zu verbreiten. Das wäre damals ohne den Contest nicht so einfach gewesen. Unter anderem war es für Boon schon immer sehr wichtig, viel live zu spielen, um unter Leute zu kommen. Sehr wichtig ist es auch nicht aufzugeben. Im Jahr 2000 hätten wir niemals gedacht dass wir AC/DC auf ihrer Tour in Österreich/Deutschland supporten dürfen und dass wir andere große Bühnen mit anderen großen Bands im In- und Ausland Teilen dürfen.

It´s The Lipstick On Your Teeth

Foto von It's The Lipstick On Your Teeth

Viktor ist Gitarrist von It's The Lipstick On Your Teeth und erzählt uns seine Erfahrungen, die er bei einem Bandcontest gemacht hat.

Warum habt ihr da mitgemacht und was wolltet ihr davon?
Ruhm, Ehre und die Welt sollte natürlich endlich realisieren, dass wir das Großartigste überhaupt sind. Waren wir nicht, werden wir auch nie sein und natürlich gibts die Band von damals auch schon lange nicht mehr. Wie so oft war ein Bandcontest, eine einfache Art an einen der sehr rar gesäten Auftritte zu kommen. Da es keinen Ticketdeal gab, war das im Nachhinein auch ganz OK. Natürlich waren wir unglaublich schlecht, aber es war eine wichtige Erfahrung.

Wie war das so?
Stressig, tragisch, alkoholisch. Unsere Konkurrenz waren zwei Bands, deren Durchschnittsalter sich absolut über dem erwarteten Alter einer Bandcontest-Band bewegte und eine Techdeath-Kapelle. Als wir dann mit unserem „Jeder Song ist ein drei Minuten Breakdown” die Vorentscheidung gewonnen haben, wollte der Gitarrist besagter Techdeath-Band nicht mal mehr mit mir reden, obwohl ich ihm nach ihrem Auftritt ob seiner Skills gratuliert habe. Unsere Rumhampelei auf der Bühne war wohl das bessere Verkaufsargument.

Bandcontests sollen ja das Talent von Künstlern widerspiegeln. Hast du das Gefühl, dass ihnen das gelingt?
Nein. Vor allem seit den neu etablierten nennen wirs mal „monetarisierungsoptimierteren“ Methoden, wie Publikumsvoting durch verkaufte Karten oder gar, dass jede Band Karten selbst verkaufen muss, geht es absolut nicht mehr um die Kunst. Das Fließbandabfertigen von acht Bands am Abend hilft auch nicht beim Ausdruck der inneren Vision. Das ist dann eher die Trauerschau bei der alle Bands, die das reguläre Musikszenen-Game nicht spielen wollen oder können, auch mal auf die Bühne kommen.

Hast du Verbesserungsvorschläge?
Ja, Bandcontests weg, einfach Free For All-Abende, die pro bono organisiert werden—durch eine Jugendförderung oder Ähnliches. Es ist noch nie eine Contest-Band groß geworden oder hätte was von Wert erzeugt. Sogar alle One Direction-Typen sind ja rausgeflogen und haben erst dann eine Band gemacht. Kunst muss von Menschen für Menschen kommen, das gegeneinander aufstacheln kann und sollte man RTL überlassen.

Würdest du es nochmal versuchen?
Heute? Nein, außer vielleicht um vier Minuten Breakdowns zu spielen und damit die nächste zu Techdeath-Band zu ärgern.

Terra Toma

Terra Toma | Foto von Joanna Pianka

Die Alternative Metal-Band Terra Toma hat auch schon Erfahrungen in gewissen Bandcontests gesammelt. Im Juni diesen Jahres veröffentichten sie ihren neuen Release 7 Rock Standards. Bezüglich Bandcontests geben sie folgendes Statement ab:

Bandcontest-Teilnehmer werden nicht an der Qualität ihrer Musik oder Kunst gemessen, sondern an der Höhe ihrer Sozialfähigkeit. Je mehr Haberer und Social Networking-Skills du hast, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass du was bei diesen Wettbewerben reißt. 95% aller wichtigen Bands haben das natürlich nicht, besonders zu ihren Karriereanfängen.

Es ist klar, dass manche Bands von Contests profitiert haben—Wettbewerbe können ja für viel Promotion sorgen. Die Sinnhaftigkeit liegt alleine in der Ausführung—die Frage stellt sich nämlich von selbst: Wozu sollte man dort mitmachen, wenn es nichts anderes als ein Popularity-Contest ist? Meistens besuchen sie Freunde, Schul- oder Studienkollegen, geben ihre Stimmen ab und verpissen sich anschließend wieder. Daraus folgt, dass gut besuchte Hallen nach Auftritten mancher Bands wieder komplett leer werden, bevor die nächste beginnen kann. Soll das echt den Sinn dieser Sache widerspiegeln? Es ist beachtlich, wie viel Geld in so ein hirnverbranntes System fließt. Ich frage mich, ob die ganze Mühe nicht effektiver investiert werden könnte. Wahrscheinlich schon, schließlich nimmt diese Art der Ausführung einem Konzert alles wofür es eigentlich steht—Musik.

Ist es aber für Bands generell gesund, sich von einer Jury bewerten zu lassen? Sind nicht gerade so viele von ihnen groß geworden, weil sie eben ihr völlig eigenes Ding abzogen? Jede Band muss ihren eigenen Sound finden und das tun woran sie glaubt. Viele berühmte Musiker behaupten, dass sie nie vorhatten erfolgreich zu werden, sondern dass Ruhm nur ein Nebeneffekt ihrer Leidenschaft zur Musik war. Aber auch ich habe mein Glück in solchen Contests versucht und bin elendlig gescheitert—vielleicht bin ich ja einfach nur angepisst, dass ich mit meiner Band nicht gewinnen konnte und nur deshalb zu dieser Erleuchtung gekommen bin.

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