Straight Outta Compton—Xatar, Afrob und Koljah über den Einfluss von N.W.A. auf Deutschrap

„Straight Outta Compton hat die Musik, die es bis dato gab, anal entjungfert.“

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28 August 2015, 10:15am

Als „world's most dangerous crew" ging N.W.A. Ende der 80er-Jahre in die popkulturelle Geschichtsschreibung ein: Sittenwächter waren geschockt, das FBI fühlte sich bedroht, die amerikanische Ghetto-Jugend sich endlich verstanden. Dank Straight Outta Compton eroberte die Band mit Dr. Dres frühem, brachialem Soundentwurf erst die unterprivilegierten Slums der Westküste und von dort aus den Mainstream. Obwohl DJ Yella, MC Ren, Ice Cube, Eazy-E und Dr. Dre der Rapwelt nur zwei Studioalben hinterließen, ist ihr Impact zweieinhalb Jahrzehnte und einige Gerichtsverfahren später ungebrochen; ihr politischer Aufschrei in Zeiten, in denen konstitutioneller Rassismus noch immer die freiheitliche Gesellschaftsordnung der USA bedroht, nicht weniger aktuell.

Wenn dieser Tage das langangekündigte Hollywood-Drama über N.W.A., es heißt wie angesprochenes Debüt Straight Outta Compton, in die Kinos kommt, dann werden sich auch die Feuilletons, die sich früher von den Gangstarap-Urhebern distanzierten, mit Lobeshymnen über die wichtigste Rap-Crew aller Zeiten überschlagen. Friday-Regisseur Gary Gray, der bereits Musikvideos für Dr. Dre und Ice Cube abdrehte, orientierte sich an den Originalschauplätzen und Anekdoten und bezog die Crew-Mitglieder in alle Details des Films mit ein. Entstanden ist ein Biopic, das die Bandgeschichte von den ersten Studiosessions, über den Multiplatin-Erfolg, den Konflikt mit den amerikanischen Behörden bis hin zu den Rodney King Riots nacherzählt. Klar, dass N.W.A., die von ihrem Selbstverständnis aus immer „reality rap" machten, auch die verschiedenen Generationen an deutschen Rappern beeinflussten. Wir haben zum Filmstart des Films deshalb mit Xatar, Afrob und Koljah von der Antilopen Gang über die Bedeutung, die N.W.A. für sie als Musiker hatte, gesprochen.

XATAR


Foto: Sandra Stein

Noisey: Erinnerst du dich daran, wie du das erste Mal N.W.A. gehört hast?
Xatar: Das war bei uns im Viertel, im Auto eines der älteren Jungs. Er fuhr einen alten 560 SEC Benz. Ich war noch ein Kind und alle standen um seine Karre, um den Sound zu checken. Ich hätte durch die älteren Jungs erfahren, dass das echte Gangsta sind, die da rappten und es darum ging, dass Bullen beleidigt wurden. Das fanden alle übertrieben.

Wie schätzt du den Einfluss ein, den die Gruppe auf die spätere Entwicklung von Gangstarap nahm?
Der Einfluss war fundamental, da dort kompromisslos gegen das System gerappt wurde. Und das in echter Sprache, ohne diese für die breite Masse anzupassen. So etwas konnte ich als jemand von der Straße dann auch endlich fühlen.

Haben Alben wie Straight Outta Compton heute an Aktualität verloren?
Alben wie dieses können nicht an Schlagkraft verlieren, da sie die Musik, die es bis dato gab, anal entjungfert haben. Dieser „Fakt" bleibt für immer bestehen.

Konntest du dich mit den Inhalten von N.W.A. als Jugendlicher identifizieren?
Absolut: mit dem Hunger, dem kriminellen Kampf ums Überleben und den Hass gegen das System.

Wie hat dich ihr Sound als Musiker beeinflusst?
Der N.W.A.-Sound hat mich gar nicht mal so beeinflusst, das war dann eher der Sound, den Dr. Dre nach N.W.A. bei Death Row an den Start gebracht hat. Hier wurde das erste Mal Rap auf übermusikalische Instrumentals gekickt. Dieser Ansatz prägt unsere Musik bei Alles Oder Nix noch bis heute.

Wer war der bessere Rapper: Eazy-E oder Ice Cube?
Naja, die Lyrics stammen ja in beiden Fällen von Ice Cube. Aber trotzdem hat mir Eazys Stimme und seine Attitude immer mehr zugesagt.

Dein Lieblingstrack und Lieblingszeile von N.W.A.?
Das ist „Approach To Danger“ mit der Zeile: „With everybody thinking of death/I kept working, to be one of the last niggaz left“.

KOLJAH (ANTILOPEN GANG)


Foto: Gergana Petrova

Wann hast du das erste Mal N.W.A. gehört?
Koljah: Das Erste, was ich von N.W.A. mitbekam, war das Villain In Black-Soloalbum von MC Ren, das mir mit 11 oder 12 zufällig in die Hände geriet. Die düstere Stimmung des Albums fand ich schwer beeindruckend. Kurz darauf organisierte ich mir Eazy-Es Album Eazy-Duz-It, da war es endgültig um mich geschehen. Weil dieser gefährliche, kleine, freche Mann das Beste war, was ich je gehört hatte. Diese auf-alles-scheißende-Gangsta-Attitüde war genau das Richtige für vorpubertäre Spinner, zumal man—wie schlecht das eigene Englisch auch war—Schlüsselworte wie „Motherfucker" schon ganz genau verstand. Wirkliche N.W.A.-Alben habe ich erst danach kennengelernt. Zuerst Efil4Zagggin, wo mich vor allem die krasse Produktion beeindruckte. Hier packte Dre ja das erste Mal G-Funk aus. Für mich war das der erste US-Rap, den ich gefeiert habe und den ich bis heute noch am liebsten höre.

Wie schätzt du den Einfluss von N.W.A. auf die spätere Entwicklung von Gangsta-Rap und »politischen Rap« ein?
Schoolly D hin oder her: N.W.A haben Gangstarap erfunden und maßgeblich geprägt. Das gilt für die Lyrics von Ren und Cube und natürlich auch für die Produktionen von Dre. Dieser Fakt ist so banal, dass man das nicht weiter ausführen muss. Denkt man an Songs wie „Fuck Tha Police" und das, was sie damals auslösten (Stichwort FBI), war Gangstarap danach nur noch selten so politisch, das hat sich auf spätere Vertreter des Genres kaum ausgewirkt. Wobei man dazu sagen muss, dass N.W.A nie so was wie Kapitalismuskritik betrieben haben, im Gegensatz zu Public Enemy. N.W.A wollten klassisch vom System profitieren und reich werden. Hat teilweise ja auch geklappt.

Haben Alben wie Straight Outta Compton heute an Aktualität verloren?
Klar, das Album ist von 1988 und heute ist alles anders. Jemand, der heute mit Rapmusik aufwächst, wird die Schlagkraft, die Straight Outta Compton bei seiner Veröffentlichung hatte, vermutlich nicht mehr nachempfinden können. Mir selbst sind die damals sicher revolutionären Beats sogar auch ein bisschen zu Old School, ich hab da trotz des Ausstiegs von Ice Cube eigentlich immer Efil4zaggin favorisiert. Eigentlich ist aber gerade Cube ein Rapper, dessen unglaubliche Präsenz am Mic bis heute selten erreicht wird.

Inwiefern konntest du dich mit den Inhalten von N.W.A. als Jugendlicher identifizieren?
Ach, ich hab das einfach für gefährlich und rebellisch gehalten, ohne da tiefer einzusteigen. Mit meiner Lebensrealität hatte das natürlich überhaupt nichts zu tun. Aber Gangstarapper, die mit Waffen posen und viele Schimpfwörter sagen und auf nichts einen Fick geben, bieten natürlich 'ne super Projektionsfläche für einen gelangweilten Düsseldorfer Teenager wie ich es damals war.

Wie hat dich der Sound von N.W.A. als Musiker beeinflusst?
G-Funk ist bis heute mein Lieblingsrapsound, insofern hat mich noch viel mehr als N.W.A der Sound von den ersten beiden Dre-Alben beeinflusst. Wie auch das von ihm produzierte Doggystyle-Album von Snoop. Das ist genau mein Ding.

Gehört Eazy-E für dich in die Top 5 der besten Rapper aller Zeiten?
Er ist auf jeden Fall der beste Charakter, den Rap hervorgebracht hat und vielleicht auch mein Lieblingsrapper. Seine Stimme, seine Attitüde, sein ganzes Image sind auf jeden Fall als Gesamtpaket ungeschlagen und waren was krass Neues. Aber klar gab es bessere Rapper als ihn, er hat ja auch seine Texte nicht selbst geschrieben. Der Typ war eigentlich kein Rapper sondern ein Dealer und wollte nie ein Rapper sein. Die Story, wie er aus der Not heraus das von Cube geschriebene „Boyz In The Hood“ einrappte und die da irgendwie nächtelang Zeile für Zeile aufnehmen mussten, ist ja bekannt. Mit der Zeit hat Eazy aber auch immer besser geflowt. Gerade sein letztes Album, Str8 off tha streetz of muthaphuckkin compton, zeigt das auch noch mal. Da war übrigens einer der besten Songs drauf, eine oft vergessene Quasi-N.W.A-Reuninon: „Tha Muthaphuckin Real" mit Ren und Yella.

Dein Lieblingstrack und Lieblingszeile von N.W.A.?
Lieblingstrack ist schwierig, vielleicht „Real Niggaz Don't Die". Lieblingszeile: „Me and Lorenzo rollin' in a benzo". (lacht) Da gibt es bestimmt viel Geiles, das mir jetzt nicht einfällt. Auf jeden Fall irgendwas von Ice Cube.

AFROB


Foto: Four Music

Welche Wirkung hatte die Musik von N.W.A. auf dich als Jugendlicher?
Afrob: Ich bin mir nicht mehr sicher, was das erste war, das ich von ihnen hörte. Aber ich erinnere mich an ihre Energie, die einen umhaute. Ich verstand damals nur die Hälfte, aber spürte sofort diese Auflehnung und Härte.

Wie schätzt du den Einfluss ein, den die Gruppe auf die spätere Entwicklung von Gangstarap nahm?
Es gab damals ja durchaus schon politischen Rap, aber nicht mit dieser expliziten Attitüde. Die musikalische Sozialisation an der Westküste war ja eine ganz andere als an der Ostküste. Es gibt wohl kaum eine Gruppe, die einen so großen Einfluss auf die HipHop-Kultur hatte wie N.W.A, vor allem aus musikalischer Sicht, das wird oft vergessen.

Haben Alben wie Straight Outta Compton heute an Aktualität verloren?
HipHop befindet sich in einem stetigen Wandel. Die Schlagkraft heute ist sicher eine andere. Aber für viele sind sie die Erfinder des Gangstaraps und haben den ewigen Heldenstatus inne.

Konntest du dich mit den Inhalten von N.W.A. als Jugendlicher identifizieren?
„Fuck Tha Police“? Natürlich konnte ich das.

Wie hat dich ihr Sound als Musiker beeinflusst?
Obwohl Dre schon viel mit Samples gearbeitet hat, kamen im Soundbild von N.W.A. erstmals auch Liveinstrumente zum Einsatz. Für einen HipHop-Act war das damals total neu für mich.

Wer war der bessere Rapper: Eazy-E oder Ice Cube?
Es ist unmöglich, die beiden zu vergleichen. Jeder von ihnen hatte seine ganz eigene Künstler-Persona.

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