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Der Stinkefinger in der Musik

Mittlerweile ist der Stinkefinger eher ein Image-Ding für Möchtegern-Bad Boys und Girls und eigentlich sagt er nichts mehr aus. Das war mal anders.
19.3.15

Jan Böhmermann hat vor längerer Zeit Günther Jauch und das Internet verarscht. Irgendwie auf jeden Fall. In Jauchs Sendung wurde ein Video von Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis gezeigt, in dem er den Mittelfinger in die Kamera hält. Böhmermann wandte sich am Mittwoch schließlich mit einem Video an die Welt und behauptete, das Video manipuliert zu haben.

Auf Twitter diskutierte man unter dem Hashtag #Varoufake dann intensiv über die Echtheit von Böhmermanns Fälschungs-Behauptung. Es kam damals zu einem richtigen Internet-Meltdown. Es war verrückt. Und ziemlich gut. Schließlich stellte sich heraus … Wurscht. Ihr wisst hoffentlich mittlerweile Bescheid.

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Jetzt aber genug der politischen (Nicht-)Hintergründe. Wir wollen euch ja etwas über den Mittelfinger in der Musik erzählen, eine kleine Chronik machen von Künstlern, die die „Fuck you“-Geste in der Musikwelt kultiviert und damit auch irgendwie salonfähig gemacht haben. Denn mal ehrlich—so richtig schockierend ist der sogenannte Stinkefinger ja seit, äh, vielen Jahrzehnten nicht mehr. Zumindest in den meisten Belangen. Einen Parental Advisory-Banner bekommt man allenfalls dafür, sollte man ihn in Musikvideos hochhalten. Der eigentlich ganz brave Singer-Songwriter George Ezra bekam vor einem Jahr so einen, als er am Ende seines Videos zu „Cassie O.“ seinen Mittelfinger in die Kamera streckte. Es ist mittlerweile ja eher so ein Image-Ding für Möchtegern-Bad Boys und Girls. Sozialpolitisch sagt der böse Finger heute wirklich nicht mehr viel.

Das war aber einmal anders. Man denke an dieses ikonische Foto von Johnny Cash, welches mittlerweile unzählige Poster, H&M-T-Shirts, Blechschilder und Schulterblätter ziert. Es ist eines dieser Fotos, die Popgeschichte geschrieben haben. Das Bild wird seit jeher mit seinem Auftritt in der Haftanstalt San Quentin und dem gleichnamigen Live-Album aus dem Jahr 1969 in Verbindung gebracht. Neben dem San Quentin State Prison war auch das Folsom State Prison Host einer Cash-Show und der Aufnahme eines Live-Albums. Auch sonst bespielte er diverse Gefängnisse, weil er großes Mitgefühl für die Insassen verspürte, obwohl er selbst nur drei Tage seines Lebens im Gefängnis verbrachte. Es war wohl eine Art innerlicher Outlaw-Solidarität. Schließlich war Cash während seiner kreativen Blütezeit in den 50er- und 60er-Jahren ein nicht so umjubelter Musiker wie heute, die Musikindustrie Nashvilles hatte ihn die meiste Zeit wie einen Außenseiter behandelt. Nachdem er 1996 dann einen Grammy Award für sein Comeback-Album „Unchained“ bekommen hatte, „bedankte“ er sich im Billboard-Magazin mit einer ganzseitigen Anzeige, die aus dem oben genannten Foto und dem Text „American Recordings and Johnny Cash would like to acknowledge the Nashville music establishment and country radio for support“ bestand. Ein ganz großes „fuck you“. Legendär.

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Diese Einstellung passte auch hervorragend zur Punkbewegung der 70er- und 80er-Jahre, die die Mittelfinger-Pose schnell für sich beansprucht hatte und unter anderem dank Sex Pistols-Frontmann Johnny Rotten auch ins allgemeine popkulturelle Repertoire dieser Zeit eingegangen war. Auf Plattencovern, Magazinen, Büchern, überall war er zu sehen, der Mittelfinger. Er wurde zum Inbegriff der Provokation im Pop. Und evozierte diese auch.

Wenig überraschend sprangen in weiterer Folge die Rock’n’Roll-Superstars auf den polternden Stinkefinger-Zug auf. Axl Rose, Lemmy Kilmister, Tommy Lee, Zakk Wylde und viele mehr—alle integrierten diverse Mittelfinger-Momente in ihre Shows und Profile. Später taten das auch Sido, Eminem und Pink, die ja ohnehin nichts lieber tat, als sich mit ihrem Anti-Britney-Barbie-Image ins Rampenlicht zu wurschteln. Wir erinnern uns. Grundsätzlich kann aber wohl behauptet werden, dass die „Fuck you“-Pose eher ein Image-Ding der Rocker und Rapper ist. Der Poser eben. Oder zumindest war sie das eine lange Zeit.

Wie oben gesagt, ist der böse Stinkefinger heute ein eher harmlos gewordenes Relikt der noch nicht so Provokations-resistenten Vergangenheit der Musikindustrie. Jeder hebt ihn heute, weil einfach jeder ein bisschen anti-irgendwas ist. Und eigentlich sagt er gar nicht mehr so viel aus. Aus dem aggressiven „Fuck you“ wird ein ironisch-freundliches „du nervst“. Darum können es dann natürlich auch ehemalige Teenie-Stars wie Avril Lavigne auf dem roten Teppich bringen und dabei immer noch niedlich sein. Bis sie Chad Kroeger heiraten halt.

Und doch. Wenn es Sängerin Adele bei den Brit Awards macht, weil sie zu wenig Zeit für ihre ausschweifende Dankesrede bekommt oder M.I.A. bei der Superbowl-Show, ist es gleich ein Eklat und sorgt für einen weltweiten Sturm der Entrüstung. Vielleicht, weil die Damen in diesem Fall wirklich angepisst waren und tatsächlich „fuck you“ meinten. Wahrscheinlich aber, weil bei so großen TV-Live-Veranstaltungen seit Janet Jacksons Nipplegate sowieso die Angst umgeht. Wie auch immer. Eigentlich ist es egal. Wie bei Yanis Varoufakis. Die Geschichte hinter der Pose geht meist tiefer. Finanzkrisen, Menschenrechte, Ausgrenzung. Ihr wisst schon.

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