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Meine Mutter

Meine Mutter hat die besten „Deine Mutter"-Punchlines angehört und bewertet

Was sagen eigentlich die Mütter dieser Welt zu ihrer unfreiwillig tragenden Rolle im Rap?

von Nina Damsch
04 Januar 2016, 2:16pm

Ich bin mir nicht sicher, was sich meine Mutter gedacht haben muss, als sie das erste Mal MOR oder King Orgasmus One aus meinem Teenagerzimmer schallen hörte. Ich bin jedenfalls sehr froh, dass sie mir damals die Konfrontation erspart hat. Jetzt, Jahrhunderte nach MOR, ist der Rap der Gegenwart mit Cro oder Alligatoah zwar streckenweise Mütter-tauglicher geworden, dennoch ist und bleibt sie—neben den Neunmillimetern und überlangen Gliedern—immer noch die schärfste Waffe der Rapper, wenn es darum geht, den Gegner zu verwunden.

Denn Mama ist unser schwacher Punkt. Mama hat uns nie beim Grasticken verpetzt. Sie hat unsere Freunde wie ihre eigenen Söhne aufgenommen und war immer stolz auf uns—sie ist einfach die Beste und auf sie lassen wir nichts kommen!

Doch was sagen eigentlich die Mütter dieser Welt zu ihrer unfreiwillig tragenden Rolle im Rap? Kriegen sie auch Zorn-Pickel, wenn ihnen das Wort „Hurensohn“ zu Ohren kommt? Hätten sie doch lieber eine Tochter bekommen? Fühlen sie sich zu dick? Um diese Fragen beantworten zu können, kam ich wohl um die Konfrontation, die mir meine Mutter bisher netterweise immer erspart hatte, doch nicht herum. Also setzte ich mich eines schönen Sonntagmorgens mit ihr zusammen und las ihr eine Auswahl der beliebtesten „Deine Mutter“-Punchlines vor. Spoiler-Warnung: Wer schon mal mit seiner Mutter einen Film angesehen hat, bei dem plötzlich eine explizite Sexszene auftaucht, weiß ungefähr, wie es sich anfühlt, seiner Mutter Kollegah-Zeilen vorzulesen.


„Deine Mutter hat immer noch den gleichen Beruf—du bist immer noch ein Hurensohn.“

(Taktloss, „Ich bin nicht weniger, als du dir wünschst zu sein“)

Und?
Das ergibt doch keinen Sinn.

Natürlich macht das Sinn. Er ist ein Hurensohn, also ist die Mutter eine Hure. Das ist ihr Beruf.
Ja, das verstehe ich schon. Aber trotzdem finde ich es nicht besonders einfallsreich.

Du würdest lieber kreativer beschimpft werden?
Also von jemanden, dessen Beruf es ist, kreativ zu sein, schon. Dieses Wort ist einfach überstrapaziert worden. Ich finde, dadurch hat es irgendwie seine Bedeutung verloren.

Okay, vielleicht ist dann der nächste eher was für dich:


„Deine Mutter ist wie ein Zopf—ohne Gummi geht nichts.“

(Farid Bang, „Wer ist Düsseldorf")

Ja, das ist doch eigentlich ganz vernünftig in Zeiten von Aids und Co. Das ist doch ganz ordentlich, aufklärerisch. Von der Beleidigung her finde ich es deshalb auch ein bisschen schwach. Ich hatte wirklich viel Schlimmeres erwartet. Verstehe gar nicht, warum du die ganze Zeit so kicherst.

Vielleicht ist das ja auch ein Generationen-Ding. In mir lösen anscheinend „Deine-Mutter“-Zeilen mehr Gefühle aus, als in dir. Was hältst du von „Deine Mutter ist wie 'ne Shisha—ohne Kohle geht nichts“? Ist aus demselben Lied.
(Lacht) Da fand ich das mit dem Gummi besser.

„Ich bin das größte Arschloch nach dem deiner Mutter.“

(Farid Bang, „Schwarzgeld“)

Das finde ich lustig, weil es eine gewisse Selbstironie hat. Er bezeichnet sich selbst auch als ein solches, wer sollte da also beleidigt sein? Außerdem, wenn man bedenkt, dass hier ein vermutlich junger Mensch über einen viel älteren Menschen spricht, dann stimmt das biologisch vielleicht sogar.

(Bestürzt ) Ihhh Mama! Und das findest du geistreicher als Taktloss?
Na ja, das ist jetzt nicht unbedingt geistig gehaltvoller als „Deine Mutter ist 'ne Hure". Aber es ist unterhaltsamer und darum geht's doch, oder nicht?

Okay, die nächste ist die letzte von Farid Bang… Es tut mir leid Mama, ok?

„Ich reiß Mütter auf, wie ein Arzt beim Kaiserschnitt“

(Farid Bang, „Asphalt Massaker lll Outro")

Ja, der Knabe hat Gewaltfantasien, würde ich sagen. Dabei wäre es doch besser gewesen, zu sagen: „Ich reiß' Mütter auf, wie Neugeborene“. Beim Kaiserschnitt reißt ja nichts, das ist ja der Witz an der Geschichte, da wird sauber geschnitten. Die Zeile finde ich bis jetzt am „härtesten“. Das erzeugt vor allem die Dialektik vom Süßen, das Baby, und dem Grausamen, das Aufreißen. Das nennt man Oxymoron.

Wenn du so viel Wert auf rhetorische Stilmittel legst, gefällt der nächste vielleicht besser:

„Hör’ auf den Boss, hol’ mir deine Mutter her und wir verbringen die Zeit mit Doktorspielen wie Guttenberg.“

(Kollegah, „ Bossaura“)

Da muss man drüber nachdenken, das klingelt nicht so schnell. Wieso Guttenberg?

Doktor spielen, wie Guttenberg… weil er doch seinen Doktortitel ermogelt hat?
Achso! Jetzt habe ich's verstanden. Ja, da muss man schon…das ist schon ein bisschen…muss man sagen, das ist schon intelligent. Das finde ich interessanter. Das ist wie beim Zeit-Kreuzworträtsel, dieses „Um die Ecke gedacht“. Gibt es noch eine von dem?

Ja, das ist Kollegah. der gefällt dir? Da habe ich noch einiges in Petto!

„Ich nehm‘ mir deine Mutter auf dem Spannbettlaken zur Brust—so wie Anstecknadeln.“

(Kollegah, „G’s sterben jung“)

Da muss ich schon wieder nachdenken. Spannbettlaken…Ich glaube, dieses Wort habe ich noch nie in einem Lied gehört. Komisches Wort. Achso! Zur Brust nehmen, verstehe. Das find ich toll. Das ist klug. Wie heißt der? Kollegah? Den find ich gut.

Bist du jetzt Fan, Mama, sag?
Anscheinend wäre ich Kollegah-Fan, wenn ich Rap hören würde. Ich mag diese Teekässelchen-Reime. Das hat etwas Literarisches. Obwohl ich das Gefühl bekomme, dass der Knabe dringend Selbstbestätigung braucht.

Ich habe noch zwei. Aber das eine kann ich dir, glaube ich, nicht sagen. Da fühle ich mich nicht wohl.
Doch ich will es hören. Sag erst die schlimme.

„Presse deiner Mutter meinen Dick in die Fresse und frage ‚Wer ist der Beste?‘ und sie sagt ‚Du bift der befte.‘”

(Kollegah, „Nightclub“)

Haha, das ist doch lustig, sehr szenisch. Der sollte mal ein Buch schreiben. Was ist die letzte?

„Ich bin ein Bild von einem Mann—wie ein Bild von deiner Mum“

(Kollegah, „30“)

(Lacht zum ersten Mal wirklich laut auf) Das ist die beste bisher. Obwohl, man könnte das natürlich auch anders verstehen. Ich weiß, er will damit sagen, dass die Mutter aussieht wie ein Mann—man könnte es aber auch andersrum drehen und so verstehen, dass er wie eine Frau aussieht.

So habe ich das noch nie betrachtet! Wobei man sagen muss, dass Kollegah recht männlich aussieht.

„Das Make-up deiner Mutter macht mein' Sack zum Regenbogen“

(K.I.Z., „Hurensohn“)

Ja, bildhafte Sprache. Das finde ich lustig, hat sowas verspieltes. Da denke ich an Clowns und Mary Poppins.

Wegen des Make-ups? Man könnte es aber auch mit Prostituierten oder Transvestiten assoziieren.
Achso.

„Deine Mutter ist wie meine Karriere, ich hab‘ sehr viel reingesteckt.“

(K.I.Z., „Pogen“)

Sie steckt doch nicht rein? Eingesteckt meint er, oder?

ICH hab sehr viel reingesteckt, nicht eingesteckt.
Ja und ich würde sagen, eingesteckt ist sinnvoller.

Wieso denn eingesteckt?
Na ja, man sagt doch, wenn einer viel einsteckt, dann hat er sich bewiesen.

Aber Mama, darum geht es doch nicht. Er steckt viel in die Karriere und in die Mutter.
Ja, aber eine Frau steckt doch nicht ein.

(Lauter werdend) Aber er steckt doch in sie rein! Nämlich seinen Penis!
(Gelächter)

Ich kann nicht fassen, dass wir dieses Gespräch führen. Es geht hier doch um „Deine Mutter“-Sprüche, und in diesem bestimmten geht es darum, dass der Protagonist zeigt, dass er sowohl viel Arbeit in seine Karriere investiert hat, aber auch einen großen Penis hat, den er in die Mutter seines imaginären Gegenübers gesteckt hat. Verstanden?
Aber sie kann doch nicht reinstecken, sie ist doch eine Frau.

Egal Mama, lassen wir den jetzt einfach mal gut sein. Vielleicht ist der nächste, einfacher zu verstehen.

„Deine Mutter sammelt jedes Wochenende Pilze—aber nicht im Wald.“

(K.I.Z., „Walpurgisnacht“)

Ich weiß nicht warum, aber das erinnert mich an die Comedian Harmonists. (Singend) „Veronika der Lenz ist da, die Mädchen singen tralala. Die ganze Welt ist wie verhext, Veronika der Spargel wächst.“ Das war damals übrigens auch eine sexuelle Anspielung.

Danke für die Überleitung! Aprospos sexuelle Anspielung: Die nächste ist vielleicht nicht ganz so subtil wie bei den Comedian Harmonists.

„Deiner Mutter wird das Keta verkauft. Sie ist wie Todeszelleninsassen—jeder geht drauf.“

(Karate Andi, „Blutüberströmt)

Was ist die Mutter?

Wie Todeszelleninsassen—jeder geht drauf.
Achso geht auf die Mutter rauf, verstehe. Ja das ist wie bei den anderen vorher, da macht es Spaß, dass man's kapiert. Das ist wie eine Denksportaufgabe.

Gehirnjoggen mit Karate Andi. Das wär mal 'ne Merchandise-Idee, solltest du ihm vorschlagen, Mama. Wie stehst du zu Bushido?
Ach Gottchen.

„Ich bring' den einzig wahren Ghettorap auf Deutsch. Deine Kettenraucher-Mutter hängt im Lesbenchat und säuft.“

(Bushido, „Butterfly-Effekt“)

Oh. Was ist denn bitte gegen Raucher einzuwenden? Ich rauche ja selbst und weiß nicht, was daran so verwerflich sein soll. Und Lesben sind doch auch nichts Schlimmes?

„Aber wo ist jetzt der Diss“ willst du sagen?
Na ja, ich weiß ja schon, wie es gemeint ist. Für mich hat das sowas von Jungs-Spielchen. „Du hast mir mein Schäufelchen weggenommen und jetzt geb ich dir eins druff“.

Du hast dich jetzt also mehr durch die Raucher-Zeile angegriffen gefühlt als durch die Deine-Mutter-Zeilen?
Also angegriffen fühle ich mich sowieso nicht, weil es da ja nicht um mich geht. Und außerdem ist in der Kunst alles erlaubt. Wer da beleidigt ist, hat irgendwas nicht kapiert. Mir ging es lediglich um den Inhalt und der macht für mich da keinen Sinn.

Würdest du gerne auch mal ein paar Dein-Vater-Zeilen hören?
Na ja, das ist vielleicht wie in der Satire: Diejenigen, die aufs Korn genommen werden, sind ja die Entscheidenden, die Beachtung finden. Es ist symptomatisch, wenn das eine eben—in diesem Fall der Vater—nicht bearbeitet wird, dann ist der scheinbar auch nicht wichtig. Oder spielt zumindest eine untergeordenete Rolle.

Interessante Theorie: Indem also kollektiv die Mütter beleidigt werden, manifestieren Rapper eigentlich nur die Überlegenheit der Mutter?
Genau. Also, das wäre zumindest eine alternative Theorie.