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Der Plagiatsstreit zwischen Hozier und Chilly Gonazales war komplett lächerlich

Hozier hätte auch einfach chillen können, anstatt seinem Kollegen so auf die Pelle zu rücken.
07 Oktober 2015, 5:30am

Chilly Gonzales verzauberte uns dieses Jahr mit seinem Piano-Kammermusik-Album Chambers, zeigte uns mit seinen Song-Analysen auf YouTube völlig neue Facetten von unendlich oft gehörten Popsongs, musizierte schon mit Humor- und Jazz-Kollege Helge Schneider und hält mit einem 27-Stunden-Konzert einen Weltrekord inne. Ja, gäbe es auf der Welt mehr Menschen wie Chilly Gonzales, sie wäre ein besserer Ort.

Hozier stürmte vor zwei Jahren mit seinem Überhit „Take Me to Church“ unsere Langzeitgedächtnisse und setzte mit dem dazugehörigen Musikvideo ein wichtiges Statement gegen die homophoben Entwicklungen in Russland. Ja, gäbe es in der Popwelt mehr Musiker wie Hozier, die vor klarer Haltung nicht zurückschrecken, die Welt wäre ein besserer Ort.

Vorige Woche wurden die beiden Musiker endlich zusammengeführt, als Chilly Gonzales sich „Take Me to Church“ für seine Analyse vorgenommen hatte. Leider verlief dieses Treffen wenig harmonisch, denn Gonzales bemerkte, dass die Akkordfolge des Songs ihn sehr an „How Come You Never Go There“ seiner langjährigen Freundin Feist erinnere. Da dieser über ein Jahr früher veröffentlicht wurde, ließ er sich zu der Bemerkung „Sieht nicht so gut aus, oder? ‚Take Me to Church’? Vielleicht sollte ihn Feist stattdessen vor Gericht bringen“ hinreißen.

Die augenzwinkernde Bemerkung wurde von unzähligen Musikseiten aufgegriffen und in „Chilly Gonzales wirft Hozier Ideenklau vor“ transformiert. Eine Reaktion vom Beschuldigten ließ nicht lange auf sich warten: Hozier reichte Klage gegen Gonzales ein, weil dieser ihn angeblich diffamiere. Seine Managerin sprach von „haltlosen“ Anschuldigungen.

Einerseits nachvollziehbar, immerhin will niemand unter dem Verdacht stehen, Ideen von Kollegen für das eigene Schaffen kopiert zu haben. Andererseits hat Chilly Gonzales nur ausgesprochen, was sowieso jeder denkt, der sich beide Songs anhört. Die Parallelen sind nunmal vorhanden und nicht zu leugnen. Anstatt aber gechillt zu reagieren, erhöhte Hozier den Druck auf Gonzales aber so stark, dass dieser sein Video runternehmen musste. Dadurch wirkt Hozier nun wie ein auf frischer Tat ertappter Ladendieb, der auf dem Weg nach draußen hektisch mehrere Regale umreißt und dabei schreit, er werde den Ladendetektiv (Gonzales) wegen Verleumdung verklagen.

Und was macht Chilly, als er sich diese Flucht nach vorne anschaut? Er entschuldigt sich mit einem Statement auf seiner Facebook-Seite: „Ich widerrufe jegliche Urheberrechtsverletzungs-Vorwürfe […] und entschuldige mich bei Hozier, dessen Arbeit ich respektiere.“ Warum auch einen Prozess riskieren, bei dem er nicht gewinnen kann? Nicht, weil er nicht Recht behalten würde, sondern weil es ihm als Außenstehender ziemlich egal sein kann, woher Hozier vielleicht seine Ideen haben könnte. Das wäre Feists Kampf, nicht seiner.

Scheint so, als hätte Hozier nur darauf gewartet: Wenig später postete er bei Facebook, dass eine solche Entschuldigung erhofft hatte und Chillys Statement begrüße. Warum er sie mit einer Klage erzwingen musste, bleibt fraglich. „Ich werde seine Arbeit weiter verfolgen und respektieren.“

Wie man es auch dreht und wendet: Hozier sieht bei dieser Geschichte weniger wie der strahlende Held als vielmehr wie der cholerische Typ aus, dem jeder ansieht, dass er eigentlich im Unrecht ist. Und das nicht nur, weil ihm eine Feist-Platte aus dem Rucksack lugt. Er hätte sagen können, dass er sie noch an der Kasse bezahlt, zugeben können, dass die Songs tatsächlich ähnlich klingen, dass dies aber wirklich nur Zufall sei—das Thema wäre schnell vergessen gewesen. So gab es einen lächerlich hochgepushten Streit, der durch sämtliche Medien ging und mit ein wenig mehr Gelassenheit nie existiert hätte. Ja, gäbe es auf der Welt mehr Menschen, die sich „Chilly“ zu Herzen nehmen würde, sie wäre wirklich ein besserer Ort.

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