Ich war in meinem Leben nur auf Festivals, die mindestens zwei Tage gingen und mir eine Auswahl an Acts geboten haben, die so gut war, dass ich mich hätte zerreißen müssen, um alle sehen zu können. Für mich sind Festivals also immer eine coole Sache, die schnell zur Herausforderung werden kann, sobald das Line-Up aus Musikern besteht, von denen man vorher noch nie etwas gehört hat.Genau dieser Aspekt hat das China Drifting so aufregend gemacht, dazu ist die Geschichte eines Festivals nur selten so interessant wie dieses: Gegründet wurde es vom Schweizer Michael Vonplon, der in den 90ern nach China gereist war, dort 1998 den wohl größte Rave des Landes auf der Chinesischen Mauer organisierte und sich seitdem für mehr Anerkennung der musikalischen Subkultur Chinas einsetzt, wie zum Beispiel mit dem China Drifting, welches er seit acht Jahren in der Schweiz organisiert. Dieses Jahr hat er das Festival erstmals auch nach Beijing, Shanghai, Aarau, Zürich, Paris, Berlin und Kopenhagen gebracht. Ein interessantes Vorhaben wenn man bedenkt, wie wenig Europäer mit der chinesischen Musikszene vertraut sind und wie viele Menschen diese wahrscheinlich mit jeglichen asiatischen Klischees in Verbindung bringen.
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Dass außerhalb Chinas mit solchen Stereotypen herumgeworfen wird, ist Duck Fight Goose-Frontmann Han Han klar. Es sei für seine Band und ihn wichtig, mehr internationale Anerkennung zu bekommen, da viele Menschen weiterhin glauben würden, Rockmusik habe in China nichts verloren. „Die Leute haben einfach politische Erwartungen, weil sie wissen, dass China dieses konservative Land ist und glauben, Konservatismus wird automatisch auf die Musik übertragen. Deswegen nennen sie es „chinesischen“ Rock. Aber so etwas gibt es nicht. Es heißt Rock. Wir machen Rock wie jeder andere Rockband auch“. Duck Fight Goose war eine der drei Bands, die am Abend für das China Drifting auf der Bühne des Tresors stand.Und spätestens als sie mir erzählten, beim Festival komplett neue Songs ihres nächsten Albums zu performen wurde mir klar, dass ich das auf keinen Fall verpassen dürfte. So etwas erlebt man schließlich nicht alle Tage, vor allem nicht im Tresor, wo später auch noch DJ Ost aus Beijing die Turntables einheizen würde.
Also stand ich um kurz vor acht vor einem riesengroßen Klotz, auf den „C H I N A / D R I F T I N G“ projiziert wurde. Es war noch nicht viel los im Laden, also holte ich mir an der Bar erst mal ein Bier und war ziemlich verwundert, nur so wenig Leute zu sehen. Es war leer. Nach Festival sah hier nichts aus. Dabei hatte Han Han mir Mittags noch erzählt, sie würden um halb neun auf der Bühne stehen. Aber Verspätungen gehören bei Konzerten halt dazu, vor allem in Berlin. Ich fing an, durch den Tresor zu laufen, ganz runter, wo sich ein weiterer Dancefloor und die Toiletten befanden und einmal nach ganz oben, wo das Institut für incohärente Cinematographie (IOIC) aus Zürich eine Leinwand installiert hatte, um chinesische Stummfilme zu zeigen. Auch da war nicht viel los, also ging ich wieder an die Bar, um mein Geld für überteuertes Flaschenbier auf den Kopf zu hauen. Um kurz nach neun kamen Duck Fight Goose endlich auf die Bühne, und der interessante Klang ihres überaus experimentellen, von Psychadelic- und Math-Rock geprägten Sounds lockte mich auf den Dancefloor, wo ich beobachte, wie Han Han Loops seiner Stimme aufnahm und sich das Ganze und einen ziemlich geilen Sound verwandelt.
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Nach 50 Minuten ist ihr Set fertig, sie gehen nach einer Zugabe von der Bühne, und der Raum füllte sich langsam mit Menschen. Viele Chinesen, die ihre Heimat representen, was dem Ganzen einen noch interessanteren Flair verpasste, vor allem dann, wenn beim Applaudieren Wörter auf Mandarin fielen. Danach spielte Re-Tros (kurz für Rebuilding The Rights Of Statues), die versuchten das Publikum einzuheizen, während das Beijinger Duo 8gg mit ihrer audiovisuellen Performance hüpfende Hirsche und andere 3D-Animationen auf eine Leinwand projizierten. Doch irgendwie fehlte die Hitze. Ich war bereits beim siebten Bier und fragte mich, warum das Publikum so zurückhaltend ist. Ich fragte mich, wieso so viele entspannt herumsitzen würden, anstatt vor der Bühne zu stehen, wo es nicht nur Rock, nein, sogar chinesischen Rock auf die Fresse gab. Auch als Pet Conspiracy auf die Bühne kam, wirkte das Publikum reserviert. Selbst die wuchtige Mischung aus Punkrock und Electro-Sounds machte die Zuschauer nicht viel wilder.
Um kurz vor eins ging ich Richtung Haupteingang, wo an verschiedenen Ständen gedämpfte Teigtaschen und gebratenen Nudeln verkauft wurden. Ich wusste, dass Pet Conspiracy-Frontmann Huzi noch mit einer Art Performance auf die Bühne kommen würde, bevor DJ Ost die Turntables spinnen würde. Aber ich verbrachte meine Zeit damit, in meine Teigtaschen zu beißen und mich zu fragen, warum das Festival mich nicht gepackt hat.
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Zu sagen, dass es misslungen war, wäre viel zu übertrieben. Die Bands haben alle topp Live-Performances hingelegt, aber irgendetwas hat mir an dem Abend gefehlt. Vielleicht war es mir zu ruhig für ein Festival, dessen Ziel es war, der „westlichen“ Welt einen Einblick in die chinesische Musikszene zu gewähren, die sich stets entwickelt und dabei ist, sich international zu etablieren. Andererseits hatte Han Han mir nur wenige Stunden zuvor erklärt, wie reserviert Chinesen bei solchen Performances doch seien und am Ende bestätigte sich dies. Vielleicht hätte man das Event wie in der Schweiz über mehrere Tage verteilen sollen, um den Zuschauern einen besseren Überblick zu verschaffen, als alles an einem Abend ablaufen zu lassen. Oder die Mischung aus Party, chillen, Rock-Musik, künstlerischen Stummfilmen und audiovisuelle Performances hat dafür gesorgt, dass viele anfingen abzudriften, ohne sich auf das Wesentliche—die Musik—zu konzentrieren. Zumindest ging es mir so.**Folgt Noisey bei Twitter und Facebook.MEHR VON NOISEYZentralheizung of Death des Todes sind unsere LieblingsdilettantenSie sind Dilettanten aus Freude, Dilettanten aus Leidenschaft, Dilettanten aus Überzeugung—sie sind unsere Lieblingsdilettanten.Der Noisey Guide to Metal-KonzertgängerDiesen Typen bist du auf einem Metal-Konzert bestimmt schon über den Weg gelaufen.Exklusive Videopremiere: M185—„Soon“So ein Verzerrer ist auf Tour dein bester Freund und das nicht nur, weil er deine Gitarre verzerrt.
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