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Frightened Rabbit: Ironie und so

Frightened Rabbits Frontmann Scott ist äußerst abergläubisch, trotzdem schreckte er nicht vor einem Majordeal zurück.
9.10.12

Die Indie-Lieblinge Frightened Rabbit sind dieses Jahr zum Major-Label Warner Music gewechselt, gehören aber trotzdem zu den Guten. Ein Konzert von ihnen ist voller kollektiver Wärme, wenn Sänger Scott Hutchison die Menge auffordert „Stellt euch vor, ihr wärt ein riesiges menschliches Akkordeon und ich drücke euch alle zusammen, ganz eng aneinander und dann singt ihr eine Note: Ahhhh!“ Damit es aber nicht zu kuschelig wird, bleiben sie weiterhin ein wenig schräg und versorgen uns mit dem richtigen Soundtrack zu der Jahreszeit, in der alles stirbt, aber trotzdem hübsch aussieht: Einer Melange aus hübschen Pop-Melodien mit einem Abstecher ins Kauzige. Geben wir uns der schottischen Melancholie und dem sonderlichen Humor des liebenswert verhuschten Scott Hutchison hin und lauschen seinen Geschichten über merkwürdige Ticks, sinnentleerte Symbolik und geläuterte Major-Labels.

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Noisey: Du führst eine Art verbales Tagebuch auf Soundcloud. War das deine Idee?
Scott Hutchison: Weißt du was, tatsächlich hat mir meine Plattenfirma heute gesagt, dass ich damit aufhören soll!

Echt jetzt? Wieso das denn?
Ich habe das meistens nach den Auftritten eingesprochen, als ich schon ein paar Drinks intus hatte und scheinbar mochten ein paar Leute von der Plattenfirma nicht, was ich so gesagt habe … das heißt inhaltlich. Zumindest hat mir das unser Manager so gesagt. Jetzt soll ich das Ganze sein lassen.

Wie schade! Ich fand das ziemlich unterhaltsam.
Viele Leute fanden das echt wichtig und es lief auch ziemlich gut und auf einmal heißt es so „Nein, das kannst du nicht sagen, damit pisst du den falschen Leuten ans Bein.“

Was genau hast du denn gesagt, was so schlimm war?
Ich weiß nicht, aber ich glaube, sie fanden, dass ich zu schlecht über die Tour rede, mich zu viel beschwere, generell viel zu negativ bin … Dabei hab ich die meiste Zeit Witze gemacht!

Ich hab das auch ironisch verstanden.
Gut, wenigstens du hast es begriffen.

In einem Beitrag hast du ziemlich ausführlich über deine Höhenangst gesprochen. Das war kein Witz oder?
Nein, das ist wahr!

Hast du noch irgendwelche anderen Phobien?
Hm. Also ich habe sonst eigentlich keine Angst vor bestimmten Dingen, aber ich bin schrecklich abergläubisch. Ich muss zum Beispiel, wenn ich auf die Bühne gehe, eine bestimmte Anzahl an Dingen in meinen Hosentaschen haben. Sonst läuft alles schief. (lacht)

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Hast du das schon mal versucht und es ging in die Hose?
Ich hab das vielleicht das ein oder andere Mal aus versehen gemacht und natürlich ging es nicht in die Hose, aber das tut nichts zur Sache. Ich muss trotzdem eine ungerade Zahl an Dingen in meiner Tasche haben. Ich mag keine geraden Zahlen. Bevor ich auf die Bühne gehe, zähle ich nochmal durch.

Was hast du in deiner Tasche?
Gerade nichts. Ah, doch! Ein paar Münzen. Aber tagsüber bin ich da nicht so empfindlich, da kann ich auch mit einer geraden Zahl rumlaufen, nur für die Konzerte muss es wirklich unbedingt ungerade sein.

Wie merkwürdig, seit wann hast du das?
Das fing erst vor ein paar Jahren an, da ging ich auf die Bühne und hatte vier Dinge in der Tasche und wurde ganz unruhig und fühlte mich überhaupt nicht wohl deswegen … Das ging dann nicht mehr weg und seit ungefähr zwei Jahren zähle ich vor jedem Auftritt immer nach.

Dieses Tattoo da auf deinem Arm (ein Kreuz mit zwei kurzen Balken), was ist das für ein Symbol? Ich habe sowas ähnliches auf dem Cover eurer neuen EP gesehen, noch mit einem dritten Balken. Da sieht es aber aus wie irgendein Werkzeug. Wofür steht das?
Äh … eigentlich für gar nichts. Es ist einfach nur ein Kreuz mit zwei oder drei Balken.

Das ist total enttäuschend.
Ja! Tut mit leid! Ich muss mir endlich mal irgendeinen Mythos dazu ausdenken, ich verstehe, dass du enttäuscht bist. Ich stehe nur einfach irgendwie auf diese Art Pseudo-Symbolik. Ich mag es, wenn die Leute sich den Kopf darüber zerbrechen, was es wohl bedeuten könnte und dieses Symbol hat etwas Religiöses an sich …

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Sieht nicht das Kreuz von orthodoxen Christen so aus?!
Ja, so ähnlich, der obere Balken ist etwas kürzer, aber ehrlich gesagt, ist mir das erst aufgefallen, nachdem ich das Tattoo hatte! (lacht)

Was? Du bist so abergläubisch, dass du nervös wirst, wenn du mit vier Münzen in der Tasche auf die Bühne gehst, aber irgendwelche mystischen religiösen Symbole benutzen, ohne das du weißt, was sie bedeuten, geht klar?
Ja, irgendwie schon. Das juckt mich komischerweise gar nicht. Jedenfalls finde ich es cooler, wenn Leute sich verschiedene Interpretationen dazu einfallen lassen, als wenn ich ihm eine bestimmte Bedeutung zuschreibe. Für mich ist es ehrlich gesagt sowieso nur ein Souvenir von einer bestimmten Tour. Abgesehen davon bedeutet es für mich gar nichts.

OK, aber auf dem Cover sieht es aus, als wäre es ein Werkzeug. Gibt's das wirklich? Wozu ist das?
Also es ist schon ein real existierender Gegenstand, aber ich sage nicht, was es ist. Du musst dir das vorstellen wie einen Rorschach-Test: Die Leute sehen diesen Gegenstand und je nach dem, was sie darin sehen, sagt es etwas über ihre Persönlichkeit aus. Das finde ich sehr spannend.

Ihr habt vor kurzem einen Major-Label-Deal an Land gezogen. Ich will jetzt nicht so ein Indie-Spießer sein oder dir Vorwürfe machen, aber es gab eine Zeit, das war die Unterscheidung absolut klar: Indie-Labels sind die Guten und Major-Labels sind die Bösen. Was ist da passiert?
Du hast absolut recht! Aber da hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Gerade bei Atlantik Records, wo wir jetzt sind (gehört zur Warner Music Group), hat sich die Einstellung ganz klar dahingehend geändert, dass sie wieder mehr Bands ins Boot holen wollen, die vielleicht nicht die besten Verkaufszahlen haben, die dafür aber glaubwürdiger sind, als die Bands, die in der Vergangenheit gesignt wurden. Ich gebe ganz offen zu, dass viel Scheiß auf unserem Label ist, aber wir wären nicht dahin gewechselt, wenn wir uns hätten verbiegen müssen. Ganz ehrlich: Wir haben jetzt ein größeres Budget und müssen unsere Eltern nicht mehr um Geld anhauen oder irgendwelche Nebenjobs machen, um die Band zu finanzieren. Das ist wohl eindeutig eine Verbesserung zu unserer Zeit auf Indie-Labels. Majors haben eben die finanziellen Mittel und in den letzten Jahren sind die ideologischen Grenzen zwischen Indie und Major genügend verschwommen, dass es irrelevant geworden ist.

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Aber glaubt man dem Klischee, dann ist es doch so, dass mit dem Major-Label auch der Druck steigt abzuliefern und erfolgreich zu sein. Und mit „erfolgreich sein“ meine ich Platten verkaufen und Geld machen.
Nein, es gibt so ein neues Modell für Verteilung der Gewinne, die wir machen und das verlegt den Schwerpunkt weg von den Verkaufszahlen. Alles wird wieder reinvestiert in die Band. Die Plattenverkäufe sind für uns wahrscheinlich wirklich das, was den geringsten Gewinn abwirft, danach kommt Merchandise, das behält die Plattenfirma komplett. Manche Leute finden das schlimm, aber ich finde das OK. Irgendwas müssen die an uns ja auch verdienen, damit sie keine Verluste machen. An Plattenverkäufen machen sie jedenfalls keine Gewinne. Das meiste Geld kommt über die Live-Auftritte rein und das geht komplett an die Band. So haben wir eigentlich keinen Druck Platten zu verkaufen.

Also strebt ihr keine Charts-Platzierung an?
Das ist ja nicht meine Entscheidung. Ich denke, man hat da sowieso keinen Einfluss drauf. Ich finde es auch wirklich wichtiger, glaubwürdig zu bleiben. Tatsächlich würde ich behaupten, wir haben es auf dem Major-Label geschafft eine Platte zu machen, die mehr nach uns klingt und ehrlicher und intensiver ist, als alles davor. Und die Charts sind mir egal. Ich bezweifle auch stark, das Flo Rida bei unserem nächsten Song mitmachen will.

Frag mal David Guetta. Der treibt's mit jedem und katapultiert euch in die Charts.
Oh ja, ich habe diese schreckliche Statistik gelesen, dass David Guetta bei 58% aller Lieder, die in letzter Zeit verkauft wurden seine Finger im Spiel hatte.

Das ist wirklich beunruhigend. Ich hasse David Guetta.
Ja, das ist das Allerschlimmste! Wahrscheinlich würde er mir sowieso sagen, dass ich mich verpissen soll, wenn ich ihn frage, ob er einen Song mit uns machen will.

Glaub ich nicht. Der braucht junges Blut.