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Qual und Ekstase in Elektro-Ägypten

Am Vorabend der Präsidentschaftswahlen wird eine kleine Ecke Kairos von Musik beherrscht.
15.6.12

„Jede Nacht fühlt sich wie der letzter Hauch Freude an,“ sagte Timmy Mowafi, ein junger Unternehmer (Mitbegründer von Tazkarty, die TicketMaster-Version aus Kairo) und Freund des ägyptischen Elektro-Trios Wetrobots and Bosaina. Die Band hat letzte Nacht beim 100COPIES Electronic Music Festival in Kairo gespielt, am Abend der Präsidentenwahl.

Vor einem Monat stand es noch unentschieden. In den Vorwahlen letzten Mai verteilten sich die Stimmen gerecht auf Mohamed Morsi (5,7 Millionen) und Ahmed Shafik (5,5 Millionen). Herr Morsi ist der Kandidat der Muslimbrüder und Herr Shafik ist der Hosni-Mubarak-Kandidat. Aber die Muslimbrüder schienen seitdem die Nase vorne zu haben–sie hatten bereits den Großteil der Parlamentssitze gewonnen und dann Shafik beinahe erfolgreich davon abgehalten an der Wahl teilzunehmen, wegen seiner Beteiligung im Mubarak-Regime (er ist ein ehemaliger Befehlshaber der Air Force und der letzte gewählte Ministerpräsident während der 30-jährigen Herrschaft von Mubarak). Bis zu dieser Woche sah es nach einem Sieg für die Bruderschaft aus. Bis das höchste Gericht in Ägypten das Parlament komplett auflöste und entschied, dass Shafik doch ein qualifizierter Kandidat sei. Ach ja, und nur um die Sache noch ein bisschen interessanter zu machen, hat das Militär den Ausnahmezustand wieder verhängt.

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An diesem Wochenende wird Ägypten also seinen neuen Präsidenten wählen. Und egal wer gewinnt, es wird wieder Proteste in Kairo geben–eine Neuwahl, ein Aufstand, ein Putsch oder so etwas in der Art wird erneut passieren. Aber gestern war es in Kairo ruhig.

Die Kairoer sitzen im Schatten, rauchen Haschisch und warten darauf wieder auf die Straße gehen zu können. Mahmoud Refat, der Besitzer des in Kairo sitzenden 100COPIES Plattenlabels und Organisator des 100COPIES Festivals, ist bei der ganzen Sache sehr pragmatisch. „Normalerweise ist die Location voll, aber (heute) ist jeder zuhause, schaut Fernsehen und wartet ab, was als Nächstes passiert.“ Aber als Wetrobots und Bosaina auf die Bühne kommen, ist der Laden voller williger Elektrofans und vergnügter Kfz-Mechaniker von gegenüber. Ich frage Refat wie er zu der bevorstehenden Wahl steht. „Wenigstens gibt es ein wenig Konkurrenz für Shafik.“ Und als ich nachfrage, ob jemand auf der Party will, dass die Brüderschaft gewinnt, sagt er nur „Machst du Witze?“

Von dem, was ich von den Hipstern und Mechanikers auf der Show aufschnappe, ist jeder besorgt, dass die junge Musikszene einfach verdunstet, wenn die Muslimbrüder grünes Licht bekommen. Nach der Show lassen Wetrobots und Bosaina bei ein paar Drinks in der New President Bar (wie perfekt ist das denn bitte?) ein bisschen Luft ab. Ismail Hosny, der Keyboarder, sagt „Ich werde meine Musik spielen, egal wer gewinnt–nur vielleicht nicht mehr in Ägypten.“ Timmy, der Unternehmer, ist ein wenig apokalyptischer, „Wenn Morsi gewinnt, ist alles vorbei–die Musik, die Getränke, alles.“ Timmy nimmt Ismail in die Mangel, weil Ismail sagt, er würde für keinen der beiden Kandidaten abstimmen. „Nicht zu wählen ist eine Stimme für die Brüderschaft. Du musst für Shafik abstimmen, Mann.“

Jeder, mit dem ich beim 100COPIES spreche, fühlt sich in der Klemme. Sie glauben, dass eine Stimme für Ahmed Shafik zu dem unterdrücktem Leben vor Januar 2011 zurückführt, und eine Stimme für Mohamed Morsi sie in eine konservative islamische Zukunft verdammt. Es ist eine lange Zeit vergangen seit das Land seine Stimme abgeben durfte, und jetzt wo sie das endlich können, gefällt ihnen nicht, wer auf dem Stimmzettel steht. „Jetzt ist es leicht zu wählen; überall in der Stadt gibt es Wahllokale,“ sagt ein Musiker der vor der Tür eine Zigarette raucht, „Aber ich will keinen der beiden wählen.“ Drinnen schütteln zwei Mädchen in Hijabs ihre Haare, während sie den beiden Frontfrauen von Wetrobot and Bosaina zuhören, wie sie in ihre Mikrofone brüllten, „Music! Sex! Music! Sex!”

Die Location, das Rawabit Theater, ist in einer engen Gasse versteckt, weniger als eine Meile vom Tahrir Platz entfernt. Das Publikum, schon einsatzbereit, wartet darauf, dass der Kampf weitergeht. Aber heute Abend gibt es noch keinen Präsidenten in Ägypten, es ist der zweite Abend des 100COPIES Festivals. Heute Abend wird eine kleine Ecke in Kairo von elektronischer Musik regiert.

@mjyoka

Photos by Stephanie Chang