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Unsane machen niemals schlapp

Chris von Unsane ist Experte für Horrorstories, Blut und brutalen Noiserock. Und er spielt akustische Gitarre für seinen Hund.
3.8.12

Foto: B. Tobin

Unsane sind das Stehaufmännchen des Noiserock. Unzählige Rückschläge, darunter der Drogentod ihres früheren Schlagzeugers und brutale Überfälle auf Tour, haben ihren Sound über die Jahre immer noch ein bisschen renitenter und mächtiger werden lassen. So als würden sie ihrem Schicksal einfach für jeden Schlag in die Fresse mindestens zwei zurückgeben wollen. Die New Yorker waren kürzlich wieder auf Tour und ich habe mir während der Show in Berlin ebenfalls bereitwillig von ihrem nach wie vor unvergleichbar drückenden Geprügel die Fresse polieren lassen. Und ich traf mich mit ihrem Frontmann Chris Spencer, um über Beharrlichkeit, New York, Berlin, ihre typischen Artworks und noch einiges mehr zu sprechen.

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Noisey: Unsane gibt es nun seit über 20 Jahren und Ihr klingt immernoch genauso angepisst wie auf Eurem ’91er Debüt. Wie geht das?
Chris: Viel hat damit zu tun, in einem gigantischen urbanen Zentrum zu leben. Da passiert schon 'ne Menge verrückter Scheiß.

Ist Unsane’s Musik eine Art persönliche Auseinandersetzung mit deinem Leben New York?
Was die Lyrics angeht, auf jeden Fall. Und in gewisser Weise trifft das auch auf die Musik zu. Sie ist eine Reaktion auf das chaotische Leben dort.

Klingt ein bisschen so als solltest du mal über den Umzug in eine andere Stadt nachdenken.
Ich mag es schon, dort zu leben. Aber das ist eher eine Hassliebe. Ich glaube das geht jedem so, der da lebt.

Euer neues Album Wreck ist das erste seit 5 Jahren. Warum die lange Pause?
Wir haben zwischenzeitlich an anderen Projekten gearbeitet. Ich schrieb den Soundtrack für den Film The Pack. Ich hatte außerdem in Berlin mit meinem guten Freund Ari Benjamin Meyers für anderthalb Jahre an einer Band namens Celan gearbeitet. Nach ‘ner Weile will man halt auch mal was anderes machen.

Wie hat es dir in Berlin gefallen?
Ich mag Berlin. Die Winter sind ein bisschen hart, unendlich dunkel und viel zu lang, haha. Aber ansonsten finde ich es großartig.

Hat sich denn deine Berlin-Erfahrung auch im aktuellen Unsane-Sound niedergeschlagen?
Könnte schon sein. Aber hauptsächlich gehts da immernoch um New York.

Worum genau?
Oberflächlich betrachtet handelt Wreck von stadttypischen Tierarten—Tauben, Ratten, Kakerlaken; also von den Tieren, die ich konstant sehe. Und die benutze ich als Analogie für bestimmte Leute, die ich kenne und die ziemlich abgefuckte Sachen gemacht haben. Also im Grunde geht‘s da wieder um mein Leben in der Großstadt während der letzten paar Jahre.

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Wie entsteht die Coverart der legendär blutrünstigen Unsane Album Sleeves?
Wenn es darum geht, ein neues Cover zu entwerfen, besteht mein Job darin, Blut einkaufen und ein Gemetzel zu entwerfen.

Das heißt die Bilder sind alle fake?
Ein paar sind echt. Das vom ersten Album und das von Scattered, Smothered and Covered. Ansonsten machen wir einen sogenannten ‘Bloodrun’. Das bedeutet, dass ich irgendwo in der Stadt ‘ne Menge Blut verspritze und eine Mordzenerie entwerfe. Ich nehme dann zwei oder drei Leute mit, die ganz schnell Fotos schießen, und dann rennen wir wie verrückt, bevor die Bullen uns kriegen. Ich benutze gerne Blut.

Als ich noch jung war ging das gerade los mit der AIDS-Epidemie und Blut ist seitdem ein großes Tabu. Also vermisch ich das mit einer großen Vorliebe für Horror- und Splatter-Filme. Gib einem Typen wie mir die Möglichkeit damit zu arbeiten und ich nutze das hemmungslos aus. Im Prinzip mache ich nur das, worauf ich am meisten Lust habe.

Hast Du nie dran gedacht, das ganze auszuweiten und Blut bei Liveshows zu verwenden, also beispielsweise wie Gwar oder Alice Cooper?
Nee, nicht wirklich. Das ist mir zu theatralisch. Außerdem könnte ich mir nicht vorstellen auf Tour täglich Blut kaufen zu müssen. Und wenn, dann muss es echtes Blut sein, alles andere wäre nur Kinderkram.

Nach den Aufnahmen Eures ersten Albums starb euer Schlagzeuger Charlie (Ondras) an einer Überdosis Heroin. Es muss schwer gewesen sein, weiterzumachen.
Schon, aber bei uns passierten ja immer ganz abgedrehte Sachen, wie zum Beispiel mit unserem Bassisten Pete. Der drehte komplett durch und musste aufhören, für uns zu spielen. Als Charlie starb, war das eine große Tragödie und außerdem mussten wir auf eine einmonatige Europatournee. Wir kannten Vinnie (Signorelli) und baten ihn uns zu helfen und glücklicherweise lief dann auch alles glatt.
Ein anderes Mal, als Pete anfing durchzudrehen, hatten wir eine achtwöchige Tour mit Biohazard zugesagt, und auch da hatten wir keine andere Wahl, als weiterzumachen. Wir gingen also auf Tour und während Pete seinen Breakdown hatte, sagte Vinnie ‘wenn’s nicht anders geht, machen wir’s halt nur mit Gitarre und Schlagzeug’. ‘The show must go on’, wir müssen das durchziehen. Schließlich holten wir uns Dave (Curran), der zu dem Zeitpunkt unser Soundmann war. Davor versuchten wir’s noch mit jemand anderem, er spielte drei Shows und machte andauernd Fehler. Aber Dave und ich hingen ohnehin oft abends in Hotelzimmern ab und machten Musik, darum wusste ich, was er draufhat. Wir kauften ihm einen Bass und los ging‘s. Und jetzt bete ich zum lieben Gott, das Vinnie bald okay sein wird; er bekam ein Abszess, das sich entzündete und ausbreitete, und jetzt liegt er im Krankenhaus. Naja, und wir müssen halt touren!

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Bitte erzähl mir von Euer Tour mit Slayer. Deren Fans sind ja dafür bekannt, den Vorgruppen das Leben nicht gerade leicht zu machen.
Mann, das sind die schlimmsten! Bevor wir mit Slayer tourten hatte ich schon gehört, das Lemmy mit Plastikbechern beschmissen wurde.
Was wir in der Situation machten war folgendes: Ich bin immer auf die Bühne gegangen und hab uns dann mit ‘Hey, wir sind Unsane, wir legen jetzt los’ begrüßt, und ‘SLAYYYYYER’ gebrüllt. Die Masse schrie SLAYYYYYER’ zurück und flippte dann total aus. Und dann fängst Du an und hörst nicht auf bis das Set beendet ist. Und wenn Du dann fertig bist geht’s nichts wie raus. So kann man sich eine Menge Unannehmlichkeiten ersparen. Für jede ruhige Sekunde wirst du von deren Fans knallhart bestraft.

Das klingt nach harter Arbeit.
Nee, es war ehrlich gesagt sehr gut für uns. Wir hatten definitive ein paar neue Fans danach. Das hat mich sehr überrascht, da beide Bands ja so extrem unterschiedlich sind.

Im Jahr 2000 wurdest Du nach einem Eurer Auftritte von vier Leuten in Wien krankenhausreif geschlagen. Hast du jemals herausgefunden, was der Grund dafür war?
Das passierte gar nicht nach einem Konzert. Ich war alleine in Wien, um ein paar Interviews zu geben. Eines Nachts kam ich aus einer Bar, ich trug Armeehosen, ein weißes T-Shirt und ein New York Yankees Baseball Cap. Und angeblich, das teilte mir mein Arzt im Krankenhaus letztendlich mit, dachten meine Angreifer ich sei ein US-Soldat. Es war also so eine Art anti-amerikanischer Angriff. Ich bin da einfach so blindlings reingelaufen, hatte keine Ahnung was kommen würde. Jemand sagte ‘Hey’, ich drehte mich um und bekam eins übergezogen und dann, als mein Körper zu Boden fiel, sprangen vier Typen aus dem Gebüsch und hämmerten auf mich ein. Als nächstes wachte ich auf, meine Lippe hing tief runter und mein Auge war komplett zugeschwollen. Mein ganzer Körper war blutverschmiert und ich hatte auch innere Blutungen. Deswegen mussten sie mich dann auch operieren.

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Ich nehme an, du hast dann erstmal lange pausiert.
Nee, ging nicht, wir hatten noch ein volles Tourprogramm vor uns. Nach drei Wochen blutete die Narbe auf meinem Bauch immer noch. 40 Nähte hielten mich zusammen. Zwei Wochen hat’s gedauert, bevor die Nähte gezogen wurden. Und dann war ich wieder auf Tour. Das entwickelte sich dann zu einem running gag: Wenn dein Bauch aufreißt und der ganze Scheiß rausfällt, dann hören wir auf zu touren, hahaha. Und das war ‘ne lange Tour, zehn Monate, glaub ich.

Wolltest Du des Geldes wegen weiter touren?
Nein. Wir haben einfach mal geschaut, wie’s so läuft. Wann immer es ging, spielte ich halt. Das hatte nichts mit Geld verdienen zu tun. Da ging’s mehr um Loyalität der Band gegenüber. Ich wollte da nichts kaputt machen für die anderen und zukünftige Auftritte ruinieren.

Du bist dem typisch brutalen Unsane-Stil immer treu geblieben, selbst mit Deinen Nebenprojekten. Hattest Du nie den Wunsch, einen ganz anderen Sound anzutesten?
Ich liebe halt das, was ich mache. So lange ich diese Art Musik machen kann, werde ich das tun. Aber ab und an spiel ich auch akustisch. Das kriegt aber nur mein Hund zu hören, haha.

Du bist eng mit Jon Spencer befreundet. Kennt Ihr Euch noch aus Pussy Galore Zeiten?
Ja genau, wir haben uns damals einen Proberaum geteilt und sind seit jeher gute Freunde. Und die Wohnung, in der Charlie (Ondras) starb, gehörte vorher Jon und Christina (Martinez - Jon Spencer’s Frau und Mitglied von Boss Hog, bei denen auch Charlie Ondras am Schlagzeug dabei war, Anm. Redaktion). Wir sind alle eng befreundet und stammen aus der gleichen Szene. Als wir anfingen, war es immer Jon, der uns pushte und meinte “ihr werdet bald soweit sein und touren”. Er hat uns immer moralisch unterstützt, echt ein guter Freund.

Nach all den Horrorstories brauch ich noch eine Anekdote der jetzigen Tour.
Noch gibt's keine, die Tour fing ja gerade erst an. Aber frag mich nochmal in einem Monat, irgendwas geht ja immer schief, haha.

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Unsanes Wreck ist bei Alternative Tentacles erschienen.