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Ein paar Gedanken zum wahren Stellenwert von Eiffel 65’s „Blue (Da Ba Dee)“

Wenn man diesen Song heutzutage retrospektiv betrachtet, merkt man sehr schnell, warum er uns damals so mitgerissen hat.

von Angus Harrison
12 Februar 2016, 6:00am

Screenshot via YouTube

Die Welt starrte in den Mündungslauf einer geladenen Laserpistole—das erdrückende Gewicht des Jahrtausendwechsels war deutlich zu spüren. Je näher die Zukunft allerdings rückte, desto ernüchternder schien sie sich anzufühlen. Napster tauchte auf der Bildfläche auf und verwandelte Musik in eine freiverfügbare Ware und Die dunkle Bedrohung schaffte es irgendwie, die unendlichen Weiten des Weltalls unglaublich enttäuschend aussehen zu lassen. Das einzig Aufregende am Jahrtausendwechsel schien da noch ein Computervirus zu sein, der letztendlich aber doch nicht eintrat. Wenn wir eine Hymne für unsere damalige Zeit gewollt hätten, dann hätte sie wahrlich ungewöhnlichen Anforderungen genügen müssen. Es musste etwas sein, das den unaufhaltsamen technischen Fortschritts in einer zunehmend vom Internet abhängigen Welt reflektierte, aber gleichzeitig eine Stimmung der Antipathie, der nebelhaften und unausweichlichen Trauer einfing. Kurz gesagt, wir brauchten etwas, das ganz und gar den Geist der Zukunft atmete, aber auch die resolute Larmoyanz des Jetzt mit einbezog. Wir brauchten Eiffel 65.

Wenn man diesen Song heutzutage retrospektiv betrachtet, merkt man sehr schnell, warum er uns damals so mitgerissen hat. Uns, die Generation, die auf die Zukunft wartete, während die Vergangenheit um sie zerfiel. Die pumpende Kickdrum, die offenherzigen Klavierakkorde, der synthetisch-pulsierende Bass—ja, vielleicht klang es auf den ersten Blick nach unfassbar schmalzigem Eurodance, aber tatsächlich geschah hier etwas Großes. Der Song traf genau den Nerv eines allgemein vorherrschenden Gefühls. Waren wir nicht alle irgendwie „blue, da ba dee, da ba die?“

Beginnen wir doch einfach mal mit einer Textanalyse der Lyrics von „Blue (Da Ba Dee)“. Die erste Strophe:

„Yo listen up here's a story,About a little guy that lives in a blue world,And all day and all night and everything he sees,Is just blue like him inside and outside.“

Für eine halbwegs ernstzunehmende Interpretation ist es elementar, die vielseitige Bedeutung des Wortes „blue“ zu verstehen. Es wäre ein großer Fehler, davon auszugehen, dass Eiffel 65 Leadsänger Jeffrey Jey in diesem Lied nur über die Farbe blau singt. Auch wenn in dem Video tatsächlich kleine blaue Männchen auftauchen (mehr dazu später), ist es möglich, Jeys Worten weitere Bedeutungsebenen abzugewinnen. Wenn wir das Wort „blue“ in seiner, vor allem im englischsprachigen Raum üblichen Bedeutung für „traurig“ oder „niedergeschlagen“ nehmen, dann versetzt uns schon direkt die erste Strophe mitten in eine alles verschlingende Depression, die ihre Ursache in den erdrückenden Beschränkungen unserer modernen Existenz hat. Man beachte, dass „everything he sees [...] is just blue“—als wäre die Welt selbst, nicht bloß seine Seele, vergiftet. Die Welt—gefühlskalt, eisig, eisblau—lässt ihn von innen und außen erfrieren.

„I have a blue house with a blue window.Blue is the colour of all that I wear.Blue are the streets and all the trees are too.I have a girlfriend and she is so blue.

Man beachte auch, wie weit der „little blue man“ die ihn übermannende „blueness“—wenn man so sagen darf—, ergo Trauer, seiner Existenz auf alle Aspekte seines Lebens überträgt. Sein Haus, und damit sein Rückzugsort, ist nun vollständig blau—bis hin zu jedem einzelnen Fenster. Vor allem der Hinweis auf die Fenster ist hierbei besonders erschütternd. Wie wir wissen, sind Fenster transparente Flächen, die uns einen Blick in die Welt da draußen ermöglichen. Wenn er jetzt suggeriert, dass seine Fenster blau sind, dann gilt das vielleicht auch für seinen eigenen Blick auf die Welt. Es ist ebenfalls interessant, dass der blaue Mann eine Freundin hat, die aber ebenfalls „blue“ ist—sehr wahrscheinlich beeinflusst durch seine eigene Gefühlswelt.

Neben dem Text lohnt es sich allerdings auch, das offizielle Video zu Eiffel 65's „Blue Da Be Dee“ einer genaueren Betrachtung zu unterziehen.

Alle nachfolgenden Bilder sind Screenshots von YouTube aus dem Video „Eiffel 65 - Blue (Da Ba Dee) (Original Video with subtitles)“ von Bliss Corporation

Das Video beginnt mit einer Sequenz, in der die Gesichter der verschiedenen Mitglieder von Eiffel 65 auf Fernsehgeräten zu sehen sind. Allen voran Sänger Jeffry Jey, der den besagten „little guy“ vorstellt. Was die Fernseher selbst bedeuten sollen, steht natürlich frei zur Interpretation. Eine durchaus plausible Lesart wäre jedoch, dass sie in gewisser Weise repräsentieren, wie sehr sich Eiffel 65 eigentlich von der ganzen Medienaufmerksamkeit eingeschränkt fühlen.

Trotz der eindeutig ernsten soziopolitischen Untertöne des Songtextes hat man sich beim Video interessanterweise dazu entschieden, die „Blueness“, also Depression, des „little guy“ weitaus weniger metaphorisch in der Gestalt von kleinen blauen Kerlchen darzustellen. Die tatsächliche Rolle dieser kleinen blauen Aliens bleibt das Video hindurch allerdings ziemlich undurchsichtig. An manchen Stellen kämpfen sie mit den Eiffel 65 Leuten, in anderen Szenen stehen sie wiederum bewundernd vor der Band, während diese ihren Song „Blue (Da Ba Dee)“ zum Besten gibt. Das komplette Video ist voll mit gegensätzlichen und verwirrenden Szenen wie dieser. Zum Beispiel:

In dieser Einstellung sehen wir, wie Jeffrey Jey in einer riesigen Blase gefangen ist.

In dieser Einstellung schießt ein anderes Mitglied von Eiffel 65 (blaue) Elektrizität auf eins der blauen Aliens.

Trotz diverser gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Eiffel 65 und den blauen Aliens sieht die Band bei ihrer Flucht von dem vermeintlich feindlich gesonnenen Planeten ein gigantisches (blaues) Zeichen, auf dem die Aliens aus unerklärlichen Gründen um eine Rückkehr bitten.

Es sollte an dieser Stelle vielleicht darauf hingewiesen werden, dass die blauen Aliens in dem Video eine offizielle Website haben. Laut der recht umfassenden Textsammlung auf dieser Seite, die quasi das Musikvideo als Vorlage für eine Kurzgeschichte genommen hat, dreht sich die Narrative um ein blaues Alien (namens Zorotl)—ein respektierter Wissenschaftler auf seinem Heimatplaneten—, das Jeffrey Jay entführt, um sich die Kraft seiner Musik nutzbar zu machen. Zorotl hatte allerdings nicht mit der entschlossenen Loyalität der übrigen Eiffel 65 Mitglieder gerechnet, die sofort zu seiner Rettung kamen. Natürlich lautet die eigentliche Frage, die sich hier nun auftut, wer bitte Zeit und Muße hatte, Fan-Fiction auf der Grundlage von Eiffel 65's Video zu „Blue (Da Ba Dee)“ zu schreiben? Wer fühlte sich derartig dazu genötigt, so unglaublich von einem 3 Minuten und 39 Sekunden andauerndem Clip inspiriert, dass die Person nicht anders konnte, als Textperlen wie diese niederzuschreiben:

„The 3 humans called Eiffel65 saw this transmission and from their Star Ship...Zorotl said " We are, in general peaceful people, and we are in love with the Science-Art that you call Music. With your help, we would like to learn it, and to show you my good intention, if you allow me, I will go on stage to sing your song "Blue" together with you, as a sign of friendship.“

Wahrscheinlich werden wir nie erfahren, warum zur Hölle jemand den ganzen Quatsch hier geschrieben hat, aber eins steht fest: Wer auch immer das war, hat verstanden, dass dieser Song unglaublich vielschichtig und von universaler Signifikanz ist.

Wer auch immer das gewesen sein mag, diese Bemühungen sind Zeugnis der nicht versiegenden emotionalen Anziehung dieses Tracks—eines Songs, der seinen Platz auf Mixtapes irgendwo zwischen DJ Ötzis „Hey Baby“ und „Cotton Eye Joe“ findet, aber gleichzeitig für tausende Jahre Verwirrung und Antiklimax sorgt. Wir reden hier schließlich von einem Song, der die Kraft hatte, „Mambo No. 5“ vom ersten Platz der Charts zu vertreiben, und der erfolgreichste italienische Song aller Zeiten in den amerikanischen Charts wurde.

Lasst euch von niemandem erzählen, dass diese Eurodance-Perle billiger, kitschiger und einfach schlecht gemachter Pop ist. Das Lied ist ein Lobgesang auf die ewige Sehnsucht: auf das Gefühl der Einsamkeit, das uns Menschen alle in gewisser Weise eint. Das hier ist Derek Jarman mit einer Kickdrum. Eigentlich handelt diese Geschichte von uns. Wir alle sind doch nichts anderes, als kleine Kerle, die in blauen Häusern sitzen und durch blaue Fenster schauen. In diesem Sinne: Da ba dee. Da ba die.

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Dieser Artikel ist zuerst auf THUMP erschienen

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