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Wir meinen es doch nur gut—Wie die Musikelite auf der Flüchtlingswelle reitet

„Ist doch schön, so ein Flüchtlingskonzert.“ Na klar ist das schön. Nur für wen?

von Juri Sternburg
22 September 2015, 10:00am

Es hätte so schön werden können. „Rock-Gipfel für Flüchtlinge!“ titelte die BILD, kurz bevor sie sich mit ihrer verlogenen und heuchlerischen „Wir helfen“-Kampagne zum x-ten mal komplett ins Abseits schoss. Einen Tag nach dem 3.Oktober, an dem wieder mal zehntausende Menschen um das Brandenburger Tor herum Bratwurst fressen, Bier trinken, Revolverheld lauschen und das Ganze dann „Einheitsfeier“ nennen werden, sollte ein Flüchtlings-Konzert stattfinden. Die Musik-Prominenz ließ sich nicht lange bitten, von Herbert Grönemeyer und Peter Maffay, über Die Fantastischen Vier oder Campino, bis hin zu Sido und Andreas Bourani—und laut Medienberichten auch Xavier Naidoo—alle sagten natürlich sofort zu. Logisch, wer zu Zeit kein #RefugeesWelcome-Hashtag setzt, der hat die falschen PR-Berater.

Selbst Frei.Wild dachten sich neulich, dass so ein Pro-Flüchtlings-Statement nicht schaden kann, gerade wenn sie doch demnächst eine „Goldverleihung“ in Hamburg planen, der jede Menge Gegenwind droht (Tickets gibt's für nur 119€, Steine werfen ist größtenteils gratis). Da sollte man sich schnell noch mal positionieren, um dann zu jammern dass die Schlägertrupps der Gutmenschen mal wieder versucht haben, die Meinungsfreiheit der „überhaupt-nicht-nationalistischen“ Band zu beschneiden. Bis auf Frei.Wild möchte man all diesen Menschen den guten Willen ja auch gar nicht absprechen. Nur sollte man sich vielleicht überlegen, wie man wirklich helfen kann.

„Was will der denn jetzt?“ werden sich wohl einige fragen. „Ist doch schön, so ein Flüchtlingskonzert.“ Na klar ist das schön. Nur für wen? Wer hat eigentlich etwas von einem Gratis-Konzert, das laut Initiator Udo Lindenberg dazu dient, „Uns gemeinsam gegen dieses Pack zu erheben, gegen diese Idioten in Orten wie Freital und Heidenau“? Die Flüchtlinge? Nicht wirklich. Das Bild von Deutschland in der Welt, dem würde so ein Konzert allerdings gerade ganz gut zu Gesicht stehen. Wir sind nämlich die guten Deutschen, die Mehrheit, die anständige Mittelschicht. Und in den hintersten Ecken von Mordor, da stehen halt leider diese vereinzelten, arbeitslosen Orks und grunzen.

Mit der Realität hat das leider wenig zu tun. Denn in der Realität (und man kann es nicht oft genug sagen) entspringt Rassismus der Mitte der Gesellschaft. In der Realität brennen nach wie vor tagtäglich Asyl-Unterkünfte, auch wenn die Medien derzeit bevorzugt Bilder von klatschenden Omis an Bahnhöfen zeigen. In der Realität werden Migranten tagtäglich und überall mit Ablehnung und Vorurteilen konfrontiert. In der Realität sind vor dem Erstaufnahmelage für Flüchtlinge in Berlin katastrophale Zustände und zu wenig freiwillige Helfer. In der Realität ist Deutschland einer der Hauptverantwortlichen für den Tod von zigtausenden Menschen, die auf dem Weg nach Europa sterben. Wenn sie es allerdings geschafft haben über das Meer, durch die High-Tech-Grenzanlagen von Frontex & Co und vorbei an den Grenzkontrollen und Minenfeldern der Balkan-Länder, dann stehen wir Spalier und klatschen. Habt ihr super gemacht. Ihr werdet wahrscheinlich bald wieder abgeschoben, aber die Fernsehbilder nehmen wir gerne mit. Und jetzt kriegt ihr auch noch ein Konzert vor dem Reichstag. Toll, oder?

Selbstverständlich gibt es im Moment eine unglaublich große Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung und das ist wunderbar. All den Leuten, die sich die Nächte um die Ohren schlagen, um Menschen zu helfen, die ihr Hab und Gut teilen, die Geld spenden oder sich praktisch engagieren, gehören die Augen geküsst. Im übertragenen wie im eigentlichen Sinne. Genauso großen Dank gilt Prominenten und Musikern wie etwa Feine Sahne Fischfilet, den Beatsteaks oder Ruhrpott-Rapper Sinan-G (um nur einige zu nennen), die sich einfach an die Arbeit machen, statt sich auf den Titelseiten großer Boulevardzeitschriften ablichten zu lassen. Doch das ist leider nicht die Norm. Und auch wenn ich die „Wir Deutschen sind wohl immer schuld?“-Reflexe bereits kommen sehe: Ein Großteil übt sich schlicht und einfach in Symbolpolitik und Pseudo-Weltoffenheit.

Unvergessen und stellvertretend der O-Ton einer gut betuchten Dame im Hamburger Villenviertel: „Man sollte die auf jeden Fall aufnehmen. Aber doch nicht hier. Das ist doch alles viel zu teuer für die hier, die können sich das gar nicht leisten.“ Das spiegelt durchaus die Stimmung wieder, die vom Prenzlauer Berg bis Blankenese herrscht. Man kann aber auch gleich ganz tief in die Pathos-Kiste greifen und sagen „…wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land“. Angela Merkel wird momentan für diesen Satz gefeiert, obwohl er doch einfach nur entlarvt wie die Bundesregierung gerade handelt: Ein freundliches Gesicht zeigen, ja. Und dann trotzdem einen Arschtritt verpassen. Aber egal, der Bourani singt gerade, ich fühl mich schon wieder wie bei der WM.

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Kommen wir zurück zu dem Konzert vor dem Reichstag. Ganz abgesehen davon, dass sich mit den teilnehmenden Musikern das who-is-who der „Ich trete auch gerne mal bei einer Mercedes-Firmenfeier oder irgendeinem Regierungs-Event auf“ versammelt hat (sorry, Sido), fragt man sich bei genauem Betrachten erneut, für wen denn dieses Konzert eigentlich ist. Laut der Pressemitteilung richtet sich das Konzert hauptsächlich an Flüchtlinge. Also an die Menschen, die aufgrund von perversen Regelungen wie z.B. der „Residenzpflicht“, die es ihnen nicht erlaubt, sich weiter als ein paar Kilometern von ihren barackenartigen Unterkünften zu entfernen, daran gehindert werden, an gesellschaftlichen Ereignissen wie diesem teilzunehmen. Da werden die sich aber freuen, dass in Berlin auf der Reichstagswiese bei einem Gratis-Konzert 30.000 Menschen stehen und sich zusammen mit Berufspunk Campino und dem ein oder anderen direkt verantwortlichen Politiker in ihrer eigenen, angeblichen Toleranz suhlen.

Ich verstehe vollkommen, wenn jetzt einige behaupten, dass das kleinkariert wäre. Immerhin machen diese Promis wenigstens irgendwas, meckern kann ja jeder. Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Denn auch wenn es nicht wirklich en vogue ist, sich über das Offensichtliche hinaus (Super PEGIDA/Scheiss PEGIDA) mit Politik zu beschäftigen, sorgen all diese geheuchelten öffentlichen Aktionen nur für eins: Ein Land, das eines der Hauptschuldigen für die derzeitige Katastrophe ist und mit menschenunwürdigen Gesetzen diesen Zustand ausbaut, wieder gut da stehen zu lassen. Ich wiederhole mich gerne: Hier wir, die mit Butterbroten auf die Flüchtlinge warten und jetzt alle gemeinsam mal ein Konzert spielen, dort die bösen Ungarn mit ihren Grenzzäunen und ein paar Hinterwäldler aus Sachsen, die mit Bomberjacken durch die Straßen rennen. Das klingt gut, hat mit der Wahrheit aber nichts zu tun. Und dessen sollte man sich bewusst sein.

Das Konzert vor dem Reichstag wurde übrigens letzte Woche still und heimlich wieder abgesagt. Irgendwie war das alles dann doch zu kompliziert.

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