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Wütende Musik hat mir geholfen, mit meiner Wut fertig zu werden

Wie ‚I Am King‘ von Code Orange mir geholfen hat, mich meiner Wut zu stellen.
15.6.15

Dissonante Gitarren füllen langsam das Innere der Music Hall von Williamsburg, als Code Orange die ersten Töne von „My World“ spielen. Die Dissonanz schwillt an und erfasst jeden einzelnen Zuschauer. Einige springen auf der Stelle auf- und ab; einige stampfen in der Mitte des Raumes auf und schaukeln hin und her; einige, wie ich, stehen starrend vor der Bühne, fasziniert von dieser primitiven und hemmungslosen Zurschaustellung von Wut, Chaos und Unberechenbarkeit.

Für einen Moment bin ich überwältigt. Ich nehme die fliegenden Fäuste und Tritte, die mich umgeben, kaum wahr; die Luft dieser Attacken fächert mir kühle Luft zu, bevor mich wieder die Hitze der wütenden und verschwitzten Körper, die sich in dem Raum bedrängen, erfasst. Das Schlagzeug setzt ein. Körper prallen aufeinander. Mich trifft eine Faust ins Gesicht und ich falle zu Boden.

„We are Code Orange. Welcome to 2015.“

Ich bin das erste Mal Ende letzten Jahres auf Code Orange, einer Hardcore-Band aus Pittsburgh, aufmerksam geworden, nachdem mein Cousin den Song „I Am King“von ihrem damals noch nicht erschienen zweiten Album I Am King gepostet hatte. Der Song war verdammt gut. Er hatte eine schnelle und schonungslose Intensität und einen der besten Breakdowns, den ich seit Jahren von einer Hardcore-Band gehört habe. Ich habe das Album sofort gekauft, als es erschienen ist, aber aus irgendeinem Grund habe ich es mir bis zum Februar diesen Jahres nicht angehört. Wir können Musik vielleicht objektiv gut finden, aber es gibt einen Unterschied zwischen der Erkenntnis, dass Musik gut ist und den starken Gefühlen, die sie in uns auslöst oder eben nicht.

Um ein Album wirklich zu fühlen oder zu verstehen, müssen wir uns manchmal in einem bestimmten Zustand befinden. Einem Zustand der Wut. Einem Zustand der Fröhlichkeit. Einem Zustand der Traurigkeit. Musik wird genutzt, um diese Zustände zu verstärken oder ihnen zu entfliehen, um uns in den guten und den schlechten Zeiten unseres Lebens und allem dazwischen zu begleiten. Unsere eigene subjektive Erfahrung mit jeder Form von Kunst ist wichtig, weil sie nur für uns selbst ist.

I Am King ist ein wütendes Album. Manchmal gibt es dröhnende Dissonanz, kreischende Gitarren, die von gutturalen Schreien und treibendem Schlagzeug begleitet werden. Die elf Songs des Albums verhauen den Zuhörer zu einem blutigen und zerquetschten Brei. Code Oranges Musik ist gnadenlos, verstörend und wild.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich gezögert habe, ja, vielleicht sogar Angst hatte, mir I Am King direkt anzuhören. Ich war wütend: Das Ende einer langen Beziehung und tägliche erfolglose Bewerbungen für verschiedene Jobs hatten mich deprimiert und selbstzweifelnd zurückgelassen. Aber ich habe diese Gefühle ignoriert und versucht, sie durch Meditation, inspirierende Bücher und Zitate zu überwinden und so zu tun, als wäre ich glücklich. Die Wahrheit war, dass ich Angst hatte, mir meine Wut einzugestehen und mich ihr zu stellen, weil ich wusste, dass ich nicht auf den Schmerz vorbereitet war, der damit einhergehen würde.

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Natürlich wurde die Wut schlimmer. Ich war ununterbrochen ängstlich und frustriert, habe versucht, es zu kontrollieren, und nicht andere Leute oder mich ohne Grund anzugehen. Ich habe die meiste Zeit geschlafen und mir selbst gesagt: „Morgen geht es mir besser.“ Dabei habe ich meine Wut verleugnet und mir nicht erlaubt, die ersten Schritte in Richtung Heilung zu machen.

Zufällig lief gerade, während ich das Wohnzimmer meiner Großmutter putze und mich gefragt habe, ob ich diese Gefühle jemals überwinden würde, „Dreams In Inertia“ von Code Orange.

Ich habe innegehalten, den Song lauter gemacht, ihn auf Dauerschleife gestellt und weiter saubergemacht. Manchmal habe ich gestampft oder „I can’t feel it anymore!“ geschrien und die Worte wurden mit jedem Hören therapeutischer. Als ich den Song das letzte Mal an diesem Tag hörte, habe ich angefangen zu weinen und lag auf dem Boden. „Dreams In Inertia“ hatte etwas in mir ausgelöst, durch das ich mich komischerweise besser fühlte.

Der Song hat mich überallhin verfolgt: Ins Fitnessstudio, in den Supermarkt, zum Haus eines Freundes, einfach immer. Ich habe sogar zu dem Song meditiert, sein Refrain „Lay your head down / Stay at rest / Never let me down again“ wurde zu einem täglichen Mantra. Selbst jetzt frage ich mich, wie ein Song lyrisch und klanglich so empfindungslos sein und mir trotzdem Freude und Ruhe bringen kann. „Dreams In Inertia“ fühlt sich betäubt an: Der Text, im gedämpften Flüsterton gesprochen, erscheint niedergeschlagen, erschöpft und beunruhigt. Die Musik hält bis zum Refrain und dem Ende eine gewisse Ruhe aufrecht, wenn die Gitarren und das Schlagzeug ihre letzten Stöße von sich geben, bevor sie der Stille nachgeben.

Das ist der Grund, warum ich ausgerechnet dieses Lied so oft höre. Die nachhaltigen Momente des Songs fühlen sich trotz der niedergeschlagenen Stimmung so aufbauend und triumphierend an, was mich total angezogen hat. Ich konnte fühlen, wie ich mich selbst erholt habe, langsam aber sicher, und akzeptiert habe, dass ich, wenn ich diese Niedergeschlagenheit, dieses Tief, diese Taubheit überwinden würde, mich besser fühlen werde.

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Nachdem ich tagelang nur „Dreams In Inertia“ gehört hatte, habe ich I Am King letztendlich komplett gehört und realisiert, dass das Album, mit all seiner Aggression, Frustration und Beklommenheit, von Kraft handelte. Dies wird besonders im Titeltrack deutlich, in dem Code Orange, unzufrieden mit einer „Welt aus Knechten und Lügnern und Spionen“ stolz erklären: „I am King“. Die Intensität dieser drei Worte wächst und wächst und das kollektive Schreien der Band ähnelt dem eines Drill Sergeants, gleichzeitig aufbauend und einschüchternd. Aber der Weg, den inneren König zu finden, ist lang und steinig und genau deswegen ist I Am King so gut.

Das Album ist aufrichtig echt. Es gib Momente der Isolation („Alone In A Room“) und der Hilflosigkeit („Starve“) und jeder Song ist ein aufreibender Schritt in Richtung einer Art Frieden. „I've seen the things I have to see to become the man I need to be“, schreit Gitarrist und Sänger Eric Balderose im letzten Song des Albums, „Mercy“ und endet mit: „I am finally alive.“

I Am King ist der Soundtrack dazu, wieder aus einem Loch zu kriechen, übel zugerichtet, aber am Leben und bereit, sich der Welt wieder anzunehmen. Ich brauchte etwas Wütendes, das meinen Geisteszustand widerspiegelte, sowohl textlich als auch klanglich. Etwas, das mich dazu gezwungen hat, meinen Emotionen in gleicher Weise und bewusst zu begegnen, besonders denen, die mich verängstigt haben. Code Orange waren dieses Etwas für mich, eine Band, die mich an meine Zeit als ein von Hardcore Punk besessener Teenager erinnert hat und mir ein Genre wieder nähergebracht hat, das mir immer das Gefühl von Freiheit gegeben hatte.

Schlagzeuger Jami Morgan hat es in einem Interview mit Toxicbreed's Funhouse Ende letzten Jahres so ausgedrückt: „Auf [I Am King] geht es allgemein darum, die Dinge in dir selbst und die Leute um dich herum loszuwerden, die dich von dem abhalten, was du tun willst. Darum, König deines eigenen Verstands und deiner eigenen Welt zu werden und sich ihr selbst anzunehmen.“

Während des Konzerts von Code Orange ausgeknockt zu werden war das passende Gegenstück zum ersten Hören von „Dreams In Inertia“. Ich war getroffen, überrascht, dass dieser Song mich zum ersten Mal seit langer Zeit etwas fühlen ließ. Live hat sich dieses Gefühl nur noch intensiviert.

Als Code Orange anfingen, „Dreams In Inertia“ zu spielen, war ich in Trance. Ich habe heftig gestampft, den Refrain des Songs geschrien, bis sich mein Hals zugeschnürt hat. Andere, inklusive der Bandmitglieder, taten dasselbe. Ich hatte das Gefühl der Kameradschaft, das ein Moshpit bringen kann, schon wieder vergessen. Leute, die sich selbst in der Musik verlieren und sich zu fragen, mit welchen Problemen sie sich gerade herumschlagen.

Ich bin zu der Show gegangen und wollte einen Teil von mir dort lassen, der mich heruntergezogen und mich nutzlos fühlen lassen hat. Als ich meine Wut zusammen mit anderen Fans und der Band rausgelassen habe, habe ich mich lebendiger und kraftvoller gefühlt. Der Kreis der Katharsis hat sich geschlossen: Aus dem Wohnzimmer meiner Großmutter in die Music Hall von Williamsburg. Der Auftritt von Code Orange hat mir so viel bedeutet. Ich habe gelächelt, während ich zurück zum Apartment meines Freundes gegangen bin, mein Adrenalin hat sich langsam verflüchtigt und mein Rücken, mein Brustkorb und meine Beine taten weh. Ich hatte endlich meine Wut zugelassen, mich ihr gestellt und obwohl ich wusste, dass mein Weg zur Selbstheilung gerade erst begann, war ich endlich bereit, den ersten Schritt zu machen und, um es mit den Worten von Morgan zu sagen, König meines eigenen Verstands und meiner eigenen Welt zu werden.

Elijah Watson ist bei Twitter - @ElijahCWatson

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