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Auch wenn sich Odd Future irgendwann auflösen, lohnen sich die Tränen nicht

Dinge geschehen und Leute entwickeln sich weiter, aber der Einfluss von Odd Future auf die Geschichte bleibt bestehen.

von Ryan Bassil
28 Mai 2015, 3:43pm

Der große Friedhof der Musikgeschichte beherbergt wenige Gruppen, die für immer Bestand haben. Wenn eine Band ihr Ende verkündet, ist sie normalerweise schnell Vergangenheit und gerät in Vergessenheit. Nur ein paar überleben im öffentlichen Bewusstsein. Bands wie Nirvana und die Ramones; Rapgruppen wie NWA oder The Conglomerate oder Pop-Acts wie die Spice Girls und N*SYNC. Diese Acts überleben den Tod ihrer Karrieren, den von Bandmitgliedern sowie den Verfall von makelloser Haut zu lebender Unsterblichkeit und sind eng verbunden mit der Kultur ihrer Zeit. Und auch wenn es so scheint, als wäre die Leichenhalle der auf ewig berühmten Musik langsam voll und würde vor lauter Retrospektiven der Musikpresse stinken, gibt es immer noch Platz für ein paar mehr Acts, die das jetzige Jahrtausend geprägt haben.

Gruppen wie Odd Future Wolf Gang Kill Them All Don’t Give A Fuck Litter Life Bacon Boys Loiter Squad Butt Fuck Bitch Niggas: die mindestens vierzehnköpfige Gruppe, die von Tyler, the Creator angeführt wird und bei der außerdem Frank Ocean und Earl Sweatshirt dabei sind. Sie ist 2011 durchgestartet und seither zu einem Multimillionen-Dollar-Imperium geworden; verantwortlich für Musikfestivals, mindestens 30 offizielle Albumveröffentlichungen, eine Fernsehshow, Tweets voller Schimpfwörter und Großbuchstaben, den Aufstieg und Fall von Snapback Caps und ein über vier Jahre währendes, hartnäckiges Gespür für Jugendkultur. Diese Woche führte ein nostalgischer Tweet von Tyler zu Spekulationen über den Tod des Kollektivs—auch wenn dies nicht der Fall ist, war es nicht das erste Mal, dass laut über das Ende von Odd Future geredet wurde. Trotzdem würde es sich nicht lohnen, deswegen zu weinen. Ihre Spur in der Geschichte ist so wenig zu beseitigen wie Michael Jacksons Handabdrücke vor dem Chinese Theatre in Hollywood.

Wie schon auf vielen Portalen in den letzten 48 Stunden berichtet wurde, hat Tyler durch ein paar Tweets Mittwoch Abend das Ende von Odd Future angedeutet. Das Ergebnis ist, dass die Leute traurig darüber sind. Das ist allerdings nicht seine erste Anspielung daran, dass die Gruppe sich auflöst. Vor fast einem Jahr hat er getwittert: „I AM NOT FROM OF ANYMORE“ und in einer Coverstory im Fader Anfang des Jahres fanden sich Zitate wie: „Die Dinge ändern sich, die Leute werden älter, die Ziele der Leute ändern sich“ und „jeder ist auf seiner eigenen Insel“ sowie die Anmerkung des Autors, dass „[er] seit 2012 kein Odd Future-Merch mehr gemacht hat“.

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Die Gruppe interagiert online kaum noch miteinander, war seit 2013 nicht mehr zusammen auf Veröffentlichungen zu finden und Odd Future wurde im Prinzip zu einem Namen, der eine Gruppe entfernt verbundener Künstler zusammenfasst. Es sollte also niemand ersnthaft überrascht sein, wenn sie sich eines Tages tatsächlich auflösen würden. OFWGKTA ist seit Jahren tot und deswegen zu trauern, ist, wie um ein bereits lange verstorbenes Hundebaby zu trauern. Stattdessen sollte es wie bei jedem Tod darum gehen, sich an die guten Zeiten zu erinnern, um den Einfluss auf die kulturelle Geschichte. Und weil niemand von ihnen, naja, gestorben ist, weiß auch niemand, was ihr Ende für die Zukunft bedeuten könnte.

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Die neuesten Veröffentlichungen von Tyler, the Creator und Earl Sweatshirt waren bis jetzt ihre stärksten. Befreit von den Beschränkungen der Marke Odd Future sind beides handgemachte Platten, die wie ganze, ehrliche Porträts wirken und nicht wie eine Karikatur. Der Rest der Künstler der Gruppe—Acts wie The Internet, Mike G, Hodgy Beats—machen immer diverser werdende Musik und es ergibt für sie keinen Sinn, sich durch ein Kollektiv zu verbinden. Damit die einzelnen Künstler wachsen können, ist ein mögliches Ende von Odd Future das Beste. Dann erscheint vielleicht endlich ein Mike G-Album oder eine weitere verführerische Platte von The Internet. Oder vielleicht würde sich auch wieder jemand mit neuem Elan der Bong widmen. Was auch immer passieren würde—es wäre ein Neuanfang.

Selbst im Falle eines Todes wäre Odd Future durch die folgenden Highlights bereits unsterblich geworden: die Debüt-Performance der Gruppe mit „Sandwitches" bei Jimmy Fallon, einem angstmachenden Nachrichtenbericht, Kanye West, der seine Webseite so verändert hatte, um nur das Video zu „Yonkers“ und später „IFHY“ zu zeigen; Earl Sweatshirt, der verloren ging und von Complex in Samoa „gefunden“ wurde; Frank Ocean, der Channel Orange veröffentlicht; das Video zu „Earl“; jede Liveshow, bei der man das Gefühl hatte, dass Musik wieder spannend war und Künstler sich um ihre Performance kümmerten; der Hype, durch den die Shows mit Tumulten beendet wurden; Tylers berüchtigter Twitter-Account und der finale Abschied der Gruppe, „Oldie", der Song, der 2013 veröffentlicht wurde und das letzte Artefakt ist, das die Gruppe zusammen gezeigt hat.

Das Video zu „Oldie“ scheint typisch für die Gruppe zu sein. Wenn man es sich anschaut, ist es so, als würde man einer Gang beim Abhängen in den Unterwelten der Highschool zusehen. Alle sind befreundet, aber es ist ein bittersüßer Schnappschuss einer besonderen Zeit. Es erinnert mich an Leute, mit denen ich früher abgehangen habe; Freunde, die zu Leuten geworden sind, mit denen ich nichts mehr zu tun haben will. Das Gleiche gilt für Odd Future. Wie Tyler es gesagt hat: „Leute werden älter“ und „die Dinge ändern sich“. Du kannst nicht erwarten, dass die Gruppe für immer zusammen bleibt. Wenn es dich bekümmert, dass Odd Future sich irgendwann auflösen, dann lass dir gesagt sein, dass es das nicht sollte. Das ist es nicht wert. Du hast deine Videoarchive und Alben. Du hast die Erinnerungen. Du hast eine Gruppe, auf die du, wenn du alt bist, zurückschauen kannst. Dann kannst du sagen: „Ich war da“, während du deinen Enkeln ein Video davon zeigst, wie Earl Sweatshirt seinen Zehennagel abreißt. Es lohnt sich, in die Zukunft zu schauen.

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