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Dieser Salzburger ist ein Matthias Reim-Hardcore-Fan

Ihr habt euch gefragt, wer die Matthias Reim-Fanbox für 300 Euro gekauft hat? Wir haben es herausgefunden.
05 August 2015, 11:50am

Als Matthias Reim vor einigen Monaten seine große „Verdammt ich lieb dich“-Jubiläumsbox vorstellte, waren diejenigen, die reagierten vor allem eins: verwundert. Selbst die Fans des Schlagerbarden wunderten sich, warum sie 300 Euro für etwas ausgeben sollten, das im Endeffekt nur ein Remastering dieses einen Hits ist, den ohnehin jeder von ihnen schon im Regal stehen hat. Vermutlich deswegen wird der Inhalt der Box jetzt auch ausgeschlachtet und einzeln zum Verkauf angeboten. Wer etwa nur die grandiose 3D-Action-Figur haben will, muss „lediglich“ 109 Euro bezahlen und bekommt ein Hochglanz-Magazin gratis dazu.

Christian Wernerus ist allerdings keiner dieser skeptischen Menschen, denn Christian ist ein echter Fan. So echt sogar, dass er nicht nur die komplette Box für 299 Euro bestellt, sondern auch noch den Moment ihrer Ankunft begeistert auf Film festgehalten hat (mit einem etwas verdutzten Paketboten in der Nebenrolle):

Die Welt eines dermaßen leidenschaftlichen Matthias-Reim-Fans ist uns naturgemäß eher fremd. Unsereins hat vielleicht in den Neunzigern das letzte Mal zu „Verdammt, ich lieb dich“ im Kindersitz des elterlichen Ford Scorpio upgeturnt (so wie ich), für manch andere ist der mittlerweile 57-Jährige aber immer noch der gottverdammte Boss im Game. Christian hat uns deshalb einen Einblick in seine spannende Fan-Welt gewährt. Danke, Christian.

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Das ist Christian.

Der gebürtige Niedersachse Christian ist 40 Jahre alt, arbeitet als diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger und lebt seit 1992 im österreichischen Salzburg. Gleich zu Beginn stellt der Vater von zwei Kindern jedoch klar, dass ihn der von uns verwendetet Begriff „Hardcore-Fan” stört, er sehe sich eher als „professionellen Fan“. Damit meint Christian nicht etwa, dass er Geld für seine Aktivitäten erhält, zum Beispiel für den Betrieb seines regelmäßig aktualisierten YouTube-Kanals. Vielmehr legt er Wert auf eine gesunde Distanz zwischen Fan und Künstler, das (durchaus komplizierte) Privatleben von Matthias Reim ist für ihn tabu: „Ich bin keiner, der vor seiner Haustür campiert, mir geht es nur um die Musik.“

Natürlich ist die Wortschöpfung „professioneller Fan“ ein kleines Paradoxon, schließlich will ein Fan naturgemäß keine Barrieren zu seinem Lieblingskünstler aufbauen, sondern ihm im Gegenteil so nahe wie möglich kommen. Aber auch Christian reagiert alles andere als emotionslos, wenn er es schafft, ein gemeinsames Foto mit seinem Idol abzustauben.

Überhaupt ist Christian nicht so, wie du ihn dir vorstellst, wenn du an einen Schlagerfan denkst. Dem Klischee des durchgeknallten Bewunderers, der sich Songtexte auf den Arm tätowieren lässt und seinen Liebling auf jeden einzelnen Tourstopp begleitet, entspricht er nur wenig. Anders als erwartet ist der Wahlösterreicher auch erst seit ein paar Jahren Fan des Schlagerbarden. Wenn die Matthias-Reim-Fanbase ähnlich tickt wie die deiner Lieblings-Indie-Band, müsste er sich also verdammt oft den Vorwurf gefallen lassen, erst nach dem Sellout Fan geworden zu sein, oder?

„,Verdammt ich lieb dich’ hab ich damals natürlich mitbekommen, und der Song gehört auch untrennbar zu meiner Jugendzeit, aber damals habe ich lieber Sachen gehört wie David Hasselhoff oder Rick Astley.” Zum richtigen Fan wurde Christian erst im Jahr 2012, an einem schicksalhaften Abend im Bierkönig, einer der berüchtigsten Abfüllstationen auf dem Ballermann. „Ich habe Urlaub mit meinem Sohn auf Mallorca gemacht und als ich zufällig ein Werbeplakat für ein Matthias-Reim-Konzert sah, dachte ich mir: ,Na wenn du schon mal da bist, musst du ihn dir auch anschauen.’ Und das Konzert war so ein tolles Erlebnis, dass ich an diesem Abend zum richtigen Fan geworden bin.”

Die vergleichsweise kurze Dauer seines Fantums macht Christian mit seinem Enthusiasmus wieder wett. Auf seinem YouTube-Kanal postet er immer wieder kurze Widmungen, selbst aufgenommene Cover-Versionen oder Berichte von seinen Reisen zu Konzerten. Bei diesen ist er auch gerne mal vier Stunden vor offiziellem Beginn in der Halle, um einen möglichst guten Platz zu ergattern.

Natürlich war die oft belächelte Matthias-Reim-Jubiläumsbox daher ein Pflichtkauf für ihn. „Auch wenn ich vorher schon überlegt habe, wie ich das meiner Frau und den Kindern erkläre”, lacht er. Dennoch findet er 299 Euro in Anbetracht des Inhalts nicht zu viel. „Man muss das realistisch betrachten”, sagt Christian und beginnt vorzurechnen: Die Box sei aus Massivholz vom Tischler und innen schön ausgekleidet, das Hochglanz-Magazin koste in der Herstellung sicher 20 Euro, für die 3D-Action-Figur müsse man bestimmt auch 80 Euro Produktionskosten veranschlagen und dann sind ja noch das Konzert-Ticket, der Talisman-Anhänger, Vinyl und Maxi-CD und vieles mehr dabei. Christian ist zufrieden mit der Box. Wenn man die Steuern reinrechne, seien 299 Euro ein realistischer Preis, sagt er: „Großen Gewinn wird der Hersteller mit der Box nicht machen, und Matthias Reim sicher auch nicht.”

Für die 3D-Action-Figur, das klare Highlight der Box, hat sich Christian sogar einen eigenen kleinen Schrein über seinem Computer gebastelt, mit automatischem Drehteller, um den Mini-Matthias aus allen Blickwinkeln betrachten zu können. „Wie geil“, würde das Original dazu vermutlich sagen. Christians Begeisterung für die Box ist vielleicht auch der Tatsache geschuldet, dass der Hersteller Schlagerplanet ihn im Rahmen eines Gewinnspiels zu einer Pressekonferenz nach München eingeladen hat, auf der Matthias Reim die Box selbst vorgestellt.

Angesichts dessen, dass Christian die Box trotzdem aus eigener Tasche bezahlen musste, wirkt seine Begeisterung über das Produkt allerdings glaubwürdig. „Für mich wären ein Auto, ein Hund oder eine größere Wohnung Luxus, dafür leiste ich mir eben diese Box. „ Meine Tochter sagt immer, solange ich zuhause auch mal andere Musik höre, ist das mit Matthias Reim schon okay”, erklärt uns Christian. Manchmal hängt er an seine Konzert-Trips noch eine Städtereise mit der Familie dran: „Meine Frau habe ich zum Beispiel 2013 das erste Mal auf ein Konzert in München mitgenommen, und am Tag danach haben wir noch eine kleine Shopping-Tour gemacht. So hatten wir dann beide was von diesem Wochenende.”

Christian wirkt nicht wie jemand, dessen Leben sich durch Matthias Reim komplett verändert hat, so wie es viele Hardcore-Fans von sich behaupten—gerade diejenigen, die sich Songtexte tätowieren lassen und „schon ein bisschen drüber sind”, wie es Christian formuliert. Stattdessen scheint der 40-Jährige ein Mensch zu sein, der sich in seine Hobbys einfach viel stärker vertieft als andere Menschen, ganz egal, was dieses Hobby im Endeffekt ist. So ist Christian auch ein enthusiastischer Hobbyfilmer und Sammler von Modellflugzeugen. „Meine Flugzeugsammlung ist wesentlich teurer als meine CD-Sammlung”, gibt Christian zu und zeigt sofort begeistert ein paar von seinen Lieblingsmodellen.

Sein Matthias-Reim-Fantum lässt sich praktischerweise auch gut mit seiner Leidenschaft fürs Filmen verbinden. Nach außen wirkt die Obsession für so viele verschiedene Dinge allerdings fast ein bisschen wahllos. Doch seine Begeisterung wird dadurch nicht weniger echt. Und eigentlich sollten wir alle diesen Mann dafür feiern, dass er sich mit seinen 40 Jahren jene kindliche Begeisterungsfähigkeit erhalten hat, die vielen bemüht distanzierten und halbironischen Zwanzigjährigen längst abhanden gekommen ist.

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