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You Need to Hear This

Jay-Z, akzeptier endlich, dass du alt bist!

Seit zehn Jahren hat Jay-Z keine wirklich gute Platte mehr herausgebracht. Also warum hätte das mit Magna Carta Holy Grail anders werden sollen?
5.7.13

Ich habe einen Heidenrespekt vor Jay-Z. Er hat es geschafft seit 15 Jahren on top of the Game zu sein. Selbst heute mit 43 Jahren ist er die unangefochtene Nummer eins. Doch wie hat er das geschafft? Natürlich, er hat uns drei ikonische Alben geschenkt (Reasonable Doubt, The Blueprint, The Black Album), aber in erster Linie liegt es daran, dass er ein ziemlich intelligenter Geschäftsmann ist. Zum einen hat er sich trotz seiner Fresse die First Lady der Menschheit geangelt, er hat Kanye und Rihanna aufgezogen und sich selbst immer die angesagtesten neuen Leute ins Boot geholt. Bei all dem ist er unantastbar geblieben.

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Viele feiern Jay-Z, weil er in den letzten zehn Jahren angeblich jedem Raptrend getrotzt hat und einem dahergelaufenen Spinner mit seinen Skills immer noch das Maul stopfen könnte, wenn es ihn nur jucken würde. Dabei vergessen wir allzu gerne, wie viel durchschnittlichen Schrott Jay-Z auf seinen restlichen acht Alben fabriziert hat. Oder kann sich noch jemand an einen Song auf Kingdom Come erinnern? Außer vielleicht Show Me What You Got?

Seit zehn Jahren hat Jay-Z keine wirklich gute Platte mehr herausgebracht und die Frage stellt sich, warum das mit Magna Carta Holy Grail anders werden sollte.

Er wollte mit diesem Album neue Regeln schreiben, sagt er in dem einzigen Promovideo für das Album. Von einem wirtschaftlichen Standpunkt aus hat er das geschafft. Sein Deal mit Samsung hat ihm vor Album-Release schon 7,5 Millionen Dollar und gleichzeitig Platin eingehandelt.

Aber wie gut ist das Album? Wir haben uns jeden Track einzeln angeschaut.

„Holy Grail“
Das Album beginnt mit einem, blumig gesprochen, unglücklichen Angriff auf die Billboard Charts. 1:20 Minuten schmachtet Justin Timberlake über einem kitschigen Pianoriff. Was soll das? Ist das nicht Jay-Zs Album? Als der Jigga endlich einsetzt, rappt er darüber, wie das mit dem Berühmtsein so ist. Ist in Ordnung soweit, bis aus heiterem Himmel ein „Smells Like Teen Spirit“-Sample einsetzt. Wie bitte? Diese Majestätsbeleidigung macht überhaupt keinen Sinn, genauso wie der ganze Song.

„Picasso Baby“
Ein sehr trivialer Song, den aufstrebende Rapper wahrscheinlich auf ihr Mixtape packen würden. Jay will also einfach nur einen Picasso haben, aha. Kann er sich das mit einer halben Milliarde auf dem Konto nicht leisten? Dabei wirkt es, als ob der Gute „Kunst“ bei Wikipedia eingegeben hätte und alle wichtigen Namen der Kunstgeschichte in einen Song gepackt hätte, um ein bisschen von deren Legendenstatus abzustauben. Aber Jay, Namedropping ist für untalentierte Jungspunde, du bist bereits eine Legende. Der Beat von Timbaland ist nicht der Rede wert.

„Tom Ford“
Erinnert an D.O.A. (Death of Autotune), als der Jigga die Keule gegen die zunehmende Autotunisierung von Rap schwang. Dieses Mal erklärt er, dass er lieber Anzüge des Gucci-Designers trägt, als mit den twitternden und tumblernden Trap-Clowns von heute Molly zu dippen. Gefällt thematisch, weil Jay-Z es immer schafft, bei solchen Zurechtweisungen nicht verbittert sondern erhaben zu klingen. Timbalands Produktion hört sich wie eine aufgewärmtes „Ayo Technology“ an, das dementsprechend verdammt fad schmeckt.

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Um kurz den Spielstand zu checken: Timbaland vs. Zahn der Zeit: 0:3

„FuckWithMeYouKnowIGotIt“
Aaaah, das erste Highlight auf dem Album. Kein Wunder, Timbo hat fürs Erste das Feld geräumt und dem jungen Boi-1da das Zepter überlassen. Der kommt mit einer Bassdrum und einem epischen Synthesizer aus den Tiefen, flankiert von einem Pimp C-Intro, so dass man sich vor Freude schon die Finger leckt. Mjam mjam, Hov wird jetzt den Rasierer auspacken. Aber was ist das? Der dicke Rick Ross rülpst die Hook UND den ersten Part. Und er macht das mit seinem Elefantenflow gar nicht schlecht. Jay-Z, der sich wieder zum Gast auf seinem eigenen Album degradiert, ist inzwischen bei Wikipedia von „Kunstgeschichte“ auf „Italo-Amerikaner“ gekommen und rappt irgendwas über Lucky Luciano, Paisano und Muliano. Rapper, die über die Mafia rappen—Jay-Z, ich bitte dich…

„Oceans“
Das obligatorische Frank Ocean-Feature, um zum ersten Mal etwas gehaltvollen Unterbau auf MCHG zu bekommen. Frank zeichnet einen Kreis zwischen Sklavenschiffen und Luxusyachten auf einem Soundteppich von Synthies, Trommelwirbel und Trara. Klingt vom Konzept her genial, tragischerweise hapert es an der Umsetzung. Ich weiß nicht, was sich Pharrell mit diesen billigen Drums gedacht hat. Und einfach Begriffe aus der Zeit der afro-amerikanischen Unterdrückung an Rapper-Dekadenz aneinanderzureihen stellt noch keine Dualität dar, und erst recht keinen kritischen Kommentar für die Gesellschaft, oder was auch immer mit diesem Song bewirkt werden sollte.

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„F.U.T.W.“
Während sich Jay bis dato lyrisch nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, zeigt er hier, was er immer noch kann. „America tried to emasculate the greats / Murder Malcolm, gave Cassius the shakes”.Trotzdem rechtfertigt er schon wieder seinen Reichtum, und langsam wird das echt langweilig. Übrigens hat Timbaland mal wieder sein Xylophon ausgepackt.

„Somewhere in America“
Hit-Boy und Mike Dean haben hier ein Sample von „Gangster of Love“ vom Blues-Musiker Johnny „Guitar“ Watson zu einem frischen Jazz-Cut geschraubt. Was aber mit diesem Song endgültig deutlich wird, dass Jay-Z langsam aber sicher Dad-Rap macht, was er aber niemals zugeben würde. Einer der Frank Sinatra hochhält und über Instagram und über ehemalige Disney-Stars stänkert, die sich die afro-amerikanische Tanzkultur zu Eigen machen („Twerk, Miley, twerk“).

„Crown“
Der Yeezus-Track, für den Kanye seinen Schützling Travis Scott geschickt hat. Jay-Z bemüht sich wirklich mal die Sau rauszulassen und all jenen mal gehörig den Marsch zu blasen, die nicht glauben, dass der Jigga doch auch ein Gott ist. Funktioniert nur nicht. Jay-Z ist vielleicht der Größte, aber eben nicht größenwahnsinnig. So wirkt es, als ob er bei seinem Kumpel Kanye abschreiben will, beim Versuch es umzuformulieren im Endeffekt aber völligen Stuss verzapft.

„Heaven“
Ganz ehrlich, Jay-Z, steck dir deine Theorien, und Illuminaten und Religionsmetaphern sonst wohin. Und dann noch der „Losing My Religion“-Vergleich? Heilige Mutter Gottes, du bist Jay-Z, du hast es nicht nötig, dich über R.E.M., Kurt Cobain, Andy Warhol oder Jesus zu vergleichen. Ich befürchte, das sind Alterserscheinungen…

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„Versus“
Endlich mal wieder ein echtes Brett von Timbo, dessen quietschende Synthies die perfekte Grundlage für Jay-Z bieten, um andere Rapper durch den Rückspiegel zu verhöhnen. Blöderweise ist das nur ein Interlude und dementsprechend nach 50 Sekunden vorbei. Verdammt.

„Part II (On the Run)“
Dieses Sequel von „03 Bonnie & Clyde“ ist der Versuch zu beweisen, das Jay und Bey es zehn Jahre später im Schlafzimmer immer noch krachen lassen können. Der Song ist sowas von cheesiger 90er-R’n’B, dass sich selbst R. Kelly und Aaliyah dafür geschämt hätten.

„Beach Is Better“
Wow, was für ein Beat. Mike Will Made It beweist wieder mal, warum er derzeit einer der besten Produzenten ist. Eine flimmernde Bassline mit apokalyptischem Glockenspiel-Synthesizer kann niemand verkacken. Jetzt aber, Jay! WAS? Auch nur ein Interlude? Das kann nicht dein Ernst sein…

„BBC“
Die Pharrellschen Piano-Drums hören sich an wie eine Beta-Version von „Blurred Lines“, was aber nicht schlimm ist. Der Gute kann derzeit einfach nichts falsch machen. Unglücklicherweise sind in diesem 3:18 Minuten-Raum neben Jay-Z und Pharrell auch Nas, Beyoncé, Justin Timberlake, Swizz Beatz und Timbaland eingefercht. Wer unter Klaustrophobie leidet, dem ist dieser Track nicht zu empfehlen.

„Jay-Z Blue“
Auf die letzten Meter also doch noch der Daddy-Track. Jay-Z rappt „Hamptons“ auf „Pampers“ und die Line „Fuck Joint Custody, I need a joint right now“. Er spricht von Daddy-Issues, und das sein Pops auch nie da war und so. Der Song ist so klischeebeladen und langweilig, dass ich mir nochmal gut überlegen muss, ob ich jemals Kinder kriegen will.

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„La Familia“
Jay-Z will Lil Wayne dissen, weil der vor zwei Jahren mal Beyoncé kidnappen wollte, weil Jay-Z Birdman beleidigte. Alles ziemlich lächerlich, genauso wie der Diss: „You must hide your whole family/ What you think we wearing black for/ Ready for that war/ Ready for that war ready/ You ain’t rady yo, you radio.” Und das alles mit einem verlangsamten Staccato-Flow auf einem nicht vorhandenen Timbaland-Beat. Autsch.

„Nickels and Dimes“
Puuh, einer noch. Ausgerechnet auf dem letzten Track geht Jay-Z auf Harry Belafonte ein, der die Carter/Knowles dafür rügte, dass sie nicht genug für soziale Belange tun würden. Der Jigga setzt sich reflektiert damit auseinander, aber hat wie auf „Oceans“ wieder ein paar Klopper drin („Mac-11 I squeeze like lemon limes/Squirt obey your thirst, fashion lines“). Ein merkwürdiger Abschluss zu einem merkwürdigen Album.

Auch wenn es bis hierhin so rüberkam, aber ich hasse dieses Album nicht. Es ist immer noch qualitativ hochwertig. Timbaland schaufelt sich mit jedem Tune sein Grab immer tiefer, weil er nicht versteht, dass wir nicht mehr 2006 haben, doch er weiß, wie man sauber den Spaten sticht.

Jay-Z selbst will zeigen, dass er kein altes Eisen ist, und bedient dabei dem alten HipHop-Irrglauben, dass derjenige der Beste ist, der mehr Geld hat. Dazu lässt er irgendwelche Namen fallen, um uns zu erklären, dass er auf einer Stufe mit ihnen steht. Aber durch dieses Rumgezetere wirkt der Hova erst recht alt, besonders, wenn er lust- und ideenlos Songs mit seinen alten Buddys hinklatscht. Hinter all dem steckt wohl die Angst von diesen hungrigen Jungspunden überrollt zu werden. Jeder von denen hat aber großen Respekt vor dem Altmeister.

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Jay-Z ist nun Mal ein Rap-Opa, der aber immer noch relevant ist. Das kann vielleicht noch ein Nas sagen, der ihm nach seinem Album „Life Is Good“ wahrscheinlich hätte zeigen sollen, wie das mit dem Dad-Rap funktioniert. Denn darauf steuert Jay-Z zu. Und wenn er das verstanden hat, dürfen wir uns vielleicht auf ein „Blueprint“ des Alte-Männer-Raps freuen.

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