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HipHop muss Bushido wieder dankbar sein

Der beste Bushido war schon immer der wütende Bushido—mit seinem neuen Album ist er zurück und zwar über die gesamte Länge.

von Toni Lukic
17 Februar 2014, 11:30am

Jahrelang musste ich mich vor Gutmenschen, Realkeepern, meinen Lehrern und „echten Musikfans“ verteidigen, dass ich Bushido gefeiert habe. Ich fühlte mich, als ob ich gegen Windmühlen anrennen würde, wenn ich solchen Leuten erklärte, wie wichtig Carlo Cokxxx Nutten oder Vom Bordstein bis zur Skyline für Deutschrap waren, dass er Grenzen aufgebrochen hat und eine dringend benötigte „Scheiß auf euch alle“-Attitüde in die deutsche Musiklandschaft brachte.

Bushido entwickelte sich nach Electro Ghetto zum Superstar von der Straße und wurde zum Fixpunkt der Gesellschaft beim Thema Rap und Integration. Einladungen in Talkshows folgten, ein Film mit Bernd Eichinger und ein Integrationsbambi. Bushido bewegte sich plötzlich in einer Welt, in der Leute diesen reichen Ausländer mit Argwohn beobachteten. Aber ihm war das egal, weil er sagen konnte: „Ihr mögt mich zwar nicht, aber ich bin da, und ihr werdet mich aushalten müssen“. Doch es kam, wie es kommen musste, seine Alben wurden immer schlechter, bis er als Rapper fast keine Relevanz mehr für das Genre hatte. Nicht nur, dass ich als Rap-Fan irgendwann gelangweilt war von seiner Musik, ich nahm es ihm übel, dass er die Entwicklung von HipHop blockierte, weil die Eliten ihre geheuchelte Aufmerksamkeit für Rap auf ihn projizierten, um ihre profilierungsneurotischen Ressentiments an ihm abzuladen.

2013 war wahrscheinlich das schwierigste Jahr in Bushidos Karriere. Seine Mutter starb, der Prozess wegen Steuerhinterziehung, Politikerklagen, Brandstiftung in seinem Haus. Alles mündet in dem Bruch mit seinem alten Zögling und Zuarbeiter Kay One, der bekanntlich raus aus Berlin und hin zu RTL und in den ZDF-Fernsehgarten flüchtete. Statt wie in der Vergangenheit zu schmollen und über Twitter zurückzuschießen, lieferte er uns wie aus dem Nichts den Disstrack-Epos „Leben und Tod des Kenneth Glöckler“, der uns endlich wieder den bösen, alten Bushido zeigte. Aber auch sein Part auf Sidos Rapper-Rummel „30-11-80“ sowie die Videos „Mitten in der Nacht“ und das überraschende Gastspiel von Kollegah und Farid Bang auf „Gangstarap Kingz“ ließen uns wieder aufhorchen, dass bei Sonny Black vielleicht doch mal wieder was geht.

Seit Freitag gibt es nun das gleichnamige Album. Ich erwartete nicht weniger als das beste Bushido-Album seit Electro Ghetto.

„Fotzen“

Ein Intro mit dem Titel „Fotzen“? Oh, ja, bitte! Vielleicht ist es pervers zu sagen, aber der beste Bushido war schon immer der wütende Bushido. Hier besteht so ziemlich jede Line aus Pöbeleien und Beleidigungen, so soll das. Und der Beat! Eine knarzende Bassdrum und ein fernöstliches Vocal-Sample—sehr einfach, sehr gut.

„Jeder meiner Freunde“

Die Synthies fiepen ziemlich doll in den Ohren, dafür machen die Hi-Hats und Drums alles wieder wett. Auf einem entspannten Neunziger-Beat wird der Hörer zurechtgestutzt. Übrigens gibt es auch hier keine witzigen Lines, wie es im Gangstarap mittlerweile üblich ist, aber Bushido ist ja nun mal sehr humorbefreit. Hier wird nach der Maxime gewirkt: Wenn du nicht weißt, wie du jemanden zum Lachen bringst, dann hau ihm eben auf die Fresse.

„Haifisch“

Das erste wirkliche Gangstabrett alter Schule, samt Pistolenschüssen und Pipapo. Thema ist: Ich bin gefährlich und du nicht. Bushido hatte vor dem Album angekündigt, dass es keine Themensongs auf dem Album geben wird, es ginge nur darum, rumzupöbeln. Bis jetzt ist dagegen absolut nichts einzuwenden.

„Mitten in der Nacht“

Die erste Videoauskopplung aus dem Album, die wieder einige Kritiker auf den Plan gerufen hat, weil im Video Hells Angels-Mitglieder mitgespielt haben. So eine Aktion kann man bewerten wie man will, aber es zeigt, dass Bushido aufgehört hat, sich der Gesellschaft anzubiedern. Gnadenlos wird die deutsche Öffentlichkeit durch beleidigt: Kay One, RTL, Prinz Marcus, BZ, DSDS, BILD, Berliner Kurier. Es ist ein Genuss, Bushido zuzuhören, wie er eine Brücke nach der anderen hinter sich reißt und dabei noch unnötig Ohrfeigen verteilt.

„Crackdealer Sound“

Wenn aus Kanonen- Laserschüsse werden, dann kann das nichts Gutes bedeuten. Der Beat ist anstrengend, weil Synthies und Drums hektisch eingeworfen und irgendwann wieder ausgespuckt werden. „Thematisch“ das gewohnte Bild—Bushido macht nicht locker.

„Sporttasche“

Schön, dass mir mal jemand zuhört, denn es folgt ein sauber durchproduziertes Straßenbrett, mit schön bedrohlichen Synthies. Übrigens muss ich nicht erwähnen, dass auf diesem Album komplett auf Breaks und Arrangements verzichtet wird. Instrumental-Hook-Strophe-Hook-Strophe-Hook-Auslauf ist das gängige Prozedere. Bushido, Shindy, Beatzarre und Djorkaeff behalten eine einfache Linie bei und bieten Sonny Black die richtige Komfortzone, damit er es mit allen und jedem aufnehmen kann.

„Osama Flow“

Da „Sonnenbank-Flavour“ einer meiner Lieblingssongs von Bushido ist, hat „Osama Flow“ leichtes Spiel, denn den Aufzähler-Flow fand ich schon 2006 ziemlich mächtig. Und nach sechs Songs mit einem Bushido, der bis hierhin keinen Zentimeter von seinem Reimschema abgewichen ist, tut eine Abwechslung mal ganz gut. Wenn ich mir schon 15 Songs lang anhöre, wie Mütter gefickt werden, kann auch bitteschön mal die Stellung gewechselt wird.

„Gangsta Rap Kings“ feat. Kollegah & Farid Bang

Auch ich hatte mich sehr auf das überraschende Feature mit Kollegah und Farid Bang gefreut, doch leider wurde ich wie die meisten hart enttäuscht. Das liegt zum einen daran, dass der Beat nicht aus dem Arsch kommt und Kolle und Farid hier nicht alles zeigen, was sie können. Bushido ist auf diesem Album mehr denn je der einsame Krieger, den er in sich schon immer sah, und so soll es auch bleiben.

„Messerstecherei“

„Messerstecherei“ setzt zum Glück nahtlos an die Tracks vor „Gangsta Rap Kings“ an. „Ich bin 35 Jahre, aber hungrig wie damals, deine Nutte muss nach diesem Mundfick zum Zahnarzt“. Bushido übernimmt den Klappentext für dieses Album in diesem Satz selbst: Die Lines haben vielleicht nicht die lyrische Gewandtheit eines Kollegahs, dafür wird in jeder Sekunde dieses Albums deutlich, wie viel Bock Bushido hat, Unruhe zu stiften. Ein bisschen Anarchie hat jedenfalls noch nie geschadet.

„Blei-Patronen“

Wahrscheinlich habe ich unterbewusst lange auf diesen kompromisslosen Bushido gewartet, dass ich weiterhin gebannt zuhören kann und mich dabei ertappe, wie ich mich jedes Mal freue, wenn ein weiterer Prominenter über den Asphalt gezogen wird. Denn häufig kommen die Beleidigungen nicht von ungefähr: „Für die Echo-Rede kriegt die Meyer-Landrut 'ne Schelle“, heißt es. Herr Ferchichi spricht da wohl einigen aus der Seele.

„John Wayne“

Das Erfolgsrezept dieses Albums war bis jetzt, dass Bushido das Panamera-Pedal immer durchgedrückt hielt, während er Kay One, RTL und Konsorten über den Haufen fuhr. Doch bei „John Wayne“ macht er zum ersten Mal langsam und konzentriert sich mehr auf sich als auf uns Untermenschen. Leider hat der Song sehr viel von Zeiten ändern dich und Jenseits von Gut und Böse und das will wahrscheinlich selbst Bushido nicht. Die japanischen Samples erinnern mich zu sehr an Erfolgsgeschichten der Marke „Karate Kid“. Eigentlich sollten hier doch Karrieren zerstört und nicht geschaffen werden?

„Tausend Gründe“

Schön, dass „John Wayne“ da nur einen Ausreißer nach unten darstellte. „Tausend Gründe“ kommt dafür umso düsterer und härter daher. „Es gibt Tausend Gründe, warum ich dich töten muss, doch der Plausibelste von allen ist, wie blöd du guckst“, rappt Bushido in der Hook. Stress ohne Grund eben. Hattet ihr nicht auch am Meisten Schiss vor den Typen die früher auf dem Pausenhof einfach so Schellen verteilten?

„Baseballschläger“

Im Prinzip ist das hier der gleiche Beat wie bei „Jeder meiner Freunde“—nette Drums, aber nervige Synthies. Man muss ihm Respekt zollen, dass Bushido seine Hasstiraden so konsequent durchzieht, langsam aber sicher fehlt die Abwechslung.

„Amg“ feat. Shindy

Kaum habe ich das gesagt, steht mit Shindy das nächste und gleichzeitig letzte Feature an. Der Song ist musikalisch wahrscheinlich der beste Track auf dem Album. Das liegt an Shindy, der schon immer über den großen Teich geschielt hat uns hier Cloud Rap vom Feinsten präsentiert. Mit einem Humor, gefüttert aus Langeweile und Ignoranz, macht er neben und mit Bushido eine sehr gute Figur.

„Nie ein Rapper II“

Der Abschluss passt zwar nicht wirklich zum Duktus des Albums, doch man will es ihm verzeihen, denn mit „Nie ein Rapper II“ schafft es Bushido tatsächlich den Geist seines vielleicht besten Songs wieder zu beschwören. Auch wenn das bedeutet, dass man dafür die Streicher und Drums fast eins zu eins nachbauen muss, aber geschenkt.

Obwohl auf diesem letzten Track niemand beleidigt wird, ist es doch der perfekte Abschluss für Sonny Black. Bushido hätte sich mit seiner Frau und seinen Kindern in seiner Villa in Kleinmachnow verschanzen können und die Gesellschaft verbittert verfluchen können. Doch stattdessen hat er ein Album gemacht, das in kürzester Zeit auf dem Index stehen dürfte und auf dem endlich der Hunger und die Wut zu spüren sind, die Bushido vor zehn Jahren zu einem der Idole einer Generation gemacht haben. Sicherlich ist dieses Album keine musikalische Offenbarung für künftige Generationen. Kids, die mit Haftbefehl und Kollegah aufgewachsen sind, werden sich fragen, warum alle auf ein Mal ein so eindimensionales und triviales Album feiern. Haben wir den guten, alten Bushido wirklich so sehr vermisst? Nein, haben wir nicht. Aber in Deutschrapzeiten von #Hangster und Mainstreamanbiederungen—so wenig ich diese Zeiten missen will—tut es auch mal gut, wenn Reibung entsteht und wieder jemand ungefiltert sagt, was er denkt. Wir brauchen jemanden wie ihn, der eh schon bei jedem unten durch ist, weil dieses gegenseitige Rumgemache im deutschen Rap echt langsam anfängt zu nerven.

Kaum zu glauben, aber HipHop muss Bushido wieder dankbar sein.

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