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Ein zehnjähriger Kinder-DJ wird gerade durch die Medien gereicht

Du bist in den letzten Monaten bestimmt über einen der zahlreichen Berichte zu irgendeinem superjungen DJ gestolpert, der seine Pampers gegen Kopfhörer und Controller getauscht hat.
9.6.16

Kinder-DJ Damon Wick. Screenshot/Facebook-Video/Holi Farbfestival.

Du bist in den letzten Monaten bestimmt über einen der zahlreichen Berichte zu irgendeinem superjungen DJ gestolpert, der seine Pampers gegen Kopfhörer und Controller getauscht hat. Der dreijährige DJ Arch Jnr aus Südafrika zum Beispiel. Er gewann den dortigen Talent-Contest. Deutschland hat jetzt auch sein Wunderkind an den Turntables: Er ist zehn Jahre alt, legt seit gerade mal zwei Monaten auf und heißt Damon Wick. Mit Hustenzuckerl hat er trotz seines Künstlernamens nicht viel am Hut, dafür mit Auftritten auf Festivals. RTL hat bereits mehrfach über "Deutschlands jüngsten DJ", wie dabei gerne alle zehn Sekunden betont wird, berichtet. Immer mit dabei: sein Vater Andre Paul, der natürlich auch DJ und Produzent ist. Damon Paul ist sein Alias.

Die Rolle des Papas für die DJ-Karriere des eigenen Sprösslings dürfte nicht unerheblich gewesen sein. Zumal der Senior bisher nicht besonders erfolgreich war, was manche Eltern dann dazu verleitet, die eigenen Wünsche auf ihre Abkömmlinge zu übertragen—oder sie sogar zur Reanimation der eigenen Karriere zu benutzen. Denn die des Damon Paul konnte überraschenderweise trotz Feature mit Jürgen Drews Tochter Joelina noch nicht recht durchstarten.

Vielleicht fragst du jetzt schon: Der kleine Damon hat doch Spaß bei der Sache, oder? Warum gönnt ihr ihm das nicht?

Es spricht nichts dagegen, dass er einem Hobby nachgeht, welches ihm Spaß macht. Aber muss er deshalb gleich in eine Business-Maschinerie involviert werden, vor der man ihn doch in dem Alter fernhalten sollte? Muss er auf Festivals und in Clubs spielen?

Da Damon Jr. wohl kaum alleine die Bookings annimmt und alleine auf seinem Fahrrad zu den Clubs anreist, muss sein Vater dahinter stecken. Der will vermutlich Öffentlichkeit und Fame, was man auch an den augenscheinlich gekauften Likes für sein eigenes DJ-Profil auf Facebook sehen kann. Seinem Sohn hat er natürlich auch schon ein paar Daumen nach oben gegönnt. Die Like-Verteilung bei dessen Profil ist zumindest mit einem organischen Wachstum nicht erklärbar:

Es ist auch fraglich, ob der kleine Damon unbedingt Lust hat, in irgendeiner Disco in Stuttgart aufzulegen, wie im April. Wirklich glücklich sieht er dabei nicht aus. Sein Papa hat ihn dabei übrigens nach seinem Set ganz uneigennützig abgelöst und danach vor der RTL-Kamera die Leistung des damals noch neun Jahre alten Filius analysiert: "Es war noch nicht ganz so perfekt. Aber es wirklich sehr sehr gut für neun Jahre."

Das heißt: Er muss noch an sich arbeiten, sein Alter ist zunächst noch eine Entschuldigung, aber es muss stetig weitergehen.

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Wenn man seinen Sohn bereits in jungen Jahren in ein solches Berufs- und Leistungskorsett zwingt, nimmt man ihm im schlimmsten Fall die kindliche Leichtigkeit. Diese besteht daraus, sich zwar auch mal auf bestimmte Dinge zu fokussieren, sie aber auch wieder sein lassen zu können. Ob Letzteres bei Damon Jr. möglich ist?

Welche Zukunft Damon Wick vor sich hat, kann man natürlich nicht präzise vorhersagen. Aber man kann sich die Karrieren von anderen Kinder-Djs ansehen.

Einer der heutzutage erfolgreichsten DJs, der schon als Kind angefangen hat, ist Martin Garrix. Nachdem er bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 ein Set von Tiësto gesehen hatte, wollte der damals Achtjährige auch DJ werden. Zwei Jahre später spielte er auf der Hochzeit von Freunden seiner Eltern, danach auf kleineren Events, unter anderem auch auf einer Schulparty. Auf der Herman Brood Akademie für Populärmusik lernte er anschließend das Produzieren kennen und machte als Ghost-Producer er einen Track für das niederländische Label Spinnin' Records, die ihn dann unter Vertrag nahmen.

Ist Garrix ein positives Beispiel für Kinder-DJs?

Im Unterschied zu Damon Wick wurde über Garrix im Alter von zehn Jahren noch nicht im Privat-TV berichtet, er hat auch nicht in irgendwelchen Discos aufgelegt. Klar, wenn man sich seine jetztigen Auftritte auf den EDM-Festivals anguckt, kann sich schon wünschen, dass er nicht so bekannt hätte werden sollen. Aber stellt man seine Verachtung für EDM mal kurz zurück, sieht man den Unterschied.

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Und übrigens sind David Guetta und Robin Schulz die Vorbilder von Damon Wick. Dann schon lieber Tiësto, oder?

Ein weiterer bekannter junger DJ und Produzent ist der elfjährige Australier mit dem Alias Black Summer. Er hat im letzten Jahr bereits sein erstes Set vor 10.000 Menschen auf dem Groovin The Moo Festival in Canberra gespielt. Zudem wird er von Flume protegiert. In einem Feature für eine australische Musikseite bestehen seine Eltern darauf, dass sie bei der Produktion nicht geholfen haben. Alles sei authentisch. Ob ein EDM-Festival der richtige Ort für ihren Sohn ist, wurde nicht gefragt.

Der heute 8-jährige Brandon Duke alias Dextrous One landete mit einem Auftritt vor 8.000 Gästen im Koolhaus, Toronto, als "World's Youngest Performance DJ" im Guiness-Buch der Rekorde. Das war anno 2014 und Duke damals lediglich sechs Jahre alt. Bis heute legt er regelmäßig auf und lässt sich coachen. DeadMau5, Calvin Harris, Skrillex und QBert zählen zu seinen Ikonen.

Auch die 15-Jährige Amerikanerin Elle Morgan gehört ebenfalls in die Reihe der bekannten Kinder-DJs. Eine Website beschreibt sie so: "Her authentically honed DJ skills boast perfect beat matching and in key mixes without the use of software or a laptop. Elle is the real deal, securing her first residency at her first public performance. Currently outpacing DJ's twice her senior (…)."

Auch sie wurde wie Martin Garrix von einem Tiësto-Konzert so inspiriert, dass sie DJ und Produzentin werden wollte. Damals war sie neun Jahre alt. Mit elf Jahren bekam sie ihr erstes Equipment, mit 13 war die dann schon so bekannt, dass Billboard über sie berichtete. Auch hier scheinen die Eltern allem, was die mittlerweile 15-Jährige macht, zuzustimmen.

Das vermutlich abschreckendste Beispiel für einen DJ, der bereits in Teenager-Jahren aufgelegt hat, ist der 1978 in Hannover geborene Pseudo-Komiker Oliver Pocher. Nach seinem Realschulabschluss arbeitete er nebenberuflich als DJ, bevor er dann zu dem öffentlichkeitsgeilen Hansel wurde, den man heute hassen gelernt hat. Hoffen wir, dass es dem kleinen Damon anders gehen wird.

Bei all den anderen genannten Beispielen von Kinder-DJs scheint sich zumindest kein Elternteil derartig in den Vordergrund zu spielen, wie der Vater von Damon Wick. Besonders der Vergleich zu Martin Garrix zeigt, dass es auch anders geht und man nicht direkt ins Rampenlicht gehen muss, um später erfolgreich zu sein. Elle Morgan, Dextrous One und Black Summer haben nach den ganzen TV-Porträts über sie einfach weitergemacht und spielen bis heute.

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Ohnehin gibt es auch andere Beispiele für Musiker, die in jungen Jahren angefangen haben. David August wurde bereits mit 17 durch seine Releases auf Stil Vor Talent bekannt.

Die Frage ist nicht, ob man seinem Kind verbieten sollte, DJ zu werden oder Clubmusik zu produzieren. Vielmehr geht es darum, wo die Grenze gezogen werden muss. Und diese liegt wahrscheinlich vor Clubauftritten, Festivalgigs und (ganz bestimmt) vor RTL-Berichten mit Katja Burkard.

Damon Wick hat übrigens (noch) den Wunsch, später Polizist zu werden. Das ist immer noch besser als sich von einer Business-Maschinerie die Jugend nehmen zu lassen. Am 23. Juli legt er erstmal wieder beim "McFamily Fun Day" im McDonald's Böblingen auf.

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Dieser Artikel ist zuerst auf THUMP erschienen.

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