Thump

Diese malende Fotografin zeigt dir die wahre Schönheit von Musikfestivals

Sarah Anne Johnson nimmt dich mit auf einen "Field Trip".
18.5.16

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Sarah Anne Johnson

Das Gefühl der Unabhängigkeit konnte Sarah Anne Johnson zum ersten Mal 1991 beim Winnipeg Folk Festival spüren. Sarah wuchs in einem sehr strengen Haushalt auf und wie viele Teenager in Manitoba hatte sie nur begrenzte Möglichkeiten zur Rebellion. Für eine 15-Jährige war der Besuch eines mehrtägigen Festivals von daher eine Chance, endlich mal loszulassen.

"Es war ein sehr wichtiger Teil meiner Jugend", sagt Johnson. "Tanzen, mit Drogen und Alkohol experimentieren, lange aufbleiben und den Sonnenaufgang anschauen—das pure Glück." Diese Erfahrungen im Teenageralter haben eine lebenslange Liebesbeziehung zur Festivalkultur ausgelöst. Seither hat sie war sie bei allen großen Veranstaltungen in Nordamerika, vom Burning Man bis zum Lollapalooza.

Heute ist Johnson eine international anerkannte Fotografin, deren Arbeiten unter anderem in der Fondation Cartier in Paris, im Guggenheim Museum in New York und in Ottawas National Gallery of Canada ausgestellt wurden.

Ihre neueste Ausstellung Field Trip basiert auf den vier Sommern zwischen 2011 und 2015. In dieser Zeit hat Johnson verschiedene Festivals in British Columbia, Kanada, wie das Shambhala und das The Field besucht hat. Wir haben mit Johnson über ihre surrealen Bilder unterhalten, während diese aktuell beim CONTACT Photography Festivals in der McMichael Canadian Art Collection in Kleinberg, Ontario, zu sehen sind.

THUMP: Was hat dich dazu bewegt, die heutige Festivalkultur zu dokumentieren?
Sarah Anne Johnson: Ende der 90er habe ich versucht, auf Festivals zu fotografieren, aber ich war zu beschäftigt damit, an den Festivalaktivitäten teilzunehmen. Ich war im Prinzip einfach zu high, um Fotos zu machen. Sie waren entweder unscharf oder schrecklich langweilig. Also bin ich alleine gefahren und habe alleine gezeltet. So war ich endlich in der Lage, Fotos zu machen, die ich für brauchbar hielt.

Seit deinem ersten Musikfestival sind 25 Jahre vergangen. Siehst du irgendwelche großen Unterschiede zwischen den Events heute und früher?
Ich gehe schon lange zum Shambhala, also habe ich sehr große Veränderungen mit erlebt. Es gibt jetzt mehr Leute dort, größere Headliner und größere Bands. Auch das Publikum verändert sich. Als das Shambala anfing, hat sich niemand verkleidet. Du hast einfach gezeltet, Leute getroffen, Drogen genommen, getrunken und eine gute Zeit gehabt. Irgendwann fingen die Leute an, sich zu verkleiden, was irgendwie witzig und cool aussah. Mittlerweile sieht es aus wie eine Mischung aus amerikanischem Springbreak und Halloween. Es kommen so viele junge Menschen aus der Stadt, die vorher vielleicht noch nie gezeltet haben oder auf dieser Art von Party waren.

Kannst du einen typischen Tag beschreiben, an dem du auf einem Festival fotografierst?
Ich gehe tanzen. Dann versuche ich, Leute zu treffen. Vielleicht nehme ich auf dem Weg zum Festival einen Anhalter mit und zelte dann mit seinen oder ihren Freunden. Ich mache bis etwa ein Uhr nachts Fotos und gehe dann nach Hause und schlafe ein paar Stunden. Dann gehe ich kurz bevor die Sonne aufgeht zurück und mache Fotos von Leuten, die es geschafft haben, die ganze Nacht aufzubleiben. Sie sind vielleicht erschöpft, aber wollten nicht nach Hause. Sie führen dann diese Art Zombietanz auf.

Wie unterscheidet sich die Dokumentation der Festivalkultur von deinen anderen Arbeiten?
Ich denke, es nicht groß anders. Ich bin davon angezogen, schöne Orte mit Gruppen von gleichgesinnten Leuten zu fotografieren, die zusammenkommen, um etwas zu erleben, das sich von ihrem normalen Leben unterscheidet. Ich denke, bei Festivals sind die Leute empfänglicher dafür, fotografiert zu werden, weil alle im Urlaub sind und jeder gute Laune hat.

Du reist alleine, hast du dich jemals unsicher gefühlt?
Ich hatte einmal eine unheimliche Nacht. Da habe ich alleine gezeltet und neben mir war ein Typ Anfang zwanzig. Er war tagsüber wirklich süß und wir haben uns gut unterhalten. Nachts um drei hörte ich dann meinen Namen. Ich war verwirrt,
weil ich dort niemanden kannte. Er sagte seinen Namen und mir wurde klar, dass es dieser Nachbar war. Ich fragte ihn, ob alles in Ordnung sei, und er sagte mir, ich solle aus meinem Zelt kommen und mich mit ihm betrinken. Ich sagte, dass ich das nicht machen werde.
Dann hörte ich, wie er Sachen kaputt machte und aufgebracht war. Ich hörte, wie er ein Bier öffnete, es in Sekunden hinunterstürzte und es dann zertrümmerte. Er sagte, er würde in mein Zelt kommen. Da ich älter bin und nüchtern war, habe ich unmissverständlich gesagt: „Nein, das lässt du bleiben." Und das tat er. Wäre ich Anfang zwanzig und ein wenig betrunken gewesen, wer weiß, was passiert wäre. Heutzutage gehen viel mehr Idioten auf Festivals.

In einer früheren Ausstellung hast du die Welt von Baumpflanzern und dem Pflanzen von Bäumen erforscht. Hast du irgendwelche Gemeinsamkeiten bemerkt?
Ja, beide Kulturen teilen eine Liebe zur und eine Ehrfurcht vor der Natur und treten mit der natürlichen Welt in Verbindung. Beides ist eine Umkehrung sozialer Normen—du musst dich nicht auf bestimmte Weise kleiden, du musst nirgendwo zu einem bestimmten Zeitpunkt sein. Du hast keine Verpflichtungen. Du kannst deine Grenzen austesten und deine Hemmungen verlieren, ohne verurteilt zu werden.

Wurdest du von den Arbeiten anderer Künstler inspiriert, als du diese Ausstellung zusammengestellt hast?
Ich habe über Kunst nachgedacht, die von der Natur inspiriert ist, besonders die Gemälde der Group of Seven, die nach außergewöhnlichen Erfahrungen und utopischen Idealen der Natur gesucht hat. Als ich diese Arbeiten zusammengestellt habe, habe ich viel Mozart gehört und alles mit einem kraftvollen Cello. Das hat geholfen, zur Ruhe zu kommen, während ich die feinen Details gemalt habe, aber es passte auch zur gewaltigen Schönheit der Bilder.

Warum hast du dich dafür entschieden, die Fotos mit Photoshop zu bearbeiten?
Ich war schon immer von den Begrenzungen frustriert, wie man eine Erfahrung durch Fotografie zum Ausdruck bringen kann. Fotografie ist wirklich gut, wenn es darum geht, dir zu zeigen, wie etwas aussieht, aber über etwas Subjektiveres kannst du nicht sprechen. Ich denke auch, dass jedes geradlinige Foto bereits gemacht wurde. Jeder hat eine Kamera in seiner Tasche, jedes Foto wurde bereits 100 Mal gemacht. Wenn du dem Medium etwas Neues verleihen willst, dann musst du dich ein bisschen anstrengen.

Mehr Arbeiten von Sarah Anne Johnson kannst du auf ihrer Webseite sehen.

Dieser Artikel ist vorab auf THUMP erschienen.

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