Die Lobreden auf PA Sports' Statements sind eine riesige Heuchelei

Was Pa Sports in seinem TV Strassensound Interview gesagt hat, ist zweifelsohne richtig. Aber wie die breite Masse damit umgeht, ist einfach nur ekelhaft:

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25 Mai 2016, 9:25am

Es ist gar nicht so lange her, als ein gewisser Jan Böhmermann mit seinem Gassenhauer „Ich hab Polizei“ für Jubelarien im Internet sorgte. „Endlich zeigt es diesen Rappern mal einer“, so der einhellige Tenor. Dem Begeisterungssturm folgte ein kleiner Shitstorm in der Presse. Fazit des etwas aus dem Ruder gelaufenen Meinungsstreits: Diese HipHopper haben keinen Humor. Dabei ging es zu keiner Zeit um Rap oder HipHop in der Debatte. Vielmehr ging es um einen ziemlich unangenehmen Sozialchauvinismus (nebenbei gesagt das größte Manko des Jan B.), der hierzulande äußerst beliebt ist und vor keinerlei politischer Richtung halt macht. Völlig egal, ob Anti-TTIP-Aktivist, Pegidist, Liberaler, aktiver Antifaschist oder Aluhut, die Gegenseite besteht meist aus BILD-Lesern und Schulabbrechern. Und dessen muss man sich täglich selbst vergewissern, denn das macht es wesentlich leichter.

Ein Beispiel ist unter anderem der Umgang mit der AfD. Fragt man den durchschnittlichen, irgendwie links angehauchten Jugendlichen, oder schaut man sich die Kommentare auf Facebook unter entsprechenden Postings an, gibt es da eine einhellige Meinung: AfD-Wähler sind 24/7 Bier trinkende Untermenschen aus Sachsen und Thüringen. Sich einzugestehen, dass Rassismus genauso im Bildungsbürgertum verankert ist wie im sogenannten Proletariat und man selber eventuell Teil dieser Mehrheitsgesellschaft ist, das fällt vielen Menschen schwer. Nazis sind dumme Orks, die den ganzen Tag RTL gucken und eigentlich überhaupt nicht zu uns gehören, das weiß man doch. Und dahn schraiben di auch alle so Komentahre die mahn kaum lessen kan!111!!1! Voll lustig. Dass damit der massiv anwachsende Hass gegenüber allem Andersartigen in der Mitte der Gesellschaft marginalisiert bis geleugnet wird, spielt keine Rolle. Hauptsache man fühlt sich überlegen und vor allem anders. Auch das ist Sozialchauvinismus.

Besonders beliebt ist es in Deutschland jedoch, sich über Rapper mit Migrationshintergrund lustig zu machen, oder sie wahlweise einfach von vornherein zu beschimpfen, allein aufgrund ihrer musikalischen Richtung und Herkunft. Denn erstens ist das keine Musik und zweitens können die sich dicke Autos kaufen, ohne „was ordentliches“ gelernt zu haben. Da wird man schon mal wütend, als Tomte-Fan mit abgeschlossenem Indologie-Magister. Wenn etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dieses Bollwerk der Hochkultur, alle paar Wochen mal einen migrantischen Rapper bespricht, ergießt sich ein Schwall von Ablehnung und Vorurteilen. Und zwar nicht nur aus der rechten Ecke. Wahlweise wird dort (besonders wenn es um Bushido geht, denn weiter geht das Rap-Verständnis oft nicht) Häme verbreitet („Hihi, der Möchtegern-Gangster“), oder vor der Gefährlichkeit des Musikers und seiner wahrscheinlich abertausenden, gewalttätigen Cousins gewarnt. Als letzte Woche jedoch Karate Andi vollkommen zu Recht das Glück hatte, zum „Album der Woche“ gekürt zu werden, lobten die Kommentatoren größtenteils die Ironie seiner Kunstfigur. Der exzessive Drogenkonsum und die Gewaltverherrlichung in seinen Texten wurde als Kunst wahrgenommen. Die Haarfarbe macht den Unterschied.

Und jetzt hat es eben PA Sports erwischt. Dieser hatte in einem Interview ein extrem starkes Statement zum Thema Patriotismus, religiöser Fanatismus und Nationalstolz abgegeben. Alles wurde gesagt, es gab keinen Grund, das Ausgesprochene weiter zu kommentieren. Danke, PA! Schluss. Aus. Falsch gedacht. Denn die Bildungsbürger waren nicht weit. Das ist ja alles ganz richtig im Grunde, was der liebe Herr Sports da so von sich gibt, aber diese Gossensprache sei dann doch etwas zu viel des Guten. Deswegen wurde in beinahe jedem Beitrag vorsichtshalber darauf hingewiesen, dass nicht jede Vokabel glücklich gewählt sei, „aber erstens ist der Typ eben Rapper und zweitens geht es hier um die Haltung dahinter.“ (Schlecky Silberstein). „Der Typ" also. Man kennt sich offensichtlich. Die Blogrebellen gingen sogar noch einen Schritt weiter: „Pa Sports selbst stammt wohl aus einer iranischen Akademikerfamilie. Seine Sprache ist der Straßenslang und dieser ist Teil seiner Rapper-Identität.“

Versteht ihr, Leute? Der ist halt Rapper, der muss so reden. Dass hier jemand nicht spricht wie beim ASTA-Meeting im Frutarier-Cafe, wird hier also damit erklärt, dass jemand rappt und ... Na ihr wisst schon. Und eigentlich entstammt der ja auch einer gebildeten Familie (ist aber nicht sicher), ihr dürft ihn also wahrscheinlich trotzdem gut finden. Und der Vorwurf gegenüber seinen eigenen Landsleuten ist auch OK, der ist ja selber Iraner. Da jubelt dann gleich auch noch der Islam-Verächter.

Dementsprechend geht es dann auch im Kommentarbereich weiter: „Dieser Verbaldiarrhö ist also das Statement des Jahres?! (…) Vermutlich steuern wir stärker Richtung Dystopie als mir bewusst war.“ Respekt, lieber Clemens. Du hast es geschafft, das Gesicht dieses Textes zu werden. Auch der gute Frank schlägt in dieselbe Kerbe: „So sehr ich dieses "Isch fick eusch alle"-Gelaber hasse, verdammt nochmal er hat es auf den Punkt gebracht.“ Ja ja, Menschen, die kein sauberes „ch“ aussprechen können, denen müsste man wirklich mal Bescheid stoßen. Ekelhaft sowas.

Besonders oft wird sich über den von PA Sports benutzten Begriff „Ihr Arschgefickten“ beschwert. Pfui, pfui. Die gute Gabi weiß dann auch zu berichten: „Das ist inzwischen leider Gang und Gebe, diese Sprache. So ist das eben, heutzutage ist Schwul halt ein Schimpfwort.“ Genau, Gabi. Früher war alles Besser. Nur eine kurze Frage noch zum Schluss: Wann war dieses früher? Etwa bis 1994, als Homosexualität in Deutschland unter Strafe stand? Oder in den schönen 50ern, als man gute Chancen hatte, auf dem Schützenfest zusammengetreten zu werden, wenn man sich händchenhaltend mit einem Mann zeigte? Unter Hitler? Oder reden wir hier vom römischen Reich? Man weiß es nicht. Aber eins ist sicher: Solange man sich durch die eigene (teilweise eingebildete) Bildung abgrenzen kann, muss man sich auch nicht eingestehen, Teil des Problems zu sein. Top!