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„Aus dem Ruder gelaufen“—der Ghettoblaster-Sammler Max Poser im Interview

Max Poser wollte nur einen Kassettenspieler haben, um die „???“ zu hören. Mittlerweile schmücken 40 Ghettoblaster seine Wohnzimmerwand.

Auf den ersten Blick ist es eine ganz normale Berliner Mietwohnung, in der Max Poser (ja, er heißt wirklich so) wohnt. Ganz normal? Nicht ganz. Im Wohnzimmer hängt eine ganze Wand voll mit Ghettoblastern aus den Achtzigerjahren. Seine „Drei Fragezeichen“-Kollektion prangt an der gegenüberliegenden Wand.

Der 22-jährige Max wollte vor etwa fünf Jahren eigentlich nur einen vernünftigen Kassettenspieler haben, um die „???“ hören zu können, von denen er alle Folgen gesammelt hat. Doch aus einem Ghettoblaster wurden zwei, drei und schließlich vierzig: Max‘ Sammelleidenschaft schwappte von Kassetten auf Ghettoblaster über. Mittlerweile steht in seinem Wohnzimmer eine exklusive Boombox-Sammlung. Darunter auch Schätze wie zwei JVC Mono-Ghettoblaster, von denen es weltweit nur fünf Stück gibt. Ein Gespräch über die „besseren Achtzigerjahre“, Fanta4 und Boombox Meetings in Dessau.

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Noisey: Hallo Max! Wenn’s drauf ankommt: Boombox oder Ghettoblaster? Was bezeichnet es besser?
Max: Boombox ist eher an der Essenz dran, was es wirklich macht, würde ich sagen: Es ist groß, eckig und macht Krach. Das ist ja die Grundidee…

Kannst du dich noch an das erste Lied erinnern, dass du aus einer Boombox gehört hast?
Gute Frage! Ich glaube eines der ersten Dinger, was ich über eine Boombox gehört habe, war 'ne Platte, die ich auf dem Flohmarkt gefunden habe. Und zwar war das MC Miker G und DJ Sven mit dem Holiday-Rap…

Wie geht der?
Ach, das ist über die Melodie von Madonnas „Holiday“ und dann wirklich sehr fresh gerappt. Also absolut im Style der Achtziger.

Ich bin gestern mit einem Bild einer Boombox losgezogen und habe Leute gefragt, was ihnen als erstes in den Kopf kommt, wenn sie das sehen. Die ersten drei Reaktionen waren: „Geil, meine Kindheit!“, „Achtziger!“ und „LL Cool J!“. Du bist 22, ein Neunzigerkind…
Ja, das Hobby ist für jemanden in meinem Alter etwas ungewöhnlich. Ich habe die Sternstunde der Ghettoblaster eigentlich nie miterlebt. Ich mache mir aber heute sozusagen die besseren Achtziger- Jahre, weil ich nicht nur ein Radio haben kann, sondern so viele, wie an die Wand passen.

Wann hast du angefangen Ghettoblaster zu sammeln?
Mit dem Sammeln bin ich jetzt seit gut fünf Jahren dabei. In erster Linie brauchte ich einen guten Kassettenrekorder, um mir anständig Kassetten anhören zu können. Was damals gebaut worden ist, hatte für mich den Ruf von Qualität und dann habe ich mir eine Boombox ersteigert. Dann habe ich angefangen, qualitativ hochwertigere Modelle zu googlen. Meine Sammlung ist ein klassisches Beispiel von „Aus dem Ruder gelaufen“—und jetzt stehen hier 40 Geräte… ja… Welche war deine allererste Boombox, mit der alles angefangen hat?
Das war der Crown CSC935. Nach einem Monat Überlegung habe ich dafür 20 Euro bei Ebay ausgegeben. Der hat schon so viel mitgemacht: Er war in Rom, in Wien, der hat ganz am Anfang quasi an mir geklebt. Und er läuft bis heute—ein zuverlässiges Gerät!

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Wie ist es den mit den Ghettoblastern, die man heute so kriegt? Können die mit den alten Boliden mithalten oder ist das nur Plastikschrott?
Abgesehen von wenigen Ausnahmen sind meisten, die man heute kriegt, Einweggeräte. Die kann man nach Garantieablauf wegwerfen. Ich glaube nicht, dass die Ghettoblaster von heute noch in 30 Jahren in irgendwelchen Wohnzimmern stehen werden.

Einer, dem ich auf der Straße das Boombox-Bild gezeigt habe, hat von einer Zeit erzählt, in der Musik unter hohem Kraftaufwand transportierbar gemacht werden konnte. Derjenige war auch ein bisschen neidisch, dass man heute die ganze Musikgeschichte in die Hosentasche stecken kann. Wie stehst du als Boombox-Nerd zum Thema MP3-Player?
Natürlich habe ich genauso mein Smartphone und meinen Ipod. Ich bin der Meinung, dass man das Beste aus den Zeitaltern kombinieren sollte. Jeder Ghettoblaster hat einen externen Eingang, an dem man sein Handy anschließen kann. Ich stehe MP3s auf keinen Fall ablehnend gegenüber.

Gehst du denn auch mit deiner Boombox nach draußen in den Park?
Ja, mit der Frage habe ich gerechnet! Wenn ich mich Freunden treffe, gehört der Ghettoblaster schon dazu. Beim Grillen auf dem Tempelhofer Feld zum Beispiel, steht der schon dabei…

…also wenn man sich mit dir trifft, kann man davon ausgehen, dass du deine Boombox dabei hast?
Kann man auf jeden Fall! (lacht)

Dein Sammlung wächst jetzt seit circa fünf Jahren. Ich habe gelesen, dass es schon eine der größten und exklusivsten Kollektionen sei. Stimmt das?
Naja, gut… ich würde sagen, dass es auf jeden Fall eine der am besten sortierten Sammlungen ist. Natürlich gibt es Sammler, die auch etwa so viele Radios haben. Bei mir gibt es einen guten Überblick von frühen Geräten bis zu Spätachtziger-Kitsch. Die Varianz ist bei mir sehr groß und ich höre auch oft von anderen Sammlern, dass es eine sehr gut sortierte Sammlung ist.

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Gilt das denn nur national oder auch international?
Es gibt natürlich weltweit sehr viele Sammler, wobei in Deutschland einer der aktivsten Sammlerszenen ist. In Dessau findet auch das größte Internationale Boombox Meeting statt. Dann gibt es in den USA noch viele Sammler. Aber es ist schon so, dass bei mir viele Geräte stehen, die bei vielen Sammlern auf der Suchliste weit oben stehen. In meine Sammlung sind bisher viel Arbeit und viel Herzblut hineingeflossen. Und natürlich hat bei einigen Geräten auch eine gehörige Portion Glück dazu gehört.

Und wie viele Euro sind bisher in die Sammlung geflossen?
Es geht mir wirklich nicht um den Wert dahinter. Es macht mir einfach Spaß. Ich habe auch oft schon das Glück gehabt, dass ich wirklich hochwertige Geräte für sehr günstige Preise bekommen habe—über Kleinanzeigen, Flohmärkte und von Leuten, die nicht wussten, was sie da für Sammlerstücke hatten… Ich habe natürlich deutlich weniger bezahlt, als die Sammlung wert ist.

Du sammelst ja nicht nur Ghettoblaster, sondern verleihst sie auch. Wer leiht sich denn eigentlich Ghettoblaster aus? Wer hört denn noch Kassetten?
Der Verleih hat nicht die Idee, dass sich jemand einen Ghettoblaster als Gebrauchsgegenstand ausleiht, um sich Kassetten anzuhören. Es geht eher um den Ghettoblaster als Designelement oder Symbol für Musik. Ich habe die Geräte bisher vor allem für Musikvideodrehs und Fotoshootings verliehen. In einer Stadt wie Berlin, in der viele Kreative sind, ist ein Boombox-Verleih ja auch nicht so abwegig.

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Wir haben auf Facebook auch ein Foto von dir mit den Fantastischen Vier gesehen—was war da los?
Ja, das war ein Shooting mit den Fantastischen Vier und einem meiner Ghettoblaster. Wofür genau, ist aber noch geheim…

Okay, dann lass uns doch einfach über das International Boombox Meeting reden, das dieses Jahr zum fünften Mal stattgefunden hat. An der Wand in deinem Flur hängen vier Boombox Meeting Plakate. Du warst also schon viermal da?
Nee, sogar schon fünfmal—aber zum ersten Meeting gab es kein Plakat. Ich bin seit dem ersten dabei. Das Meeting organisiert ein Sammler aus Dessau, der das auf einem alten Fabrikgelände organisiert. Dann kommen Sammler aus Deutschland, Bulgarien und Großbritannien, um sich mit Gleichgesinnten zu treffen und die Radios aufzudrehen. Das ist echt eine tolle Kulisse, wenn da 100 bis 200 Geräte stehen, die alle auf den gleichen Kanal geschaltet sind und coole Musik spielen.

Was geht da sonst so, außer Sammler, die sich mit Ghettoblastern beschallen?
Man trifft sich halt nicht so oft und tauscht sich aus, welche Radios man gefunden hat. Aber im Grunde ist es eine große Oldschool-Party, wo auch viele andere Leute hinkommen, die Bock auf Party haben.

Und wie sieht der typische Ghettoblaster-Sammler auf dem International Boombox Meeting aus? Wie muss man sich den vorstellen?
Alle Altersklassen sind vertreten und das sind ganz grundverschiedene Leute. Der Eine hat seine „Premiumgeräte“, wie er sie selbst nennt, dabei: mit Originalverpackung und ohne Gebrauchsspuren. Die stellt er dann ganz stolz aus und erzählt, dass er vierstellige Summen dafür ausgegeben habe. Und dann gibt es Andere, die mit selbstgebauten Geräten aus Holzkisten kommen.

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Woran liegt es deiner Meinung nach, dass der Ghettoblaster bis heute so lebendig ist und so sehr fasziniert?
Der Ghettoblaster hat den Großteil seines Erfolgs der Tatsache zu verdanken, dass er einfach im Nachhinein zu einem Symbol für eine ganze Gesinnung und eine ganze Generation wurde. Wenn man einen Ghettoblaster sieht, sieht man nicht nur einen Kassettenrekorder, sondern es kommen Erinnerungen hoch. Und das Design war damals zeitlos und ist es immer noch: Manchmal werde ich draußen im Park von Leuten gefragt, in welchem Laden man den Ghettoblaster kaufen kann. Die machen dann immer große Augen, wenn ich denen dann sage, dass das Technik von vor 30 Jahren ist.

Dein Wohnzimmer hat ja fast schon Museumscharakter. Hast du schon mal darüber nachgedacht Eintritt zu nehmen?
Naja, man muss ja hier auch noch Wohnen können. Ich weiß auch nicht, ob es wirklich genug Leute gibt, die ihren Obolus entrichten, um sich hier kurz im Wohnzimmer die Wand reinzuziehen. Da hätte ich auch ehrlich gesagt keine Lust darauf, dass die Leute mir ständig durch die Wohnung gehen. (lacht) Falls ich irgendwann mal im Lotto gewinne, würde ich es in Erwägung ziehen, einen kleinen Laden als Museum aufzumachen…

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