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Dieser Typ aus Birmingham ist das musikalische Geheimnis hinter Beyoncé, Jay Z und Mary J. Blige

Knox Brown ist Songwriter und Producer für große Stars, aber auch seine eigenen Arbeiten sind großartig.
2.12.14

Du kannst mich gerne ein ignorantes Arschloch nennen, aber wenn ich morgens auf dem Weg zur Arbeit in der Zeitung etwas zu Großbritanniens neuen Einwanderungsgesetzen überfliege, dann geht der wahre Bedeutungsumfang solcher Meldungen meistens mehr an mir vorüber, als er es eigentlich sollte. Dann unterhältst du dich aber mit jemandem—wie in meinem Fall mit Knox Brown, der jamaikanischer Abstammung ist, seit seinem 13. Lebensjahr in Birmingham lebt und hier auch die Uni besucht hat—und langsam aber sicher begreifst du, dass das System total im Arsch ist. „Ich habe immer noch keine britische Staatsbürgerschaft“, erklärt mir Knox. „Ich habe immer noch meinen jamaikanischen Pass und erst letztes Jahr erhielt ich eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Das alles hat es mir sehr schwer gemacht, nach der Uni einen Job zu bekommen.“

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Da der mittlerweile 25-Jährige keine Arbeit bekam, hing er wieder bei seiner Mutter ab und versuchte, mit seinem Hobby, Musik machen, etwas Geld zu verdienen. Das klingt jetzt nicht so ungewöhnlich für jemanden, der in einer Stadt lebt, in der es momentan vor jungen Musiktalenten und Projekten nur so wimmelt. Das, was Knox aber von allen anderen unterscheidet, ist die Tatsache, dass er dieses Jahr Musik für Beyoncé, Jay Z, Mary J. Blige, Aloe Blacc, Jesse Glynne, Wretch 32, Emeli Sande und viele mehr geschrieben, produziert oder in irgendeiner Weise daran mitgearbeitet hat. Dazu kommt noch ein eigener Track, der bei SoundCloud mittlerweile fast eine viertel Millionen Plays erreicht hat. Wie wird also aus einem arbeitslosen Uni-Absolventen aus den Midlands ein verheißungsvoller Hitproduzent?

Brown kam in Kingston, Jamaika auf die Welt, bevor seine Familie in die Küstenstadt Portmore zog, wo er direkt am Strand aufwuchs—Vybz Kartel ging übrigens den gleichen Weg—bis seine Mutter auf der Suche nach „etwas Besserem“ entschied, mit der Familie nach Großbritannien zu ziehen. „Ich erinnere mich noch an ein paar Dinge von früher in Jamaika“, lacht Knox. „Meine Mutter und mein Vater haben bei uns Zuhause immer Partys veranstaltet und ich spielte auf so einem kleinen Spielzeug-Xylophon oder einer Spielzeug-Trompete. Meine Eltern haben mich auch dabei aufgenommen, wie ich Gedichte vorgelesen habe. Ich setzte mich einfach hin und legte los. In Jamaika war Musikunterricht allerdings kein Pflichtfach und die knappen Budgets führten dazu, dass die Schulen meistens keinen eigenen Musikraum hatten. Es hat also gedauert, bis ich in England zum ersten Mal in den Musikunterricht bin und mein erstes Klavier und Drumkit gesehen habe. Ich bin total ausgeflippt.“

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Wenn man sich einige der Songs anhört, die Knox in letzter Zeit gemacht hat—von der gefühlvollen Klavier-Ballade „Whole Damn Year“ für Mary J. Blige (hier oben zu hören) bis hin zu den tropischen Dance-Verrenkungen für Wretch 32s „Blackout“ und dem chaotischen Motown-Sound seines eigenen Songs „Harry’s Code“, auf dem er die ganze mystische Energie eines Dubstyle-Bobby Womack kanalisiert—wird klar, dass sein Sound eine ganze Wagenladung von Stilen umfasst. Dennoch gibt es dieses unbestimmbare Element, das allen gemein ist und das sie alle irgendwie zusammenhält—in der gleichen Weise wie auch Timbaland, Dre oder Clams Casino sofort rauszuhören sind. In seinem Umfeld spricht man von der „Knox Sauce“.

Wenn man sich anschaut, wie er sich selber Musik beigebracht hat, wird auch klar, warum er so unterschiedliche Stile beherrscht. „Als ich in Year 9 war [bei uns vergleichbar mit der 7. Klasse] hat mir meine Mutter ein Casio Keyboard gekauft. Da waren diese ganzen klassischen Lieder drauf vorprogrammiert—Mozart, Bach und so Zeug. Und die habe ich dann einfach auswendig gelernt. Ich habe sie mir angehört und dann selber nachgespielt. Dann bin ich zur Schule und habe versucht, die Mädchen im Musikunterricht damit zu beeindrucken. Das war das erste Instrument, das ich mir selber beigebracht habe.“

Die Geschichte um seine Anfänge als Beatmacher ist allerdings noch genialer: „Mein Kumpel hatte eine Playstation und wir hingen immer bei ihm ab“, erzählt Knox. „Er spielte dieses Spiel mit dem Namen Music2000. Ich dachte nur ‚Wow! So macht man Beats?’ Ich habe mir das Spiel dann selber besorgt und fing an, die Beats nachzubauen, die ich bei Tim Westwood [einem bekannten britischen Radio- und TV-Moderator] hörte. Ich erinnere mich noch daran, wie 50 Cent „In Da Hood“ rausbrachte—den Beat dazu hatte Dr. Dre gemacht. Ich habe dann versucht, ihn nachzubauen, und darauf haben ich und meine Freunde die ganze Zeit gefreestylt. Ich wurde wirklich gut darin, Sachen einfach nur übers Gehör zu kopieren.“

Eine YouTube-Suche nach Knox führt einen schnell zu Aufnahmen eines jungen Typen, der bei einer Beat-Cypher-Veranstaltung in Birmingham auf der Bühne hockt und seine Konkurrenz in beiden Runden vernichtend schlägt. Du kannst dir auf dem Video auch heute noch anschauen, wie er einen treibenden, The Chronic-mäßigen Beat raushaut, der selbst die anderen Producer dazu bringt, ihm anerkennend die Hand zu schütteln. Das ist jetzt schon ein paar Jahre her und war zu einer Zeit, als er sich gerade vor Ort einen Namen machte, aber, wie er selber sagt: „Die Leute sagten mir immer, wie gut sie meine Musik finden, aber ich kam trotzdem nicht wirklich weiter, verstehst du? Erst als dann Wretch meine Beats gehört hat, änderte sich alles.“

Und wie sich alles änderte. Über seine Beatarbeit für Wretch kam er an Jacob Banks. Und über Jacob Banks hörte Jon Platt, der Präsident von Warner/Chappell Music, das erste Mal Beats von Knox. Mitten in einem Meeting rief er plötzlich auf: „Wer ist dieser Producer?“

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„Von da an nahm alles seinen Lauf und er setzte sich mit meinem Management in Verbindung. Er hatte erst drei Beats von mir gehört und als ich ihn dann traf, spielte ich ihm noch ein paar persönlichere Sachen vor und es haute ihn buchstäblich um. Danach kamen immer mehr Anrufe, dass ich nach L.A. gehen soll.“

„Worthy“ von Jacob Banks, produziert von Knox Brown

Mittlerweile ist es genau so wahrscheinlich, Knox auf dem Sunset Boulevard wie auf Birminghams Main Street anzutreffen. Sein Leben spielt sich fast zu gleichen Teilen an beiden Orten ab. Ich frage ihn, ob es eine Art Kulturschock für ihn war, rüber zu gehen und mit so großen Stars zu arbeiten? „Ja, total!“, lacht er. „Du läufst da einfach die Straße runter und triffst auf irgendwelche Promis. Ich fahre durch L.A. und sehe Jonah Hill. Ich fahre durch Fairfax und sehe Tyler, The Creator. Man kann einfach aus dem Auto steigen und mit diesen Leuten sprechen. In England erschrecke ich mich noch jedes Mal, wenn mich Emeli Sande oder Jess Glynne anrufen. Es ist total abgefahren.“

Und schon jetzt hat sich seine Zeit dort drüben ausgezahlt. Knox hat Jay Z Beats zugeschickt, von denen Hova zwei für etwas genommen hat, an dem er gerade arbeitet—du kannst dir wahrscheinlich schon denken für was. Er ist zusammen mit Timbaland im Studio gewesen und als mich unsere Unterhaltung langsam dazu verleitet, ihn zu fragen, ob er auch mit Beyoncé arbeitet, bekomme ich nur die knappe Antwort: „Darüber kann ich nicht reden.“

Er hat schon zusammen mit Harold Lilley (Beyoncé, Alicia Keys, Brandy) Musik komponiert und mit Mary J. Blige, Emeli Sande und Jess Glynne Songs geschrieben—ach ja, auf seinem Instagram finden sich auch Nachrichten von Team Minaj. Er arbeitet auch mit der dänischen Band Lukas Graham zusammen. Du hast vielleicht noch nie von ihnen gehört, dafür ist die Gruppe in Dänemark umso bekannter. Ihr Debütalbum hat dort vierfach Platin abgeräumt.

Trotzdem möchte ich mit Knox über seine Solo-Arbeiten reden. Ich möchte verstehen, wie man es überhaupt schafft, sein eigenes Projekt inmitten dieser unzähligen Songwriting- und Producer-Aufträge zu starten. Knox sagt, das sei ganz leicht; es sei ja schließlich das, was er gerne macht. Dass allerdings kein weiterer Song nach „Harry’s Code“ erschienen ist, der immerhin schon im Mai rauskam, lässt anderes erahnen. „Es kann in beide Richtungen gehen“, erklärt er, „manchmal schreibe ich einen Song für mich selber, aber denke dann, dass er besser zu jemand anderem passen würde und biete ihn dann dementsprechend an. Ich habe gerade erst Jon bei Warner/Chappel einen Track gezeigt und er meinte sofort, ‚Yo! Den schicke ich an Pharrell!’ Das Problem ist nur, dass ich ihn jetzt eigentlich gerne wieder für mich hätte. So dämlich ist das alles. Man muss immer alles gut überlegen und dann die richtige Entscheidungen treffen.“

Knox ist gerade dabei, seine Debüt-EP zusammenzustellen—aus einer Auswahl von hunderten Songs, die er mittlerweile geschrieben hat—und so, wie es gerade ausschaut, wird 2015 die „Knox Sauce“ überall zu hören sein. Es kann eigentlich nur ein gutes Zeichen sein, dass jetzt ein derartig kultivierter Künstler die Erfolgsleiter des kommerziellen Pop-Olymps erklimmt. „Ich finde, dass das Musikgeschäft etwas zu einem Mitläufersystem verkommen ist. Alle wollen immer das, was gerade auf der Nummer eins ist. Wenn ich als Producer für jemanden arbeite, dann fragt man mich immer nach Sounds, die so klingen wie das, was gerade an der Spitze der Charts steht. Stell dir nur mal vor, irgendwas mit wohldurchdachten Lyrics und interessantem Sound würde es auf die Nummer eins schaffen. Dann würde die ganze Welt anfangen, wohldurchdachte Musik zu machen!“

Ja, das ist ein schöner Gedanke. Schön ist auch die Vorstellung, dass in der Welt des kommerziellen und kommodifizierten Glamours des Mainstreampops—mit seinen furchtbaren Band Aid Lyrics, den ganzen ausbeuterischen Industriemechanismen, den hirnrissigen Artikeln darüber, ob der neue Haarschnitt von XY ein Statement für Bürgerrechte darstellen soll, und den ganzen Eilmeldungen darüber, welcher Musiker jetzt die meiste Kohle hat—ja, dass in dieser Welt jetzt ein energetischer und talentierter Musiker aus Birmingham, für den Musik seine Religion ist, hinter dem Vorhang verschwunden ist, um ein paar Fäden zu ziehen.

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