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Interviews

Wenn du nicht loyal bist, kannst du bei Kontra K gleich einpacken

Wir haben eine halbe Stunde seiner begrenzten Zeit genutzt, um mit Kontra K übers Boxen, kiffende Hänger und—natürlich—Loyalität zu sprechen.

von Toni Lukic
21 Juli 2014, 12:00pm


Foto: Louise Amelie

In einer Rapwelt, in der die Hosen enger und die T-Shirt-Ärmel immer weiter hochgekrempelt werden, scheint Kontra K wie aus der Zeit gefallen. Stärke, Ehre, Loyalität—das alles sind Werte, die der Berliner immer wieder in seinen Texten anspricht. Fürs Rumhängen auf Fashion-Events hat er schlicht und ergreifend keine Zeit. Kontra K betreibt eine Industrieklettererfirma und baut seine in der Jugend angestauten Aggressionen im Boxring ab. Mittlerweile hat sich um den Rapper eine treue Anhängerschaft geformt, die auch den großen Plattenfirmen nicht entgangen ist. Vor kurzem veröffentlichte er bei seinem neuen Arbeitgeber Four Music die EP Wölfe, eine atmosphärisch beeindruckende, erste Ansage für das kommende Majordebütalbum. Wir haben eine halbe Stunde seiner begrenzten Zeit genutzt, um mit Kontra übers Boxen, kiffende Hänger und natürlich über Loyalität zu sprechen.

Noisey: Ich habe mich eben gefragt, wie fest dein Händedruck sein wird.
Kontra K:
Entspannt. Nicht zu fest, aber bestimmt. Es gibt viele Poser, die dir die Hand zerquetschen und dabei ganz tief in die Augen gucken. Mir reicht ein normaler Händedruck.

Wie begrüßt man sich eigentlich im Ring?
Meistens mit der Rechten, Handschuh gegen Handschuh. Oder mit beiden Fäusten von oben nach unten. Bei einem Trainingskampf ist die Begrüßung recht herzlich, bei einem Profikampf hasst man sich kurz und dann ist es danach halbwegs ok.

Was macht für dich die Faszination von Kampfsport aus?
Das Duell Mann gegen Mann. Das ist dieses Urige: Wer ist der Stärkere? Wer kann das Rudel besser verteidigen? Das Beste ist, wenn du siehst, wie dein Training und deine Disziplin belohnt werden.

Wie fühlt sich das an, wenn du im Ring jemandem gegenüber stehst, der offensichtlich stärker ist als du?
Jeder hat Schiss, bevor er in den Ring geht. Wer was anderes sagt, der lügt. Selbst Mike Tyson hat gesagt, dass er Angst davor hatte. Wenn der Kampf dann aber losgeht, ist er meiner. Ich unterschätze den Gegner nie, aber ich überschätze ihn auch nicht. Einmal hatte ich einen Profikampf, bei dem ich ein bisschen vermogelt wurde. Der Typ hat elf Kilo mehr gewogen als ich. Da hatte ich einfach den Gedanken, dass ich nicht getroffen werden darf. Das sind ganz komische Gefühle. Du bist so unter Adrenalin, weil es gleich eins gegen eins entschieden wird, wer der bessere ist. Das kannst du mit nichts vergleichen.

Auch nicht mit Industrieklettern?
Gar nicht. Da habe ich die Angst komplett verloren. Erst ab dem 10. Stock kommt das Kribbeln wieder.

Wenn man bei so einem Job keine Angst mehr hat, muss man nicht aufpassen, dass man die Konzentration nicht verliert?
Du solltest Respekt haben. Angst ist verkehrt, weil du dann zu vorsichtig wirst, dich an Sachen festklammerst und Fehler machst.

Man merkt, dass du zu ziemlich aufgedreht bist. Musst du immer was machen?
Immer! Zu viel, sogar. Wenn ich nichts mache, kriege ich Krebs. Es ergibt sich kein Moment in meinem Leben, in dem ich nichts mache, weil die Termine mit der Arbeit und der Musik so eng sind. Die Musik vereinnahmt mein Leben auch immer mehr. Selbst wenn ich nichts mache, mache ich immernoch Sport.

Ich habe mal gehört, dass du früher eher ein Hänger warst.
(überlegt) Nee, auch nicht ganz. Ich war eher so ein hyperaktives Kind, so ein Kiffer, der seine Energie in Aggressionen umgewandelt hat. Nach dem Motto: Wenn ich der Böseste bin, dann bin ich gleichzeitig der Coolste. Irgendwann habe ich gemerkt, wenn ich die Energie in die richtigen Bahnen lenkst, dass ich auch was zurück kriege. Du erntest, was du säst. Ich wollte immer auf vielen Baustellen 100 Prozent geben. Es hat mir gezeigt, dass meine Hyperaktivität nicht so schlecht ist.

Wann hast du gemerkt, dass du diese Energie sinnvoller einsetzen musst?
Es gab Punkte, bei denen ich dachte, dass das nicht das Wahre ist: Alle meine Kumpels gehen in den Knast, ich bin der Einzige, der heil davon gekommen ist, aber es dauert nicht mehr lange, dann bin ich auch im Arsch. Und dann ist mein Leben vorbei. Das war aber keine Option für mich. Da hat es sich rauskristallisiert, dass ich viel tun muss, um da rauszukommen. Ich finde, du bist nichts wert für diese Welt, wenn du nur Scheiße baust.


Foto: Louise Amelie

Du hast also den klassischen Rapfilm gelebt.
100 Prozent. Ich würde meinen Sohn oder meine Freunde nie an so Leute ranlassen, wie wir es waren. Es ist ein krasser Prozess, aus so einem Kreis rauszukommen. Den haben 90 Prozent der Schauspielrapper nicht gemacht. Diese wirklich krasse Negativ-Schiene macht aber keinen Spaß. Deswegen trage ich das auch mit stolz geschwellter Brust nach draußen, dass ich da rausgekommen bin. Das lasse ich mir von niemandem nehmen.

Wie siehst du heute Hänger, die nicht aus dieser Negativspirale rauskommen?
Als Person in der Öffentlichkeit sage ich: Jeder soll es so machen, wie er will. Ich verurteile keinen. Aber in meinem Umfeld gibt es sowas nicht. Alle meine Freunde müssen funktionieren. Ich mache so viel und kann es nicht ertragen, wenn jemand neben mir abkackt. Dann kann er eben nicht mehr neben mir sein.

Eine krasse Aussage.
Es geht dann einfach nicht mehr. Irgendwann bist du an einem Punkt und es kostet unglaublich viel Kraft zurück an den Punkt zu gehen, wo sich diese Leute befinden. Das heißt nicht, dass du jemanden aufgeben sollst. Aber nach dem zwanzigsten Mal Hand ausstrecken, kannst du auch nichts mehr machen. Ich will nicht, dass mein Sohn mit Leuten aufwächst, die schlechte Vorbilder sind.

Du sprichst immer von Loyalität. Wie viel bedeutet sie dir wirklich?
Loyalität ist das Wichtigste, was wir heute noch haben. Sonst haben wir nichts mehr. Sie bedeutet, dass man jemandem hilft, auch wenn es keine Vorteile für dich bringt. Nicht nur den kleinen Finger ausstrecken, sondern die ganze Hand geben. Irgendwann zahlt sich so etwas aus. Man muss aber schauen, dass man die Loyalität, die man gibt, auch zurück erwarten kann. Die Frage ist auch, wann sie anfängt und wann sie wieder aufhört.

Man macht sich dadurch auf jeden Fall angreifbar.
Ja, aber vor einer höheren Macht, an die ich glaube, macht mich das zu einem guten Menschen, dass ich mehr gebe, als ich bekomme. Ich wurde auch sehr oft enttäuscht. Aber das passiert—mein Vater sagt immer: „Wisch dir den Mund ab“. Scheiß drauf, dann ist es eben so und ich habe draus gelernt.

Für viele deiner Fans scheinst du ein großes Vorbild zu sein. Ist dir das bewusst?
Ja, ich bin nicht unbedingt immer das beste Vorbild, trotzdem freue mich da sehr drüber. Ich kriege Briefe aus dem Knast, oder von Jungs, die im Knast waren und jetzt nur noch Sport machen, oder von Eltern, die erzählen, wie sich ihre Kinder entwickelt haben, nachdem sie meine Musik gehört haben. So etwas bedeutet mir viel mehr als Facebook-Likes.

Mir ist vor allem auf deiner neuen EP aufgefallen, dass du eine sehr bildhafte Sprache benutzt. Warum wolltest du nicht konkreter werden?
Du hast Recht, ich male mit meiner Musik. Jeder sollte immer für sich Musik machen. Ich mag es, einen Film im Kopf zu bekommen, wenn ich etwas höre. Das ist auch der Grund dafür, dass sich viele damit identifizieren können und so ihr Bild ausmalen können, wie sie es wollen.

Bei Yolo und so” bist du dafür sehr konkret geworden.
McFitti hatte mich mal angefragt, ob ich bei seinem Video mitspielen wollte. Ich habe ihm dann gesagt, dass ich nichts gegen ihn habe und ihm den Erfolg von Herzen gönne, aber ich habe trotzdem abgesagt. Mich nervt es einfach, was dieser Hipsterlifestyle verursacht: Mit 17 voll auf MDMA im Berghain—ich weiß nicht, ob ich das so sehe, weil ich mittlerweile zu engstirnig dafür geworden bin. Aber um zum Thema zurückzukommen: Auf dem Album sind schon noch Songs, die Dinge konkreter beschreiben.

Der Arbeitstitel Licht und Schatten hört sich ja schon mal nach einem epischen Versprechen an.
Ja, es wird auch sehr episch.

Das große Major-Ding also?
Genau. Aber immer noch 100 Prozent Kontra. Mit meinem Arbeitswahn habe ich einfach die Leute dahinter angesteckt. Und so wird aus einem, der 100 Prozent gibt, mehrere, die 100 Prozent geben. Daraus entsteht einfach eine nicht zu stoppende Armee. Und das ist mein Ziel.


Toni hat Mike Tyson auch zum Kampf herausgefordert, leider hatte der zu viel Schiss. Folgt Toni bei Twitter: @sopranovic

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