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Wodka, Groupies und Privatjets: Warum Klassikmusiker härter sind als Rockstars

Ich verbringe den Abend lieber mit Leuten wie Currentzis und Gergijew, als mit Mumford and Sons oder Clean Bandit. Rock’n’Roll-Attitüde gibt es nur noch bei Klassikmusikern.

von Peter Culshaw
15 Oktober 2014, 9:00am

In meiner Zeit als die Welt bereisender Schreiberling bin ich ein paar Mal nur knapp dem Tod entgangen. Mir wurde in den Straßen Havannas in den Rücken geschossen und ich habe mich mit Jihad-Warlords im Jemen gestritten. Aber am nächsten war ich dem Tod nach einer durchzechten Nacht mit dem brillanten Klassik-Pianisten Boris Beresowski.

Ich wurde um 4 Uhr morgens schlafend in einer Schneewehe vor einem Casino in Jekaterinburg gefunden, in der russischen Ural-Region, bei -30 Grad. Jeden Morgen wurden dort in den Straßen ungefähr zwanzig erfrorene Leichen von Leuten gefunden, die sich, wie ich, zu sehr dem verlockenden Ruf von Wodka hingegeben hatten. Dabei hatte ich es nicht mal übertrieben. Ich hatte mich selbst rationiert—und auf jeden vierten Wodka von Boris einen getrunken—und vorgehabt, mich um Mitternacht zu verabschieden.

Jekaterinburg liegt an der europäisch-asiatischen Grenze. Wir hatten den Minenschacht besichtigt, in den Revolutionäre die Familie von Zar Nikolaus, dem II. geworfen haben, nachdem diese von einem Erschießungskommando hingerichtet wurde. Dieser Geschichtsstunde folgten ein Essen und einige Drinks mit Dmitri Liss, einem örtlichen Dirigenten. Er erzählte uns vom Publikum in der nahegelegenen Stadt Nowouralsk, von dem er sagte, dass es das aufgeschlossenste überhaupt sei—was, nehme ich an, so ähnlich ist wie die Tatsache, dass Indie-Bands nördlich von Watford mit mehr Euphorie begegnet wird. Nowouralsk ist eine „geheime Stadt“, sie war früher nicht auf Karten eingezeichnet, da die Russen dort Atomwaffen und Anthrax hergestellt haben. Heutzutage ist es anscheinend eine Hochburg für Webcam-Stripperinnen.

Mein Niedergang begann, als er sagte, dass wir ins Casino gehen sollten. Ich sagte ihm, dass ich schon ohne Spielerei genug Laster hätte, aber er bestach mich mit einem Vorrat an Rubeln und sagte, dass es immer notwendig wäre, die Götter des Glücks herauszufordern. Ich hatte das meiste Geld bereits verloren, aber ich glaube, ich fing tatsächlich an zu gewinnen. Dann verschwimmen meine Erinnerungen. Als ich gerettet wurde, befand sich kein gefrorener Klotz aus Rubeln in meiner Tasche, aber zumindest war ich kein weiterer Erfrorener für die Statistik.

Trotz seines harten Lebensstils ist Boris Beresowski ein atemberaubender Pianist, der Preise sammelt wie andere Musiker Strafzettel und in der Lage ist, die schwierigsten Stücke überhaupt zu spielen (wie die Chopin-Variationen von Godowsky)—und das ohne Noten, indem er etwas nutzt, das er „Fingertip Memory“ nennt. Natürlich ist er nicht der einzige klassische Musiker, der gerne trinkt, Zechgelage abhält und sich generell daneben benimmt. Letzten Monat hat eine Doku der BBC mit dem Namen „Addicts Symphony“ von der weit verbreiteten Alkohol- und Drogenabhängigkeit unter Klassikmusikern berichtet und zehn von ihnen vorgestellt, die Abhängigkeiten bekämpft haben, inklusive der Top-Cellistin Rachael Lander.

Ich dachte immer, es wären die Rocker, bei denen ausschweifendes Leben an der Tagesordnung ist; ich wuchs mit Legenden von Keith Moon, Led Zeppelin und den Stones auf, die Fernseher aus dem Fenster schmissen, Limos in Swimming Pools fuhren, Groupie-Orgien anzettelten und sich Unmengen an Kokain und Heroin reinzogen. Das war allerdings eine andere Zeit. Es mag Ausnahmen geben—Fat White Family scheinen jede Menge Spaß zu haben—aber die meisten Rockbands, denen du heutzutage begegnest, nippen Kräutertee, machen Yoga, schreiben ihren Buchhaltern SMS und diskutieren mit ihren Labelbossen über die Zusammensetzung ihrer Hörerschaft. Muse waren die letzte große Band, die ich getroffen habe—ich mag ihren größenwahnsinnigen, mit Paranoia vermischten Pomp-Rock—und sie haben sich sehr gut benommen. Ich meine mich daran zu erinnern, dass wir darüber gesprochen haben, was ihr Lieblingswasser ist. Wasser!

Bei vielen Klassikmusikern ist dieses puritanische Verhalten jedoch noch nicht angekommen. Tatsächlich machen einige von ihnen den Eindruck, als wollten sie die alten Rockstars kopieren. Es gab einen Wandel—in den 70ern wollten viele Rockmusiker so sein wie Klassikmusiker. Progrocker wie Emerson, Lake and Palmer und Yes haben eigene Versionen von Klassikliedern von Bartok oder Brahms gemacht. Heutzutage ist das anders: ein renommierter Klassikkomponist wie Philip Glass macht Instrumentalversionen von Bowies Low. Diesen Monat wird Steve Reich, wahrscheinlich Amerikas bester Komponist, eine Platte mit dem Titel Radio Rewrite rausbringen; eine Variante eines Radiohead-Songs.

Ich habe mich dem Feld der klassischen Musik ziemlich sanft genähert, mit dem Möchtegern-Punk-Violinisten Nigel Kennedy. Er—oder sein Management—hatte die Idee, die Vier Jahreszeiten von Vivaldi wie ein Rockalbum zu verkaufen und das lief wahnsinnig gut (ein paar Millionen und es werden noch mehr). Als ich ihn zuhause besuchte, war das erste, was er mir sagte: „Wenn du pissen musst, piss einfach in den Garten.“ Ich habe einige durchzechte Nächte in einem merkwürdigen polnischen Jazzclub in Berlin mit ihm verbracht. Ich habe ihn im Hampton Court spielen sehen, einer Open-Air-Location, die er mag, weil „wenn es regnet die ganzen reichen Penner nass werden“. Er sagte mir einmal, dass sein Lieblingsorchester die Berliner Philharmoniker wären, denn die „haben Eier. So richtig“. Man könnte sagen, dass seine Punk-Persönlichkeit nur aufgesetzt ist, sie hält aber mittlerweile so lange an, dass sie echt geworden ist und außerdem waren einige der ursprünglichen Punks ebenfalls nette Mittelklasse-Jungs, wie der Diplomatensohn Joe Strummer.

Für die wirklich harten Saufgelage musst du jedoch nach Russland oder in die Ukraine gehen, wo es auch die besten Klassikmusiker gibt. Der erste, den ich ihn Wien getroffen habe, war der am meisten gefeierte Bratschist der Welt, Juri Baschmet. Selbst wenn wir in einem Restaurant waren, wurde er oft erkannt und Leute haben ihm andauernd Drinks an den Tisch geschickt. Es gab unzählige Geschichten über wilde Partys in seiner Datsche außerhalb Moskaus, seine Trinkgelage in Jazzclubs und darüber, dass er in diversen Hotels verkatert geweckt werden musste, weil er nicht zu Proben erschienen ist. Wenn Skream Geiger wäre, dann wäre er dieser Typ.

In seiner Heimatstadt Lwiw war er früher ein Rockstar, aber irgendwann hatte er das Gefühl, dass „Popmusik verglichen mit Klassik spirituell limitiert war“. Und über die Groupies von damals sagt er, dass „sie gut aussahen, aber ein wenig dämlich waren“. Stattdessen hat er das Ansehen eines vormals spröden Instruments verbessert und viele Komponisten dazu gebracht, Stücke für ihn zu schreiben. Er sagt, dass er den Statuswandel dieses Instruments nur anhand seiner weiblichen Schülerinnen aufzeigen kann. „Vor zwanzig Jahren waren alle Mädchen, die das Instrument gespielt haben, tragische Charaktere, die damit Misserfolge in ihrem Leben kompensiert haben. Mittlerweile sind fast alle von ihnen glücklich und sehr hübsch. Ich kann stolz darauf sein.“

An diesem Punkt wollte ich unbedingt mit diesen Leuten abhängen, egal was mich Reisen nach Russland an North Face-Kleidung kosten würden. Ich bekam den Auftrag, Waleri Gergijew zu interviewen, einen legendären Dirigenten—für viele der Beste der Welt. Ich traf ihn in der blassen und gespenstischen Stadt St. Petersburg. Natürlich endete dieser Abend, wie all meine Abende in Russland, volltrunken. Die Nacht ging bis 5 Uhr morgens, denn wenn du Gergijew bist, wirst du nicht aus Restaurants geworfen. Er bekommt sogar seine eigene Polizei-Kolonne, wenn er schnell durch die Stadt muss.

Gergijew sieht aus wie jemand, der seit Jahrzehnten nachts nicht mehr vernünftig geschlafen hat, was vielleicht auch stimmt. Die Leute reden über seine „teuflische Energie“; er leitet eine Firma, die 80 Sänger, 200 Tänzer, 180 Musiker und eine Menge Verwaltungspersonal umfasst. Laut seiner Schwester Larissa kann er „nicht kochen, seine Kleidung nicht waschen und keinerlei praktische Hausarbeit erledigen“. Er hat seinen 50. Geburtstag gefeiert, indem er eine 19-Jährige geheiratet hat.

Am nächsten Morgen um 10 Uhr hat er jedoch Wagners Tristan und Isolde dirigiert und die Oper zu Led Zeppelin aus der „Kashmir“-Ära gemacht. Er hat eine unglaubliche Energie und ist bekannt dafür, an einem Tag drei verschiedene Konzerte in verschiedenen Ländern zu dirigieren. Später an diesem Abend, noch mit einem üblen Kater, habe ich mir die Premiere von Gergijews neuer Version von Rimski-Korsakows selten aufgeführter Oper Die Tsarenbraut angesehen. Danach gingen wir zu einem Gala-Dinner, bei dem Sponsoren und Kritiker zugegen waren. Der Designer der Oper hat mehrere Toasts auf das Genie von Gergijew ausgesprochen, bevor er bewusstlos unter den Tisch glitt.

An diesem Abend bekam ich eine Lehrstunde in Sachen Moral. Ein anderer Oligarchen-Typ am Tisch fragte mich, ob er mich mit nach Hause nehmen sollte. Ich sagte, dass mein Hotel direkt um die Ecke wäre und bedankte mich für das Angebot. Er meinte damit allerdings zurück nach London, in seinem Privatflugzeug. Der andere Oligarch wurde hellhörig. Es stellte sich heraus, dass der erste eine Gulfstream 4 hatte. Woraufhin der andere beiläufig erzählte, dass er eine Gulfstream 5 hat—die hat mehr Fenster und du musst dich anscheinend nicht bücken, um ins Cockpit zu gelangen. Der erste Oligarch war sichtlich angepisst und hat den Rest des Abends mürrisch dreingeblickt. Das Moralische daran ist also, dass es für manche Leute kein Ende gibt—du würdest vielleicht denken, dass du genug hast, wenn du einen Privatjet hast, aber nein, du brauchst den allerbesten.

Ich hätte der Sache an dieser Stelle ein Ende setzen können, aber mehrere Leute haben mir von einem Typen in Sibirien erzählt, der noch heftiger sei als Gergijew. Ich setzte mich also über Nacht in ein Flugzeug nach Nowosibirsk, um einen unheimlich verrückten Typen namens Teodor Currentzis zu treffen, der Sachen sagt wie: „Ich werde die klassische Musik retten“ und das auch so meint. Ich wusste, was er meint, nachdem ich eine von ihm dirigierte Version von Purcells Dido and Aeneas gehört hatte, was eine Art neu geprägtes Stück Soul-Musik war. Natürlich folgte darauf ein lauter Abend, der von Wein und noch mehr Wodka befeuert wurde. „Alle Frauen sind in ihn verliebt und er liebt das“, sagte eine weibliche Schülerin zu mir. Currentzis, mit seinen langen Haaren, nennt sich selbst einen „anarchistischen Narzissten“. Er war früher in „Industrial New Romantic“-Bands und redet von obskuren Postpunk-Bands wie Nurse With Wound. „Weißt du“, erzählte er mir, „ich mochte Joy Divison lieber, als sie noch Warsaw hießen“.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass Sibirien riesig ist und nicht nur aus Gulags und Unmengen an Schnee besteht, mit merkwürdigen Tigern oder Schamanen am Horizont. Wenn es unabhängig wäre, wäre es tatsächlich das siebtgrößte Land der Erde. Es gibt hunderte Musikschulen und Currentzis hat alle durchstreift, nicht auf der Suche nach Technik sondern einer Einstellung. Er wollte in die Köpfe seiner handverlesenen Musiker gelangen und das ist ihm gelungen.

Ich will nicht sagen, dass du kaputt sein musst, um interessant zu sein. Was ich sage ist, dass ich lieber den Abend mit Leuten wie Currentzis und Gergijew verbringen würde, als mit Mumford and Sons oder Clean Bandit. Wenn du Rock’n’Roll-Attitüde suchst, musst du dich mit Klassikmusikern umgeben.

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