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Festival Summer

Ich habe es nicht geschafft, das Electric Love beschissen zu finden

Das Electric Love ist halb Tomorrowland, halb Dorfdisco. Und irgendwie konnte ich mich gegen diese Kombination nicht wehren.
13.7.15

Beim Electric Love kam es am Wochenende zu einem tragischen Zwischenfall. Darüber haben wir gestern schon geschrieben. Es wäre trotzdem falsch, das Festival nur unter diesem Aspekt zu sehen. Deshalb hier die Erlebnisse unseres Kollegen Tori.

Dieses Wochenende ist ein Moment in meinem Leben gekommen, dem ich jahrelang erfolgreich aus dem Weg gegangen bin, von dem ich als Salzburger aber tief drinnen immer wusste, dass er eines Tages kommen würde. Da ihr diesen Artikel angeklickt habt, wisst ihr vermutlich eh schon worum es geht: Ja, ich war zum ersten Mal am Electric Love Festival.

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Bei den Menschen in Salzburg gibt es ja zwei Ansichten zum Electric Love: Die einen sagen: „Oida, das ist die größte Dorfdisco Österreichs und das Epizentrum der billigen elektronischen Kommerz-Musik, fahr ab mit dem Scheißdreck!“. Und die anderen sagen: „Oida, das ist das österreichische Tomorrowland, drei Tage Ausnahmezustand, geilster Scheiß überhaupt.“

Jahrelang habe ich den Electric Love-Feinden blind geglaubt. Vermutlich einfach, weil ich eher zu den musikalischen Klugscheißern dieser Welt gehöre. Aber in den letzten Monaten sind leichte Zweifel in mir aufgekommen. Was, wenn das Electric Love tatsächlich ein bisschen wie das Tomorrowland ist und sich dort alle in so eine Art hyperharmonisches EDM-Paralleluniversum feiern? 40.000 Besucher am Tag kann man halt auch schwer ignorieren, und es wäre nicht das erste Mal, dass ich etwas scheiße finde und sich am Ende herausstellt, dass es eigentlich halb so schlimm ist. Es gab nur eine Möglichkeit: Ich musste dort hin und es selbst herausfinden.

Also bin ich an den Salzburgring gefahren, den Ort, an dem ich als 14-jähriges Bubi zum ersten Mal auf einem Festival war—damals war das Frequency ja noch hier daheim. Und ich habe beim Ankommen versucht, mich nicht von der Tatsache einschüchtern zu lassen, dass die erste Gruppe an Typen, die ich am Weg zum Gelände getroffen habe, im Chor ein Lied mit dem Text: „Und dann hat er sie in Arsch gefickt, die ganze Naaacht, die ganze Naaacht“ gegrölt hat. Eines kann ich euch jetzt schon sagen: Ich hab noch selten so viele Dinge gelernt, wie an diesem Wochenende.

Erkenntnis 1: Das Electric Love ist halb Tomorrowland, halb Dorfdisco

Erste Erkenntnis: Ja, es gibt am Electric Love zwar nicht nur, aber schon sehr viel Dorfdisco-Publikum. Und das behaupte ich nicht nur einfach so. Im Alter zwischen 14 und 17 Jahren war ich selbst auf knapp einer halben Millionen Discopartys in Salzburg-Umgebung. Ich bin zu einem bedenklich großen Teil in solchen Zeltfest-Infernos sozialisiert worden, und ich weiß ganz genau, welche Leute dort hingehen.

Und wisst ihr was? Ich kann euch nicht mal aufzählen, wie viele meiner guten alten Discoparty-Bekanntschaften ich am Electric Love getroffen habe. Alle hundert Meter hat jemand: „TOARE, (so sprechen die Leute bei mir daheim meinen Namen aus), wos mochst denn du do?!“ geschrien, und wollten mit mir saufen gehen. Das waren früher immer die Leute, die nicht mit auf die Frequencys oder die großen Festivals fahren wollten, weil sie gemeint haben, dass sowas nicht wirklich ihre Welt ist. Das Urban Art Forms war ihnen ein bisschen zu Urban, und das Frequency ein bisschen zu Indie. Und auf einmal haben diese Leute einfach ihr eigenes Festival, das verdammt nochmal riesig ist.

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Genau diesen Punkt hat das Electric Love für mich irgendwie faszinierend gemacht. Denn während ich Dorfdisco-Leute früher immer als engstirnigen und stänkernden Haufen empfunden habe, wo Leute auch gerne mal einfach nur fortgehen, um sich gegenseitig die Köpfe einzuhauen, sind die selben Leute am Electric Love plötzlich wie ausgewechselt. Und sie feiern wie Besessene. Sie sind eben wirklich ein bisschen im Tomorrowland-Modus. Und in dieser Hinsicht waren die Gründer des Electric Love verdammte Genies—sie haben ganz einfach als erstes erkannt, wie viel Potenzial in dieser Zielgruppe steckt.

Und auch den Teil mit der Liebe nehmen die Leute am Electric Love wirklich sehr, sehr ernst. Eine einzige Auseinandersetzung habe ich an dem Wochenende mitbekommen. Und selbst diese Typen haben sich offensichtlich noch während der Stänkerei gedacht: „Moment mal, was tun wir da eigentlich? Lasst uns doch alle Freunde sein.“ Dafür mag ich dich irgendwie, Electric Love.

Außerdem: Die Veranstalter ziehen halt auch so ziemlich jedes Register, um ein österreichisches Tomorrowland zu sein—auch wenn das natürlich nur bis zu einem gewissen Grad funktionieren kann. Aber du könntest mit verbundenen Augen auf die DJ-Mag Top 100 Liste zeigen und die Chancen würden trotzdem gut stehen, dass der DJ, den du erwischt hast, im Electric Love Line-Up ist. Armin Van Buuren, Steve Aoki, Dimitri Vegas & Like Mike—alle sind sie dort. Und alle find ich sie irgendwie ein bisschen schrecklich, aber trotzdem kenn ich ihre Lieder. Und selbst wenn du die Musik noch so kacke und unkreativ findest, die Bühnenbilder und die Lichtshows sind einfach zu gigantisch, um nicht zumindest ein bisschen beeindruckt zu sein. Sowas habe ich zumindest in Österreich bis dato noch nicht gesehen.

Erkenntnis 2: Hardstyle zerfickt alles

Wenn mich eines am Electric Love sprachlos gemacht hat, dann die Hardstyle-Bühne. Hardstyle—ihr wisst schon, das ist diese Musikrichtung irgendwo zwischen Trance und Gabba, die ein bisschen klingt, als würde dir ein Riese durchgehend mit dem größten Hammer der Welt mit 150 BPM auf die Birne hauen. Gehörst du zu den Menschen, die dachten, dass Hardstyle ein Relikt der musikalischen Vergangenheit wäre, das heute nur noch an den Eingangspforten zur Hölle oder in tiefergelegten 4er Golfs läuft? Du törichter Narr! Falls es dir nicht bewusst war: Hardstyle ist in der Mitte unserer Gesellschaft, und die Fans sind ebenso zahlreich wie loyal.

Nein ganz ehrlich: Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was sich da vor der Hardstyle Stage teilweise abgespielt hat. Musikalisch kann man von davon natürlich halten was man will, aber die Party dort war nicht von dieser Welt. Das liegt vor allem daran, dass hier wirklich eine komplett begeistere Fanbase angerückt ist. Ich hab vor der Bühne letztendlich mehr Zeit verbracht, als mir selbst geheuer ist.

Erkenntnis 3: Die Menge schwört aufs Saufen und scheißt auf MDMA

In diesem Bereich ist das Electric Love am wenigsten Tomorrowland und am meisten Discoparty. Das Erste, das vielen einfällt, wenn sie ans Tomorrowland oder eines der gigantischen EDM-Festivals in den USA denken, sind Partydrogen und der MDMA-Hype der letzten Jahre (In Europa ist das ja ein alter Hut, aber in den USA war Molly etwas ziemlich Neues).

Am Electric Love hält es der Großteil des Publikums mit dem sich-dicht-machen um einiges traditioneller—der Alkohol regiert hier uneingeschränkt. Verglichen mit anderen EDM-Festivals ist das Electric Love drogentechnisch sogar ziemlich fromm, ist mir zumindest persönlich vorgekommen. Am ganzen Wochenende wollte mir nicht ein Mensch Pillen andrehen. Und am letzten Tag haben mich zwei traurig dreinschauende Kerle gefragt, ob ich denn nicht vielleicht MDMA für sie hätte—weil sie einfach keines finden konnten. Ich musste sie enttäuschen, habe ihnen Mut zugesprochen und ihnen empfohlen, sich wie fast alle hier einfach auf Bier und Barcadi zu verlassen.

Erkenntis 4: Die Bros übernehmen die Festival-Weltherrschaft

Auf VICE haben wir uns ja schon einmal ganz genau dem Typus des amerikanischen Bros gewidmet. Mittlerweile kann man beobachten, wie diese muskelbepackte und fast verpflichtend oben ohne herumlaufende Gattung Mann die Festival-Welt vom Coachella ausgehend erobert. Nun sind die Bros endgültig auch in Österreich angekommen. Am Electric Love gab es kein Entkommen mehr vor ihnen, an jeder Ecke haben sie gelauert, ich schwöre. Aber ich glaube es ist Zeit, dass jeder von uns beginnt, die Festival-Bros in sein Herz zu schließen, denn eigentlich sind sie ja eh ganz lieb.

Erkenntnis 5: Strohhüte schützen nicht vor Sonnenbrand, ihr Deppen!

Auch über die modischen Trends am Electric Love will ich euch kurz unterrichten. Ich habe die Outfits der Besucher haargenau analysiert und die mit Abstand beliebtesten Accessoires in einem kleinen Meme zusammengefasst:

Ja, die Menschen am Electric Love lieben Strohhüte. Das ist aber klug, weil es halt teilweise auch verdammt heiß war. Trotzdem habe ich selten so viele Sonnenbrände in so vielen faszinierenden Rot-Tönen auf einem Haufen gesehen (vermutlich, weil die Sonne in Salzburg selten länger als zwei Stunden am Stück scheint, und die Leute deshalb glauben, dass sie keine Sonnencreme brauchen). Außerdem habe ich am Gelände das „Eat Sleep Rave Repeat“-Tank Top insgesamt etwa 3000 Mal in unterschiedlichen Abwandlungen gesehen. Aber auch Shirts mit Sprüchen wie: „Der Bass muss Ficken“ oder „GmbH—Geh mir Barcadi holen“ hatten am Electric Love Hochkonjunktur.

Erkenntnis 6: Man kann sich gegen dieses verdammte EDM nicht wehren

Irgendwann am letzten Abend vor der Main Stage, beim Set von Armin van Buuren, hatte ich diesen Moment, wo ich mir dachte: Wow. Das ist jetzt der 700ste Bass Drop nach dem genau dem selben Schema, den ich hier auf dieser Bühne höre, und die Leute drehen trotzdem so dermaßen am Rad, als würden sie zum ersten Mal in ihrem Leben elektronische Musik hören. EDM ist so verdammt simpel, aber halt auch unfassbar effektiv. Ungefähr so wie Schlager. Es ist irgendwie faszinierend.

Vielleicht könnt ihr euch gegen die Euphorie von ein paar zehntausend Leuten, die wie besessen feiern, wehren, aber ich kann es nicht. Dieser Scheiß reißt dich ab irgendeinem Punkt einfach mit. Außerdem gab es ja schon ein paar Momente, die man fast ein bisschen gut finden muss. Zum Beispiel, wenn am ersten Tag Felice, ein Salzburger, auf der Main Stage vor einem Menschenmeer spielen darf und einen Kinderchor mit auf die Bühne bringt.

Leider spielt der Wettergott immer dann, wenn in Salzburg mal ein Festival steigt, Psychopath. Dass der Sturm, der am Samstag Abend direkt über das Gelände gerollt ist und kurz für ziemliche Weltuntergangsstimmung gesorgt hat, zu einem Unfall am Campingplatz geführt hat, der einem jungen Flachgauer das Leben gekostet hat, hat sich dann in den letzten Stunden vermutlich unter fast allen Besuchern herumgesprochen. Selbst wenn zehntausende pumperlgesunde Leute rund um einen Feiern, verursacht so ein Zwischenfall ein leicht bedrückendes Gefühl. Aber trotzdem: Letztendlich hatte ich an diesem Wochenende einfach ein bisschen zu viel Spaß, um behaupten zu können, dass ich das Electric Love wirklich scheiße gefunden hätte. Wenn Leute drei Tage am Stück ihr Hirn ausschalten und so viel Freude an etwas haben können—sei es musikalisch in den Augen von uns Klugscheißern noch so wenig anspruchsvoll—dann ist das einfach eine coole Sache.

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