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Noisey Blog

Die Dekaden feiern, wie sie fallen: Der 30er und ein Fest mit Dorian Concept

30 Jahre alt werden ist komisch. Finden wir zumindest. Zum Glück kann man sich diese Gefühle am Samstag im Brut wegsaufen.
11.12.14

Foto: Felix Swenson

Manche Menschen weinen an ihren Geburtstagen. Andere wiederum tanzen an Poledancestangen oder fahren in die Therme. Kann man schon machen. So warm es aber im Spotlight der Aufmerksamkeit ist, so schnell ist der Spuk dann auch wieder vorbei. Am Tag darauf beginnen die Nachwehen der Bedeutungsschwangerschaft: Kater auskurieren, halblustige Facebook-Postings kommentieren, die Oma zurückrufen (bitte in dieser Reihenfolge), sich kurz ärgern, dass die Jugendliebe wieder einmal vergessen hat sich zu melden, Tinder vorsätzlich endgültig löschen und wenn’s ganz blöd kommt, arbeiten gehen. Dass das Leben Mitte 20 manchmal schön und manchmal beschissen ist, wissen wir. Wenn man aber in der hintersten Ecke des Büros sitzt und hofft, dass der Chef die Tequila-Fahne nicht riecht, pocht die Gewissensfrage noch lauter: „30, und jetzt?“

Es ist ein fettes, lautes und ziemlich nerviges Balg, das die Bedeutungsschwangerschaft zu runden Lebensjubiläen ans Licht bringt. Zäsur heißt fast immer auch Revue und der Blick zurück ist ein anstrengender. Eine Dekade ist scheißlang übrigens. Das Gesuhle in Eventualitäten beginnt: „Hätte ich das eine Studium vielleicht doch abschließen sollen? (WAHRSCHEINLICH.) Wäre nicht doch ein großer Fußballer, Musiker oder guter Mensch aus mir geworden? (VIELLEICHT.) Was ist eigentlich mit der einen so falsch gelaufen? (VIELES.) Hätte ich ein bisschen mehr auf meinen Körper schauen sollen, anstatt mich fortlaufend wegzuballern? (JA!) War der eine Streit mit dem Vater wirklich notwendig? Wäre alles anders gelaufen, wenn ich diese eine SMS nicht geschrieben hätte? (NEIN!) Wieviel kostet eigentlich eine Packung Zigaretten in Lettland?“ Keine Ahnung.

Sobald man beginnt die Bekanntschaften, Liebschaften und Seilschaften der letzten 10 Jahre mit der aktuellen Facebook-Freundesliste abzugleichen, sollte Schluss sein. Reiß dich zusammen!

Langsam entwickelt sich die Gratwanderung des Gewissens, irgendwo zwischen Weisheiten auf Willi-Dungl-Teepackungen („Hey, es ist schon ok so, wie du bist“) und Refrains von skandinawischen Death-Metal-Bands. Tracy Chapman war mit 20. Hallo Borderline. Und wenn dann die Gewissheit kommt, dass der Chef die Fahne natürlich riecht, aber ignoriert, kann schon geplant werden. Ringsherum prasseln die Fotos von glücklichen Ersteltern, total wilden Junggesellenabschieden und noch wilderen Sponsionsfeiern herein. Schlechtfühlen? Fuck that. Bestandsaufnahmen sind ähnlich mühsam, wie Rückblicke. Also einfach einmal schön ins Blaue legitimieren: „Die letzten zehn Jahre haben dich zu dem gemacht, der du jetzt bist. Das hat schon alles so seinen Sinn. Es ist ok, am Abend alleine zuhause eine halbe Flasche Rotwein zu trinken. Du kannst es jetzt eh nichts mehr ändern. Carmello ist ein wirklich schöner Name für einen Erstgeborenen.“ Sich selbst zu bescheißen, ist das Einfachste der Welt. Und 30 ist hier eine Welt zwischen Steuererklärungen, Stromrechnungen, After-Hours und der Erkenntnis, dass der Body dann doch kein Wonderland ist. Es gibt also genügend Möglichkeiten zu bescheißen. Glücklich und zufrieden? Eh klar.

Foto: Julian Haas

Wohin also mit dem Ganzen? Als erstes einmal am Samstag ins Wiener Brut. Wenn man nämlich dreißig durch drei dividiert, ergibt das zehn. Und genau soviele Jahre existiert mittlerweile das großartige Kollektiv Jazzwerkstatt Wien. Ein runder Geburtstag: wie schön! Unter der künstlerischen Leitung von Tausendsassa und Badewannen-Zampano Clemens Wenger (auch 5/8er in Ehr'n) pusten die Musiker seit zehn Jahren den Staub aus der Jazzschublade, ohne dabei den Kasten umzuwerfen. Dabei begeistern sie irgendwo zwischen Jazz, Elektronik, Experimental, Oper, Wienerlied und Klassik.

Poledancestangen wird es zum runden Geburtstag keine geben. Stattdessen hat sich die Jazzwerkstatt mit Dorian Concept zusammengetan, den wir bekanntlich sehr super finden, und der ebenfalls sein zehnjähriges Schaffen feiert. Im Ensemble, das zehn Jahre Dorian Concept Revue passieren lässt, stehen neben Wenger unter anderen auch noch Leo Riegler (Koenigleopold) und Sixtus Preiss. Statt dem Thermenausflug also lieber eine musikalische Supernova. Dorian Concept spielt außerdem im Trio aus seinem großartigen neuen Album Joined Ends. Und sonst sind da noch Cid Rim, der sein einziges Live-Set in Wien des Jahres spielt und der noch nicht dreißig ist, und Wandl, der seine neue EP präsentiert, jüngst auf Affine-Records gesigned wurde und noch ganz lange nicht dreißig ist. Geweint wird da wohl nicht viel. Tequila gibt es auch.

Hier kann man dem Autor den Namen seines Erstgeborenen ausreden, ihm sagen, wieviel Zigaretten in Lettland kosten oder zusprechen, dass eh alles passt: @andhagen

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