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Umsturzprosa

Heteros, ihr seid so schwul!

Warum gleichgeschlechtliches Knutschen nicht jeden Hetero zum Hero macht.

von Linus Volkmann
26 Februar 2015, 10:00am

Bass Sultan Hengzt sportet unter ferner liefen (auf dem Cover der Deluxe-Ausgabe seiner neuen Platte) zwei küssende Typen—und alle 13jährigen Rap-Fans an den Rechnern bekommen die Masern. Tja, Ärger suchen, sich einen tabubrecherischen Anstrich geben, auf das Lebenswerk der katholischen Kirche rotzen, der Karriere mal wieder einen Push geben—es gibt unzählige Gründe, warum sich im Rampenlicht auch mal Heteros gleichen Geschlecht die Zunge (andeutungsweise) in den Mund stecken. Und BSH ist bei Weitem nicht der erste, der sich dieser Tat schuldig bekennt. Wir haben innerhalb der Popkultur genau hingeschaut—und wenig Licht aber viel Schatten aufgetrieben. Pro Homo!

DER ÜBERRASCHENDE KUSS

Bass Sultan Hengzt—Musik wegen Weibaz

Post by B.S.H (Bass Sultan Hengzt).


High 5, Gang-Gruß, Messer an die Kehle, Knarre raus. So interagiert man im Testosteronwunderland Deutschrap gemeinhin mit einem Geschlechtsgenossen. Nicht vorgesehen ist ein Kuss zwischen Jungs—da kann man ja gleich Säure trinken! Ungeachtet dessen hat der Berliner Bass Sultan Hengzt die Premium-Edition seiner neuen Platte mit eben zwei Heteros versehen, die sich mit offenen Lippen kurz vor dem Vollzug befinden. Der immense Shitstorm, den sein Facebook-Post auslöste, hat ihn selbst überrascht. Und auch wenn diese Nummer seiner Veröffentlichung nicht geschadet haben dürfte—im Gegenteil—ist davon auszugehen, dass es sich hierbei um keinen Promo-Stunt handelte. Wer deshalb immer noch Riechsalz benötigt, der sei beruhigt: Das Cover der ganz regulären Album-Version ist wie immer ganz normal sexistisch.

DER KUSS DER KARRIERE

Kate Perry—„I kissed a girl and I liked it“.

Die Erkennungsmelodie für angespitzte Heteros.


DER KUSS DER ARROGANZ

Adam Angst—„Professoren“

Adam Angst ist eine nagelneue Punkband aus den Trümmern von Frau Potz. Auf Deutschlands Indiemänner-Label Grand Hotel van Cleef erscheint nun die erste Platte. So weit, so gut. In dem Song „Professoren“ inszeniert sich Sänger Felix als tadelloser Superheld, der es dem rechtslastigen Stammtisch quasi von hinten besorgt. Im zugehörigen Video wird aus dieser ohnehin schon eitlen Easy-Target-Huberei dann richtig klassenfeindlicher Terror. Zwei abgewetzte Gestalten mit pathologischen Rhinophym-Symptomen (umgangssprachlich: Schnapsnase) müssen sich, so will es das Skript, gegen den selbstgerechten Saubermann empören, Bier spucken und geifern. Denn jener küsst vollkommen lustfeindlich am Tresen mit einem Typ. Es fällt schwer, die zweifelsfrei „gute“ Intention dieses Streifen gelten zu lassen. Ist das Ergebnis doch elender Sozialporno, der seinen Hetero-Gay-Kiss ausschließlich nutzt, um nach unten zu treten. Ganz arm.

Der Kuss der Reaktionären

t.A.T.u—„All The Things She Said“

Sie befeuerten weltweit die Schweiß- und Samenproduktion von Hetero-Männern, die es nicht raus hatten, nach Girl-on-Girl-Porn im Internet zu suchen. Darüber hinaus besaß der Buzz bei ihrem ESC-Auftritt 2003 im lettischen Riga aber auch emanzipatorische Power. t.A.T.u. nahmen den aktuellen Battle zwischen Russland und Homosexualität bereits vorweg und gingen nicht mal als Verlierer aus der Nummer raus—sondern schlussendlich mit 27 Millionen verkaufter Tonträger. Arschnote der Geschichte indes natürlich, dass Yulia von der Band 2014, mittlerweile Mutter, folgendermaßen zu zitieren ist: „Ich würde meinen Sohn verstoßen, wenn er schwul wäre. Weil ich glaube, ein echter Mann muss auch ein solcher sein. Gott hat den Menschen für den Fortbestand des Lebens geschaffen. Alles andere ist gegen die Natur.”

DER IKONISCHE KUSS

Heath Ledger und Jake Gyllenhaal in Brokeback Mountain

Schwulsein kann man sich nicht übers Knutschen einfangen? Na, da war Heath Ledger seinerzeit aber erleichtert: „Das war schon ein surrealer Moment, als ich Jake küssen musste. Aber als es rum war, habe ich schnell gemerkt, dass es mich nicht dazu brachte, umherzuziehen und so etwas wieder zu tun.“

DER SHOW-KUSS

Madonna, Britney und Xtina

Der lesbische Kuss als kinky Multiplikator. Man muss sich nicht jahrelang auf der Popakademie kaputt gemacht haben, um zu wissen, dass eine Veranstaltung wie die MTV Awards einerseits sehr viel Aufmerksamkeit genießt und andererseits dort aber aufgrund völliger Durchchoreographiertheit überhaupt nichts passiert. Jackpot also, wenn man einen abwaschbaren Skandal mit Mehrwert für die ganze Familie erzeugen möchte. Cola küsst Orange, Madonna küsst Britney. Nichts passiert—und dennoch 2003 ein Medienmoment für die Ewigkeit. Das Aschenputtel in der Geschichte ist dabei Christina Aguilera. Die war zwar auch noch dran. Aber ihr Kuss verschwand im Off—wie wenn man in einer Sitcom einen Gag verpasst, weil man noch wegen des vorherigen auf seine Schenkel hämmert.

DER ZUNGENKUSS UNTER FREUNDEN

Kraftklub—„Songs für Liam“

„Wenn du mich küsst, ist die Welt ein bisschen weniger scheiße / wenn du mich küsst, komm’n uns’re Freunde zurück aus Berlin“

Passend zum Thema Knutschen knutschen sich Kraftklub 2012 im Video durch die engen Gassen von Groningen. Vermutlich damit das nicht aussieht wie eine Fotostrecke im Neon, wird die Ausschließlichkeit von Mann/Frau auch mal unterbrochen. Hinten raus lutscht sogar Gitarrist Steffen Israel an Felix Brummers Zunge. So kann man es bringen.

Kraftklub | Songs für Liam

DER KUSS FÜR DOOFE

Revolverheld

Unter dem Titel „Mundpropaganda—Gentlemen gegen Homophobie“ inszenierte ein Magazin, das sich sonst nicht gerade mit Ruhm bekleckert, wenn es um Geschlechterrollen geht, eine trötende Feelgood-Aktion. Die GQ ließ Ende 2013 männliche Promis untereinander knutschen. Der etwas ungelenke Ringkuss von Fettes Brot (zu dritt knutscht es sich halt auch schlecht) war dank deren einstigem Bekenntnis „Schwule Mädchen“ noch verkraftbar, aber wenn die BWLer von Revolverheld hier ihr Image als öde Langweiler zurechtruckeln wollen, vergeht einem der Spaß an der Doofheit anderer allzu schnell.

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