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Die großen Rockstars werden alle bald tot sein

Wir werden bald zu Waisen, aber einmal bäumen wir uns noch auf.
26.12.13

Lou Reed starb dieses Jahr an einem Sonntagmorgen. Die schmerzende Fragilität des Glockenschlags am Anfang des ersten Velvet Underground-Albums hörte sich nie so pathetisch nach Tritten in den Magen an.

Dass Lou Reed ein echtes Original war und außerdem der, mit dem alles begann, dass seine weiche Stimme mit den harten Worten tausende Imitatoren auf den Plan rief, sind Tatsachen, die in der letzten Zeit so oft wiederholt wurden, dass sie fast schon banal klingen. Er schaffte es, dem 4/4-Hintergrundbeat und den I-IV-V-Akkord mit echter Tiefgründigkeit zu durchtränken. Durch alle Gezeiten blieb Lou seiner selbsterklärten Mission „erwachsene Musik für Erwachsene zu machen“ treu. Er war ein Künstler im tieferen Sinne: er blieb seiner eigenen Stimme treu.

Traurigerweise verstarb er. Und an solche Momente sollten wir uns besser gewöhnen.

Leonhard Coen ist 79. Sein letztes Album ist ein klares Zeichen dafür, dass er sich darüber bewusst ist, dass er eher früher als später abdanken wird. Wenn es soweit ist, wird Rock’n’Roll seine einsame Stimme voller rabbinischer Weisheit verloren haben. Bob Dylan hat 40 Jahre Rauchen und Krächzen überstanden—wenn er sich vom Irdischen verabschieden wird, kann man die Trauer der Öffentlichkeit nur fürchten. Trotz all dem Scheiß, den man über Keith Richards und Kakerlaken erzählt (sie würden die Apokalypse überleben), kann man sich sicher sein, dass Mick Jagger ihn überleben wird, so wie Johnny Ramone Joey und Dee Dee überlebte und Doug Yule Sterling Morrison. Nicht mehr lange und es werden nur noch Paul McCartney und Elton John bleiben, die mit ihrem Status als Nationalgut Nachtständchen für die königliche Familie auf Sportevents singen werden.

Wenn man Gender-Stereotypen Glauben schenkt, dann wird Patti Smith noch ein wenig länger unter uns weilen, aber trotzdem: die originalen, und unersetzbaren, diejenigen, die das Regelwerk aufsetzten, werden nicht länger auf dieser Welt verweilen. Ein paar Jahrzehnte später werden Nick Cave, Morissey und Kim Deal sich verabschieden. Es geht bergab.

Die Post-Babyboomer, die vergessene Generation, die scheiß-auf-alles-wir-sind-jung Kinder, werden bald Waisen sein. Wenn die Idole, mit denen wir aufgewachsen sind, sterben, was sollen wir dann machen? Pete Doherty versagte, in Ray Davies große Fußstapfen zu steigen. Jake Bugg im gleichen Satz wie Bob Dylan zu nennen, ist nicht mehr als ein schlechter Witz. Und die Vorstellung eines „neuen Tom Waits“ ist im Zeitalter von Instagram einfach unmöglich.

Es ist ein trauriger, aber unausweichlicher Fakt: Wir sind am Arsch. Mit jedem Tag mehr.

Gitarrenmusik als Kunstform starb schon früher, aber sie belebte sich immer wieder selbst—in den 80ern mit Black Flag, REM und Sonic Youth, die Konzerte aus ramponierten Vans gaben, in den 90ern mit Nirvana & Co und ein bisschen sogar in 00er Jahren als die Strokes, die White Stripes und andere kamen und eine Menge Geld verdienten, indem sie Live-Musik in der MySapce Ära wiederbelebten.

Man kann hier ein wiederkehrendes Muster erkennen. Alle paar Jahre wird die Idee „der Band“ für tot erklärt und ein paar Jahre später kommt ihr Comeback. Aber jedes Mal, wenn die Gitarren von den Toten auferstehen, ist ein bisschen weniger von ihnen da. Es gibt einen Zyklus, aber es ist der gleiche wie der vom Wasser in der Klospülung. Mit jeder neuen Runde bestätigt sich das unvermeidliche Gesetz des verschlechterten Rückläufers selbst, und alles riecht irgendwie nach Scheiße.

Langfristig betrachtet macht das tatsächlich Sinn. Für alle britischen Meister ist Rock’n’Roll im Grunde eine amerikanische Kunstform. Sein Schicksal hängt im Großen und Ganzen von der Nachkriegs- und Mittelschichtsgeneration ab, die ihn erschuff. Da diese Generation sich langsam der Vergreisung, Verspottung und Hinfälligkeit nähert, trifft das auch auf ihre Songs zu. Mit dem Schwund von Amerikas geopolitischer Macht schwindet auch die Macht ihres Soundtracks. Die Mittelschicht ist ausgehöhlt und nichts hört sich in diesen Tagen hohler an als ihre Musik. Es ist tragisch und leider unvermeidbar, dass die Seele und das Feuer des Rock’n’Roll auf die Müllkippe der Musikgeschichte zusteuert.

Damit werden wir konfrontiert sein. Wir könnten es auch einfach akzeptieren. Eine Wagenladung Rapper mit $-Zeichen im Namen können das nicht wieder wett machen. Diese Revolution war nie im Fernsehen, weil sie nie stattgefand, und es wird sicherlich niemand darüber twittern.

Lou Reed war sowohl mit seinem Tod als auch mit seiner Kunst zu früh dran. Es war immer ein gußeisernes, unumstößliches Gebot im Rock’n’Roll, dass alles, was Lou Reed macht, ein paar Jahre später von jedem gemacht wurde, und das meistens auf eine viel kommerziellere Art und Weise. Jetzt können wir uns auf die spektakulären Abschiede von David Bowie, Iggy Pop und Tom Verlaine und die daraus resultierenden Cyber-Tränen-Ströme über den Twitter Feeds freuen. Tod einer Ikone = Emoticon mit traurigem Gesicht.

Also was machen wir jetzt mit den Rock’n’Roll-Kids von heute? Wenn Rock’n’Roll etwas bedeutet, dann ist es Hoffnung und Freude. Wir müssen fest daran glauben, dass es da draußen noch mehr Bands und Songwriter als die Mumfords gibt, dass eine flackernde Kerze Licht spendet, dass „despite all the amputations / you could still dance to that rock‘n'roll station“.

Rock’n’Roll lebt von Dylan Thomas' Anordnung: „not go gentle into that good night". Die Welt wird vielleicht zu Grunde gehen, aber wir werden einen guten Song dabei herrausschlagen. Vielleich werden wir von einem New York bewertet, dass Lou und die Velvets nicht wiedererkennen würde, aber wir spielen weiter, angeschlagen aber nicht abgeschreckt.

Da ist noch ein letzter großer Aufschrei in uns. Einmal bäumen wir uns noch auf.

Wir machen in eurem Namen weiter.

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