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Meet and Greet mit Frei.Wild vor den Toren des Echos

Was haben wir mit Frei.Wild gemeinsam? Einiges. Zum Beispiel wurden wir nicht beim Echo reingelassen. Also feierten wir draußen mit Frei.Wild und ein paar Fans ein Meet and Greet.

von Toni Lukic; Fotos: Nikita Kakowski
22 März 2013, 1:50pm

Verleugnen hilft ja nichts: Frei.Wild und VICE/Noisey sind Leidensgenossen im Geiste. Gut, wir stehen nicht so auf dieses Heimat-Gerede und Naziskinheads waren wir auch nie, aber die politische Kleingeistigkeit mal beiseite: ebenso wie Frei.Wild sind wir wüst von dem Echo verbannt worden. Wir verstehen gar nicht, wieso unsere Presseakkreditierung abgelehnt wurde, in der letzten Zeit haben wir doch fleißig über den größten deutschen Musikpreis geschrieben und so für Aufmerksamkeit gesorgt. Was will man mehr? Frei.Wild auf der anderen Seite waren erst eingeladen und haben dadurch für noch mehr Aufmerksamkeit gesorgt, weshalb sie wieder ausgeladen wurden, nachdem Kraftklub und Mia. rumgebitcht haben und die Organisatoren sich vor einer politischen Diskussion einkackten. Was für ein Durcheinander.

Die NPD nutzte dieses, um zu einer Mahnwache beim Echo aufzurufen. Man müsse auch „das rechte Echo vertragen“. So, so. Frei.Wild wiederum, die sich Toleranz und Anti-Extremismus ins Geweih geschnitzt haben, riefen vor ein paar Tagen zur Gegendemonstration auf, weil FW und NPD nun mal absolut nicht zusammenpassen würden. In unseren Ohren klang das trotzdem wie: doppelter Nazi-Aufmarsch vor den Toren des Echos.

Wo Nazis sind, können Linke, die Antifa, Autonome und Omis in Birkenstock nicht weit sein. Selbstverständlich konnten wir uns dieses Schauspiel der politischen Gesinnungen nicht entgehen lassen und haben uns Richtung ICC aufgemacht. Die Frei.Wild-Demo sollte die erste Station sein.

Etwa 300 Anhänger finden sich an der Soorstraße/Ecke Marsurenallee zusammen, die meisten in weißen Frei.Wild-Shirts eingenäht, die die Band einen Tag vorher noch nach Berlin schickte. Ich muss sagen, das Organisationstalent der Südtiroler ist schon beeindruckend, aber Organisation bedeutete ja schon immer alles. Die Stimmung war ausgelassen, alle freuten sich auf die Band, die sich für 17:30 Uhr angekündigt hatte. Die Leute merkten wohl, dass ich nicht zu ihnen gehöre und beschränkten ihre Gespräche mit mir auf das Nötigste. Dabei hatte ich extra meine braune Jacke rausgeholt. Leider setzte der gewünschte Camouflage-Effekt nicht ein.

Irgendwann gegen 17:00 Uhr wurden die ersten Plakate aus dem Truck geholt und an die Meute verteilt. „Frei.Wild ist nicht braun und nicht rot und gegen Extremismus. Vollidiot“ stand da drauf. Gut, dass das geklärt ist. Überhaupt war Volldidiot das Schimpfwort des Abends: Wie aus einer Kehle wurde „Das Land der Vollidioten“, die Hymne auf unpolitische Heimatliebe in Südtirol, angestimmt. Was in Brixen funktioniert, kann für Charlottenburg natürlich nicht verkehrt sein.

Punkt 17:30 Uhr kam dann endlich die Band hinter dem Truck hervor. Mit dabei war ein großer Dunkelhäutiger, der erst Mal lauthals das Wort ergriff: „Friedlich verhalten“... „Ordentlich über die Bühne bringen“... „Danach alle zusammen Kaffee trinken gehen“. Die Nachricht war deutlich. Wenn der einzige Schwarze hier Anweisungen gibt, dann können wir alle keine Nazis sein. Öööh, ja, kann man so sagen.

Der schmucke Frontmann Philipp Burger richtete natürlich auch ein paar Worte an Menge, leider so leise, dass ich nichts verstand.

Als ich versuchte, mich näher an Burger heranzupirschen, wurde ich von der Dame vor mir gecockblockt. Warum sieht sie aus wie Skrillex in korpulent?

Natürlich hat der Auftritt einiges an Medienecho hervorgerufen und Burger gab den Medienvertretern reichlich Auskunft. Nach wenigen Minuten wurden die Fans ungeduldig: „Wie wär‘s wenn ihr mal objektiv berichten würdet“, rief eine wütende Rothaarige hinter mir. Ich spürte ihren bohrenden Blick in meinem Nacken, sie musste meine Frei.Wild-Artikel kennen. Doch das blendete ich aus, ich wollte mich zu Burger vorkämpfen und ihm auch ein paar Fragen stellen, aber ich schaffte es nicht an Skrillaxo vorbeizukommen.

Als die Interviews vorbei waren, stürzten sich die Fans auf ihre Band, und ich gab es auf, Burger treffen zu wollen. Mittlerweile wurde mir klar, dass es sich bei der Veranstaltung eher um ein Meet and Greet mit der Band handelte, statt wirklich gegen Nazis zu demonstrieren. Das Thema NPD-Mahnwache kam nirgends auf, (nur die Band erklärte nochmal, worum es eigentlich ging) noch nicht mal einer der Klassiker wie „Scheiß Nazis“ oder „Nazis raus“ wurde bedient.

Wir verließen die Veranstaltung und waren genauso schlau wie vorher. Als Nazi will man nicht beschimpft werden, ganz klar, der Begriff wird den Frei.Wild-Fans tatsächlich nicht gerecht. Und solange die Band nicht müde wird, zu betonen, dass man unpolitisch sei und sich gegen Extremismus wendet, kann man dem Rechtssein mit gutem Gewissen fröhnen. Angst um mein Leben als Schwarzkopf hatte ich jedenfalls nicht.

Auch nicht als wir 150 Meter weiter an den 13 Männchen von der NPD-Mahnwache vorbeigingen. Das schönste Bild des Tages. Wer sich fragt, wo die linke Gegendemonstration gegen Frei.Wild und die NPD war: Es gab keine. Wahrscheinlich war das Wetter Schuld.

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