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You Need to Hear This

Watchlist: Anna of the North

Die Norwegen-Australien-Connection vereint das Beste beider Welten, wenn es um aktuellen Alt-Pop geht.

von Jan Wehn
25 November 2014, 1:00pm

In unserer neuen Rubrik ,Watchlist‘ stellt unser Autor Jan Wehn junge Produzenten vor, die viel zu schade für das Sammelbecken der „To Watch“-Listen sind.

Künstlername: Anna of the North
Echte Namen: Anna Lotterud & Brady Daniell-Smith
Alter: 25 & 26
Herkunft: Gjøvik in Norwegen & Melbourne in Australien
Größte Hits: „Sway“
Bester Song: „I Will Always Love You“ (Cover)
Darum sollte man sie kennen: Aktuell der beste Alt-Pop auf der Norwegen-Australien-Achse.
Random Fact: Bevor sie „Sway“ aufnahm, hat Anna erst drei Monate Texte geschrieben und gesungen.

Auch wenn der Name etwas anderes vermuten lässt: Anna of the North sind eigentlich ein Duo. Die Norwegen-Australien-Connection vereint das Beste beider Welten, wenn es um aktuellen Alt-Pop geht. Es ist ja mittlerweile ein offenes Geheimnis, dass gute, also so riiichtig gute Popmusik in den letzten Jahren vermehrt aus entweder den skandinavischen Ländern oder eben Down-Under kommt. Ist wirklich so. Glaubt ihr nicht? Was ist denn mit Lorde? Oder Lykke Li? The Jezzabels, irgendwer? Und zuletzt wurden in dieser Kolumne ja auch Yumi Zouma und ihr Dream Pop in den höchsten, pastellfarbenen Tönen gelobt. Allesamt kommen diese Bands und Künstler entweder aus dem hohen Norden oder von der anderen Seite des Globus. Anna of the North kommen aus beiden Ecken der Welt: Anna, 25, aus dem norwegischen Gjøvik und Brady, 26, aus Melbourne—und genau so fulminant wie man sich diese Fusion vorstellt, klingt sie auch.

„Sway“, die erste gemeinsame Arbeit der beiden aus dem Frühjahr, ist eine wunderbar verträumte Halftime-Melange aus verstolperten Takten und heizkörperwarmen Synthieflächen über die Annas gesungene Sätze einer Feder gleich auf- und abschweben. Die Strahlkraft des Songs hat die beiden selbst ein bisschen überrascht. Dass das keine Koketterie mit falschem Understatement ist, merkt man, wenn die beiden beim Skype-Interview, jeder mit einem Kopfhörernöppel im Ohr, schulterzuckend und unschuldig um die Wette und in die Webcam grinsen. „Wir haben den Song über Nacht ins Internet gestellt und am nächsten Tag direkt das erste Angebot von einem Label auf dem Tisch gehabt“, erinnert sich Brady.

Mittlerweile sind die beiden beim Brooklyner Label Honeymoon untergekommen. Aber geplant war das so wirklich nicht. Zumal Anna erst seit Anfang dieses Jahres überhaupt in Erwägung gezogen hat, mal in ein Studiomikrofon zu singen. „Ich habe schon immer viel geschrieben“, erklärt Anna. „Irgendwann waren es nicht mehr nur irgendwelche Texte und Sätze, sondern auch Lyrics. Daraus dann Songs zu machen, geschweige denn meinen Freunden davon zu erzählen, wäre mir aber nie in den Sinn gekommen.“ Solange, bis Anna nach der Schule für ein Jahr ins australische Melbourne zieht, dort eben doch mal vor sich hin singt, bei einem Konzertbesuch mit Freundinnen auf die Bühne geschubst wird und das erste Mal so etwas wie ein kleines Konzert gibt.

Nach der Spontanschubsershow, einer wunderschönen Coverversion von Donna Lewis’ „I Will Always Love You“ und Annas Rückkehr ins norwegische Oslo, bleiben die beiden in Kontakt. Mal schickt Brady ihr eine Songskizze, dann summt sie ein paar Ideen ins Mikrofon und schickt die mp3 um die halbe Welt. „Schon bevor ich Brady kennen gelernt habe, war ich großer Fan von Justin Vernon und dessen verhuscht-elektronischem Indie-Folk“, erinnert sich Anna. Und interessanterweise erinnert Brady nicht nur optisch an den Bon Iver-Beardo—auch seine bisherigen musikalischen Gehversuche als Colorwheel können es locker mit der melancholischen Sehnsuchtsmusik aus Wisconsin aufnehmen. Die Symbiose aus naiv-norwegischen Anfängergesang und introspektivem Waldhüttenschlafzimmerproducertum funktioniert.

Den wirklichen richtigen Push bekam „Sway“ allerdings erst durch den Remix der beiden Prog-House-Spezis von The Chainsmokers, die man vermutlich von ihrem unsäglichen EDM-Klickmonster „#Selfie“ kennen dürfe. „Direkt nach der Anfrage waren wir etwas verwundert, weil die Musik, für die man die beiden kennt, so gar nicht unserem Sound entspricht“, erinnert sich Brady. „Aber die beiden fragten nicht mal über ihr Management an, sondern schrieben uns persönlich, dass sie den Song lieben würden und gerne einen Remix machen würden—und wir lieben das Endergebnis.“ Tatsächlich hat der treibende Rework mittlerweile über eine Millionen Plays auf Soundcloud erreicht.

Beste Voraussetzungen, um neue Anna of the North-Songs nachzulegen. Genau dafür ist Brady ist vor kurzem sogar extra nach Norwegen gezogen. Jetzt feilen die beiden im Trial-and-Error-Prinzip an neuen Songs. Hier mal eine Melodie, da mal Textfetzen. Egal ob morgens in der früh oder mitten in der Nacht. „An unserer Arbeitsweise per Email hat sich nicht viel verändert“, sagen die beiden und lachen. Draußen vor dem Café rieseln erste Schneeflocken auf die Straße herunter und Brady ist vor Begeisterung ganz außer sich. „Ich liebe Norwegen einfach!“ Tut er wirklich: Sein Instagram-Account ist voll von Landschaftsaufnamen und Schwärmereien über seine neuen Heimat.

Apropos: Warum kommt die beste Popmusik der Welt denn nun gerade aus Norwegen und Down-Under? Kurze Pause auf der anderen Seite der Leitung. „Am Ende ist es vielleicht einfach so“, sagt Brady. „Sowohl in Norwegen als auch in Australien und Neuseeland wohnen nur vergleichsweise wenig Menschen. Alles ist viel kleiner und dementsprechend auch einfacher, als Künstler wahrgenommen zu werden—und wenn etwas von den Leuten für gut befunden wird, geht es folglich auch viel schneller durch die Decke und wird über die Landesgrenzen hinaus bekannt.“ Gut, hätten wir das auch mal geklärt.

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