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Hitlergruß bleibt Hitlergruß—Down werden nicht in Deutschland spielen

Die Phil Anselmo-Chronik: Es begann mit Weißwein und endete mit einem jammerigen Eingeständnis.

von Julius Wußmann
10 März 2016, 4:21pm

Heute wurden die beiden Deutschlandkonzerte von Down abgesagt. Eigentlich sollte die Nola-Band am 07. und 08. Juni in Frankfurt und Köln spielen, daraus wird nun „überraschenderweise“ nichts. Selbst die Veranstalter wissen offiziell nicht wirklich, was der Grund hinter der plötzlichen Absage war, doch jeder wird bei diesen Nachrichten sofort die Aufnahmen des hitlergrüßenden und „White Power“-grölenden Down-Sängers Phil Anselmo vom Januar wieder vor Augen haben. Und inzwischen ist klar: auch alle restlichen Shows der Europa-Tour 2016 wurden gecancelt, selbst das Hellfest in Frankreich muss dieses Jahr ohne Down auskommen.

Ein Hitlergruß bleibt nunmal ein Hitlergruß. Hintergrund: Als Anselmo diesen Januar beim Dimebash am Ende auf der Bühne stand und den motivierten ‘33er Nazideutschen spielte, gingen die Aufnahmen davon schnell durch sämtliche Metalblogs. Immerhin reden wir hier vom ehemaligen Sänger der legendären Band Pantera, deren verstorbener Gitarrist Dimebag Darrell an diesem Abend geehrt wurde. Anselmo war sich kurz nach Auftauchen des Videos nicht zu schade, sich auf die berechtigt breite Kritik die lächerliche Entschuldigung auszudenken, das alles nur ein Insiderwitz gewesen sei. Man habe im Backstage eben Weißwein getrunken, daher der White Power-„Gag“. Nur leider: untrue Story, Bro.

Denn kurz darauf meldete sich der Frontman einer Band zu Wort, der ebenfalls an diesem Abend aufgetreten war: Robert Flynn von Machine Head. Die Geschichte sei Bullshit und ihm sei eh schleierhaft, warum Anselmo schon so lange klar rassistische Sprüche klopfen könnte, ohne von der doch eigentlich so offenen und antirassistischen Metal-Community dafür einen eindeutigen Mittelfinger zu kassieren. Sicherlich spielte Flynn da unter anderem auf die berüchtigte „White Pride“-Rede von 1995 an, bei der Anselmo anscheinend auch Unmengen an Weißwein getrunken hatte und deswegen sehr „deutlich“ wurde.

Wie auch immer, Phil entschuldigte sich, gab an, dass er seinen Alkoholgenuss nicht mehr unter Kontrolle habe und bot auch seinen Bandkollegen an, ihn doch einfach aus der Band zu werfen. Immerhin erleidet auch diese durch sein Verhalten großen Schaden. Aber nein, die Kollegen waren trotzdem noch down mit ihm, Phil blieb am Mic und die Band wollte weiterhin auf große Tour gehen—auch in Europa.

Nun ist man in Europa aber glücklicherweise sehr empfindlich, was Nazi-Symbole und rassistische Sprüche angeht. Und man kann ja schließlich nicht wissen, ob Anselmo nicht doch wieder Weißwein trinken wird, wenn er in Frankfurt oder Jöln auf die Bühne gelatscht kommt. Weshalb man es jetzt also auch gar nicht erst dazu kommen lässt. Auf der Facebookseite des Hellfests wurde kurz nach der Absage derweil Anselmos emotionale Mail an Veranstalter Ben veröffentlicht: „Mein SCHRECKLICHES Verhalten hat meinem Ruf geschadet, zu Recht! Trotzdem muss ich klarstellen, dass du mich verdammt nochmal besser KENNST als dieser betrunkene Zwischenfall es jemals zeigen kann.“ Anselmo führt weiter aus, dass er erstmal sein Leben wieder auf die Reihe bekommen muss und sowieso auch Knieprobleme hat. Nächstes Jahr will er aber auf jeden Fall wiederkommen—„100 Mal besser“.

Suite aux événements récents, nous sommes aux regrets de vous annoncer que DOWN est contraint d’annuler sa venue au...

Posted by Hellfest Open Air Festival on Thursday, March 10, 2016

Er könnte damit sogar recht haben. In einem Jahr wird genügend Zeit vergangen und „Verständnis“ aufgekommen sein, seinen Hitlergruß zu entschuldigen. Und sehr wahrscheinlich wird Phil Anselmo dann auch wieder in Deutschland spielen. Er ist ja immerhin eine Legende, deren Statue doch nicht durch solche Ausrutscher zu Boden kippt. Aber verdammt: Eigentlich sollte sie spätestens jetzt in Trümmern auf dem Boden liegen, denn wie oft will man noch so einem Typen kumpelhaft auf die Schulter klopfen? Bis auch der Letzte denkt, dass Hitlergrüße in der Metalszene nunmal zum Humor gehören? Nein.

Julius ist auch bei Twitter: @BackToSchoolius