Wie gut kennt sich Lil Wayne eigentlich mit der weiblichen Anatomie aus? Wir haben eine Gynäkologin gefragt

Laut der Ärztin sind die frauenfeindlichen Lyrics von Lil Wayne, Kanye und Young Thug nicht nur lächerlich inakkurat, sondern verherrlichen auch noch die Sabotage von Verhütungsmethoden.

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08 März 2016, 1:24pm

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Jeder Mensch, der schon mal einen Lil-Wayne-Song gehört hat, weiß, dass bei seinen Punchlines ein guter Reim mehr als jeder Fakt zählt. Jeder Rapfan weiß auch, dass beiläufige Frauenfeindlichkeit und absurde Metaphern für Vaginen nichts Ungewöhnliches sind. Ich war dann aber doch neugierig darauf, wie weit Rapper daneben liegen, wenn es um den weiblichen Körper geht, den sie in ihren Tracks gerne zum Thema machen. Als ich dann Dr. Colleen Krajewski anrief, um mit ihr eine Reihe von Lyrics auf ihre anatomische Korrektheit durchzugehen, war ich allerdings überrascht, wie ernst—und überhaupt nicht lustig—die Lage eigentlich ist.

Natürlich ist Lil Wayne, wenn er in „Bill Gates“ sagt, „Weezy fuck the world, yeah I fuck it until it ovulate / Get her to the crip, get in that pussy, und just dominate“, sexistisch—und anatomisch inkorrekt—, aber für die Ärztin tritt in diesen Zeilen ein noch viel größeres Problem zu Tage. Dr. Krajewski, die als beratende Expertin für Bedsider—ein Non-Profit Netzwerk zur Schwangerschaftsverhütung— tätig ist, hat sich auf Familienplanung und ungeplante Schwangerschaft spezialisiert und im Laufe ihrer beruflichen Karriere schon eine Menge mitbekommen. Eine deprimierend häufig vorkommende Praxis ist dabei der Reproduktionszwang—eine Form von häuslicher Gewalt, bei der ein Partner versucht die Verhütungsmethoden einer Frau zu kontrollieren und sabotieren. Während die meisten Männer nichts mehr fürchten, als ungeplant eine Frau zu schwängern, schwängern andere Männer ihre Partnerinnen absichtlich, um eine Form von Macht auszuüben.

„Der Reproduktionszwang ist eine Form von Gewalt in Paarbeziehungen“, erklärt Dr. Krajewski per Telefon. „Entweder geschieht er, indem jemand zu einer Schwangerschaft gezwungen wird oder die Verhütungsmethoden manipuliert werden. Viele dieser Texte beschreiben also in etwa Verhütungssabotage und reproduktive Nötigung.“

Nehmen wir zum Beispiel die oben zitierten Lyrics aus „Bill Gates“. Zuerst einmal ist es unmöglich, eine Frau zum Eisprung zu bringen, indem man Sex mit ihr hat. Der Eisprung findet nur einmal im Monat statt—ganz egal, was Lil Wayne im Bett anstellt oder vorhat. Wenn man seinen Text allerdings aus einer Perspektive der reproduktiven Nötigung heraus betrachtet, nimmt Waynes hypothetisches Dominieren einer Frau eine weitaus düstere Konnotation an. „Er will eine Frau dominieren, um sie zu schwängern. Das lese ich aus diesem Text“, sagt Dr. Krajewski. „Damit hätten wir quasi reproduktive Nötigung auf zwei Zeilen.“

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Foto: Mauro Grigollo | Stocksy

Eine Umfrage von 2010 unter Frauen in fünf kalifornischen Kliniken für Familienplanung förderte zu Tage, dass jede siebte an irgendeinem Punkt in ihrem Leben Verhütungssabotage erlebt hat. Laut der Studie hatten diese Frauen Probleme gehabt, die Benutzung von Kondomen durchzusetzen, ihnen wurde das Nehmen der Antibabypille untersagt und in manchen Fällen drohten Partner sogar mit dem Beziehungsende, sollten sie sich nicht von ihnen schwängern lassen.

Während die maskuline Prahlerei in Rapsongs vermeintlich performativer Natur ist—und manche würden sogar darauf bestehen, dass sie vollkommen harmlos ist—reflektiert es nichtsdestotrotz die Zustände, die in der Realität herrschen. In „Send It Up“ rapt Kanye West darüber, nicht rauszuziehen: „When I go raw, I like to leave it in / When I wake up, I like to go again.“ Dr. Krajewski erklärt, wie diese Textzeile auf eine bedenkliche Art den Reproduktionszwang veranschaulicht. Es geht darin ausschließlich um Kanyes Bedürfnisse, die Bedürfnisse seiner Partnerin spielen keine Rolle. „Diese Textzeile sagt, dass er kein Kondom trägt, nicht rauszieht und sie nicht Nein sagen kann“, erklärt sie. Wenn es um das Vermeiden einer ungewollten Schwangerschaft geht, dann ist Rausziehen das Mindeste, was ein Typ tun kann.

In ihrem Berufsalltag hat es Dr. Krajewskis oft mit Frauen zu tun, die sich nicht trauen, ihre Partner auf die Benutzung von Kondomen hinzuweisen. Es ist allerdings auch für sie oft nicht einfach, ihre Patientinnen dazu zu bringen, mit ihr über das Thema zu sprechen. Diese wenig thematisierten Verhaltensschemata assoziiert die Ärztin gemeinhin mit einem erhöhten Risiko für ungewollte Schwangerschaften. „Die Frauen bringen das nicht von sich aus zur Sprache, aber wenn ich sie [nach der Verwendung von Kondomen] frage, brechen viele Patientinnen in Tränen aus“, sagt sie. „Viele meiner Patientinnen, die wegen Abtreibungen zu mir kommen, verwenden keinerlei Empfängnisverhütung, also versuche ich, sie auf eine nicht-wertende Art nach ihren Verhütungsmethoden zu fragen. Wenn ich frage, ‚Gibt es einen Grund, warum du keine Kondome verwendest?’, bekomme ich als Antwort oft nur Tränen.“

Die Umfrage hat außerdem gezeigt, dass reproduktive Nötigung oft zusammen mit häuslicher Gewalt einhergeht. Dreiviertel aller Frauen, die von einer erzwungenen Schwangerschaft berichteten, berichteten auch von Gewalt in der Beziehung. In einem Informationsblatt zu Gewalt in Beziehungen und reproduktiver Nötigung weist Planned Parenthood darauf hin, dass beide Formen des Missbrauchs „eng miteinander verbundene Problematiken sind und eine davon nicht angemessen adressiert werden kann, ohne gleichzeitig auch die andere anzusprechen.“ Leider war das auch die einzige größere Studie, die extra mit dem Vorhaben durchgeführt worden war, um zu messen, wie häufig Verhütungssabotage und reproduktive Nötigung tatsächlich vorkommen—es gibt immer noch kaum Untersuchungen darüber, wie viele ungewollte Schwangerschaften auf reproduktive Nötigung zurückzuführen sind.

Es besteht allerdings keinerlei Zweifel daran, dass Sex in Raplyrics gerne als Methode zur Kontrollausübung über den weiblichen Körper besungen wird. Obwohl Rap nicht das einzige Musikgenre ist, in dem die Misshandlung von Frauen gefeiert wird, ist es aber vielleicht das, in dem das Thema auf die Spitze getrieben wird. Geradezu exemplarisch wird das von Rich Gang in ihrer größtenteils unverständlichen Durchbruch-Single „Lifestyle“ demonstriert. „I won't do nothing with the bitch, she can't even get me hard / Somethin' wrong with the pussy / Even though I ain't gon' hit it, I'ma still make sure that she douche it“, rappt Young Thug auf dem Track in einem seltenen Moment der Klarheit. Es geht dabei weniger um seine Ansichten über die vaginale Hygiene, sondern mehr darum die Schuld für seine ausbleibende Manneskraft auf seine Partnerin zu schieben. „Er sagt auch: ‚Ich habe keine Zeit für so was. Wir haben keine Zeit, um zum Arzt zu gehen’“, so Dr. Krajewski. „Er befiehlt also dieser Frau eine Vaginaldusche zu machen, weil er keine Zeit für einen Arztbesuch hat. Er hat ein Problem mit seinem Schwanz, also muss es an ihr liegen.“

Reproduktionszwang kann allerdings noch weitaus extremere Züge annehmen als egoistische Anweisungen und die Weigerung, ein Kondom zu verwenden. Dr. Krajewski hat es schon mit Frauen zu tun gehabt, denen von ihren Partnern die Spirale rausgenommen worden war, und auf Bedsider schreibt Dr. Grace Shih über eine Patientin, der von ihrem Freund das Verhütungspflaster vom Arm gerissen wurde. Um dieser Verhütungssabotage entgegenzuwirken, empfiehlt Planned Parenthood, im Schulunterricht Paarbeziehungen zum Thema zu machen, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass mehr Erwachsene in einer gesunden Beziehung leben. „Wir fangen gerade erst an, die Verhütungssabotage zu hinterfragen“, sagt Dr. Krajewski. „Was machst du, wenn du ein Kondom verwenden willst, aber er sich weigert? Was machst du, wenn kein Kondom da ist? Kannst du Nein sagen? Hast du die Möglichkeit, Nein zu sagen?“

„Ich habe großes Glück, dass ich zu der Art, wie ich meinen Geschlechtsverkehr habe, Ja oder Nein sagen kann. Manche meiner Patientinnen können das nicht. Ich werde tagtäglich immer wieder schmerzlich daran erinnert“, fährt sie fort. „Deswegen ist es mir auch kalt den Rücken runtergelaufen, als ich diese Lyrics gelesen habe.“