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Die musikalische Identität der Schwarzen in Großbritannien wird von kulturloser Dance-Musik ausgelöscht

Raus mit Bashment, rein mit Calvin Harris.
24.6.14

(Anm. d. Red.: Kele Okereke, der Sänger von Bloc Party, hat eine sehr leidenschaftliche Meinung zu dem Verschwinden der kulturellen Identität der Schwarzen in seinem Heimatland.)

Letzte Woche wurde bekanntgegeben, dass der Resident-Dancehall-DJ Robbo Ranx und der R'n'B-DJ CJ Beatz bei der Sednung 1Xtra gekickt wurden. Das ist Teil einer Neuorientierung, die der Leiter der BBC, Ben Cooper, aufgrund von „Budgetkürzungen“ veranlasst hat, aber interessanterweise promotet der Sender weiterhin Club-DJs wie Mistajam, Monki und Friction. Die Tagesplaylist bei 1Xtra wird von House-Produzenten wie Gorgon City, Kove und Secondcity dominiert. Auf ähnliche Weise hat sich letztes Jahr Capital Xtra, früher Choice FM, all ihrer auf Black Music spezialisierten Programme entledigt. Soca, Gospel und Grime wurden von einer auf Dance-Musik fokussierten Playlist und Shows für Hardwell und Ministry Of Sound ersetzt. Raus mit Bashment, rein mit Calvin Harris.

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Über die Veränderungen bei diesen Sendern gab es viel Unmut. Anfangs war Choice FM als Sender für die schwarze Community gedacht und in der besten Zeit von Choice fand man dort zur Primetime bekannte Arten der britischen Black Music. Mit regelmäßigen Talkshows wie Schumann Shuffle, die von Comedian Geoff Schumann moderiert wurde und in der Themen, die die schwarze Community betreffen, diskutiert wurden: von Jugendlichen in der Ausbildung bis zu Polizei und Beziehungen innerhalb der Community. Es gab eine engagierte und wachsende Zahl an Anrufern, da bei Schumann Aktivisten, Arbeiter und Abgeordnete der schwarzen Community wie Dianne Abbott, Gus John und Rosemary Campbell zu Gast waren. Die Message war eindeutig; es war mehr als ein Radiosender, der die Hits spielt, es ging um Identität.

Davon sind die Sender heute weit entfernt. Capital Xtra und 1Xtra nutzen nicht einmal mehr den Begriff „Black Music“, um ihr Programm zu beschreiben. 2010 hat 1Xtra den klassischen Slogan „Love Black Music, Love 1Xtra“ für den neutraleren „Xtra Hip-hop, Xtra R&B“ aufgegeben. Capital Xtra nutzt den Slogan „Dance. Urban. UK“. Ich verstehe, dass die Sender vor dem Hintergrund drastisch sinkender Zuhörerzahlen so viele Leute wie möglich ansprechen wollen, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass durch diese bewusste Bemühung ein Teil der Geschichte aus dem Mainstream ausradiert wird. Ich frage mich, welche Auswirkung diese Entwicklung auf die musikalische Identität schwarzer Briten haben wird—gibt es heutzutage überhaupt noch so etwas wie eine musikalische Identität schwarzer Briten?

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Die Wahrheit ist, dass Großbritannien nie in der Lage war, heimische schwarze Musik zu fördern, zu entwickeln oder zu bewahren. Urban Music aus Großbritannien war immer amerikanischer Urban Music hörig. Während einheimische Urban Music die amerikanischen Charts dominiert, ist der einzige schwarze Brite in den amerikanischen Charts, der mir einfällt, der Rapper Tinie Tempah. Es gibt das Argument, dass schwarze Leute nur ungefähr 2% der britischen Bevölkerung ausmachen, sodass die Förderung und Entwicklung heimischer schwarzer Künstler limitiert ist, aber das ist Unsinn. In den USA machen Afroamerikaner 13% der Bevölkerung aus, aber das führt nicht dazu, dass das Genre nicht sowohl von den Communities, denen es entsprungen ist, als auch der größeren Musikindustrie promotet wird. Andere Leute machen den Mangel an Zusammenhalt innerhalb der britischen schwarzen Community verantwortlich, schwarze Briten gehen nicht zwangsläufig raus und kaufen heimische Black Music, oft bevorzugen sie R‘n‘B und HipHop aus den USA.

In den letzten Jahren ist vielleicht Grime das Einzige, was die schwarze britische Community am ehesten ihr Eigen nennen kann—und die wohl wichtigste in Großbritannien entstandene Musikszene seit Punkrock. Grime hat aber nie die Charts so beeinflusst wie Garage früher oder die Welt bereist wie Dubstep heute. Ehrlich gesagt, hatte es nie eine Chance. Das hat mit der schwachen Infrastruktur, mit dem Rückgang von Piratenradiosendern und spezialisierten Plattenläden, zu tun, gepaart mit der Beharrlichkeit der Polizei, jeden Rave stillzulegen. Schau dir nur an, was vor kurzem auf dem Just Jam Event im Barbican passiert ist. Das Barbican ist einem Rat der Londoner Polizei gefolgt und hat die Veranstaltung gecancelt, obwohl es kein Grime-Event war, sondern lediglich ein Grime-Künstler dort spielen sollte.

Die Frage einer umspannenden schwarzen musikalischen Identität ist mehr als eine Frage von Verkaufszahlen und Bevölkerungszusammensetzung, es ist ein institutionelles Problem. Großbritannien hat ein Problem mit Rassismus, vor dem wir uns alle verstecken—das spiegelt sich in einer negativen Einstellung gegenüber schwarzer britischer Musik wider, aber auch gegenüber schwarzer britischer Kultur im Allgemeinen.

Die einzige Art und Weise, auf die Grime gedeihen kann, ist in entschärfter und chartfreundlicher Form. 2009 hatten die Grime-Acts Chipmunk, Tinchy Stryder und Dizzee Rascal alle Nummer-Eins-Hits, allerdings mit weitaus kommerzielleren Klängen als bei ihren vorherigen Veröffentlichungen. Es wurde bereits viel darüber geschrieben, dass Dizzee mit dem Teufel in Person von Calvin Harris gemeinsame Sache macht, aber wer kann es ihm verübeln? Ich weiß noch, wie ich Dizee auf der Maths+English-Tour im Shepherds Empire habe spielen sehen und die Halle nur zur Hälfte gefüllt war. Einen Sommer später war Dizzee mit „Dance Wiv Me“ auf einem Höhenflug in die Charts, einem Track von dem viele dachten, er wäre sein Todesurteil. Aber nicht nur Dizzee hat den Druck verspürt, seinen Sound zu kommerzialisieren; 2009 hat Wiley, der Pate des Grime, in seiner Single „She’s Glowing“ gerappt: „If I didn’t have another hit song the label would’ve probably shelved me“ und 2012 hat er diese Drohung mit der nervigen und zuckersüßen Hitsingle „Heatwave“ wahr gemacht.

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In jedem dieser Fälle bedeutete Kommerzialisierung mehr Tanzbarkeit—4/4-Beats und Kaugummi-Refrains. Diese Musik wird uns nun von Leuten wie Capital Xtra und Tinie Tempah als ein modernisierter Nachfolger für das, was vorher passiert ist, verkauft. Aber in Wahrheit ist das Fahrstuhlmusik ohne Wurzeln und ohne Verbindung zur schwarzen britischen Kultur.

Das ist die Geschichte, die jede beliebte schwarze Kunstform begleitet; es ist ein cooles, kleines Underground-Ding, bis eine große Firma und/oder weißes Publikum es vereinnahmt. Von Mileys kürzlicher Aneignung des Dirty-South-Dance-Moves Twerking bis zu Sam Smiths notengenauem Abklatsch von Atlanta Soul. Was ist die Message dabei? Dass schwarze Kultur nur relevant sein kann, wenn sie weichgespült wird und die Massen begeistert?

Ich weiß, dass es nicht angesagt ist, heutzutage im Zusammenhang mit ethnischen Rassen von Black Music zu sprechen und es wird viele Leute geben, die denken, dass unsere gemeinsame und multi-ethnische Geschichte die Idee einer separaten, schwarzen musikalischen Identität zu einer veralteten Vorstellung macht. Aber jedes Mal, wenn ich MTV einschalte, scheint jeder weiße Popstar irgendwie die schwarze Kultur verinnerlicht zu haben, von Justin Bieber bis Iggy Azalea und sogar Disclosure. Die MOBO-Awards, die ins Leben gerufen wurden, damit die schwarze britische Musik eine Alternative zu den Brit-Awards hat, scheinen heutzutage nur noch weiße Künstler wie Jessie J und John Newman auszuzeichnen. Es scheint offensichtlich zu sein, dass im heutigen Klima die Leute, die die größten Früchte der Black Music ernten, nicht schwarz sind. Wenn die schwarze Community in Großbritannien weiter bezüglich der Ausradierung der Wurzeln unserer Kultur still bleibt, wie kann eine spezifisch schwarze und britische musikalische Identität dann jemals aufblühen?

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