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„Ich bin gut im Headbanging und beim Ringewerfen“—Der härteste Mann im Metal über seine Liebe zu Freizeitparks

George „Corpsegrinder“ Fisher ist hauptberuflich Frontmann bei Cannibal Corpse. In seiner Freizeit gewinnt er in Disney World Kuscheltiere und hat Angst vor Achterbahnen.

von Vincent Grundke
19 Mai 2016, 3:16pm

A photo posted by George CorpseGrinder (@georgecorpsegrinder) on

Aus der Ferne betrachtet ist George „Corpsegrinder“ Fisher der furchterregendste Mensch im brutalsten aller Musikstile—das Death Metal-Synonym überhaupt. Ein übelstes Ungetüm mit Stiernacken, der nahtlos in Kopfbreite in seine Schultern übergeht. Wenn der Kerl zu seinem berühmten Helicopter-Headbang in Lichtgeschwindigkeit ansetzt, zucken die ersten Reihen zusammen, ausgepeitscht von pfeilschnellen Windstößen. George ist eine Marke. Das grimmige Gesicht, das man selbst sofort aufsetzt, wenn seine Band Cannibal Corpse mit ihrem vertrackten und überirdisch groovigen Death Metal die Gehörgänge durchfegt.

Aber seien wir mal ehrlich: Ihr Hit „Hammer Smashed Face“ oder schlicht betitelte Alben wie Kill oder Torture (eins von sechs in Deutschland indizierter Alben) sind nichts anderes als ein Augenzwinkern Richtung moralischer Etikette, übertrieben detailreich ausformulierter Wahnwitz von Horrorfantasien. Der Corpsegrinder lacht nur müde über seine Zerstückelungszeremonien. Wer das nur ansatzweise ernst nehmen kann, soll sich mal entspannen und es vielleicht mal mit Ferien im Heidepark versuchen.

Kein Spaß: Fisher schwört aufs Walt Disney World Resort, den etwa 15000 Hektar großen Zusammenschluss aus vier Freizeitparks in Florida (zum Vergleich: Der Heidepark Soltau fasst 85 Hektar). Dort, inmitten allzeit gut gelaunter Mickey Mäuse in Menschengröße, die einen mit dem Ellenbogen anstupsen und verschaukeln, fühlt sich der Corpsegrinder am wohlsten. Fast seine komplette Freizeit verbringt er mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in den Parks und angelt am Greifautomaten dutzende Kuscheltiere.

Auf Instagram teilt Fisher unfassbar komische Fotos aus den Vergnügungsparks. Es ist einfach legendär, diesen Urheber gewaltsamster Liedkunst zu sehen, wie er vor Frohsinn lachende Plüsch-Eier im Arm hält. Nein, George ist kein Kindskopf, der auf schizophrene Art in der Vergangenheit festhängt oder ein geheimes Doppelleben zwischen Moshpits und Disney-Prinzessinnen-Schlössern führen würde. Auf überraschend reflektierte Weise gibt er im Interview einen Fick auf die Stigmata der Death Metal-Welt und sieht Cannibal Corpse als das, was es ist: ein Job. Mit Rum und Bier bewaffnet reden wir über schreckenerregende Kinder-Achterbahnen im Tiger-Look, Disney-Filme und den Trick am Greifautomaten.

Noisey: Was magst du an Freizeitparks?
Corpsegrinder: Mir sind die Achterbahnen egal. Ich mag die Greifautomaten! Und die anderen Spiele. In Sea World gab es ein Wurfspiel, wo man Ringe auf Flaschen wirft. Ich war wirklich gut darin, aber sie haben die wieder abgebaut.

Ich dachte, die Flaschenhälse sind so dick, dass man gar nicht gewinnen kann.
Doch. Wenn Leute nicht gewinnen könnten, würden sie ja nicht wiederkommen.

Auf Instagram zeigst du dich mit Armen voller Kuscheltiere—wie ist das möglich, so viel zu gewinnen?
Man muss ja in irgendwas gut sein. Ich bin gut im Headbanging, mit Greifarmen und beim Ringewerfen.

Was machst du mit all den Kuscheltieren, die du gewinnst?
Es gibt ein berühmtes Bild von mir mit diesem riesigen, pinken Delfin. Viele stopfe ich in Kopfkissenbezüge, damit unsere Töchter damit spielen können. Alle anderen geben wir weg für Charitys, an bekannte Familien oder die Bingonacht in der Schule unserer Töchter. Dort werden sie gespendet. Letztes Weihnachten nahm das Krankenhaus unserer Kinder Spenden an. Wir sagten, wir könnten ein paar Kuscheltiere entbehren und nächsten Tag brachten wir vier große Müllsäcke voll mit. Also das meiste von den Sachen, die ich gewinne, geben wir weg. Ich muss einfach spielen. Und gewinnen!

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Kannst du jedes Kuscheltier in einem Greifautomaten gewinnen, wenn du es versuchst?
Viele! Wenn eins unter anderen liegt, versuche ich erst die zu gewinnen und dann das richtige. Ich wundere mich selbst, warum ich darin gut bin. Ich bewege den Greifarm über den Arm des Kuscheltieres, dann zur Hüfte und wenn sich der Greifarm schließt, schnappe ich unter den Beinen zu. Wenn man versucht, sie am Kopf zu greifen, fallen sie raus.

Du bist ein Idol im Extreme Metal. Sorgst du dich nicht darum, was deine Fans denken, wenn du mit großen, rosa Delfinen posierst?
Wenn mich Menschen nur deswegen beurteilen, ist mir das egal. Ich habe zwei Töchter und eine wunderschöne Frau, die ich über alles liebe. Ich kümmere mich nicht um die Leute, die das sehen. Ich will nur, dass sie wissen, wer der Ringewerf-Champion ist! Ich bin das! Sicherlich spiele ich in einer Extreme Metal-Band, aber zu allererst bin ich Vater. Wenn ihr uns live spielen seht, heißt das nicht, dass wir ansonsten Leute foltern und ermorden. Wenn dich ein pinker Delfin aufregt, schade für dich.

Also gehst du vorrangig für deine Töchter in die Freizeitparks?
Natürlich, damit meine Frau und Kinder glücklich sind. Darum bin ich hier auf Tour, für sie. Ich liebe es, Shows zu spielen, klar. Aber der Hauptgrund, dass ich unterwegs bin, ist meine Familie. Jeder weiß auch, dass Daddy ein großes Kind ist. Für mich bedeutet das, zur Ruhe kommen, wenn ich von Tour komme. Wir schauen uns viele Dinge an: Animal Kingdom, Teil des Disney Parks, oder die Busch Gardens—da haben sie viele Tiere, beinahe einen Zoo. Das ist cool. Wir waren auch auf dem Oktoberfest in Epcot—mit den Mädels, die das große Bier bringen.

Kannst du die Freizeitparks nach deinen Lieblingen listen?
Es war mal Sea World wegen des Spielecenters. Weil es das aber nicht mehr gibt, muss ich Abstriche machen. Also ist es wohl Disney World. Alle Disney-Parks machen so einen guten Job, kümmern sich um die Besucher. Wenn man eine Beschwerde hat, hören sie einem immer zu. Sie tun alles, um es super angenehm für dich zu machen. Es ist teuer, ja. Da arbeiten aber auch viele Leute, sie haben Kosten. Aber schwere Entscheidung ... Ich liebe Legoland und Busch Gardens, weil ich eben kein Achterbahn-Typ bin. Wir haben einen Pass für vier Parks [Walt Disney World Resort]: Epcot Center, Magic Kingdom, Animal Kingdom und die Hollywood Studios. Wir können da also hin, wann immer wir wollen. Darum gehe ich auf Tour, um all das bezahlen zu können, haha!

We are leaving for tour next week and I have some advice for every claw machine I see out there......RUN......I'm coming for you!! Photo credit to @stacy.alourdasfisher

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Jetzt wissen die Fans, was du mit dem Geld anstellst, das du auf Tour verdienst.
Einfach das Lächeln auf den Gesichtern deiner Kinder zu sehen, das ist, was zählt. Sie glücklich zu machen...

Wenn du schon nicht Achterbahn fährst, dann wenigstens deine Töchter?
Meine älteste Tochter mag sie, aber noch nicht die großen. Auf kleine komme auch ich manchmal mit, aber selbst da bin ich so: [verzieht sein Gesicht zu einer angstverzerrten Fratze]. Im Zoo in Tampa haben sie so eine kleine Tiger-Achterbahn. Es ist nichts, überhaupt nicht furchterregend. Meine älteste Tochter wollte unbedingt und ich ging mit. Puh, ich bin echt nicht geschaffen fürs Rumfliegen.

Gibt es etwas neben Achterbahnfahren, dass du an Freizeitparks so gar nicht ab kannst?
Ja, die Menschenmassen! Wenn da zu viele Leute sind und es auch noch heiß ist, besonders in Florida. Das heißt nicht, dass ich Menschen nicht mag—nur zu viele nicht. Ansonsten liebe ich es! Ich liebe Disney, ich liebe das Epcot Center.

Erkennen dich Leute im Disney Park?
Ja. Komm schon, dieser Nacken kann sich nicht verstecken! [fährt mit beiden Händen seiner kopfbreiten Nackenpartie entlang] Nach der letzten Tour mit Obituary kam einer im Johnny Cash-Shirt—YEAH—an und murmelte: „Fuckin' Corpsegrinder! Kann ich ein Bild mit dir machen?“ Ich schieße immer Fotos mit den Fans, da habe ich kein Problem mit. Ich bin ja nicht Taylor Swift, die gar nicht mehr frei herumlaufen kann. Es passiert mir manchmal, fünf bis zehn Mal, sobald ich da hingehe. Jeder ist ja da in den Ferien und dementsprechend gut drauf.

Wenn du die Disney Parks so liebst, schaust du auch Disney-Filme?
Meine jüngste geht voll auf „Frozen“ ab, sie liebt all die Prinzessinnen. Ich verehre alle Marvel-Streifen, die technisch gesehen auch zu Disney zählen. Wenn ich jetzt von Tour nach Hause komme, ziehe ich mir als erstes „The First Avenger: Civil War“ rein. Ich kann es nicht mehr erwarten! Selbst die Pixar-Filme sind gut. „Toy Story“, „Alles steht Kopf“, „Mulan“, „Pocahontas“, meine jüngste Töchter hat alle Filme.

Me and Batman today at LEGOLAND. He was....touchy....

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Was sagen deine Kids zu deiner Musik?
Ich glaube, sie können keinen einzigen Song nennen. Aber sie kennen andere Metalsongs! Ein paar Black Sabbath-Songs, einer ihrer Lieblinge ist „Halloween“ von King Diamond. Jedes Halloween fragen sie mich: „Kannst du den ‚Halloween‘-Song nochmal spielen?“ Meine jüngere Tochter hat mal mit mir gesungen, sie wird ein größerer Star als ich es je sein werde. Sie hat meinen Drive. Ich wollte das damals mehr als alles andere in meine Leben, als alles! Nichts und niemand konnte mir den Weg versperren, außer meiner Mutter und meiner Frau. Ich wollte unbedingt in einer Band sein. Meine jüngste Tochter hat das auf jeden Fall von mir.

Was hältst du vom Trend, wo sich Verrückte bei Death Metal- und Grindcore-Shows witzige Tierkostüme anziehen?

Haha ja, wir haben das gesehen. Aber egal. Wenn wir alle ruhig stehen bleiben würden, wären wir wie Bäume. Ok, nicht die beste Weisheit, aber Evolution ist die Geschichte unserer Existenz. Alles geht voran und Leute wollen Spaß haben. Es gibt immer ein Mädchen im Drachenkostüm und die Typen im Bananenkostüm. Auf meinem Instagram sieht man einen Typen aus Vancouver, wie er in der ersten Reihe im Bärenkostüm steht. Das war fantastisch! Ich musste ein kurzes Video von der Bühne machen. Kommt zu unseren Shows und habt Spaß! Ich habe kein Problem mit Kostümen oder dem Trend. Irgendjemand hat zu den Anfängen von Metal eine Jeanskutte über eine Lederjacke gezogen, das wurde zum Trend. Heute ist es die Norm. Klar sind Kostüme was anderes, weil jeder schwarze Shits mit seinen liebsten Bands trägt. Metal ist aber der eine Ort, wo jeder akzeptiert wird. Jeder kann zu uns oder jeder anderen Metal-Show kommen, sein, wer immer er ist und eine gute Zeit haben. Keiner macht einem da das Leben schwer, wegen Aussehen, Hautfarbe, Größe oder in welcher Gang er ist—jeder ist willkommen. Ich liebe die Kostüme. Wir haben ein Festival gespielt, da waren drei Typen: Deadpool, Captain America und Carnage—fantastisch.

Metal muss aufhören, elitär zu sein. Wenn du deine Band auf bestimmte Weise repräsentiert haben willst, das passende Stage-Setup dafür hast und keinen glücklich sehen willst, ist das in Ordnung. Ich weiß, wir singen bei Cannibal Corpse über wirklich gewaltsame Akte und dann sehen mich Leute mit einem pinken Delfin in der Hand. Wir wollen nicht, dass die Leute denken, wir wären wie unsere Songs. Wir mögen heftige, brutale Musik zum Headbangen. Wenn Leute zu unseren Shows als Banane, Bär, Drachen oder Captain America kommen: Nur zu! Die Leute sollen sich mal entspannen und andere sein lassen, wie sie sind.