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Interviews

„Ja, ich streite gerne“—Ein Interview mit Christian Schachinger

Für Christian Schachinger ist Musik Ersatzreligion.
17.2.16

Foto von der Autorin

Christian Schachinger ist ein Mann, der in Mails kein Wort zu viel verliert, Ausschmückungen wie „Hallo“ sein lässt und gleich direkt zur Sache kommt. Das ist auf vielen Ebenen sehr sympathisch. Woher ihr diesen Mann kennt? Wahrscheinlich, weil er euer Lieblings-Festival, das Frequency, in Grund und Boden geschrieben hat und ihr euch dachtet, wer wohl dieser Mensch ist, der beim Schreiben über das Musikfestival auch immer einen Hauch (mögliche Untertreibung) Gesellschaftskritik mitschwingen lässt. Nun, zum einen ist er jemand, über den man so gut wie nichts im Internet findet. Wikipedia-Eintrag? Nope. Und das in Zeiten, in denen Wikipedia ein Auffangbecken narzisstischer Sneakerträger ist, die sich einen Eintrag machen, nur weil sie ein Macbook bedienen können.

Zum anderen ist er jemand, mit dem man gut Bier trinken kann. Genau das habe ich mit Christian Schachinger am Yppenplatz in Wien gemacht und ihm dabei alle Fragen gestellt, auf die das Internet keine Antworten hatte.

Foto via Facebook | Shampoo Boy

Noisey: Heutzutage ist es Journalisten wichtig, ein geschärftes Profil zu haben. War dieses Aufbauen der eigenen Marke auch schon wichtig für dich, als du angefangen hast? Hast du da drauf geschissen oder jemals drüber nachgedacht?
Christian Schachinger: Als ich angefangen habe war es 1989/90, da war das noch nicht so ein Thema. Ich habe damals ein handkopiertes Fanzine gemacht. Das hieß Der Gürtel—die Zeitschrift für niedere Instinkte, das ich mit dem Peter Rehberg von Editions Mego herausgebracht habe. Das Magazin war im Geiste des Punk—jeder durfte schreiben, es wurde nichts korrekturgelesen, Schreibmaschinen-Seiten wurden kopiert und wurden auf die Seite geklebt. Dann wurde ich gefragt, ob ich beim Standard schreiben will, weil einer nicht mehr in der Redaktion erschienen ist. Dann dachte ich mir: Nach Jahren beim Chelsea Chronical und beim Falter kann das Geld eigentlich nur mehr werden. Das wurde es dann auch. Ich wollte damals schon immer über Musik schreiben. Von Marken war damals keine Rede.

Hat sich das geändert? Hast du dir eine Marke aufgebaut?
Ich hoffe oder denke schon, dass ich mittlerweile einen Personalstil entwickelt habe.

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Ist dir das wichtig?
Ja, weil es mir Spaß machen muss. Ich bin über die Jahre draufgekommen, dass es ziemlich wurscht ist, wie viel man schreibt. Wichtig ist, dass gewisse Sachen hängen bleiben. Das sind die Sachen, die polarisieren—es muss unterhaltsam sein. Es ist Entertainment. Die Fakten gibt es eh auf Wikipedia. Wichtig ist, einen Mehrwert abseits der Fakten zu liefern. Was wer gemacht hat, wissen wahrscheinlich die meisten Leser besser als ich—wenn sie nachschauen.

Wenn man dich googelt, bist du mehr ein Schattenwesen. Es ist wahnsinnig schwer an dich über das Internet ranzukommen.
Ich glaube, ich bin ja auch Logistik-Fachmann in Linz, oder?

Warum hast du dir zum Beispiel keinen Wikipedia-Eintrag gemacht? Das macht doch eh jeder Idiot, der meint sein Ding wäre wichtig.
Ehrlich gesagt, habe ich noch nie dran gedacht.

Mir ist auch aufgefallen, dass deine Band Shampoo Boy zwar einen Soundcloud-Account hat, auf dem aber kein einziger Song ist.
Auf Blackest Ever Black findet man die.

Ja, aber…2016!
Reicht das nicht?

Nein! „Shampoo Boy hasn’t shared any sounds yet“ reicht nicht. Du bist der Schatten Peter Pans des Internets.
Möglicherweise ist es so, weil Rehberg und ich diesen ganzen Formaten schwer misstrauen. Zweitens: Wer was finden will, findet es. Drittens: Veröffentlichen wir in London bei Blackest Ever Black und der Label-Chef ist sehr jung und misstraut dem schon auch. Das ist offensichtlich wieder die neue Schule, dass man Sachen bewusst underground hält. Eine Art Verweigerung.

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Glaubst du, dass es notwendig ist, mit der Zeit zu gehen oder glaubst du, dass diese Verweigerung auch funktioniert?
Beides. Wir reden schon drüber, vor allem auch mit Rehberg, weil der seit 20 Jahren Edition Mego macht. Der sagt, für diese Form der Musik gibt es weltweit ungefähr 5.000 Leute, die wirklich dedicated sind.

Mit Shampoo Boy machst du ja eher düstere Sachen—würdest du dich als düsteren Menschen bezeichnen?
Mein soziales Umfeld beschreibt mich eigentlich als sehr zugänglich und lustig. Aber ja, beides. Mich interessiert grundsätzlich im jeden Bereich der Kunst die dunkle Seite mehr, weil sie interessanter ist. Es haben sich schon einige Leute gewundert, wenn wir zu einem Konzert wohin gefahren sind, wie wir drauf sind. Neulich haben wir in Tschechien auf einem Festival gespielt, da haben wir uns beim Essen im Restaurant mit großer Begeisterung alte Eurodance-Sachen vorgespielt. Daneben sind so tschechische Dissidenten gesessen, die ein bisschen verstört waren, weil wir dann eine Stunde später ganz was anderes gemacht haben.

Eurodance! Ist Österreich für dich als Musiker und euch als Band relevant?
Nein. Wir haben vor zweieinhalb Jahren in Wien gespielt. Das erste und das letzte Mal, im Rhiz. Wir werden in Österreich so gut wie gar nicht rezipiert, was keine große Überraschung ist.

Was glaubst du, warum gewisse Menschen, die unter einen Artikel posten, einfach nicht verstehen können, dass gewissen Dinge schlicht und einfach scheiße sind und man sich auch nicht alles schön reden kann?
Musik ist Ersatzreligion. So wie Grillen oder Fußball. Da kennt sich jeder am besten aus. Das ist einerseits toll, weil es so emotional behaftet ist, andererseits werde ich dafür bezahlt, dass mich Leute beflegeln.

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Bedenkst du beim Schreiben deiner Texte, dass sie jetzt auch im Internet erscheinen?
Ich denke an mein Bankkonto und bin sehr traurig.

Du verstehst dich nicht unbedingt gut mit dem Internet, oder?
Doch, ich benutze es ja auch regelmäßig. Ich konsumiere aber auch immer noch Print. An manchen Orten der Welt lässt sich Papier leichter lesen als das Internet. Ich bin ja eigentlich zeitschriftensüchtig. Ich kaufe mir wahnsinnig viele Zeitschriften oder nehme mir alte aus dem Büro mit nach Hause. Ich brauche schon das Papier.

Das Internet gibt uns ja die wunderbare Möglichkeit, die ungeschönte Meinung der Leser zu sehen. Kannst mit Hate umgehen?
Ja.

Liest du dir durch, was die Leute unter deine Artikel schreiben?
Nicht alles, nein. Man kann darüber lange diskutieren, aber ich bin Verfechter des Klarnamens, weil auch mein Name drübersteht. Wenn „Stahlhoden666“ postet, kann ich das inhaltlich nicht so ernst nehmen, als wenn „Kurt Huber“ postet.

Möchtest du auf bösartige Kommentare manchmal reagieren?
Nein. Die einen sagen, deeskalieren bedeutet, wenn man sich persönlich zu Wort meldet, auf der anderen Seite habe ich weder Lust noch Laune für sowas.

Hast du dich in den letzten Jahren journalistisch verändert?
Ich glaube, meine Sätze sind kürzer geworden und ich verwende weniger Adjektive. Thematisch beschäftige ich mich mehr mit Literatur und Allfälligem. Musik alleine wäre mir zu wenig mittlerweile, aber das liegt rein an mir. Wahrscheinlich ist das eine Abnützungserscheinung oder Altersfrage. Ich war bisher bestimmt auf 3.000 Konzerten. More of the same.

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Inwiefern unterscheidet sich deine journalistische von deiner privaten Persönlichkeit?
Ich denke, ich schreibe mit offenem Visier. Ich bin ja kein klassischer Journalist. Ich komme vom Fanzine schreiben. Wahrscheinlich bin ich immer noch ein Fanzine-Schreiber. Es ist wie beim Tennis: Man schlägt einen Ball auf und schaut, was zurückkommt. Aber nicht mit Angst, sondern interessiert. Eigentlich ist mir egal, was zurückkommt. Ab und zu bin ich über die Humorlosigkeit erstaunt, weil Musik für manche Menschen immer gleich so die Ersatzreligion wird. Es ist aber vielleicht auch eine Generationenfrage. Jüngere Kollegen meinten schon, dass ich immer so negativ schreibe. Nein, es ist nicht nur negativ. Nur, wenn ich schreibe, das Konzert war großartig, werde ich 140 Zeilen nicht füllen können. Das „Ja, aber“ ist in jedem Artikel schon fix eingebaut. Es wurde mir schon als Kind vorgeworfen, dass ich immer was dagegen sag. Also verstelle ich mich in dem Sinn nicht wahnsinnig. Das habe ich am Anfang gemacht, da will man ja noch intelligent wirken. Ich fühle mich aber besser, seitdem ich so schreibe, wie ich es mir denke.

Wie sieht die Zukunft des Journalismus aus?
Schlecht. Es wird immer mehr Dienstleistertum gefordert. Die einzige Chance, die ich sehe, liegt im Meinungsjournalismus.

Warst du mal auf einer richtig guten Pressereise?
Öfters, ja. Ich war bei der Live-Aufnahme von Portishead in New York dabei. Das waren fünf Tage New York mit einer Party am Schluss, auf der wir unter 5.000 Leuten die einzigen Weißen waren. Das war normal damals, aber das gibt es jetzt nicht mehr.

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Hast du jemals einen Blick auf Noisey geworfen und dir gedacht, du möchtest uns gerne anzünden?
Ich hab es mir angesehen, aber anzünden will ich euch nicht. Mir ist dieses Bedürfnis, auch afro-amerikanischer Gangster sein zu wollen, ein bisschen fremd. Das fällt mir bei Noisey auf. Mein alter Chef hat das immer als „Angeber-Neger“ bezeichnet. Aber it's not part of my world.

Deine Überschrift von dem Lemmy-Nachruf ( „Lemmy Kilmister gestorben: Lauf heim und sag es deiner Mama!“) fand ich leider lustig. War das die Intention?
Ich denke, sie war in seinem Sinn. Ich habe ihn mal interviewt und musste mit ihm auch trinken.

Vielleicht fand es auch nur ich lustig.
Nein, es waren schon ein paar andere auch. Das ist übrigens ein sehr beliebter Kindergartenspruch.

Im David Bowie-Nachruf hast du geschrieben, dass die Welt mit seinem Tod noch trauriger wurde, als sie es ohnehin schon ist. Findest du die Welt sehr traurig?
Nein, das war einfach ein pathetischer Schluss. Aber die Welt ist natürlich traurig. Derzeit…oder immer.

Was ist für dich schön an der Welt?
(Lange Pause) Lachen, Wald und Einverständnis.

Apropos schöne Dinge. Es gab mal eine Diskussion zwischen dir und Martin Blumenau. Du hast damals gesagt, dass…
Welche Diskussion mit Martin Blumenau, es gab mehrere, haha.

Du hast damals gesagt, dass die Mehrheit der Medienkonsumenten die Krone liest und dass sich das ändern wird. Glaubst du, dass sich das geändert hat?
Ich kenne niemanden mehr, der die Krone liest. Also meine Mutter liest die Krone, weil in den anderen Zeitungen nichts drinnen steht. Bei unserer Abendkonferenz um halb sechs wird jeden Tag die druckfrische Kronen Zeitung vom Hausmeister gebracht. Der legt so einen Stoß auf den Tisch und es greifen dann die Chefs vom Dienst danach und sonst nur Menschen, die älter sind als ich. Ich stehle sie auch nicht am Sonntag, weil sie mir egal ist. Das letzte Mal habe ich die Krone gelesen, weil der Jeannée über mich geschrieben hat.

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Was hat er geschrieben?
Ich habe geschrieben, dass der Gabalier für längere Zeit den Mund halten sollte. Da ging es um seine Aussage bei den Amadeus Awards. Das hat ihm nicht gepasst.

Hast du gerne Beef?
Ja, ich streite gerne.

Christian Schachinger und das Frequency: Was muss passieren, damit das Frequency einmal gut davon kommt?
LCD Soundsystem müssten spielen und ich müsste Zeit haben.

War das Frequency für dich jemals ein Festival, über das man auch gut berichten konnte? Ärgert dich die Entwicklung?
Ich kann über nichts ausschließlich gut berichten. In meiner Jugend, also eher Anfang der 80er-Jahre, waren Festivals schwer verpönt. Mit schwarzem Anzug, schwarzem Hemd und spitzen Schuhen auf einem Open-Air-Festival rumzustehen ist würdelos. Im Wesentlichen mag ich Open-Air-Festivals nicht. Ich bin für Dach.

LCD spielen am Primavera, hast du das Line-Up gesehen?
Ja. John Carpenter spielt da auch.

Stimmt. Ich lese in letzter Zeit in sehr vielen Pressetexten, dass sich die Musiker von John Carpenter inspirieren ließen. Woher kommt diese Carpenter-Liebe gerade?
Das ist eine gute Frage. Wahrscheinlich, weil diese Begeisterung für seine Soundtracks erst jetzt aufgekommen ist. Die wurden immer als läppisch abgetan. Ich nehme an, die Begeisterung ist jetzt mit dem 80er-Revival gekommen. Es wird noch schlimmer werden, weil die ganzen „Laptopper“ jetzt draufkommen, dass Kabelstecken das Geilste überhaupt ist. Und Rehberg spielt ja nicht mehr mit Laptop zum Beispiel. Ich habe Angst, dass wir jetzt zu Krautrockern werden.

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Wie schreibt ihr eure Lieder?
Wir stöpseln an und spielen. Und wenn wir spielen, nehmen wir immer auch auf. Wir spielen nie etwas zwei Mal und Overdubs gibt es auch keine. Wenn eine Sache funktioniert, dann wird am Mischpult geschnitten. Im Wesentlichen ist alles improvisiert. Wir haben uns noch nie über unsere Musik unterhalten. Wir reden nur über Musik von anderen Leuten.

Und wie macht ihr das dann bei den Konzerten?
Bei den Konzerten ist es meistens so, dass wir vorher einmal proben. Aber es geht weniger darum, dass man die Sachen probt und mehr darum, dass man auf einem gemeinsamen Level ist. Wenn man sich vorher nicht miteinander beschäftigt, egal auf welcher Ebene, dann weißt du nicht, wie der andere drauf ist. Es ist mehr eine Sozialprobe.

Welches deiner 3.000 besuchter Konzerte ist dir in Erinnerung geblieben?
Zuletzt Miley Cyrus. Sonst eher die Sachen, die man ganz am Anfang gesehen hat. Also Nick Cave im Posthof zum Beispiel. Oder Einstürzende Neubauten in der Arena, als sie die Bühne angezündet haben.

Denkst du, ihr hattet es früher besser, was Musik betrifft?
Nein, so bin ich nicht. Ich habe letztens meine Plattensammlung übersiedelt und dabei 300 Platten verkauft, die ich nicht mehr hören muss. Ich kann mir kaum alte Musik anhören. Insofern bin ich schon noch neugierig, aber die großen Kicks werden seltener.

Was war dein letzter großer Kick?
Weil wir vorhin von LCD Soundsystem gesprochen haben: Die John Cale-Version von „All My Friends" kann ich dauernd hören. Diese Unerbittlichkeit auf zwei Akkorden herumzuhacken.

Mir ist eigentlich mittlerweile der Sound wichtiger geworden als der Song. Kennst du die EP (A Bunch of Stuff von LCD Soundsystem, Anm.)? Was Franz Ferdinand damit machen ist läppisch. Aber du kannst die Nummer nicht schlecht interpretieren, weil die Soundvorstellung so groß und gut ist, dass man eigentlich dem Song auch folgen muss. Du kannst ihn nicht als House-Nummer denken. Insofern ist Sound rein aus formalistischen Gründen wichtiger, als das Stück.

Aber dabei darf der Sound auch mal dreckig sein oder?
Auf jeden Fall. Mir hat immer Musik gefallen, die am Limit gespielt wird. Und zwar auch am technischen Limit. Darum sind mir die Ramones immer näher als King Crimson. Wenn jemand das spielt, was er kann und er bemüht sich verdammt hart und das gerade so hinbekommt, klingt das interessanter, als jemand der sich langweilt, weil zu wenig Akkordwechsel vorkommen. Wenn du nicht ordentlich spielen kannst, ist die Intensität wichtiger, als das technische Können.

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Wie gehst du mit Musik bei deinen Kindern um? Kannst du da eingreifen?
Keine Chance, die hören One Direction und das alles. Das finde ich interessant. Ich finde es auch interessant, wenn ich zu Helene Fischer oder Hansi Hinterseer gehe. Weil das nichts mit mir zu tun hat. Mich selbst kenn ich ja jetzt schon.

Kennst du Yung Hurn?
Ja. Da habe ich ein Problem. Ich halte diesen Dialekt nicht aus. Mir ist es völlig egal, was er singt oder rappt. Ich habe ihn zum ersten Mal bei FM4 gehört und dachte: „Ist der betrunken oder eingeraucht?“

Ist Money Boy für dich Musik?
Es gibt einen Peter Ustinov-Film, da spielt ihm jemand auf der Querflöte etwas vor und er sitzt da und sie fragt, was er davon hält und er sagt: „Zumindest menschliche Töne“.

Kannst du den Hype um diese beiden verstehen?
Ich finde Money Boy grundsätzlich lustig. So, wie ich Austrofred lustig finde. Es ist unterhaltsam, aber mir reicht es auf YouTube. HipHop war für mich immer ein fremder Planet eigentlich. Ich habe in den 90ern viel Hip Hop gehört—Tribe Called Quest, Public Enemy und so.

Money Boy ist dafür bekannt, Frauen als „Fiqqhuren“ zu bezeichnen. Ist das in deinen Augen Provokation oder einfach sexistischer Scheiß?
Grundsätzlich darf jeder Idiot singen, was er will. Meinungsfreiheit und so. Er muss sich halt dann auch mit den Konsequenzen auseinandersetzen. Ich weiß nicht, was daran lustig ist. Ich weiß auch nicht, was daran provokant sein soll. Es ist teilweise einfach Oasch. Ich kenne diese Lebenswelten nicht. Vielleicht wächst sich das aus, wenn man dreißig ist.

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Wenn deine Kinder anfangen würden, sexistischen Rap zu hören, würdest du das dulden?
Machen sie ja nicht, weil sie auf das Gender-Gymnasium gehen.

Wie wird die Zukunft der Musik aussehen?
Sie wird weitergehen. Ich glaube, die Zersplitterung der Stile wird nicht mehr rückgängig machbar sein. Früher gab es Kommerz oder Underground. Es gab Post-Punk oder die Dinosaurier. HipHop war Underground. Das ist weg. Wenn du dir die Festivalprogrammierung anschaust, kommen auch jedes Jahr die gleichen Bands nach Österreich, weil es nur noch wenige gibt, die Massen ziehen. Metallica, Tote Hosen, Placebo. Die kannst du an zwei Händen abzählen. Wenn die weg sind, wird es interessant. Dann gibt es nur noch den klassischen Teenie-Pop mit wechselnden Darstellern. Ich war mit meinen Kindern bei One Direction und das waren für die quasi Religion. Zwei Monate später: „One Direction, wer ist das?“

Hast du eine Hoffnung, wie sich der Musikgeschmack deiner Kinder entwickelt?
Nein, am besten nicht einmischen. Die Kinder haben angefangen mit Kraftwerk und Nena und so—deutsche Texte waren ganz wichtig—und dann hat das schnell nachgelassen. Es soll wirklich jeder hören, was er will.

Was ist die erste Erinnerung, die du an Musik hast?
Demis Roussos und Harry Belafonte, das hat meine Mutter immer gespielt. Ich bin mit Radio Oberösterreich und Schlagermusik aufgewachsen. Ich kenne mich im klassischen deutschen Schlager verdammt gut aus.

Glaubst du, du wirst irgendwann mal zurückgehen zu dieser Musik?
Ich gehe Ende Februar zum Howard Carpendale-Konzert. Schlager war so präsent in meinem Leben als Kind. Ich denke, das ist nichts Schlechtes. Ich habe es in guter Erinnerung, aber ich hör es nicht mehr.

Es schließen gerade einige Lokale in Wien. Um welche wäre es dir schade?
Also um das Rhiz wäre es schade. Das ist mein Stammlokal. Und das Chelsea. Aber das Chelsea wird nicht zusperren, dafür ist der Betreiber ein zu guter Geschäftsmann.

Wie konsumierst du Musik? Benutzt du Spotify?
Ich habe Spotify, weil ich keine CDs mehr höre. Mir ist das Auspacken zu anstrengend. Die Musik, die mich interessiert, kaufe ich auf Vinyl.

Bist du Album- oder Lied-Hörer?
Ich bin Lied-Hörer und das aber dann fünf Mal hintereinander. Bis ich die anderen Lieder anhöre, dauert es oft Wochen, weil das eine Lied eh passt.

Isabella auf Twitter: @isaykah

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