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Eine Teleshopping-Expertin hat die Unboxing-Videos deutscher Rapper bewertet

Wenn sich Casper, Bushido und Gzuz vor die Kamera begeben, um ihre Boxen zu präsentieren, ist es doch nur logisch, dass wir ihre Performance von einer Expertin bewerten lassen.

von Julius Wußmann
27 Oktober 2015, 10:50am

Es gibt dieses verstörende Video eines Deutschrap-Fans, der seine Abonnenten mittels Kamera durch sein Zimmer führt und offenbart, dass sich da unzählige Boxen mehr oder weniger bekannter Rapper fein säuberlich im Kinderzimmer stapeln. Nachdem sich diese Bilder in die Netzhaut gebrannt haben, wird man das Gefühl nicht los, dass das ganze Rumgeboxe langsam ein bisschen übertrieben wurde. Doch das Deutschrap-Portmonee und somit auch die Käufer sind da komplett anderer Meinung. Also wird munter weiter jedes neue Deutschrap-Album in einen Schuhkarton gelegt und mit tollen Gadgets überhäuft.

Doch damit nicht genug: Um die potenziellen Käufer noch ein bisschen mehr anzuheizen, begeben sich immer wieder Rapper vor die Kamera, um nicht etwa ein Musikvideo zu drehen, sondern um die eigene Box zu präsentieren. Das erinnert dann an eine reduzierte Form von dem, was auf QVC, HSE oder Channel21 zu sehen ist. Deshalb ist es nur logisch, dass wir Teleshopping-Moderatorin Michaela Mann angerufen haben, um die Performance von Casper, Bushido und Gzuz außerhalb ihrer eigentlichen Berufung zu bewerten. Die Musik der drei spielte dabei keine Rolle, unsere Expertin konzentrierte sich ausschließlich auf die Präsentation der Musiker.

Was ist bei der Präsentation von Produkten im TV wichtig?
Authentizität, Emotionen und alle Vorteile in eine gute Präsentation zu verpacken. Wenn du nicht hinter dem Produkt stehst, merkt das der Kunde. Bei einem professionellen Verkauf musst du wissen, was wichtig für den Kunden ist, und darfst das auch immer wieder wiederholen. Zwar gibt es einen roten Faden, aber es ist schön, alles mit den eigenen Worten zu formulieren. Ich verkaufe das, was mir am Herzen liegt. Wenn ich nicht dahinter stehe, habe ich wirklich ein Problem. Wobei ich vielleicht auch etwas verkaufen kann, was ich nicht selber anziehe oder kaufe. Aber dann muss ich mir verinnerlichen, dass es Menschen gibt, die das wollen und brauchen.

Kanntest du denn dir drei Rapper und ihre Musik schon vorher?
Ich kenne Bushido, Casper kannte ich vom Namen. Ich habe aber bei allen Dreien mal reingehört—ganz unabhängig davon, ob ich die Musikrichtung mag.


Casper—‚Hinterland‘

Ich weiß nicht, ob er das schon oft gemacht hat. Ich glaube, er ist ein sympathischer Typ, aber ich denke, wenn er mehr bei sich bleibt und der ist, der er auch in der Musik ist, könnte er es besser rüberbringen. Er braucht nicht in die Rolle eines Verkäufers zu schlüpfen. In meinen Augen darf er mehr Casper sein. Es gibt ja Pflicht-und Kür-Termine und das war ein Pflicht-Termin. „Pflicht“, weil er etwas unsicher und das Ganze einstudiert wirkte. Er darf lockerer, eben mehr er selbst sein. Wenn du dir das Umfeld anguckst, wie er es verkauft hat—der Tisch war ein Verkaufstresen, alles war sehr steril. Dafür lenkt aber auch nichts von ihm und dem Produkt ab.

War er sehr auf seine Zielgruppe bedacht oder hat er eine breitere Masse ansprechen wollen?
Für mich war es breiter, deshalb auch diese Sterilität. Er hat es sachlich verkauft. In diesem Set hätte ich ihm auch ein Lebensmittelprodukt hinstellen können, oder eine Waschmaschine. Das, was diese Box als besonders ausmacht, hat mich nicht ergriffen.

Hast du ihm abgenommen, dass er sein Produkt selbst gut findet?
Ich will nicht sagen „Nein“, denn das würde nicht stimmen. Ich glaube, dass er es gut findet, bin mir aber nicht sicher, ob es für ihn eine besondere Gewichtung hat, dass es etwas anderes ist, als einfach nur CDs zu verkaufen. Ich habe dazu keinen Unterschied gemerkt, der Herzschlag ging nicht nach oben. Es ist gleichbleibend—hier ein Buch, hier ein T-Shirt—er arbeitet es ab, als sei es nichts Besonderes.

Ganz unabhängig von der Musik, hättest du sein Produkt gekauft?
Als Fan hätte ich gedacht, dass das alles gar nicht sein Ding ist, aber die Box vielleicht ja trotzdem eine tolle Geschichte ist. Ansonsten: Nein.

Bushido—‚CCN III‘

Bushido ist für mich die Parodie. Er ist, wie er eben ist—so kenne ich ihn aus den Medien. Ich bin mir nicht sicher, ob er der ist, den er da vorgibt, und denke deswegen, dass er ein guter Schauspieler ist. Er hat den Inhalt, so wie alle drei, sachlich vorgestellt, aber wo Casper ruhig mehr er selbst sein dürfte, war Bushido sehr, sehr locker, aber nicht authentisch. Es war typisch Bushido, wie er sich spielt, von der Mimik und Gestik. Aber er war nicht beim Kunden oder der Zielgruppe. Um ihn herum war ja auch noch ein bisschen was los und er war überall, nur nicht ausschließlich bei der Sache— die vielen Blicke, das „von oben herab“-Gelümmel im Sessel, und und und. Wie gesagt, das macht ihn aus und seine Fans mögen das, aber ob er jetzt außer diesen noch jemanden angesprochen hat, da wäre ich mir unsicher. Wenn also ich davor gesessen hätte und mir seine Musik gefallen würde, wäre ich trotzdem unsicher, ob ich seine Musik kaufen sollte. Trotzdem war es mehr sein Umfeld, als der Verkaufstresen. Die beiden waren für mich die Extreme.

Fandest du die Entscheidung gut, im Studio zu drehen?
Auf jeden Fall authentischer. Er bietet etwas an, was sein Leben und seine Arbeit ist und dafür hat er sich in sein Arbeitsumfeld begeben. Das halte ich, gerade bei dieser Musikrichtung, für deutlich besser, als sich an einem sterilen Ort zu setzen, nichts außer dem Produkt zu haben und nicht zu wissen, wie man sich geben soll. Wenn ich mit Körpersprache und Verkauf nicht bewandert bin, dann versuche ich alles möglich zu machen und zu stellen. Das brauchte Bushido nicht, weil er dort war, wo er immer ist. Es gab aber zu viele Sprachfloskeln, da fehlte der Tick Seriosität.

Denkst du, er steht hinter seinem Produkt?
Casper war ja eher unsicher, weil er dieses Verkaufen nicht macht, Bushido war das egal. Ich hatte zwischenzeitlich das Gefühl, dass er überhaupt nicht wusste, was in der Box ist. Als ob er sie sich zum ersten Mal anschaut. Das ist für mich nicht: „Ihr müsst das haben!“ Wenn ich selber nicht weiß, was ich da eigentlich habe, wie soll ich dann anderen das Besondere näherbringen?

Hättest du sein Produkt haben wollen?
Als Fan: ja. Als neuer Kunde: nein.

Gzuz—‚Ebbe & Flut‘

Ich kenne den Mann nicht, fand ihn aber unglaublich authentisch. Wie er sich gegeben hat—locker, leicht, tolle Körpersprache, offener Blick, tolle Mimik—das Umfeld war toll, er stand hinter seinem Produkt und ich habe gemerkt: Er lebt dafür. Er hat mir erzählt, wann es das gibt, wo ich dafür hinkommen muss—ich bekomme gerade eine Gänsehaut, weil da unglaublich viele Emotionen gezeigt wurden—konnte seine Stimmlage variieren und hat das Ganze in einen schönen Kontext gebracht, eben als Geschichte erzählt und den Inhalt erklärt.

Die ersten Beiden hatten toll designte Verpackungen, aber das Dritte wirkte natürlicher, die Kiste war nicht nochmal untergliedert, sondern einfach übereinander gepackt. Er hat es relativ schnell geöffnet—ihm ging es um den Inhalt und das kam sowas von rüber. Da habe ich gedacht: wow. Übrigens war mir Bushido zu lange, da habe ich gehofft, dass die sieben Minuten bald vorbei wären. Vier Minuten sind völlig okay, um so ein Produkt zu verkaufen. Und das hat er einfach genial gemacht. Ich fand auch die Artikel toll, er hat hinter diesem Schal gestanden, „Das wollten wir immer machen, jetzt habe ich ihn endlich“, hat gezeigt, wie man ihn umlegt—das hat mich absolut berührt. Nehme ich ihm sofort ab.

Der Kameramann hat ja auch hin und wieder mit ihm interagiert.
Es war ein Dialog und Fernsehverkauf funktioniert auch im Dialog. Das heißt, ich hole den Kunden ab, binde ihn mit ein und spreche nicht mit ihm wie mit einer dritten Person—das hat Bushido gemacht, Casper musste eben verkaufen—aber er hat mich nicht ausgeschlossen.

Wie fandest du es, dass er die Box mit einer Machete geöffnet hat?
Das ist mir in dem Moment nicht bösartig aufgefallen. Wenn ich den Tatort gucke, gibt es da 20 Tote, Morde, Vergewaltigungen—da finde ich das doch voll okay. Er hat damit ja auch weder rumgeschwungen, noch sonst was. Hat mich weder berührt, noch ist es mir negativ aufgefallen. Zum Verkauf gehört auch Provokation.