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Das können sich Wiener Clubs von Istanbul abschauen

Seitengassenraves kann man in Wien lange suchen.
21.10.15

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Gib es zu: Redest du über Städte mit herausragender Clubkultur, sagst du Berlin, London oder die letzte Stadt in der du auf Auslandssemester warst. Dabei gibt es so viel mehr als das. Nach einem Wochenende in der bevölkerungsreichsten Stadt der Türkei hab ich es mir zur Aufgabe gemacht die frohe Kunde zu verbreiten: Istanbul ist eine verdammt geile Partystadt und du solltest sofort hin.

OK zugegeben, ich war auch nur dort, weil mein bester Freund Martin dort gerade Auslandssemester macht. Weil der aber im ersten Monat nichts anderes zu tun hatte als fortzugehen, war er bei meiner Ankunft bereits mit jedem Türsteher und Clubveranstalter im Stadtteil Beyoğlu befreundet und wusste, wo man hingehen kann und wo nicht. Martin gab mir auch den Tipp, Alkohol schon am Flughafen zu kaufen, denn der ist in der Stadt dreimal so teuer. Ein kleines Bier kostet umgerechnet etwa fünf Euro, da sollte man jeden Schluck genießen. Auf Dauer kann sich das natürlich niemand leisten, aber irgendwie trinken die meisten Leute eh nur Wasser und kauen Kaugummi. Keine Ahnung warum. Jedenfalls hat dort jeder die Ausdauer eines Marathonläufers. Tanzen bis zehn Uhr vormittags ist keine Ausnahme, eher die Regel.

Kassette untertags

Ich hatte leider bloß ein Wochenende Zeit und konnte nur vier Clubs besuchen. Rechnet man das durch, bräuchte ich eh nur noch etwa 20 Wochenenden um Istanbuls Clubszene halbwegs zu durchschauen. Den Start machten wir am Freitag in der Kassette. Untertags ist das eine belanglose Seitengasse der İstiklal Caddesi, einer riesigen Einkaufsstraße. Nachts tanzt man zwischen den Häusern unter freiem Himmel. Das wäre so, als würde man in Wien in einer Seitengasse der Kärntnerstraße bis vier Uhr früh Open Air machen. Not gonna happen. Martin kannte die beiden Veranstalter Semih und Khadir natürlich bereits. Die haben beste Kontakte nach Berlin, Moskau und weißgottwohin und buchen einen Großteil ihrer Acts auch von dort. Außer Sonntag und Montag hat die Kassette jeden Tag offen und hat so gut wie jedes Mal internationales Booking. Achja, habe ich erwähnt, dass man keinen Eintritt zahlt? Nach ein paar Minuten Seitengassenrave, wusste ich, dass Istanbul und ich gut auskommen werden.

Um vier Uhr muss in der Kassette dann aber doch Schluss sein, die Anrainer wollen immerhin auch mal schlafen oder so. Wer da schon heimgeht ist zu schwach und hat Istanbul sowieso nicht verdient. Semih und Khadir haben in der Kassette Visitenkarten mit dem Weg zu ihrem Afterhour-Club Rød 11 an Leute ausgeteilt, die sie dort gerne wieder sehen wollen. Folgt man der Wegbeschreibung, steht man nach fünf Minuten vor einem Aufzug, der von einem grimmigen Türsteher bewacht wird. Karte hergezeigt, mit dem Lift geht es in den obersten Stock, anders kommt man da nicht rauf. Sicherheitstechnisch natürlich ein Wahnsinn, aber zu so einer Zeit hatte ich andere Bedenken: Wo ich mein nächstes Wasser, ähm, ich meine natürlich Bier, her bekomme zum Beispiel. Nach einer Weile kam Martin her und sagte einen komischen Satz zu mir: „Schau mal nach oben." Mir wäre das nie aufgefallen—wer schaut denn auch in einem Club auf die Decke—aber das Rød 11 hatte keine Decke. Man steht direkt unter dem Nachthimmel und irgendwie ist das geiler als Beton und kahle Lüftungsrohre. Also Pratersauna: Weg mit der Decke! Um neun Uhr morgens war dann doch mal Schluss und wir sind noch mit Semih und Khadir nach Hause gegangen, um den Sonnenaufgang auf ihrer Dachterrasse zu genießen. Für einen ersten Abend gar nicht schlecht, ich war gespannt, ob es womöglich so gut weitergehen kann. Spoiler: kann es.

Am Samstag wurden wir zu einer Dachterrassen-Grillerei eingeladen. Martin kannte die Gastgeberin kaum und hatte vorher vielleicht zwei Sätze mit ihr gesprochen, aber das ist in Istanbul egal, da ist jeder sofort mit jedem BFF. Vielleicht merkst du schon, dass sich der Großteil der Abende in Istanbul auf Dächern abspielt und das ist verdammt großartig. Die Stadt ist zwar sehr hügelig und das kann schnell anstrengend werden, wenn man dafür aber diese einzigartigen Aussichten genießen kann, nimmt man das gerne in kauf. Nach ein paar Dachterrassen-Gin-Tonics einigten wir uns zuerst mal wieder in die Kassette zu schauen. Dieses Mal war die Gasse leider etwas zu überfüllt und die Musik auch nicht so stark wie am Vortag, also haben wir recht bald beschlossen lieber ins Kloster zu gehen. Die zehn Euro Eintritt waren zu verkraften, da der Club tatsächlich ein altes Kloster ist und dementsprechend beeindruckt. Natürlich fand die eigentliche Party nicht im Hauptraum mit der Function One Anlage statt, sondern auf der Dachterrasse. Wenn sich Wien eines von Istanbul abschauen soll, dann, dass Dachterrassen-Partys im Zweifelsfall immer besser sind als stickige Clubs. Die DJs waren wieder super und die Drinks wieder teuer.

Sonntags gibt es in Wien nicht wirklich viel zu tun, wenn man gute elektronische Musik hören will. In Istanbul geht man ins Cue. Wiedermal geht es mit dem Lift in den obersten Stock, dieses Mal jedoch nicht auf das Dach, sondern in eine Art Wintergarten. Der DJ steht hier vor einer Glaswand, man sieht über den Bosporus auf den asiatischen Teil von Istanbul. Bei so einer Aussicht verzichte ich gerne auf Visuals. Aufgelegt hat jemand von Kater Mukke aus Berlin und zwei Schweizer, die ich vorher kurz am Klo kennenlernte und deren Namen ich natürlich sofort wieder vergessen habe. Wie an allen Tagen zuvor wird guter Minimal und zahmer Techno gespielt. Musikalisch war das Wochenende leider nicht sehr abwechslungsreich.

Ich verzeihe dir trotzdem Istanbul. Wir haben uns fast nur nachts gesehen und ich bin mir sicher, du siehst tagsüber auch super aus, aber ich hab mich in deine dunkle Seite verliebt. Wir müssen uns wiedersehen, bleib bis dahin bitte so wie du bist. Deine Straßenkatzen, diese komischen Wet-Burger, die eklig aussehen und köstlich schmecken, alle deine Dachterrassen, deine Gastfreundschaft und der Muezzin, der meinen Wecker ersetzt hat. All das macht dich einzigartig und ich werde es vermissen. Aber bitte schau, dass dein Bier ein bisschen billiger wird.

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