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Die Swiss Nightlife Awards sind eine völlig irrelevante Veranstaltung und gerade darum grandios

Witze über Brüste, Konfettikanonen und gratis Wodka—am Sonntag feierte sich die Schweizer Clubszene selber.

von Daniel Kissling
09 Februar 2016, 2:00pm

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Zwei Bier, vier gut gefüllte Gläser Rotwein, ein paar Wodka-Shots, Champagner und ein Gin Tonic—das ist meine Trinkbilanz und somit meine wichtigste Erinnerung an die Swiss Nightlife Awards 2015.

Nachtleben und Alkohol sind nicht zu trennen. Viele Faktoren mögen über Erfolg oder Scheitern einer Party mitentscheiden. Die Location muss stimmen, der Sound muss überzeugen und die richtigen Leute müssen kommen. Würde es aber kein Bier, keinen Wein und keinen Schnaps geben, gäbe es auch keine (westliche) Feierkultur. Willst du als Veranstalter sicher gehen, dass dein Event zu einem rauschenden Fest wird, drück einfach jedem Gast einen Drink in die Hand und der Schwips erledigt den Rest.

Wie wichtig Alkohol in der Event- und Clubkultur ist, das bewiesen am Sonntag auch die Swiss Nightlife Awards beziehungsweise die Preisverleihung derselben im Zürcher Komplex 457. Dadurch, dass schon im offiziellen Logo des Awards, der von sich behauptet „die Besten der Branche“ zu küren, der Schriftzug von Biergigant und „presenting partner“ Carlsberg prangt. Und dadurch, dass nicht nur der Wein wie im Schlaraffenland aus den Leitungen zu fliessen schien, sondern auch Bier, Champagner, Gin und Wodka.

Beziehungsweise „Glühbier“, denn ein solches habe ich in der Hand, kaum bin ich auf den roten Teppich getreten. Letzterer wird zwar weder von kreischenden Fans noch von knipsenden Reportern belagert, reicht dafür vom Trottoir über die Gittertreppe bis zum Eingang. Ich nehme den Pappbecher mit dem unnötigen Getränkehybrid (schmeckt, wie es klingt) dankend an und zwänge mich zwischen den Beinen eines auf Stelzen schlingernden Typen hindurch, die Treppe hoch Richtung Terasse, wo ein Harlekin-Girl mir meinen Mantel abnimmt und zwei Kleinwüchsige darauf warten, den überschüssigen Stoff an meinem Eintrittsbändchen abschneiden zu können.

Warum wohl das ganze Zirkuspersonal? Wahrscheinlich hat das etwas mit Glamour zu tun, mit Extravaganz. Awards werden—umso mehr, wenn kein Preisgeld damit verbunden ist—nicht zuletzt auch am Glanz ihrer Übergabezeremonien gemessen. Und an dem erscheinenden Szene-Personal—in diesem Fall Clubbetreiber, Veranstalter, DJs, Promoter und so weiter—,das sich brav vor der „VIP-Wall“ für Erinnerungsfotos ablichten lässt.

Und man muss schon zugeben: Gekommen sind sie alle. Ob aus Basel, Lausanne oder Zürich (die drei dominierenden Club-Städte), alle Nominierten sind angereist. Und nützen die Gelegenheit, die Konkurrenz kennenzulernen und lange nicht mehr Gesehenen die Hand zu schütteln.

Ich verzichte dankend auf beides, das Ablichten lassen wie das Händchen schütteln, verköstige mich dagegen mit den kostenlosen Hendricks-Gin Tonics (ein weiterer Hauptsponsor ist der Wein- und Schnapsdistributor Dettling und Marmot AG), „Bündnerfleisch-Crostini mit Karotten-Streifen & Mini-Mais“ und „Riesbächler Weinsuppe im Zylindergläschen“, wie mir die Speisekarte verrät.

Eine Stimme fordert über den Lautsprecher dazu auf, langsam die Plätze einzunehmen. Tisch 40, wo ich sitze, scheint für Medienvertreter reserviert. Mir wird ein Mitarbeiter von Radio 1 vorgestellt und eine Radiomoderatorin vom SRF. Sie kennen sich schon (wie gefühlt alle hier). Man definiert sich gegenseitig über den Arbeitgeber und prostet sich zu. Auf den Tischen stehen neue Häppchen (unter anderem: „Kalbsfleisch-Pilzragout im Mini Pastetchen & frische Kräuter“) und vor allem Flaschen.

Ich beginne mit Bier und die Show mit den tanzenden Midi Gottet und Guy Landolt, die am Abend für die Lacher zuständig zu sein scheinen—und diese auch ab und an erhalten, auf jeden Fall eher als das Moderatoren-Pärchen Serap Yavuz und Marco Fritsche. Platte Sprüche über Yavuz Brüste sind jetzt halt auch nicht der Riesen-Bringer und zumindest ich bin erleichtert, als endlich die Preisreden beginnen.

Die Dramaturgie wie gewohnt: Kurze Vorstellung durch mehr oder weniger bekannte Laudatoren, kurze Videos, das Öffnen des Umschlags, Dankesrede. Die Zürcher Party-Reihe „Terrazza“ gewinnt „Best Event Serie“, das Electrosanne zu Lausanne „Best Big Event“. Der Applaus ist höflich, echte Euphorie gibt es erst, als der Nordstern wie im Vorjahr als „Best Club“ ausgezeichnet wird, was nicht nur wegen der hochkarätigen Acts, die der Club jedes Wochenende nach Basel holt, zu begrüssen ist, sondern auch im Hinblick auf das baldige Ende der Nordstern-Ära am 1. Mai.

Und sonst? Der Wein geht gut runter, die amtierende Miss Schweiz weiss die Herzen auf ihrer Seite, wenn sie mit französischem Akzent von der „Zukki“ spricht und Philipp Fankhauser gibt unumwunden zu, dass seine Sympathien in der von ihm präsentierten Kategorie „Best Festival“ beim Montreux Jazz Festival—welches dann auch gewinnt—liegen. Nicht etwa, weil er das Festival besonders toll findet, sondern weil weder das Open Air Frauenfeld noch das Zürich Open Air ihn buchen würden.

Dass Festivals immer mehr von Konzertveranstaltungen zu Outdoor-Discos mutieren, darüber kann sich Szene-Urgestein Martin Stricker, der wie gewohnt im Kapuzenpulli auf die Bühne schlurft, nicht nur freuen. In einer flammenden Rede prangert er, der selber schweren Herzens auf Anfang Jahr das von ihm mitbetriebene Kinski geschlossen hat, das Clubsterben an—ein solitärer Moment kritischer Reflexion an einem ansonsten aus Schulterklopfen bestehenden Abend.

Dass sowohl Politik als auch Szenekritik kaum stattfinden, ist dem Event an sich nicht anzukreiden (auch wenn im Vergleich sogar die Oscars rebellischer daherkommen). Zurecht wird vermehrt darauf hingewiesen, dass das Geschäft mit dem Nachtleben auch in der Schweiz mittlerweile Millionen-, wenn nicht gar Milliarden-Umsätze generiert. Der Clubkultur mag dank nächtlicher Arbeitszeiten und der obligaten Substanzen noch immer der Ruf des Verruchten, des Anti-Establishments anhaften, doch am Ende geht es vor allem um eines: Business.

„Was sind Sinn und Zweck dieses Events?“, frage ich mich, als die Radiomoderatorin an meinem Tisch die Wodka-Flasche öffnet und das Plaza den Preis für den besten „Big Club“ stilecht mit Konfetti-Kanonen entgegennimmt. Es gibt Preisverleihungen wie die Oscars oder auch die Swiss Music Awards, die interessieren über die Branche hinaus. Auf der anderen Seite kümmert sich um die Auszeichnung für den Versicherungsvertreter des Jahres kaum einer.

Die Swiss Nightlife Awards befinden sich irgendwo dazwischen. Und passen damit gut zu den verschiedenen Facetten des Nachtlebens, wovon DJs, die schillernden Gestalten hinter dem Mixer, ebenso Teil sind wie der Kühlschubladen auffüllende Runner oder die Putzkraft, die sich den verkotzten WCs widmet.

Ans Aufräumen, daran denken möchte an diesem Abend niemand, schliesslich ist man selber zur Abwechslung einmal Gast. Exemplarisch dafür: Kaum ist die letzte glänzende Eule, der Lifetime Award (verdientermassen an Szene-Veteran und Energy-Gründer Arnold Meyer) vergeben, klicken die Feuerzeuge und glimmen die Zigaretten.

Wird ein Club, eine Veranstaltung dieses Jahr mehr Gäste haben, weil er einen Swiss Nightlife Award im Production Office stehen hat? Wohl kaum. Oder wählt ihr nach solchen Kriterien aus, vor welcher Venue ihr diesen Freitag in der Schlange wartet? Nein, die Swiss Nightlife Awards sind nicht verkaufsfördernd und auch kein schillerndes Gütesiegel. Vielmehr sind sie ein auf Kosten einer Biermarke organisiertes Netzwerktreffen einer Szene, die sich halt gegenseitig auf die Schulter klopft und Respekt zollt, wenn es sonst niemand tut.

Daniel Kissling mag Award-Shows ebenso wie Gratis-Alkohol und Twitter.

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