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Wie der junge Betreiber eines Musikforums den größten Musikpiraterie-Fall Großbritanniens auslöste

Kane Robinson hat aus seinem Schlafzimmer im Nordosten Englands ein Musikforum für 12.000 enthusiastische Indie-Fans betrieben. Aber verdient er dafür zwei Jahre im Gefängnis?

von Joe Zadeh
24 Dezember 2015, 5:00am

Es ist 17 Uhr an einem Freitag und Kane Robinson sitzt im Haus seiner Eltern in North Shields, einem Fischerstädtchen am Nordufer des River Tyne im Nordosten Englands. Er sieht geduldig dabei zu, wie das neue Call of Duty runterlädt—natürlich legal. Seine kleine Nichte läuft in ihrer Pfadfinderuniform ins Zimmer und er neckt sie eine Weile. Letzte Woche wurde Kane aus dem Kirklevington-Grange-Gefängnis entlassen und ist jetzt auf Bewährung, zwischen 19 und 7 Uhr darf er das Haus nicht verlassen.

Ich habe Kanes Namen das erste Mal auf den Titelseiten diverser Zeitungen gesehen. Ein 23-jähriger Mann war als Kopf hinter einem Musikforum namens „Dancing Jesus“ verhaftet worden und würde nun sofort angeklagt, hieß es dort. Ein Jahr verging, bis ich seinen Namen erneut las, dieses Mal bei Daily Mail Online und dieses Mal mit mehr kriminellen Fakten versehen. Mittlerweile wurde er als „Internet-Pirat, der eine Musik-Sharing-Webseite aufgebaut hat, die die Industrie 240 Millionen Pfund gekostet hat“ bezeichnet. Er wurde zu 32 Monaten Gefängnis verurteilt; die längste Gefängnisstrafe, die in Großbritannien jemals für einen Fall von Internet-Piraterie verhängt wurde.

Bei der Anklage, die von der British Phonographic Industry (BPI) ausging, wurde behauptet, dass der Fall von Kane Robinson einer der schädlichsten und skrupellosesten Fälle von Urheberrechtsverletzung im Bereich Musik war, den Großbritannien je gesehen hat. Die schwere Strafe hat Kane nicht nur hinter Gitter gebracht, sie hat ihn als einen monumentalen Bösewicht des digitalen Zeitalters dargestellt; der Ruin für die Musikindustrie oder wie die Zeitungen ihn genannt haben: „ein Cyber-Ganove“.

Ich sprach mit Kane, während er im Gefängnis saß, über die stabile Verbindung EmailaPrisoner.com. Meine Emails wurden ausgedruckt und unter seiner Zellentür durchgeschoben. Ein paar Wochen später habe ich dann Antwort bekommen. Aber ob es nun ein Versehen war oder jemand anderes seine Finger im Spiel hatte, viele meiner wichtigsten Fragen zu seinem Fall wurden in den Antworten ausgelassen, obwohl Kane darauf bestand, dass er alles beantwortet hatte, was er bekam. Letztendlich haben wir gewartet, bis er wieder auf freiem Fuß war und haben fünf Tage nach seiner Entlassung endlich von Angesicht zu Angesicht gesprochen.

Bei ein paar tausend Leuten wird das Dancing-Jesus-Musikforum nostalgische Erinnerungen an eine Zeit hervorrufen, in der sie ernsthaft daran gedacht hatten, sich eine Libertines-Jacke zu kaufen und jedes Wort von Bloc Partys „Banquet“ kannten. Für die, die es nicht kennen: Dancing Jesus war ein einfaches Musik-Messageboard mit ungefähr 12.000 Nutzern, das zwischen 2006 und 2011 aktiv war. Dort haben hauptsächlich Fans britischer Indiemusik zusammengefunden, um über Alben zu diskutieren, Gigs zu bewerten, Mixtapes zu tauschen, Links zu neuer und unveröffentlichter Musik von MegaUpload, Mediafire oder Rapidshare zu teilen und sich gegenseitig zu erklären, wie zur Hölle WinRAR funktioniert.

Heutzutage sind Musikforen weniger wichtig für die Verbreitung von Musik, KanyeToThe.com ist ein nennenswerter Überlebender und spezialisierte Reddit-Musikboards greifen alles dazwischen auf. Aber Mitte der 00er-Jahre waren Foren angesagt und Seiten wie Dancing Jesus boomten. Dieses besondere Messageboard hatte seinen eigenen Charakter: eine intellektualisierte, passionierte und etwas überhebliche Identität, die der von Pitchfork oder Drowned in Sound zu dieser Zeit Konkurrenz gemacht hat. Dort fanden hitzige Diskussionen statt (War Nu Rave Mist? Waren The Automatic Feinde des Geschmacks?) und wurden hunderte Freundschaften geschlossen—die sich manchmal sogar auf das echte Leben ausweiteten, wenn einsame Konzertbesucher ein +1 für sich gesucht haben. Für mich und meine Freunde fühlte es sich ungemein weise an und erschien uns viel cooler als wir selbst in unseren Blazern mit Buttons und unseren New Look-Jeans. Wir sind fest davon ausgegangen, dass es von einem Ostlondoner Darkweb-Indie-Liberalist betrieben wurde, der 17 CD-Brenner, vier Monitore und ein Notizbuch voll gestohlener Kontakte zur Musikindustrie hatte.

Doch der Boss hinter der ganzen Geschichte war ein junger Typ, der mit seinen Eltern im Nordosten Englands lebte und lediglich den heimischen iMac in seinem Schlafzimmer zwischen College und seinem Nebenjob als Einkaufswagenschieber beim örtlichen Tesco-Supermarkt nutzte. „Es bringt mich immer sehr zum Lachen, wenn Leute in den Berichten über mich betont haben, dass ich diese ganze Sache aus meinem Schlafzimmer an der nordenglischen Küste betrieben habe“, sagt Kane. „Von wo soll ich sonst eine verdammte Webseite betreiben? Du machst eine Webseite zuhause!“ Und je mehr ich mit Kane sprach und seine Geschichte erforschte, desto weniger fand ich den ruchlosen, die Industrie zerstörenden, 240 Millionen Pfund raubenden, kriminellen Kopf vor, den ich glaubte, zu finden, und desto mehr wurde ich mit einem etwas naiven und überaus enthusiastischem Musikfan vertraut, der in einer sehr ernsten Zeit blöde Fehler gemacht hat.

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Als Kane ein Kind war, öffnete ihm der ältere Bruder eines Freundes von gegenüber die Augen für die etwas versteckteren Ecken des Internets—surreale Sachen wie SteakandCheese.com. Kane war angefixt. Mit zwölf erstellte er Webseiten bei Geocities: Fanseiten von Jackass, Fussball und Wrestling, bevor er sich total darin verliebte, Fanseiten über seine Liebe zu den Simpsons zu machen.

Mit 14 erschuf Kane in der Schule seine eigene Webseite, die von den Firewalls der Schule unentdeckt blieb und auf der all die Flash-Spiele zu finden waren, die seine Lehrer geblockt hatten. „Ich habe den Link in der Schule verteilt und ein albernes Gästebuch eingebaut“, sagt er. „Die ganze Schule hat die Seite besucht, gespielt, gechattet, sich Nachrichten hinterlassen—im Prinzip eine Menge Mist gemacht.“

Mit 16 verließ er die Schule, sein Interesse für Computerwesen hatte den Höhepunkt erreicht, und er schrieb sich beim Tyne Metropolitan College für einen Kurs in IT ein. Das war Ende 2005, als eine neue Indierock-Welle unter britischen Indie-Kids für Aufregung sorgte. Das NME Essential Bands Boxset, auf dem Razorlight, Bloc Party, Maximo Park und The Futureheads vertreten waren, war etwas, auf das sich die Leute wirklich freuten; Oasis haben mit „Lyla“ und „The Importance of Being Idle“ Nummer-Eins-Hits gelandet und Beneath the Boardwalk, eine von Fans zusammengestellte Sammlung von 18 Demos (inklusive „Scumm“ und „Cigarette Smoker Fiona“) von der Hype-Band Arctic Monkeys aus Sheffield hat die positiven Seiten von Peer-to-Peer-Filesharing in einer Post-Napster-Welt neu definiert—der digitale Schneeballeffekt war entscheidend dafür, dass ihre erste Single „I Bet You Look Good on the Dancefloor“ direkt an die Spitze der Charts katapultiert wurde. „Als sie aufgetaucht sind, war es anders als alles andere, was ich vorher gehört hatte“, sagt Kane. „Es hat sich angefühlt, als würden sie ein Bild unseres Lebens zeichnen. Wir haben uns alles, was wir finden konnten, bei Limewire runtergeladen.“

Mit einem Freund machte er sich an eine Fanseite für die Arctic Monkeys („Er hat mehr Ahnung von Technik als ich, ich habe eher Ideen“) namens Mardy-Bum.com. Er fütterte sie mit Nachrichten, Gerüchten, Demos und Rips. Schnell fand die Seite eine leidenschaftliche Anhängerschaft und Kane infizierte sich damit, etwas zu machen, was die Leute wirklich wollen.

Die Arctic Monkeys waren eine einzigartige Erscheinung, weil es ihnen ausdrücklich egal war, dass ihre frühe Musik von Fans verbreitet wurde. „Wir haben diese Demos sowieso nie gemacht, um Geld damit zu verdienen“, erzählte Schlagzeuger Matt Helders 2005 dem Prefix Magazine. Mardy-Bum.com wurde so bekannt, dass Webseiten wie NME.com anfingen, es als Nachrichtenquelle zu nutzen und das Männermagazin Zoo einen Artikel darüber brachte. Kane hat den Zoo-Artikel direkt bei seiner Arbeit im Tesco vorm Regal gelesen.

Irgendwann rief Geoff Barradale, der die Band bis heute managt, bei Kane an. „Er mochte die Romantik unserer Seite“, erklärt er. „Er sagte, dass der derzeitige Webseiten-Manager nicht den besten Job mache und ob wir sie gerne betreuen würden. Wenn du mich zu der Zeit gefragt hättest: ‚Was ist dein Traumjob?’, dann wäre die Antwort wohl Betreuer der Arctic-Monkeys-Webseite gewesen. Und jetzt rief mich jemand im College an und bot mir genau das an. Ich war erst 20 zu der Zeit.“ Er wurde nach Sheffield zu einem Meeting eingeladen und fand sich im Büro ihres Managements wieder. Als Barradale den Raum verließ, um etwas zu holen, bat Kane seinen Freund schnell, ein Foto davon zu machen, wie er den Q Award der Arctic Monkeys für ‚Best Act in the World Today‘ in den Händen hält.

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Neben seinen Jobs bei den Arctic Monkeys und bei Tesco widmete sich Kane weiteren Online-Nebenprojekten. Ihm waren die unzähligen Bandforen aufgefallen, deren Mitgliederzahlen im Zuge der Welle britischer Indiemusik in die Höhe schnellten. Besonders The Cribs hatten ein sehr aktives Forum, wie auch viele andere, und der „Off Topic“-Bereich wurde häufig zu einer lebhaften Anlaufstelle für Peer-to-Peer-Musik-Sharing. „Es passierte auf verschiedenen Foren überall“, erklärt Kane, „aber es gab keinen Ort, der sich darauf spezialisierte. Ich wollte alles zusammenbringen.“

Er besorgte sich einen vernünftigen Bezahl-Server—der einzige, den er sich leisten konnte, kostete 50 Pfund im Monat und stand zufällig in Dallas. Dann mietete er ein wenig Webspace und erschuf ein Forum: ein minimales Design, das simpel aussah und einfach zu benutzen war. Von Beginn an versprach er den Nutzern, dass es niemals Werbung auf dem Forum geben werde und dass er kein Geld damit verdient und die Betriebskosten alleine trägt. Einen Job hatte er bereits; er wollte, dass dies ein Hobby ist.

Er baute zwei Unterforen ein—eines für Musik und eines für Off-Topic namens The Lounge—um exzessive Sub-Topic-Threads zu vermeiden. Und natürlich gab er ihm einen Namen; inspiriert wurde er dabei von der Simpsons-Folge „Mr. X und der Website-Schund“—die, bei der Homer mit seinem neuen PC eine Webseite besucht, auf der lediglich Jesus zu sehen ist, der vor einem blauen Hintergrund tanzt. Und so war Mitte 2006 Dancing Jesus geboren. Am Ende schnappte sich Kane noch ein Bild von der einzigen anderen Dancing Jesus-Webseite, die er in den Google-Suchergebnissen finden konnte—einem Onlineshop für Wackelfiguren—und machte ihr Produktbild zu seinem Forumslogo. Dann wählte er seinen Benutzernamen: Jesus.

„Ich mochte das Wort ‚Admin‘ noch nie, verdammt nochmal“, lacht er, als ich ihn frage, was sein Benutzername in den Foren war. „Ich habe mich Jesus genannt. Denn ich war der Boss, oder nicht? Ich war für alles verantwortlich.“

Anfangs erzählte er nur seinen Freunden davon. „Ich habe gesagt: ‚Seht, ich habe ein Forum gebaut, wenn ihr Musik teilen wollt, dann kommt zu mir, denn ich habe einen Server gekauft, damit ich nicht so schnell dicht gemacht werde, wie diese anderen Webseiten.‘ Anfangs gab es nichts, was Leute dazu bewegt hat, wieder zu kommen, also habe ich Links von großen Torrent-Seiten wie Oink’s Pink Palace besorgt. Denn das waren die Seiten, auf denen die Musik wirklich zuerst geleakt wurde. Keine Musik wurde jemals zuerst bei Dancing Jesus geleakt, wir waren nur ein Messageboard.“

Dancing Jesus hat tatsächlich nie irgendwelche illegalen Dateien gehostet. Dazu hatte es gar nicht die Mittel. Es war einfach ein Forum. Die User haben die Files oder Links woanders gefunden und haben dann das Forum genutzt, um sie zu teilen und darüber zu diskutieren. Wenn MegaUpload oder Pirate Bay mit Kalaschnikows bewachte kolumbianische Drogenmekkas waren, dann war Dancing Jesus ein abgelegener britischer Nachtclub tausende Kilometer entfernt mit einem kleinen Stammpublikum und einer Handvoll Teilzeitdealern—und Kane war der Besitzer. Ja, er hat gegen das Gesetz verstoßen und sich wegen etwas schuldig gemacht, das sich ‚Zulassung von Urheberrechtsverletzung‘ nennt, aber er war so weit unten in der Nahrungskette, dass es kaum lohnte, darüber nachzudenken.

Er hatte gehört, dass einer der Nutzer auf Dancing Jesus eventuell ein paar Leaks direkt bekam—„durch einen Kontakt, der früher für das Kerrang geschrieben hat“—aber selbst das war nur ein Gerücht. Ihm fiel eine Nutzerin namens Trix auf, laut Profil eine verheiratete Frau, die den Ruf hatte, immer qualitativ sehr hochwertige Kopien im Forum zu posten, aber niemand hat wirklich hinterfragt, woher diese kamen.

Während seiner goldenen Jahre verkörperte das Dancing Jesus-Forum eine einzigartige Zeit in der britischen Musik. Es fühlte sich an, als würde es jeden Abend eine neue gehypte Band geben und das Konzept von Release-Dates physischer Formate wurde vom Verlangen nach unmittelbarer Verfügbarkeit seitens des Internets und dessen Konsumenten zerschmettert. Geleakte Platten und Filesharing wurde unter jungen Leuten so ziemlich die Norm. Internetprovider hatten noch nicht begonnen, gegen verdächtige Webseiten vorzugehen und so gaben 28 Prozent der Briten zu, dass sie urheberrechtlich geschütztes Material runtergeladen haben, ohne dafür zu bezahlen, 80 Prozent gaben zu, dass sie sich eine legale Form des P2P-Filesharings wünschten. Für technikaffine Musikfans waren es die goldenen 20er; für Labels war es die Große Depression.

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Kane beim Schieben der Einkaufswagen vor Tesco

Aber in diesem Peer-to-Peer-Sharing-Sturm florierte auch neue Musik. Acts wie Patrick Wolf, Foals, Hadouken!, Little Man Tate, Bombay Bicycle Club, Klaxons, Bromheads Jacket, Maximo Park, The Futureheads, Cooper Temple Clause, Forward Russia und The Sunshine Underground waren die bekannten Namen bei Dancing Jesus. Und natürlich die Arctic Monkeys. Nu Rave kam und ging, natürlich gab es eine Vorliebe für bestimmte elektronische Künstler (Burial, Aphex Twin, Four Tet) und auch eine besondere Vorliebe für experimentelleren amerikanischen Indie; etablierte Acts wie Neutral Milk Hotel oder Modest Mouse wurden regelmäßig auseinandergenommen und diskutiert. Von Fans zusammengestellte Jahresend-Compilations wurden zu einem Ritual und ich muss zugeben, dass meine erste Erfahrung mit Burial der Klang von „Archangel“ war, das auf einem inoffiziellen Dancing Jesus-Mixtape zwischen „The Fotos on My Wall“ von Good Shoes und einem lange vergessenen Track von Towers of London gepackt war. Aber es war noch immer ein Nischending—in all den Jahren, in denen ich dort aktiv war, hatte die Seite nie mehr als 12.000 User.

„Es wurde bekannt, aber ich war immer noch strikt dagegen, Geld damit zu verdienen“, sagt Kane. „Ich hatte keinen Drang dazu und ich wusste, dass mich das nur in Schwierigkeiten bringen würde. Also gab es keine Anzeigen und ich habe für alles selbst bezahlt. Mir machte es Spaß, die Community wachsen zu sehen. Die Leute haben untereinander Musik geteilt, sich Sachen empfohlen—sie waren einfach online befreundet. Ich nehme an, dass einige Beziehungen hier ihren Anfang genommen haben.“

Da Admins und Moderatoren sich der wenigen Arbeit angenommen hatten, die es gab, schenkte Kane der kleinen aber eifrigen Community, die er ins Leben gerufen hatte, immer weniger Aufmerksamkeit. Die Dinge im echten Leben veränderten sich und so konzentrierte er sich auf sein Studium. Er machte weiter Webdesign und fuhr nach London, nachdem er als Digital Producer für NME angeworben wurde. Er hörte, wie seine Freunde über Dancing Jesus sprachen, aber sein Mitwirken erwähnte er nie. Obwohl Kane, vielleicht etwas naiv, keine Anstrengungen unternahm, seine echte Identität online zu schützen. „Wenn die Leute hätten herausfinden wollen, wer ich bin, dann hätten sie das tun können und sie haben es. Nutzer haben meinen Myspace-Account gefunden und Bilder von mir im Forum gepostet—es war mir egal. Ich habe auch nie Vorkehrungen getroffen, um mich vor der Polizei zu schützen, da ich nie dachte, dass es irgendeine Gefahr gäbe.“

Kane sah sich selbst nicht als Cyber-Kriminellen. Er war nicht Teil irgendeiner dunklen Verbindung, die über verschlüsselte Messenger Links austauschte, direkt aus den Presswerken Leaks beschaffte oder Ladungen an Raubkopien nach China schickte. Er hatte noch nie von der Warez-Szene gehört und nutze nicht das Darknet. Er war einfach ein einigermaßen technikaffiner Indie-Fan mit einem kleinen Forum, der sich ein bisschen an Filesharing versucht hat. Aber hat das nicht jeder?

Sein Gefühl der Unschuld war wahrscheinlich das, was ihn vor dem aufziehenden Sturm geblendet hat. Die Regierungen auf beiden Seiten des Atlantiks fingen an, Fälle von Internetpiratie mit mehr Personal zu verfolgen. 2010 war Alan Ellis, der Gründer von Oink’s Pink Palace, dem prominenten BitTorrent Tracker, den Kane selbst in der Vergangenheit benutzt hatte (und der zufällig auch aus dem Nordosten Englands stammte), die erste Person in Großbritannien, die wegen illegalen Filesharings angeklagt wurde. Während die Verhaftung für Schlagzeilen sorgte, war dies beim Urteil nicht der Fall. Einige Nutzer mussten Sozialstunden ableisten und 500 Pfund Strafe zahlen, doch Ellis selbst wurde nicht für schuldig befunden. Grund dafür war die Verteidigung durch den erstklassigen Anwalt für Cyberkriminalität David Cook und die bedauerliche Entscheidung der Staatsanwaltschaft, ihn wegen Betrugs anstatt wegen Urheberrechtsverletzung anzuklagen.

Aber es gab auch noch andere Warnungen. Bei Dancing Jesus tauchten neue User auf und schrieben, dass sie dorthin getrieben wurden, weil ihre üblichen Communitys dichtgemacht und rechtlich verfolgt wurden. Doch Kane war unbeeindruckt. „Wir waren seit Jahren aktiv und haben absichtlich kein Geld verdient. Ich war mir sicher, wenn jemand von dem, was wir machen, verärgert wäre, würde sich die Person melden. Mir wurde nie gesagt, ich solle Dancing Jesus dicht machen.“ (Ich hab die BPI Copyright Protection Unit kontaktiert, um zu fragen, ob sie jemals mit einer Unterlassungsaufforderung an Dancing Jesus herangetreten sind, sie haben sich geweigert, es zu kommentieren.)

Am 1. September 2011 klopfte es laut an der Tür. „Erst drei Wochen vorher war ich für das Vorstellungsgespräch bei NME.com in London gewesen. Ich lag im Bett, es war ungefähr sechs Uhr morgens. Meine Mutter kam in mein Zimmer. Sie sagte: ‚Kane, die Polizei ist hier.‘“ Als Kane die Stufen hinabging, hörte er Londoner Akzent und reimte sich schlaftrunken zusammen, dass er nach seinem Vorstellungsgespräch in London wohl schwarzgefahren sein musste. Doch es waren sechs Beamte im Haus, zwei von ihnen aus London, zwei vom örtlichen Revier und zwei von einer Ermittlungseinheit der Musikindustrie. Und als die beiden Letzteren sich vorstellten, wusste Kane, was kommen würde.

Sie gingen in sein Zimmer, um Beweise zu sichern. „Ich denke, sie haben irgendeine Art Piraterie-Unternehmen erwartet, aber alles, was sie gefunden haben, war mein Laptop, auf dem It’s Always Sunny in Philadelphia lief. Das hat aber nicht wirklich geholfen. Das Erste, was sie gesehen haben, als sie meinen Computer öffneten, waren zwei komplette Staffeln an Torrents davon und von Curb Your Enthusiasm.“ Kane wurde festgenommen. Zu der Zeit war er 22.

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Trotz des Dramas seiner Verhaftung war weder Kane noch seinen Eltern, Freunden oder den Beamten selbst der Ernst seiner Lage wirklich klar. Einer der Beamten aus London murmelte ihm zu: „Es sieht wie eine ernste Sache aus, aber du wirst schon in Ordnung sein“. Als Kane auf der Polizeistation von Gateshead ankam, wurde er von der lebhaften Stimme eines örtlichen Beamten begrüßt: „Ahh! Dafür war noch niemand hier bei uns!“

Bei seiner ersten Befragung übernahm er die Verantwortung für die Webseite und verweigerte die Möglichkeit, sie auf Moderatoren oder Administratoren des Forums zu übertragen. Er wurde gegen Kaution freigelassen und überraschenderweise wurde ihm mitgeteilt, dass Dancing Jesus, das von den Behörden offline genommen wurde, wieder online gehen könne, wenn er dies wolle und solange er sicherstellen würde, dass dort keine Downloadlinks mehr zu finden seien. Abgesehen davon wollten sie nur wissen, wer Trix war. Kane hatte keine Ahnung. Er startete das Forum neu, sagte den Nutzern, was passiert war und verbot das Posten von Links.

Dann wurde es still um seinen Fall. Versuche, aufgrund der Kautionsauflagen bei der Polizei vorstellig zu werden, wurden von den Behörden zurückgewiesen und im Juni 2012, beinahe ein Jahr nach seiner Verhaftung, wurden ihm seltsame Neuigkeiten mitgeteilt. „Ich habe angerufen, um zu fragen, ob ich mich in den Zug setzen soll, um mich beim Revier zu melden und sie sagten: ‚Nein, komm nicht her. Du bist offiziell nicht mehr auf Kaution‘.“ Kane erzählte es seinen Freunden und seiner Familie und sie nahmen an, dass er wieder frei war, wenn auch auf mysteriöse Weise.

Erst als er beantragte, seine beschlagnahmten Sachen wieder zu bekommen, begann das nächste, verhängnisvolle Kapitel. Kane wurde von der British Phonographic Industrie (BPI) privat verfolgt und ab da kamen die Dinge immer weiter ins Rollen. Sein billiger Server in Dallas wurde von Homeland Security beschlagnahmt, was ihn ins Visier der energischsten Piraterie-Jäger der Welt brachte und seinen Fall zu einem der ersten Fälle von Urheberrechtsverletzung machte, in dem amerikanische und britische Behörden zusammenarbeiteten. Kane kam erstmals der Gedanke, dass die ganze Sache größer werden könnte, als er zunächst gedacht hatte. Die BPI verfolgte ihn und das war eine große Sache. Es war an der Zeit, sich rechtlichen Beistand zu organisieren.

Es vergingen Monate. Der Job bei NME kam nicht zustande, Dancing Jesus wurde dauerhaft offline genommen und mit Anfang Zwanzig, einem Alter, in dem die meisten anderen von Zuhause ausziehen, konnte Kane nur schwer etwas planen, das mehr als einen Monat in der Zukunft lag. Erst im Oktober 2013, beinahe zweieinhalb Jahre nach seiner Verhaftung, wurde Kane nach Newcastle vor Gericht geladen.

An diesem Tag sah er den umtriebigen Forumsnutzer Trix das erste Mal. Es war keine verheiratete Frau, sondern ein 22-jähriger Mann aus Leicestershire namens Richard. Kane plädierte auf schuldig im Sinne der Anklage auf Urheberrechtsverletzung.

„In den ganzen drei Jahren von der Verhaftung bis zur Verurteilung haben mich Leute gefragt, was passieren würde. Ob ich ins Gefängnis müsste. Vielleicht. Ich hatte keine Ahnung. Niemand wusste es. Es gab in meinem Fall keine Richtlinien für das Strafmaß. Jeder um mich herum dachte, ich würde ein paar auf die Finger bekommen, vielleicht eine saftige Strafe zahlen müssen. Aber tief im Inneren wusste ich, dass etwas im Gange war. Ich wusste, dass die Musikindustrie ein gewaltiges Exempel an mir statuieren wollte.“

Um Kanes Fall zu verstehen, muss die Stimmung drumherum betrachtet werden. Das prominente Scheitern, Oink’s Pink Palace zu verfolgen, und der anhaltende Fall von Kim Dotcom und seinem enormen Verteidigungsteam, haben bei der Musikindustrie für einen bitteren Geschmack gesorgt. Diese Fälle haben den Eindruck vermittelt, dass der Verfolgung aufgrund von Online-Piraterie—im Gegensatz zu den oft bestraften CD-Bootleggern—entgangen werden könne, wenn man sich geschickt anstellt und ein gutes Team von Anwälten hat. Die BPI hat den Sommer 2014 damit verbracht, gegen Google, Microsoft, Yahoo und andere Suchmaschinen anzukämpfen, um Seiten für illegales Filesharing in ihrem Ranking nach unten rutschen zu lassen, jedoch mit wenig Erfolg. Hunderte Fälle, die von der BPI in den 2000ern angestoßen wurden, haben nicht zu mehr als Geldstrafen (die höchste davon um die 5000 Pfund) und Verklagen geführt. Aber da Verklagen nur funktioniert, wenn der Täter genug Geld hat, um zu zahlen, war es keine wirkliche Abschreckung. Gefängnisstrafen sind eine Abschreckung.

In den USA wurden lange Gefängnisstrafen für Piraterie verhängt, aber Großbritannien schien eine mildere Umgebung zu sein. Man könnte sich also darüber auslassen, dass die Zeit für einen Sündenbock gekommen schien; ein Fall, der wie gemacht war für eine Einschüchterung im großen Stil; ein Hardline-Erfolg für die Copyright Protection Unit der BPI, die in den nachfolgenden Jahren zu einer Piraterie-Horrorgeschichte werden könnte. Du kannst dir sicherlich vorstellen, dass Kane Robinson, alles andere als ein Internet-Tycoon, nur mit einem Pflichtverteidiger, ohne Piraterie-Einnahmen, um weitere Gerichtskosten zu bezahlen, und ohne Spezialisten für Cyber-Kriminalität in Sicht, nach leichter Beute aussah.

„Am Wochenende vor der Urteilsverkündung habe ich mich mit meinem Anwalt zusammengesetzt und er hat vorgelesen, dass sie mich beschuldigen, 46 der Top-50-Singles von 2010/11 illegal verbreitet zu haben. Ich wies dies zurück. Am Tag der Verurteilung kam auf einmal diese Zahl von 240 Millionen zutage. Und darauf basierte letztendlich meine gesamte Verurteilung. Ich weiß nicht, ob mein Rechtsbeistand unterlegen war oder die Staatsanwaltschaft das in letzter Minute eingeschoben hat, aber ich hatte das Gefühl, dass jeder in dem Gerichtssaal zustimmte, dass ich bestraft werden müsse.“

Am 10. November 2014 wurde Kane zu 32 Monaten Haft verurteilt, obwohl er nicht vorbestraft war. Richard Graham alias Trix wurde zu einer kürzeren Strafe von 21 Monaten verurteilt. Kanes Gesicht zierte regionale und nationale Tageszeitungen. Das Bild von ihm, auf dem er den Q Award der Arctic Monkeys in den Händen hält, wurde der Presse zugespielt. Ironischerweise haben die meisten den Award abgeschnitten und kein Reporter dachte darüber nach, warum Kane ihn genau in den Händen hielt. Jegliche Legitimität war nicht von Interesse, er war ein Cyber-Betrüger.

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Die Daily Mail stellte sein Forum so dar, als wäre es eine Art riesige Gatsby-Villa voller Pre-Release-Ausschweifung gewesen, denn am 11. November 2014 schrieben sie, dass Dancing Jesus „70 Millionen Nutzer“ (mehr als Apple Music und Spotify zusammen) habe, die sich „beinahe jeden Song oder jedes Album nach der Veröffentlichung anhören“ könnten. Der Leiter der Copyright Protection Unit der BPI, David Wood, veröffentlichte eine Stellungnahme: „Die heutige Verurteilung sendet eine klare Botschaft an die Betreiber und Nutzer illegaler Musikseiten, dass Online-Piraterie eine kriminelle Aktivität ist, die in Großbritannien und in den USA vom Gesetz verfolgt wird.“ Woanders wurde die Strafe als „ziemlich hart“ beschrieben und als die Art, die „man für gewöhnlich bei Urheberrechts-Verurteilungen in Bezug auf die Herstellung und den Verkauf von CD- oder DVD-Bootlegs findet.“

Die Schwere von Kanes Strafe ist der Knackpunkt. Es lohnt der vergleichende Blick auf den Fall des Amerikaners Bennie Lydell Glover, einen ehemaligen Fabrikarbeiter eines CD-Presswerks von Universal Music, der über einen Zeitraum von zehn Jahren hunderte der größten Alben der Welt kopiert und geleakt hat und damit als zentraler Lieferant für die berüchtigte Warez-Gruppe Rabid Neurosis diente, indem er Kopien an diverse Klienten im Raum New York verkaufte. Er wurde vor Kurzem von den New York Times als „der Mann, der die Musikindustrie zerstörte“ bezeichnet. 2010 wurde Glover zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.

Die Summe von 240 Millionen, die von der BPI errechnet wurde, war der fatale Faktor und es ist schwierig, nachzuvollziehen, woher sie kam. Wie hat Kane es geschafft, mit einem Forum mit 12.000 Nutzern die Musikindustrie solch eine astronomische Summe zu kosten? Vergleicht man dies mit anderen Fällen von Piraterie, dann erscheint sie beinahe skurril. Das sind 236 Millionen mehr als der Mitbegründer von Pirate Bay Hans Fredrik Lennart Neij an Schadensersatz zahlen sollte. Kim Dotcom, der millionenschwere Internet-Magnat und Betreiber des berüchtigten MegaUpload.com, ist nur für 100 Millionen mehr verantwortlich als Kane laut Anklage. Und das obwohl MegaUpload dafür verantwortlich ist, 12 Millionen Links verbreitet zu haben, im Vergleich zu 22.500 Links, die bei Dancing Jesus nur von Nutzern gepostet und nicht dort gehostet wurden.

„Der Fall bei Zulassung von Rechtsverletzung ist recht eindeutig“, erklärt der Spezialist für Musikrecht Chris Cooke von Complete Music Update, „und die Tatsache, dass er den Content nicht gehostet hat, ist nicht relevant. Doch warum das Gericht dachte, dass es sich lohnt, das Ganze rechtlich zu verfolgen, ist eine andere Sache. Wenn Kane kein Geld damit verdient hat, dann musst du annehmen, dass sie mit der bloßen Größenordnung seiner Handlungen nicht einverstanden waren.“

Die bloße Größenordnung seiner Handlungen wurde mit dieser mysteriösen Zahl von 240 Millionen Pfund bemessen. Während Kane einsaß, haben seine Familie und Freunde eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben gerufen, um Geld für die Verteidigung durch den Anwalt für Cyberkriminalität David Cook zu sammeln, der Oink in der Vergangenheit erfolgreich verteidigt hatte. Dort, wo Kanes Team aus Anwälten versagt hatte, konnte Cook den Schaden auf 500.000 Pfund drücken. (Ich habe die BPI Copyright Protection Unit kontaktiert, um Informationen darüber einzuholen, wie sie anfangs auf die 240 Millionen kamen, aber sie haben sich geweigert, es zu kommentieren, wie bei jeder Frage, die ich im Zusammenhang mit diesem Artikel an sie gerichtet habe. Es sollte jedoch angemerkt werden, dass dies normal ist für Fälle, in denen der Angeklagte auf schuldig plädiert hat.)

„Diese Internetgesetze sind einfach eine riesige Grauzone“, erklärt Kane. „Deswegen sind Leute wie David Cook Experten darin, Leute rauszuhauen. Denn wir leben in einer Zeit, in der die Anwälte mehr über digitale Gesetze wissen als die Gerichte. Wenn du die richtige Vertretung bekommen und sie dir leisten kannst, dann bekommst du für diese digitalen Verbrechen fairere Verfahren. Aber wenn du nur eine Pflichtverteidigung hast, gegen die gesamte Musikindustrie kämpfst und einen Richter hast, dem diese Art von Verbrechen neu sind, dann bist du, naja, am Arsch.“

Kanes Fall kam zu einer Zeit, in der die BPI wild entschlossen war, Musikpiraterie mit Gefängnis zu bestrafen, das Wissen und die Erfahrung von Gerichten, Richtern, Jurys und besonders den Anwälten, um die einzigartigen Komplexitäten davon zu verstehen, jedoch noch gering war. Er wurde zur leichten Beute einer Kriminalitätsindustrie, die in Wahrheit in einem viel größeren Ausmaß agierte, das weit über ihn hinaus ging. Das ist ein Problem und zwar eines, das sich nur verstärkt.

In den USA wurde gerade ein 23-Jähriger für einen Fall von Musikpiraterie, bei dem es um geschätzte 7 Millionen geht, zu drei Jahren im staatlichen Gefängnis verurteilt und in Großbritannien hat die konservative Regierung eine Anhörung zu Plänen, die Höchststrafe von Internet-Musikpiraterie in Großbritannien von zwei auf brutale zehn Jahre Gefängnis anzuheben, in Gang gesetzt. Sie entgegnen, dass dies nur für Kriminelle gelten würde, die der „Urheberrechtsverletzung im kommerziellen Stil“ schuldig sind. Die Idee ist, dass dieses Strafmaß die Verurteilung aufgrund von Online-Musikpiraterie auf ein Level mit Urheberrechtsverletzungen abseits des Internets bringt, wie dem Raubkopieren von CD.

Doch zwischen dem Kriminalitätslevel eines Betriebs, der Raubkopien von CDs anfertigt und einem Jungen, der ein Internetforum betreibt, gibt es enorme Unterschiede. Im großen Stile Raubkopien von CDs anzufertigen ist nicht einfach, wohingegen das Inbetriebnehmen einer Webseite genau dies ist. Im Falle von CD-Bootlegs ist oft sehr einfach festzustellen, wie viel der Angeklagte verdient hat und wie viel Schaden dies bei der Musikindustrie angerichtet hat, denn physische Verkäufe bringen Kosten und Einnahmen mit sich, die durch Konten zu verfolgen sind. Im Falle von Online-Piraterie sind die Beträge, die im Zusammenhang mit der Anklage genannt werden, für gewöhnlich jedoch übertriebene Schätzungen, die darauf beruhen, wie viele Leute etwas wahrscheinlich heruntergeladen hätten, wie viele sich als Ergebnis davon das Produkt wahrscheinlich nicht gekauft haben und was dies die Industrie wahrscheinlich kostet. So entstehen enorme Schätzsummen wie 240 Millionen, die einfach aus der Luft gegriffen sind. Es ist eine sehr schwammige Basis, Online- und Offline-Musikpiraterie im Hinblick auf die Länge von Gefängnisstrafen gleichzusetzen.

Der Fall von Kane Robinson hat verdeutlicht, welch einfaches Unterfangen es von den Anklägern der BPI ist, die in einem britischen Rechtssystem agiert, dass eindeutig immer noch die Nuancen und Feinheiten der Welt der Cyberkriminalität lernt, „kommerzielle“ Verkaufszahlen gegen Musikfans, die ohne Vorstrafen in ihrem Zimmer sitzen, aufzuwiegen. Urteile wie das von Kane drohen nicht nur immer häufiger zu werden, sondern immer lebensverändernder. Da die digitale Urheberrechtsverletzung zu einem der prägendsten Verbrechen des 21. Jahrhunderts wird, ist es zunehmend gefährlicher, dass die meisten Leute immer noch nicht verstehen, wie das Ganze funktioniert. Aber anstatt sich einen Weg auszudenken, um die Leute schon in jungem Alter über die Gefahren, die Moral und die Konsequenzen von Musikpiraterie aufzuklären, sowohl für sich als auch für die Künstler (ein Problem, das die unabhängige Anti-Piraterie-Firma Muso versucht, zu lösen), fixieren sich die britische Regierung und die BPI darauf, all ihre Bemühungen auf immer drastischer werdende Strafen zu kanalisieren.

Im Gefängnis ging die Verwirrung unter den Behörden, wie mit Kane umzugehen ist, weiter. Er verbrachte sechs Tage in Untersuchungshaft in Durham, bevor er für sechs Monate nach Northumberland verlegt wurde. „Ich wurde wegen guter Führung neu eingestuft und mir wurde gewährt, in ein offenes Gefängnis in Kirklevington zu wechseln, das viel entspannter war. Als ich dort ankam, drang zu mir, dass ich anscheinend von Beginn an dort hätte sein dürfen.“ Er erinnert sich daran, dass seine Mitinsassen über sein Vergehen gelacht haben: „Warum zur Hölle bist du hier, wenn du Musik heruntergeladen hast?“ Während die meisten Gefängnisinsassen ein Programm im Zusammenhang mit ihrer Strafe bekommen—um das Risiko, wieder straffällig zu werden, zu reduzieren und die Wiedereingliederung zu unterstützen—wurde Kane ignoriert: „Wenn du zum Beispiel für etwas Gewalttätiges einsitzt, dann bekommst du ein Programm, um die Sachen besser mit Denken zu lösen. Aber ich habe mich nicht einmal mit meinem Zuständigen getroffen, um etwas derartiges zu besprechen. Sie hatten einfach keine Ahnung, was sie mit mir anfangen sollen.“

Die Ungerechtigkeiten seiner Geschichte machen ihn wütend, aber er versucht auch, den Humor darüber nicht zu verlieren. „Im Gefängnis triffst du einige der schlimmsten Leute der Welt“, sagt er, „aber du triffst auch einige der besten. Ich habe dort mehr gelernt als in drei Jahren auf der Uni.“ Und obwohl er extrem genervt davon ist, wie die Presse über seine Geschichte berichtet hat, kann er immer noch darüber lachen, wie ein Bild von ihm neben David Brent, das er als Witz gemacht hatte, auf so vielen Titelseiten landen konnte.

Jetzt, wo er zurück in North Shields ist, hat er ein bisschen Arbeit als Webdesigner für Freunde von Freunden gefunden. Aber hauptsächlich gewöhnt er sich einfach daran, wieder frei zu sein. Das Gefängnis war ein „merkwürdiger Traum“ und er will sich darauf konzentrieren, sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Zum ersten Mal seit vier Jahren kann er an etwas anderes als seine Strafverfolgung denken, zum Beispiel daran, wie er sich in den nächsten acht Monaten während seiner Ausgangssperre von sieben Uhr abends bis sieben Uhr morgens beschäftigt. Zumindest ist der Download von Call of Duty endlich fertig.